Mini-Feature, VfB
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Die Null steht (Teil 4)

Null Siege. Null Punkte. Null Selbstvertrauen. Null Konsequenz. Null Mut. Null Bock auf eine weitere Saison im Abstiegskampf.

Mich wundert, dass der Kick nicht ein Auswärtsspiel für die Hertha war, sollen doch so viele Schwaben die Hauptstadt unsicher machen. Aber im Stadion waren dann nur die mitgereisten Fans, die anderen Stuggi-Hipster saßen wohl bei Craft Beer und Chai Latte in irgendeinem hochangesagten Stadtteil und machten … ja was? Sie saßen und schwäbelten und treiben damit die Mietpreise nach oben, finden die Berliner, allein durch ihre Anwesenheit. Schon toll, wie das die Schwaben können, die ja bekanntlich alles können. Nur ein Bundesligaspiel gewinnen, das können sie nicht. Auch wenn das Auftaktprogramm mit Köln und Hertha zwei vermeintliche Angstgegner beinhaltete, und Frankfurt und Hamburg keine Kirmestruppen sind, null Punkte gegen diese biederen Teams sind recht überschaubar.

Einige VfB-Fans bekamen letzte Woche Schnappatmung: „Ich war an Pizarro dran“, blubberte Bobic in irgendein Mikro, aber in der Bundesliga käme neben den Bayern nur Werder Bremen für den Stammgast im Münchener H’ugo’s in Frage. Es war jedenfalls kurz davor, dass ein ARD Brennpunkt „Bobic“ ausgestrahlt wurde, natürlich nur regional über Stuggi.TV, wobei es keine einheitliche Meinung gab, ob es denn nun gut oder schlecht sei, dass Pizarro nicht zum VfB kam. So ein Lausbub hätte dem VfB und der Stadt schon gut getan (hier ein schöner Text), aber der VfB hat doch andere Probleme, ein recht großes heisst Lord Hlousek in der Abwehr und wenn schon einer der Altstars, dann wäre mir Klaus Au’genthal’er lieber, das wäre einer, der heute noch besser ist als Georg Niedermeier. Oder übertreibe ich da? Ein bisschen. Vielleicht.

„Ich war ja an Dante dran“, murmelte Robin Dutt, aber der Brasilianer wolle lieber für gute Bezahlung gegen das schlechte Image des Plastikclubs Wolfsburg spielen. Anstatt dessen kam Toni Sunjic. Im Vorfeld von vielen als 1 Z-Lösung verunglimpft, macht er einen guten Job in Berlin. Ne ordentliche Kante ist er und das läßt er seine Gegenspieler spüren. Dass er vorne auch noch einnickt, ja, das hätte ein traumhafter Einstand sein können.

„Ich war ja am Glück dran“, sagte Bernd Wahler und grinste ausnahmsweise nicht. Es war nach dem zweiten Spieltag, aber das Glück sagte zum VfB-Präsident, es habe sich langfristig an den FC Bayern gebunden, es mache nur sehr selten Ausnahmen, wie beim Berliner Fabian Lustenberger. Da sei das Glück ganz spontan, entscheide aus dem Bauch heraus. Wahler solle Geduld haben, dann käme es von ganz allein, gab das Glück dem traurigen Präsidenten mit auf den Weg, der nun den historisch schlechtesten Saisonstart moderieren muss. Aber mit Misserfolg hat er ja Erfahrung in seiner Zeit beim VfB, Misserfolg wird bei ihm schon Routine.

Alexander Zorniger kommt manchmal schon ein bisschen affig rüber mit seiner Oberlehrer-Attitüde, hat er sich wahrscheinlich von Ralf Rangnick in den dreieinhalb Jahren in Leipzig abgeschaut. Nicht in jedem Interview muss er einen Spruch rausbimsen, vor allem dann nicht, wenn er verloren hat. Die vielen Gegentore liegen nicht an seinem System, sagte er noch vor dem Spiel. Deshalb hat er auch umgestellt in Berlin. Statt 4-4-2 nun 4-1-4-1 mit deutlich passiverem Verhalten, von Balljagd keine Spur. Das erhöht nicht gerade das Vertrauen in ihn als Trainer.

In Stuttgart ist es keiner gewohnt über Systeme zu sprechen, schließlich hatten die letzten VfB-Trainer keines. „Demut und 120% Einsatz“ hieß die Philosophie von Bruno Labbadia, „Gehts raus und spielts Fussball“ nannte der onkelhafte Armin Veh sein Konzept, „Ordnung und Disziplin“, knurrte Huub Stevens, wenn man ihn nach seinem Erfolgsgeheimnis fragte. Dabei muss es das System richten. Die Elf ist überwiegend die gleiche, die letzte Saison in allerletzte Sekunde dem Abstieg von der Schippe sprang. Eine systemische Veränderung ist also wirklich alternativlos (look here oder here).

Es ist auch völlig systemunabhängig, dass sich vor dem 1:0 Filip Kostic und Emiliano Insua nach einem Einwurf von einem stocksteifen Mitchell Weiser übertölpeln lassen und es ist völlig systemunabhängig, dass danach Adam Hlousek wie ein Trottel in den Zweikampf geht. Das System kann ebenfalls nicht für den Glücksschuss von Lustenberger verantwortlich gemacht werden. Ein Schuss, der dem Schweizer nie wieder in seinem Fußballleben gelingen wird. By the way ging dem entscheidenden Freistoss zuvor eine mit lustlos noch wohlwollend umschriebene Abwehraktion von Kostic voraus. Ist das System also nicht geeignet für einen 50-Millionen-Mann wie Kostic?

