Mini-Feature, VfB
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Trauerphasen eines Absteigers

Wie geht man eigentlich mit einem Abstieg um? Warum gibt es da keine Ratgeber? „Abstieg für Dummies“ sozusagen? Warum lässt man uns allein mit der Bewältigung dieses epochalen Ereignisses. Epochal im schlechten Sinne, versteht sich.

Genau genommen ist der Abstieg eines Teams ja nichts anderes als der Tod eines Erstligisten – zum Glück mit der Chance auf spätere Auferstehung.  Und darüber, wie man mit dem Sterben umgeht, haben sich bereits viele schlaue Leute den Kopf zerbrochen. Allerdings ist nicht bekannt, ob sie sich neben dem Tod auch für Fußball interessiert haben.

Eines der bekannten Trauerphasenmodelle basiert jedenfalls auf dem bekannten Sterbephasenmodell von Elisabeth Kübler-Ross und sieht so aus:

Erste Phase: Leugnen, Nicht-wahr-haben-wollen
Zweite Phase: Intensive aufbrechende Emotionen
Dritte Phase: Suchen, Finden, Loslassen
Vierte Phase: Akzeptanz und Neuanfang

Jetzt kommt die Frage aller Fragen: Wo seht Ihr Euch? Zu besseren Einordnung haben wir die typischen Symptome zusammengestellt:

1. Phase:
Ihr lest immer noch Bundesliga News, ignoriert den Spielplan der 2. Liga, überlegt Euch, welcher der EM-Spieler gut zum VfB passen würde und regt Euch darüber auf, dass einige Spieler erstklassig bleiben wollen und wechseln.

2. Phase:
Ihr seid wütend über die aktuelle Situation: Kein Sportvorstand, kein Präsident, kein Konzept. Ihr sehr alles negativ, haltet einen sofortigen Wiederaufstieg für völlig illusorisch, findet das silberne Trikot kacke, sprecht allen anderen jegliche Sport-Kompetenzen ab und Diskussionen über den VfB enden regelmäßig mit tourettegleichen Beschimpfungskaskaden.

3. Phase:
Ihr macht Schluss mit Fußball und widmet Euch anderen Sportarten wie Leichtathletik oder der Tour de France. Ihr wünscht Euch, Ihr würdet Euch für Tennis interessieren.

4. Phase:
Ihr nehmt die Wechsel von Werner und Rupp achselzuckend zu Kenntnis und findet Simon Terodde geil. Ihr seid süchtig nach Instagram-Posts von Kevin Großkreutz, kauft Euch sofort sein Trikot mit der 19 – natürlich in silber! Das rote mit der 15, das Ihr auch schon gekauft habt, hängt Ihr an die Wand. Ihr schlagt den kicker gleich auf Seite 45 auf, recherchiert alle Blogger aus der zweiten Liga und abonniert sämtliche Podcasts von Aue bis Würzburg. Ihr bestellt Euch eine Dauerkarte, freut Euch auf Spiele gegen St. Pauli, K’lautern und Bielefeld und lacht über das Heringssalat-Trikot vom HSV.

Blog-Kollege abiszet sagt von sich selbst, dass er noch mitten in Phase zwei steckt. Ich kann das bestätigen. Dass diese intensiven Emotionen, die der VfB beim ihm weckt, nicht gerade positiv sind, kann man sich denken. Laut eigener Aussage ist er nicht zuversichtlich, aus dieser Phase so bald herauszukommen. Er sagt, zu viel lief schief in der letzten Saison, zu wenig geht voran in dieser. In vier Wochen geht’s los und der VfB hat noch nicht einmal im entferntesten eine Mannschaft, die in der zweite Liga bestehen könne, meint er. Kein Wunder, schließlich wird das Team von einem Marketing- und einem Finanzvorstand rekrutiert. Einen neuen Sportvorstand hält man in der Mercedesstraße offensichtlich für unnötig. Lieber ohne als mit jemandem aus der Kategorie Bobic oder Dutt, denkt man sich wohl.

Doch es scheint auch zahreiche Fans zu geben, die die vier Level des Trauerphasenmodells bereits durchgespielt haben.

