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Timo Werner: Zu lieb für die Liga?

Farbbeutel, die aus Hochhäusern der Gropiusstadt in Neukölln fliegen. Geplatzte Träume. Enttäuschung. Hoffnung. Verzweiflung. Zertrümmerte Fußgelenke. Arschgeigen. Ich lese zur Zeit Ronald Rengs Buch „Mroskos Talente: Die erstaunliche Geschichte eines Bundesliga-Scouts“.

Es ist nicht nur die Geschichte eines Scouts, es ist auch eine Geschichte mit Felix Magath und seinem hintergründigen Lächeln. Ich sehe ihn jetzt anders. Ein bisschen zumindest. Es ist eine Geschichte mit Mirko Slomka, der sich merklich verändert hat auf seinem Weg vom Jugend- zum Profi-Trainer. Und es ist eine Geschichte vom Scheitern zahlreicher Talente. Wie zum Beispiel von Shergo Bilan, genannt Shergoal, 271 Spiele, 118 Tore für 13 Vereine in 14 Jahren in Liga 2 bis Liga 6. Beim Lesen kam mir Manuel Fischer in den Sinn. Ein Riesentalent war er, das Fischerle. Er gab in der Champions League gegen den FC Barcelona im Camp Nou sein Profidebüt, in seinem zweiten Bundesligaeinsatz erzielte er gegen Arminia Bielefeld seinen ersten Ligatreffer. Er war eine Verheißung für die Zukunft, enorme Erwartungen lasteten auf seinen Schultern. Zu große und so begann er durch die Provinz zu tingeln, wie Shergoal: Der spielte unter anderem in Babelsberg, Trier, Magdeburg, bei BFC Dynamo Berlin, Fischer in Koblenz, Burghausen, Heidenheim, bei Bayern II, Haching, Großaspach. Zur Zeit pendelt er bei den Stuttgarter Kickers zwischen Startelf und Ersatzbank, wo ihm doch eine Zukunft im internationalen Fußball prognostiziert wurde.

Es sind erstaunliche Parallelen zu Timo Werner, bei dessen Soli (oder soll ich sagen Sprints?) ein ganzes Stadion aufspringt. Es gab sogar welche, die ihn zur WM 2014 mitnehmen wollten. Und heute? Es gibt nicht wenige, die ihm derzeit die Bundesligatauglichkeit absprechen. Durch Heinz Kamke bin ich auf den Text in der Stuttgarter Zeitung aufmerksam gemacht worden.

Hier wird versucht, der Formkrise auf den Grund zu gehen. Als ein Hauptgrund wird das gute Elternhaus und die enge Verbindung zum Vater gesehen. Timo Werner wohne noch in seinem Kinderzimmer, stehe noch nicht auf eigenen Beinen, habe sich von Hause noch nicht abgenabelt. Die vermeintliche Unselbständigkeit Werners mag ein Grund sein, aber dass ihn der VfB auch (neben Sven Ulreich) zum Gesicht des Vereins gemacht hat – ähnlich wie Schalke 04 Julian Draxler – belastet den 19-jährigen Ur-VfB’ler doch viel mehr. Es sind die Erwartungen an ihn, auf und neben dem Spielfeld. Werner denkt sicher zu viel nach, will es allen recht machen und verliert dabei die Unbekümmertheit seiner Debüt-Zeit. Da legte er sich den Ball vor, flog am Gegner vorbei und schoss aufs Tor, selbst wenn der damalige Führungsspieler Vedad Ibisevic besser stand. Werner folgte seinen Instinkten und das war gut so.

Wie läßt sich die Bremse bei Werner lösen? In wieweit es geschmackvoll ist, das gute Elternhaus als vermeintlichen Hemmschuh öffentlich zu machen und ihm sein bescheidenes und zurückhaltendes Auftreten vorzuwerfen, darüber lässt sich diskutieren. Aber es war wohl noch nie hinderlich ein gutes Elternahus zu haben, siehe Sami Khedira, Mats Hummels oder Mario Götze. Sicher nicht förderlich ist es, dass Trainer Alexander Zorniger das Talent öffentlich kritisiert. Seine Entwicklung beschleunigt hat sicher auch nicht, dass der VfB zwei Jahre Hardcore gegen den Abstieg gespielt hat. Ob das neue Zorniger-System gut zu ihm passt, sollten bitte die Kollegen von spielverlagerung.de beantworten. Aber es scheint so, als ob Timo Werner feststeckt.

Der Artikel in der StZ suggeriert: Wer sich als Bundesligaprofi mit 19 noch nicht „abgenabelt“ hat, der fällt durch das Raster. Der erste Skandal (Alkohol am Steuer sollte es mindestens sein) sollte dann bitte nach Möglichkeit auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Und warum hat sich Timo Werner noch nicht tätowieren lassen? Das ist doch der eigentliche Skandal, oder nicht? Das hat der Autor Marco Schumacher wohl vergessen.

