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Zu geil für diese Welt?

Eins hat Pierre-Enric Steiger seinem Mitbewerber Claus Vogt, dem Ex-Kandidaten Christian Riethmüller, dem abgelehnten Bewerber Volker Zeh und vielen Ex-Präsidenten voraus: Er hat ein Konzept. Schriftlich fixiert auf 18 Seiten, juristisch geprüft und abgesegnet und für jedermann nachlesbar veröffentlicht.

Das ist weit mehr als ein schnell herunter gerotztes 11-Punkte-Programm und konkreter als wolkige Absichtserklärungen, die flüchtig in Interviews und Podcasts geäußert werden. Hier ist das Strategiepapier nachzulesen, damit sich alle ein Bild davon machen können.

Steigers Kernpunkte: Er will die Mitgliederinteressen und das Mitbestimmungsrecht stärken. Das hört sich erst einmal gut und ein bisschen populistisch an. Sein Konzept erfüllt dies nicht unbedingt, im Gegenteil. Auch die Stärkung des Vereins im AG-Aufsichtsrat wirkt für mich wie eine Luftnummer. Oder verstehe ich es nur nicht? Das sagte Steiger bei Danny Galm und Simeon Kramer in deren Podcast des ZVW. Die Fans würden sein geiles Konzept nicht verstehen, er fühlt sich unverstanden, von Teilen der Fans und Mitglieder vorverurteilt, es scheint, als meine er, er sei zu geil für diese (VfB-)Welt.

Dein Konzept ist Deine Party, die Dir kein VfB-Fan versaut.
Du bist der Chef auf Deinem Fest, Du bist der Boss, Du bist der Held.
Was kümmert Dich der Rest, Du bist zu geil für diese Welt.

Damit macht er sich einfach. Denn, wenn es ein Kommunikations- bzw. Verständnisproblem gibt, dann liegt das immer am Sender der Botschaft (Handbuch Kommunikation, Einführung). Ganz unabhängig davon, dass die Zustimmungsbereitschaft für sein Konzept leidet, wenn sich die Leserinnen und Leser beim Lesen dumm vorkommen und der Absender sich auch noch in Interviews über sie erhebt.

Oder werden die Fans und Mitglieder nur für dumm verkauft und das Steiger-Papier hat echte Schwächen? Dieselben Schwächen, die auch der Herausforderer im Auftritt in der Öffentlichkeit hat? Pierre-Enric Steiger ist auf höchsten Ebenen hervorragend vernetzt und weiß sich und seine Stiftung zu vertreten. Dennoch wirken seine Auftritte als Präsidentschaftskandidat auf mich verkrampft und unbeholfen. Mit zunehmender Tendenz zur beleidigten Leberwurstigkeit, weil in seinen Augen vor allem „die Twitterblase“ böse ist, das eigene Konzept dagegen gut und die Leute doch selbst Schuld sind, wenn sie ihn nicht verstehen. Vielleicht nehme ich ihm die Leidenschaft für den VfB auch deshalb nicht wirklich ab.

Clever ist hingegen seine Aussage, dass nach seinem Verständnis die erste Aufgabe des AG-Aufsichtsrats nicht die Kontrolle des Vorstands sei, sondern Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat das uneingeschränkte Vertrauen zu schenken und ihnen viel Freiraum zu geben. Das hören wir (dummen) Fans natürlich gerne, sehen wir in Hitzlintat doch den Erfolgsfaktor für eine glorreiche sportliche Zukunft und man kann überdies zwischen den Zeilen heraushören, dass Amtsinhaber Claus Vogt diesen Freiraum nicht gewährt und sich in sportliche Belange eingemischt hat (was zu beweisen wäre).

Schlichtweg gefährlich ist hingegen seine Einstellung zur Mitgliederverarsche: Steiger kann sich vorstellen, dass die Aufarbeitung des Datenskandals nur dazu gedient habe, unliebsame Führungspersönlichkeiten los zu werden. Eine erstaunliche Spekulation, denn entgegen seiner Aussage sah nicht nur Esecon ein eindeutiges Fehlverhalten, sondern auch die Heerscharen an Kanzleien, die den Esecon-Bericht bewerteten und Konsequenzen empfahlen.