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben. Ein Heimspiel gegen St. Pauli auch am Montagabend natürlich tausend mal besser als eine Bundesligapartie gegen einen unattraktiven Plastikclub. Und überhaupt lassen sich die Auswärtsspiele im Dezember bestimmt gut mit einem Weihnachtsmarktbesuch in Aue und Würzburg verbinden.

Aber, ich bin ehrlich: Auch ich bin noch nicht soweit. Ich selber sehe mich in Phase 3: Suchen, Finden, Loslassen. Irgendwo zwischen Resignation und Akzeptanz. Ich habe mich sogar dabei erwischt, mich über das Montagsspiel zum Auftakt zu freuen, weil ich an dem Wochenende keine Zeit hätte. Allerdings merke ich, dass der Fußball im Allgemeinen und der VfB im Speziellen aktuell an Relevanz in meinem Leben verloren hat – und ich weiß nicht, ob das nur an der Sommerpause liegt.

Es wird auf jeden Fall noch etwas dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe, dass der VfB Stuttgart kein erstklassiger Pflegefall mehr ist, sondern im besten Fall eine zweitklassige Spitzenmannschaft.

 

Bild: shutterstock/view apart

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4 Kommentare

  1. Emdschi sagt

    Ich kann meine derzeitige Phase nicht genau benennen. Aber durch den Abstieg hat meine Begeisterung für den Fußball im allgemeinen sehr gelitten. Die EM schildert nur so an mir vorbei. Ich hatte mich auf das erste St.Pauli echt gefreut. Dann wird es ein Montagsspiel und man findet sofort wieder alles zum kotzen.
    Das ganze Getue um den Kader, Sportvorstand, Präsident und so weiter nervt nur noch. Jeden Tag neue Gerüchte. Klar, das wäre auch beim Klassenerhalt so gewesen aber nach dem Abstieg geht es mir noch mehr auf den Wecker.
    Der VfB ist ein Zweitligist und das ist einfach nur traurig.
    Ob der sofortige Wiederaufstieg gelingt? Keine Ahnung. Nur bei einem bin ich sicher, wenn wir aufsteigen wollen, dann geht das nur mit einem Coach wie Luhukay. Der hat bereits mehrfach gezeigt wie das geht. Und das gibt mir zumindest ein bisschen Hoffnung auf bessere Zeiten.

  2. Nach dem Abstiegsschock (das muss man ja auch erst mal verdauen…!) kann ich mich mittlerweile mit dem Gedanken, für ein Jahr in die 2. Liga, durchaus anfreunden. Das liegt aber vor allem daran, weil zum einen die Bundesliga mittlerweile total langweilig geworden ist (Meister werden sowieso die bauern, 2. wird Dortmund, dann kommt längere Zeit nichts und dann je nach Kapital die Plastikvereine) und sich dies aller Wahrscheinlichkeit nach, auch in absehbarer Zeit nicht ändern wird. Leipzig, Ingolstadt, Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen sind zudem Gegner, auf die ich gerne verzichten könnte. Von den Spielen gegen die „Übermächtigen“, wo es nur darum geht, die Niederlage in einem noch erträglichem Masse zu halten, ganz zu schweigen !

    Umso erfreulicher und erfrischender ist da das Teilnehmerfeld der 2. Bundesliga. Gute alte Bekannte und stadionfüllende Traditionsvereine, welche ich allesamt wahrscheinlich lieber in der ersten Bundesliga sehen würde, als das derzeitige aktuelle Teilnehmerfeld in dieser.

    Und noch einige weitere Vorteile, (ausser der leicht günstigeren Tickets) erkenne ich:
    Abgesehen von den 17 Heimspielen kommen noch 7 weitere Auswärtsspiele hinzu, die annähernd zu Heimspielen werden, da diese kaum weiter als 200 km von Stuttgart zu erreichen sind und der Support der VfB-Fans hier wie ein 12. Mann hinter der Mannschaft wirken kann.

    Der VfB ist von der kommenden Saison nicht wieder gleich der Abstiegskandidat, sondern der Topclub dieser Liga. Das macht die ganze Sache zwar nicht einfacher, aber ich habe die grosse Hoffnung, dass Luhukay bewiesenermaßen mit dieser Situation gut umgehen und den Erfolg wieder „ins´s Ländle“ zurückbringen kann.

