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Der VfB in der Champions League

Ich gehöre nicht zu den überdrehten Typen, die Bio-Zigaretten rauchen und sich einen ansaufen am handgemachtem Bier und dann nicht mehr Traum und Wirklichkeit voneinander unterscheiden können. Was hat der VfB also mit der Champions League zu tun? Es stimmt schon, dass er in der Königsklasse spielt, ist in etwa so realistisch wie ein Spieler-Porträt von mir in einem Panini-Album. Trotzdem ist der VfB ganz nah dran an der Königsklasse. „Faraway, so close“ nennt das Wim Wenders. Close deshalb, weil einige ehemalige Stuttgarter nun in den aktuellen Wettbewerb starten. Es sind ganz zufällig elf Spieler:

Philipp Lahm (Bayern München)
Manche halten den Kapitän des FC Bayern für langweilig. In einer Zeit, in der jeder Fußballer, der etwas auf sich hält, seinen Körper von oben bis unten kalligrafisch zutextet und in der man meint, ein Fussballspiel sei optisch eine reine Freak-Show, ist Philip Lahm so normal, dass es fast schon weh tut. In Stuttgart ist man der Meinung, ohne den VfB hätte es Lahm nie so weit gebracht, hier hat er das Fußball spielen auf hohem Niveau gelernt. Sein letztes Kopfball-Duell im Mittelfeld gewann er 2003 beim Champions League-Spiel des VfB gegen ManUnited. Es war zugleich die Vorlage zu Imre Szabics‘ 1:0. Das Spiel habe wohl nicht nur ich gesehen, sondern auch Pep Guardiola. Er stellt Lahm deshalb beharrlich im Mittelfeld auf.

Roberto Hilbert (Bayer Leverkusen)
Er hat immer noch hektische Phasen in seinem Spiel, wo er wie ein aufgescheuchter Hase übers Feld läuft – aber trotzdem: Ein Königreich für einen Hilbert! Er kann vorne wie hinten und zu seiner Mentalität gehört ganz sicher nicht das Aufgeben und Zurücklehnen. Zu viel hat er schon erlebt, als dass ihn etwas aus der Ruhe bringen würde. Auch nicht, dass er beim Gastspiel seiner Leverkusener als „Tourist“ bezeichnet wurde, weil er die Tricks von Douglas Costa nur bewunderte. Ein schönes Interview mit ihm findet ihr hier, sehr touchy ist dieser Text. Ein Klasse-Typ, auch wenn er in Stuttgart – ähnlich wie Harnik – nicht immer nur positiv gesehen wurde.

Sami Khedira (Juventus Turin)
Nach seiner Trennung von Lena Gehrke stehen auf ihn Mädchen mit einer poetischen Ader, deren Freund in einer Gitarren-Band spielt und Taktik-Nerds, die seine Laufwege analysieren und die Eichlers Buch „7:1 – das Jahrhundert-Spiel“ verschlungen haben. Für alle anderen – also die Mehrheit – ist er ein wahnsinnig überschätzer Spieler. Für VfB-Fans ist er eine Ikone, nicht nur wegen seines 2:1 gegen Cottbus. Er ist trotz seiner Celebrity bodenständig und heimatverbunden, kann seinen schwäbischen Zungenschlag nicht verleugnen. Oiner von uns halt, gell? Seit Ende 2013 mit vielen Verletzungen, er spielt kaum stabil mehrere Spiele am Stück, hat womöglich seine Gesundheit dem großen WM-Traum geopfert. Wird keine leichte Saison im umgebauten Team von Juve.

Aliaksandr Hleb (Bate Baryssau)
Was soll ich sagen? Nachdem er durch die harte Schule von Felix Magath und Arsene Wenger ging, waren ihm viele Dinge wichtig – mit Fussball hatten sie nicht unbedingt zu tun. Leben wollte Hleb und das ist verständlich. So blieb seine Karriere unvollendet. London, Barcelona, Rückkehr nach Stuttgart, Birmingham, kurzzeitig zurück in die Arme von Magath bei Wolfsburg, Samara, Baryssau, Konyaspor und Genclerbirgli in der Türkei, Baryssau. „Ich habe viele Fehler gemacht“, gibt er zu. Ich vermisse seine Dribblings, mein Herzklopfen, wenn er mit Tempo in die Abwehr stürmte. Machs noch einmal, Alex! Hier ein schöner Blick auf seine Karriere von 11Freunde.

Bernd Leno (Bayer Leverkusen)
Der VfB hat Pommes Tyton in der Kiste. Ich nenne ihn Pommes, weil sein Vorname wahnsinnig kompliziert ist und er mich wegen Aussehen, Größe und Figur an Fritten erinnert. Tyton wurde von Huub Stevens‘ Sohn vermittelt, ohne die Weltklasse-Scouts des VfB zu befragen. Das macht Pommes erst einmal nicht schlechter, aber das hat ein G’schmäckle. Compliance spielt aber im Fußball keine große Rolle wie man auch an Thiago sah, der ein Wunschtransfer von Guardiola war und von dessen Bruder vermittelt wurde. Das macht Thiago erst einmal nicht schlechter.