Ich bin interessiert an Pierre-Enric Steiger, an seiner Person und an seinen Plänen, wie er den VfB in die Zukunft führen will. Wenn es einen besseren Präsidenten gibt als Claus Vogt, dann ist das auch gut für den VfB, zumal der Amtsinhaber mich nicht immer restlos überzeugt hat. Herr Steiger macht es mir jedoch schwer mit seinem Konzept, seiner belehrenden Art und der durchsichtigen Taktik, mit ihm als Präsident käme mehr Ruhe in den Verein und die AG. Denn das Problem beim VfB ist nicht der Präsident. Das Problem ist das Spannungsfeld zwischen VfB e.V. und VfB AG. Und hier hat Steiger mit widersprüchlichen Aussagen überhaupt nicht aufzeigen können, welche Lösung er sich vorstellt. Wie will er den e.V. von der AG emanzipieren und gleichzeitig für mehr Harmonie zwischen diesen beiden Playern sorgen?

Aber womöglich bin auch ich das Problem.
Womöglich ist Pierre-Enric Steiger einfach zu geil für meine (VfB-)Welt.

Foto: Imago Images

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10 Kommentare

  1. Beachman sagt

    Naja, zumindest ist der Staiger der einzige Kandidat, auch rückblickend auf die letzten Wahlen, der ein Konzept hat, auch wenn ich noch nicht verstanden habe, wie die ganzen Ideen finanziert werden sollen. Und er ist der einzige Kandidat in all den Jahren, der sich auch den anderen VfB Abteilungen ausführlich vorgestellt hat. Beides habe ich von Herrn Vogt noch nicht gesehen.

  2. Joachim Schlegel sagt

    Wenn zwei so geile Typen wie Porth und Steiger zusammen kommen, dann gute Nacht VfB. Dann gibt es keine Kontrolle über die AG bzw. die Marionette Hitz.
    Dann war alles für die Katz.

  3. Bernd sagt

    Ich bin ja nun wahrlich nicht als Vogt-Unterstützer bekannt. Aber die Idee einer anonymen Vertreterversammlung, die eigentlich immer nur zu einer Schwächung der Mitglieder führt, sollte man schon kritisch hinterfragen. Ebenso dass Daimler für lau 50% mehr Einfluss im AR erhalten soll. Und von der Vita von Herrn Steiger will ich gar nicht erst anfangen.

    Wäre ich Mitglied, würde ich nur dann für Steiger stimmen, wenn sich Hitzlintat massiv in den Wahlkampf einmischen würden.

  4. Thilo Schäfer sagt

    Der jetzige Präsident kann meiner Ansicht in derart kurzer Schaffenszeit und Corona Gedöns sicher nicht alles optimal machen.
    Herr Steigers Konzept in Ehren, aber ich will nicht alle Jahre eine neue Sau durch das Dorf treiben. Sicherlich gehören die anderen Abt. mehr unterstützt, aber sind wir mal ehrlich, für einen Fußballfan in Oberschwaben ist der VfB in erster Linie ein Fußballverein.
    Als Bewerber für den Vereinsbeirat durfte ich mich pers. dem Gremium stellen und bin in geheimer Wahl nicht berücksichtigt worden -das nehme ich sportlich. Meine Stimme geht trotzdem an Vogt. Ich würde mir wünschen dass noch „Alteingesessene „ aus dem Vereinsbeirat ihren Stuhl nehmen würden

  5. Hans sagt

    Steiger wirkt auf mich verkrampft und unsympathisch. Ich werde ihn nicht wählen.
    Trotzdem hat er sein Konzept im Podcast gut erklärt. Wer es jetzt nicht versteht, wird es nie mehr verstehen. Das kann man ihm nicht vorhalten. Ich sehr hier keine Schwächung der Mitgliederrechte.
    Diesen Artikel finde ich ziemlich dünnhäutig. Ich habe mich an mancher Stelle gefragt, wer die beleidigte Leberwurst ist. Vielleicht die „Twitter Bubble“? Da sind mir insgesamt zu viele gefühlte Wahrheiten dabei.