    Ich freue mich auf die BW – Derby´s, von denen man vor einem Jahr noch gespottet hat, auf die Spiele gegen die Ostmannschaften Dresden, Aue, aber auch auf München (1860), wo du ohne Probleme und grössere Anstrengungen jederzeit Karten für diese „Arena“ erhälst, und, und, und …

    Trotz alledem, sollte/darf dieser Aufenthalt nicht länger als ein Jahr andauern, da ich befürchte, dass sämtliche Treueschwüre aktueller verbleibender Topspieler sich danach schnell in Luft auflösen werden …

    • @abiszet sagt

      @Emdschi
      „Der VfB ist ein Zweitligist und das ist einfach nur traurig.“ Ganz genau. Und da hilft mir auch die Aussicht auf Duelle mit interessanten Vereinen wie Pauli, Lautern, Aue, 1860 usw. nicht weiter.

      @René
      Alle finden die 2. Liga gut und und auch Du kannst Dich mit ihr anfreunden – für ein Jahr. Aber ich befürchte, die 2. Liga wird deshalb so positiv gesehen, weil sie einerseits reinigende Wirkung haben kann und andererseits alle von einem Erfolg (sprich: schöne Spiele, viele Siege = Aufstieg) ausgehen. Der VfB soll in der nächsten Saison der FC Bayern der zweiten Liga werden. Schöne Vorstellung. Von einer „Reinigung“ des Vereins – abgesehen von den Personalien Dutt & Wahler & Kramny – kann ich nichts erkennen. Das Beste ist aus meiner Sicht der Zweitliga-Mann Luhukay. Deine Ansicht zur Buli nächste Saison teile ich. Bin allerdings gespannt, was mit Dortmund wird. Denen laufen die guten Spieler reihenweise weg, auch ein Thomas Tuchel kann sie nicht halten (oder ist er der Grund?).

      Aber es ist gut, wenn nicht alle wie ich in Trauer-Phase 2 stecken ;-)

  3. drausvomLande sagt

    Ich weiss nicht, aber ich glaube, dass alle, also die, die jetzt Dauerkarten kaufen und sich auf St. Pauli und Derbys usw. freuen, genauso wie diejenigen, die sich über die augenblicklich katastrophale Führung des VfB ärgern, dass die allesamt noch in Phase 1 „Leugnen und nicht Wahr-haben-wollen“ sind. Die Emotionen kommen erst noch, wenn die 2. Liga tatsächlich erlebt wird.
    Es gibt allerdings einige wenige, die schon in Phase 3 „Suchen, Finden, Loslassen“ sind, das sind diejenigen, die mit dem augenblicklichen Profi-Fussball (der von René gut beschrieben wurde) nicht zurechtkommen, die etwas mehr Bodenständigkeit und Ehrlichkeit erwarten und suchen und für die der langsame Abstieg des VfB lediglich Ausdruck der Tatsache ist, dass der moderne Profifussball kein Sport und kein Verein mehr, sondern nur noch ein Geschäft ist und dass der VfB da halt nicht mithalten konnte und „marktbereinigt“ wurde.
    Phase 4 „Akzeptanz und Neuanfang“ werden nur wenige erreichen, die meisten werden vorher zu anderen Sportarten, Hobbies und Freizeitbeschäftigungen abwandern. „Aktzeptanz und Neuanfang“ bedeutet nämlich schlicht und einfach, dass der Profifussball egal in welcher der beiden (drei) Ligen als das gesehen wird, was er ist: als knallhartes Geschäft auf einem Werbemarkt, auf dem die Big-Player keine Vereine mehr sind, sondern Wirtschaftsunternehmen, die irgendwie zu einem Konzern gehören und die sich hinter den wenigen Ausnahmen wie Bayern und Barcelona und co. verstecken, um wenigstens ein bischen den Anschein von Sportlichkeit zu wahren.
    Nach dieser Einschätzung hänge ich irgendwo zwischen 3, weil ich emotional den Fussball im allgemeinen und ein kleines bischen auch den VfB im besonderen losgelassen habe, aber noch nicht bereit bin, zu akzeptieren, was Geld aus unserem Sport macht.

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