Was ist die Lösung?
Soll Robin Dutt den schüchternen Profi für die Hinrunde etwa im Hallschlag einquartieren (schöner Text, siehe hier)? Stimmt schon, aber anders. Ich mache mir sicher keine Freunde damit, aber wäre ein Tapetenwechsel nicht wirklich das Beste? Einfach mal was Neues sehen, aus der Mühle der Erwartungen raus, neue Kollegen, neues Umfeld, anderes Stadion. Das kann eine Leihe sein, eventuell an einen unterklassigen Verein, zum Beispiel Ioannis Amanatidis hat dies gut getan, auch Kevin Stöger, auch wenn er letztlich nach Paderborn gewechselt ist. Oder gar ein Verkauf? Zu Hoffenheim könnte er passen, zu Augsburg auch. Beide hätten genug Geld auf der hohen Kante durch die Verkäufe von Baba und Firmino. In Leverkusen könnte er sich als möglicher Ersatz für Heung-Min Son prima entwickeln, wie man dort an Julian Brandt sieht. Ja, ich weiss, mein Vorschlag ist eine Provokation, ein Unding für viele und ich will hier auch nicht nach neuen Vereinen für ihn suchen. Werner ist das Aushängeschild des Vereins, der Sympathieträger, das größte Talent der letzten zehn Jahre. Aber wäre es nicht eine Win-Win-Situation für beide? Der VfB bekommt (noch) eine stattliche Ablösesumme und Timo Werner kommt raus aus dem Kreislauf aus Erwartungsdruck, Formkrisen und Abstiegskampf. Nicht dass es ihm so geht wie Manuel Fischer und Shergo Bilan. Das wünschen Timo Werner sicher auch die größten VfB-Fans nicht.

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5 Kommentare

  1. Schön, dass Du das Thema aufgegriffen hast. Ich war gestern einigermaßen perplex, als ich es in der Zeitung las – perplex nicht zuletzt deshalb, weil es von Marko Schumacher kam, dessen Berichterstattung ich schätze und von dem ich glaube, dass er nicht vogelwild irgendwelche Dinge in den Raum stellt. Womit ich nicht sagen will, dass die Begründung für Werners zuletzt weniger beeindruckende Leistungen zutrifft; ich gehe jedoch fest davon aus, dass diese Begründung nicht auf Schumachers Mist gewachsen ist, sondern im Verein den einen oder anderen Anhänger, vielleicht auch Urheber, hat, dem die Berichterstattung möglicherweise gar nicht gänzlich ungelegen kommt.

    Die Sache mit dem Verkauf oder der Leihe, ja. Ich habe mich darüber schon des Öfteren mit einem Freund ausgetauscht, und wir sind uns einig, dass Werner, wäre er seit einem Jahr oder noch länger in Leverkusen, Gladbach, vielleicht auch Dortmund oder auch Augsburg, um ein paar der üblichen Verdächtigen zu nennen, heute ein Stück weiter wäre. Wo wir uns nicht einig sind, und die Trennlinie verläuft nicht zwischen uns beiden, sondern innerhalb jedes einzelnen, und sie verschiebt sich ständig, ist die Frage, ob man dem jungen Mann gegenüber eine Art übergeordnete Verantwortung hat (bzw. wie groß sie ist und ab wann sie greift), sein überragendes Talent bestmöglich gedeihen zu lassen, gegebenenfalls eben auch anderswo.

    Aktueller Stand: muss noch nicht sein. Ja, man hat eine Verantwortung ihm gegenüber, aber es ist auch nicht so, das man ihn aktiv bremst oder behindert. Selbst in schwachen Phasen gibt es kaum ein Spiel, in dem er nicht zumindest eingewechselt wird, jeder stärkt ihm den Rücken, wo es geht. Und jeder wartet auf die Leistungsexplosion, und ja, das weiß er leider. Aber es ist meines Erachtens legitim, das Spieljahr noch abzuwarten. Was nicht heißt, dass es darüber hinaus nicht legitim wäre, aber irgendwann sollte man dann in der Tat über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Finde ich.

    • abiszet sagt

      Hmmm, dass Marko Schuhmacher den Text über das gute Elternhaus als vermeintliches Problem womöglich auf Betreiben des Vereins geschrieben hat, er also dem Verein damit einen Gefallen tun will, würde kein besonders gutes Licht auf ihn werfen, macht es ihn doch zum verlängerten Arm des VfB.

      Ich sehe es ansonsten auch wie Du: Der VfB unterstützt Timo Werner sicher zu jeder Zeit, stellt aber auch gleichzeitig große Forderungen an ihn. Nicht nur dass seine Leistungen nun explodieren sollen, er ist auch das Aushängeschild für die Jugendarbeit des Vereins. Gut für Werner ist, dass sein Namensvetter Baumgartl sich immer mehr in den Vordergrund spielt und somit wohl bald die Rolle als Gesicht des Vereins übertragen bekommt. Das könnte Werner helfen.

      Die Verantwortung für seine Karriere hat erst einmal Timo Werner selbst. Aber es kann ein Zeitpunkt kommen, in dem sich Werner und Dutt in die Augen schauen und sagen: „Lass’ mers, is’ für alle besser!“. Wann ist dieser Zeitpunkt gekommen? Bis zum 31.08. wohl nur, wenn ein echt unverschämtes Angebot kommt. Ansonsten: Nach der Saison wird wohl das entscheidende „Mitarbeitergespräch“ geführt. Denn wenn die „Zielvereinbarungen“ nicht eingehalten wurden, wird er immer mehr zum Maskottchen (a la Poldi in der Nationalmannschaft). Was sicher keiner will.

      • So negativ wollte ich das mit Schumacher nicht verstanden wissen. Eher: er bekommt ein Grummeln mit, fragt vielleicht auch ein paarmal nach, keiner wehrt sich so richtig. Und ja, wilde Spekulation.

        Bei allem anderen: einverstanden.

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