  6. Andi sagt

    Ist ein interessanter Spin in dem Podcast. Hizlintat sollte man nicht kontrollieren sondern dafür sorgen dass sie maximalen Spaß am VfB haben.
    Ich halte das für falsch. Erstens werden sich die Personen auch wieder ändern und die Strukturen müssen das überstehen und zweitens liefert zumindest Mislintat zwar bisher überzeugend aber ist trotzdem nicht gefeit dagegen auch Mal eine Dumme Idee zu haben. Wenn es dann kein gutes Kontrollorgan gibt haben wir wieder Ego Trips.
    Niemand ist größer als der Verein, auch nicht Hizlintat

  7. C. A. sagt

    Mich überzeugen leider Beide nicht in der Tiefe. Vogt kommt supersympathisch rüber, mehrere handelnde Personen haben ihm fehlende Tiefe vorgeworfen. Nach der Sylvester Neujahr Aktion von Hitz versus Vogt hat der sich trotz seiner TV Präsenz gestern bei mir Null, Null rehabilitiert. Ich gewinne irgendwie bei allen einen eher egoorientierten Eindruck. Als ginge es mehr um das eigene Ego als um unseren VfB.
    Ich bin natürlich ebenfalls für Vielfalt, aber Hitz nervt mich auch damit solangsam. Er macht seinen Job für unseren VfB schon auch häufig zur Spielwiese seiner Gesinnung. Gefällt mir übrigens nicht. Wieso muß man darüber eigentlich ständig Reden? Halt einfach machen, fertig.

    Bevor ich das Thema noch ganz verfehle…
    Herr Steiger macht sachlich auf mich ebenfalls den Eindruck, das er ungern verliert und noch ungerner Kritik mag.
    Fachlich finde ich den Verzicht auf ein grosses Gehalt prima, menschlich hat er mich nicht.

    Herr Vogt hat mich menschlich, fachlich meine ich zu glauben, das etwas Struktur fehlt.

    Sogesehen würde ich mich für Herrn Vogt entscheiden, aber schon auch dafür sein, das man mal drüber schaut, was Hitzlintats so treiben…

    • @abiszet sagt

      > „Wieso muß man darüber eigentlich ständig Reden?“
      Weil es in unserer Gesellschaft offensichtlich noch notwendig ist. Bei Dir vielleicht nicht, aber noch bei jede Menge anderer.

      > „Er macht seinen Job für unseren VfB schon auch häufig zur Spielwiese seiner Gesinnung.“
      Das sehe ich überhaupt nicht so. Wenn es etwas dazu zu sagen gibt, dann tut Hitz es. Nicht mehr und nicht weniger.

      • C. A. sagt

        Mir ist beides trotzdem zuviel. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung und die wird sich auch mit viel Diskussion kaum ändern.
        Man kann seine Meinung ausdrücken, daher die Meinungsfreiheit, man kann sich durch lesen und sehen seine Meinung bilden, allerdings führen
        Debatten nie zu Meinungsaenderungen.
        Es fuehrt häufig dazu, das man sich in der heutigen Zeit kaum noch traut seine eigene Haltung auszudrücken.
        Beim Fussball gucken möcht ich Fußball gucken und keine Debatten über andere Dinge. Gerade wo alles mal halbwegs normal wird, muß man wieder ein anderes Fass aufmachen 🙁 wo es einfach nur um Spaß am Ball gehen soll…

        • @abiszet sagt

          „… allerdings führen Debatten nie zu Meinungsaenderungen.“
          Diese Meinung teile ich überhaupt nicht.

          „Es fuehrt häufig dazu, das man sich in der heutigen Zeit kaum noch traut seine eigene Haltung auszudrücken.“
          Wir leben in einer Zeit, in der jede/r alles, wirklich alles sagen7schreiben kann. Viele verwechseln Kritik an den eigenen Aussagen allerdings mit mangelnder Meinungsfreiheit und werfen sich dann in die Opferrolle.

          „wo es einfach nur um Spaß am Ball gehen soll …“
          Es geht es im (Profi-)Fußball in erster Linie um Tore und Ergebnisse, aber es geht um Fußball auch um weit mehr.

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