Noch am Samstag Abend unterhielt ich mich beim Dinkelacker Stehausschank mit einem Freund über Bernd Sautter und der sagte: „Der Sautti ist ein Verrückter. Und mir isser zu links“. Achselzuckend fuhr er fort: “Aber keiner weiß mehr und keiner schreibt besser über den VfB, sorry!“ und klopfte mir dabei entschuldigend auf die Schulter. Einen Tag später erfuhr ich, dass Bernd gestorben ist.
Kennengelernt habe ich Bernd vor etwas mehr als zehn Jahren. Anlass: seine Veranstaltung mit Gilbert Gress im Fischlabor. Wir kannten uns noch nicht persönlich, aber Bernd reservierte uns für den Blog Plätze, denn es würde voll werden, da war er sich sicher. Er hatte Recht, natürlich, weil es auch ein bissle klein ist im Fischlabor. Da ging ich mit meinem Vater hin, der da schon nicht mehr auf der Höhe war. Aber es war für ihn ein Highlight, sogar ein Bild von ihm und Gress haben wir gemacht. Bernd war richtig gerührt, als ich ihm erzählte, was es für eine Freude war für meinen Vater. Womöglich eine der letzten, bevor er Honig im Kopf bekam.
Seitdem sind wir uns immer wieder begegnet. Bei drei Veranstaltungen durfte ich an seiner Seite sein. Ich konnte mit Bernd über alles sprechen. Er war witzig, er war überraschend, er war emotional, er war klug, er wusste viel, nicht nur über Fußball. Seine Begeisterung extrem ansteckend. Und er war so herzlich.
Bernd war ein Aktivist, immer bereit, sich für eine gute Sache einzusetzen. Ein Guter, der Veranstaltungen organisierte und moderierte für das VfB-Fan-Projekt, für die Sport-Region Stuttgart, für den VfB und aus ganz eigenem Antrieb, siehe Gilbert Gress. Er hatte etwas zu sagen und wollte den Menschen etwas geben.
Er gab mir immer das Gefühl, von ihm wertgeschätzt zu werden. Als er aus Anlass seines Buchs „Fußballheimat Württemberg“ zu einer Veranstaltung einlud, startete er den Abend damit, erst einmal etwas vorzulesen. Nach einigen Zeilen merkte ich: Das ist von mir! Er las aus unserer “VfB Fußballfibel“ vor, in der ich etwas über Heimat schrieb. So war er. Aus seinem eigenen Buch trug er nichts vor, sondern bereitete einigen seiner Hauptfiguren eine Bühne und brachte sie zum Erzählen: zum Beispiel Gokjo Cizmic, den Erfinder der Jugo-Liga in Stuttgart. Zum Beispiel Evelyn Klumpp, die als Frau der ersten Stunde gilt, wenn es um Frauenfußball geht. Sie kickte schon als es vom DFB noch verboten war.
Sebastian schrieb zu seiner Veranstaltung: “Die beste Nichtlesung aller Zeiten“.
Ein großartiger Geschichtenerzähler war Bernd in seinen Texten und Büchern, wortwitzig, kurzweilig, das liest sich alles so flüssig wie das Aufbauspiel des VfB unter Sebastian Hoeneß. Er entwickelte einen ganz eigenen „Sautti-Sound“, spielte den Leserinnen und Lesern verbale Zuckerpässe zu. Meist kam man aus dem Staunen, Lachen und Lernen nicht mehr heraus. Bernd erzählte von Menschen und man merkte, er liebte Menschen, so wie er sich mit ihnen beschäftigte und sie beschrieb. Das war manchmal komisch, bisweilen scharfsichtig, ab und zu schräg und immer interessant. Schnörkel befanden sich stets in Bernds Texten, einige Schleifen und Verzierungen, fast so wie im Spiel von Alexandru Maxim, dessen Spiel wir beide mochten.