Das Supertalent Arianit Ferati feiert in Berlin sein Profi-Debüt. Ein gutes Omen? Auch ein gewisser Sami Khedira machte in der Hauptstadt sein erstes Bundesliga-Spiel. Man sollte Ferati nicht wie Timo Werner schon derartig früh einen schweren Rucksack der Erwartungen umhängen, aber er wäre ein Signal des Umbruchs, der Veränderung. Er wäre durchaus einer, der Gentner ersetzen könnte. Nicht sofort. Aber über die Position des Kapitäns muss gesprochen werden. Wie auch über Martin Harnik. Wenn er mit dem Kopf schon woanders ist – wie eventuell Daniel Didavi – dann muss Zorniger reagieren. Noch hat er Zeit dazu. Aber wie lange noch?

Null Zweifel. Null Mißtrauen. Null Hektik. Null Diskussionen.
Dafür ist es noch zu früh. Noch.
Auch wenn die Kritik an System und Trainer von der einen oder anderen lokalen Zeitung immer lauter wird (hier).

Oder sollte Zorniger einen personellen Schnitt machen? Mit Christian Gentner und Martin Harnik die Gesichter der jahrelangen Misere auf die Bank setzen? Zorniger darf nicht seinen Mut verlieren und muss konsequent sein Ding durchziehen. Wenn Zorni es leiser machen würde als bisher und nicht so tun würde, als hätte er schon ein Bundesligaspiel gewonnen, dann wäre allen geholfen.

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4 Kommentare

  1. Harnik sollte weg, das sage ich irgendwie seit Jahren aber keiner will es wahrhaben in meinem Umfeld (gut, bis auf eine Freundin interessiert sich auch niemand für den VfB). Der hat unendlich Tore auf dem Fuß liegen, die er dann nicht macht; genau die Tore fehlen uns ja auch. Aber wer soll da kommen? Früher hätte ich mir den Kopf zerbrochen wie die Transfers von Spielern aus dem Niemandsland zustandegekommen sind, aber jetzt sehe ich das auch alles etwas lockerer seit letzter Woche. Der VfB scheint im Herzen gut zu sein, nicht so modern wie die anderen Vereine. Wie ich darauf komme? Ich habe Mroskos Talente gelesen (macht das auch, ein sehr schönes Buch) und einen Einblick in die widerliche Welt des kommerziellen Fußballs erhalten! Ich mag das Spiel und ich mag andere, die das Spiel mögen und mit Herz und Seele dabei sind. Aber der Rest soll mir egal sein. Back to the roots. Und wenn ein VfB absteigt, dann steigt er ab. Dann soll er aber bitte den HSV mitnehmen, denn beim HSV bin ich mit ganzer Galle dabei…
    Wie gesagt, lest das Buch. Da hat man mehr zu lachen als in den letzten 3 Jahren VfB.

    • abiszet sagt

      Ja Tom, eine gewisse Gelassenheit tut gut. Aber nicht immer besiegt sie die Leidenschaft. ;-)

      Mroskos Talente habe ich auch gelesen, er war gestern auch im Doppelpass und wirkte linkisch – und sympathisch! Siehe den Text zu „Timo Werner: Zu lieb für die Liga?“, die Lead-in beschäftigt sich kurz mit dem Buch.

      Wie alle Ronald Reng-Bücher entwickelt das Werk einerseits einen Sog, andererseits erlaubt es einen Blick hinter die Kulissen ohne reisserisch oder effektheischend zu sein. Aber ich habe mir schon die Frage gestellt, wie Transfers beim VfB zustande kommen. Heise ist wohl wirklich von Mroskos Kollegen gescoutet worden, aber wie kommt man an Insua? Ist es Vetterleswirtschaft, weil Tyton über Huub Stevens‘ Sohn vermittelt wurde? Klar ist: Keiner holt mit Absicht unpassende oder gar untaugliche Spieler, da durch sie nach kurzer Zeit Probleme entstehen, die man managen und überstehen muss.

      Die Frage für mich ist erst einmal nicht: Wenn Harnik geht, wer kommt dann? Robbie Kruse wäre ja außerdem schon da. Sondern eher: Was passiert, wenn Harnik und Gentner mal nicht mspielen. Thomas Schneider ist daran gescheitert. Er hatte den Auftrag, die Hierarchie aufzubrechen und musste zurückrudern, als er keine Ergebnisse lieferte.

      • Da gebe ich dir Recht, bei Schneider waren allerdings noch andere beim VfB am Werk und die „Transfers“ hatten noch die Handschrift von Bobic.
        Die Aufräumaktion war jetzt nicht so schlecht, da kann man wenig sagen. Zur Winterpause müssten dann aber auch mal ein paar gute Spieler her, vielleicht auch ein älterer guter Verteidiger, der eine gewisse Gelassenheit reinbringt und noch 1-2 Jahre mitkicken kann. Andererseits – wer tut sich das an?
        Die war ein absoluter Top-Transfer für den VfB, die neuen Spieler muss man schauen, machen aber einen guten Eindruck wobei Tyton doch ziemlich unglücklich oder einfach nur schlecht gestartet ist.
        Huub Stevens Sohn kam bei mir in Mroskos Talente sehr unsympathisch rüber wobei er auch nur kurz erwähnt wurde.
        Wobei diese Connections der Scouts und Berater schon manchmal lustig sind; Bruder eines ehemaligen Freundes spielt 1. und 2. Liga, geboren im selben Ort wie Podolski und wie er auch von der Jugend bis Bundesliga bei Köln geblieben. Beim VfB hingegen will man manchmal gar nicht wissen wo sich die Scouts rumtreiben…

  2. Die Null muss stehen – ein superbrillianter Titel, leider traurige Wahrheit – aber lachen musste ich doch drüber. Und noch ne Fußballweisheit: Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh. Glückauf VfB!

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