Rund um die Torhüter des VfB ranken sich seit jeher Verschwörungstheorien: Ulreich wurde Leno vorgezogen, weil … ja, warum eigentlich? Wenn Torwarttrainer Andreas Menger Ulle für besser hielt als Leno, dann muss man ernsthaft fragen, warum er noch beim VfB angestellt ist. Oder waren es andere Faktoren: Berater? Ahnungslose Aufsichtsräte? Es gehört zur Karriere von Leno unterschätzt zu werden. U21-Trainer Hrubesch bevorzugte ebenso wie Nationaltrainer Löw den ewigen Konkurrenten ter Stegen. Ein Jammer.

Ach ja: Ich mag Pommes. Aber nicht im Tor.

Diego Benaglio (VFL Wolfsburg)
Benalljo! So nennt ihn zumindest Fritz von Thurn und Taxis und nicht nur deshalb mag ich den Sky-Reporter. Was ihm an Fachkenntnis fehlt, macht er durch Emotion und eigenwillige Aussprache von Spielernamen wett. Er wirkt deshalb oft herrlich ahnungslos und ungewollt reaktionär. Benalljo jedenfalls kam durch Felix Magath zum VfB, konnte aber weder Hildebrandt noch Dirk Heinen noch Thomas Ernst verdrängen. Von der portugiesischen Provinz in das niedersächsische Niemandsland in die Champions League. Ein schöner Weg. Ein unaufgeregter Keeper. Seine Sachlichkeit würde ich mit in der augenblicklichen Systemdiskussion beim VfB wünschen.

Antonio Rüdiger (AS Rom)
Zu ihm hat Alexander Zorniger alles gesagt: „Wir wollen Spieler hier haben, die bei uns sein wollen, und wer glaubt, dass woanders seine Chancen für die Nationalmannschaft steigen oder er glaubt, er könne dort 500.000 mehr verdienen, der soll da hingehen.“ Rüdiger ist jetzt dort und ich wünsche ihm alles Gute. Der VfB könnten ihn gut gebrauchen: Bei den Innenverteidigern hat Robin Dutt unglücklich agiert. Toni Sunjic scheint ein guter Fang zu sein, aber es ist zu wenig, nur mit ihm, Timo Baumgartl und den maximal mediokren Georg Niedermeier und Lord Hlousek in die Hinrunde zu gehen.

Martin Stranzl (Gladbach)
Genau der Innenverteidiger, den der VfB jetzt bräuchte. Erfahren, führungs- und meinungsstark. Stranzl spielte in der Saison 2004/2005 für den VfB, nach acht Spieltagen hatte Stuttgart 20 Punkte! Der Trainer hieß Matthias Sammer, in dieser Saison schoß Silvio Meißner 9 (!) Tore, Hleb gab 12 (!) Tor-Vorlagen. Nach langer Verletzungspause zog sich Stranzl gegen den HSV einen Augenhöhlenbruch zu. Ich hoffe, er wird in der Gruppenphase noch fit!

Ibrahima Traore (Gladbach)
Einer wie Hilbert und Harnik: Die einen lieben ihn, die anderen wünschen ihn zum Teufel. In der Saison 13/14 einer der Key-Player im Abstiegskampf mit vier Vorlagen in den letzten acht Spielen. In Gladbach ein Deluxe-Ergänzungsspieler.

Joshua Kimmich (FC Bayern)
Keiner weiß, ob Kimmich heute ein maßgebliche Rolle beim VfB spielen würde, wenn sich Chef-Scouter Ralf Becker und Fredi Bobic entschieden hätten, auf ihn statt auf Rani Khedira und Robin Yalcin zu setzen. Aber ein Mittelfeld mit Serey Dié und Kimmich – es würde mir nicht nur deshalb gefallen, weil es zu Christian Gentner eine echte Alternative gäbe. Kimmich hat bisher 180 Bundesliga-Sekunden bei den Bayern in den Beinen. Es ist ihm zu wünschen, dass er sich dort durchbeißt. Aber wahrscheinlich ist eine Leihe wie damals bei Lahm das Beste. Und wenn er dann auch noch ein Kopfballduell im Mittelfeld gewinnt, steht ihm eine große Karriere bevor.

Christian Träsch (VFL Wolfsburg)
Hat er beim VfB wirklich Spuren hinterlassen? Aber es ist faszinierend zu sehen, dass einer mit der Leistungsstärke eines Heiko Westermann den DFB-Pokal gewinnt und in der Champions League spielt. Ansonsten gilt für ihn das, was Zorniger über Rüdiger sagte.

Nachtrag: Sven Ulreich (Bayern München)
Auf Twitter machte uns @gullixo darauf aufmerksam, dass Ulle auch Champions League spielt. Theoretisch. Und Recht hat er! Genau deshalb ist Ulreich zu den Bayern gewechselt, um sich weiter zu entwickeln, um neue europäische Städte kennen zu lernen, um seine Familie mit Mitbringseln aus Madrid, Mailand und Moskau zu überraschen, um in der Königsklasse zu spielen auf der Bank zu sitzen. Sicher bequemer als sich mit Systemdiskussionen herumzuschlagen und jedes Jahr gegen den Abstieg zu spielen. Er hat alles richtig gemacht – nur die überheblichen Interviews sollte er sich sparen.

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