Er sah in Benjamin Pavard die Fußballversion von Gisele Bündchen. Er hielt ihn für eine Kreuzung aus Gilbert Gress und Franz Beckenbauer und attestierte ihm “ein drittes Auge, das irgendwo über dem Stadion schwebt, mit dem er jeden Quadratzentimeter vermisst”. Er bezeichnte Wataru Endo als “superdryen Superman und japanischen Ballverteilomat“. Er schlug vor, eine nordische Kombination in Aue auszutragen und war bei der Meisterfeier 2007 so breit wie die Hauptstädter Straße. Das alles und noch viel mehr schrieb er auf seiner Webseite „Propheten der Liga“, die es leider nicht mehr gibt. Ansonsten würde ich die ganze Nacht seine Texte nachlesen.
Sein Club war der VfB, aber er hatte auch ein Herz für kleinere Vereine, die Kickers sind weit mehr als ein Zweitverein für ihn gewesen. Aber er schaute auch Spiele in der dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten Liga an, in Deutschland, Italien, Irland, in der ganzen Welt. Ein Verrückter halt. Aus Leidenschaft fürs Spiel, aus Liebe zu abgerockten Fußballplätzen, verrotteten Tribünen, warmem Bier und verbrannten Würsten. Immer in der Überzeugung, dass hier, „an der Fußball-Basis“, der Fußball noch Fußball ist, mit seiner ganzen sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung.
Im November 2024 wollte ich einen Text zur Beförderung von Christian Gentner zum Sportdirektor machen und es verbinden mit der Bekanntgabe, dass Bürger Maultaschen der neue Service Partner des VfB ist. Sollte bissle kalauer-ig werden, ich überlegte mir „Beförderung mit G’schmäckle“ als Headline, verwarf den ganzen Text dann aber. Plötzlich schrieb mir Bernd eine WhatsApp, als ob er wüsste, woran ich arbeitete:
„Vor 20 Jahren musste ich als Texter die Head für die Bürger-Kampagne ändern, am hellen Morgen, weil unser Trap-Testimonial kurz vor Druck der zweiten Plakatwelle vom VfB entlassen wurde. Dann habe ich den frisch entlassenen Trap angerufen und ihn gefragt, ob er nochmal die Radio-Spots einsprechen könnte. Si, si certo, meinte er, der war echt cool, der Trap“. Als ich Bernd schrieb, dass ich an einem Gentner/Bürger-Text arbeitete, der aber in Ablage P landete, meinte er: „Ach komm’, tu’s für die Heimat, tu’s für die Maultaschen. Gentner ist wie eine Maultasche, im Moment wissen wir nicht, was drin steckt.” Seine neue Bürger-Headline hieß übrigens: „Iss schneller fertig als gedacht“. Sie hat für mich jetzt leider eine ganz neue Bedeutung bekommen.
Als ich seine “Fußballheimat Württemberg” über alle Maßen lobte, schrieb er mir zurück: „Du spinnst!“. Und womöglich denkt er sich das jetzt auch, von wo auch immer er diesen Text liest. Damals wie heute antwortete ich ihm: „Wenn es einer verdient, dann Du. Du weißt gar nicht wie gut Du bist!“
Bernd war mal wieder – seine zweite große sportliche Leidenschaft – mit dem Rad unterwegs. Auf dieser Tour fuhr er in Frankreich seine letzte Etappe. Er wird mir sehr fehlen.
Zum Weiterlesen:
Auf seinen Radtouren führte er – natürlich überragend – Tagebuch und nahm einen mit auf die höchsten Berge und tiefsten Täler, ganz so, als sei man selbst dabei.
Sein Freund Bernhard Ubbenhorst schrieb in der Kontext Wochenzeitung einen Nachruf auf ihn: „Danke, Bernd. Für alles!”
Sebastian schrieb vor elf Jahren die Rezension für Bernds Buch „Heimspiele“.
Bild: Maks Richter, anlässlich einer Veranstaltung bei Kessler Sekt, die ich zusammen mit Bernd, Christian Gentner und Karl Allgöwer machen durfte.

Werbefuzzi, Blogger, Autor der VfB Stuttgart Fußballfibel, eintätowierter Brustring, Kessler-Ultra



Danke für diesen schönen und bewegenden Nachruf!
Vielen Dank, das ist sehr schön.