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Abgezockt oder fahrlässig?

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

Was klingt wie eine potenzielle Zeile aus einem Cro-Song, ist in Wirklichkeit ein uraltes Zitat von Georg Christoph Lichtenberg, seines Zeichens Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik.

Wir wissen nicht, ob auch Robin Dutt die erhellenden Worte des guten Lichtenbergs kennt, aber es hat ganz den Anschein, als ob er nach ihnen handeln würde. Neuer Trainer, neuer Keeper, neues System, neues Trikot und Transfers, die keiner auf dem Zettel hatte. Wer kennt den schon Tyton, Heise oder Insua? Ich denke, solche „Wundertütentransfers“ wie Kollege abiszet sie nennt, sind der richtige Weg. Aber ich bin ja auch ein Fan des Lichtenberg-Zitats. Robin Dutt kärchert ordentlich durch und geht damit ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Ist das noch höhere Transferphysik oder schon Gezocke? Denn nüchtern betrachtet wurde ein Team, das knapp dem Abstieg entronnen ist, auf keiner Position zwingend verbessert.

Aber die vergangenen Saisons haben gezeigt, dass sich etwas ändern muss. Nicht nur personell, sondern auch mental. Die Abgänge von mittlerweile irgendwie zum Inventar gehörenden Akteure wie Sakai (seit 2012 beim VfB) und Ulreich (ewig beim VfB) sind ein Signal, dass man gewillt ist, neuen Schwung in den Laden zu bringen. Die Voraussetzungen dafür wurden auch auf der administrativen Seite geschaffen: Namen, die jahrzehntelang für den VfB standen, sind nicht mehr da. Niemand kann sich noch länger hinter Sparfuchs Ruf oder Diktator Hundt verstecken. Ob dadurch alles besser wird? Wahrscheinlich nicht. Aber zum ersten Mal seit langem besteht zumindest die Chance darauf.

Doch auch, wenn man die Dutt’sche Experimentaltransferphysik schätzt, so wünscht man sich doch etwas mehr Konservatismus bei der Planung der Innenverteidigung. Rüdiger verpasst den Saisonstart, Baumgartl ist noch angeschlagen und soll anschließend der Abwehrchef werden, falls Rüdiger geht. Klar, der gute Timo ist ja auch 19 Jahre alt. Und wer Auto fahren und wählen darf, kann auch versuchen, seine Nebenmänner wie Niedermeier oder Schwaab zu stabilisieren. Natürlich kann auch Insua innen spielen. Wie gut, das weiß niemand und für die linke Außenverteidigerposition blieben dann Philip Heise, der aus der zweiten Liga kommt und everybody’s darling Adam Hlousek. Die Konstellation dürfte höchstens Adrenalinjunkies glücklich machen.

Was fehlt, ist ein erfahrener Innenverteidiger, der funktioniert. Und so froh ich auch bin, dass er jetzt in Hamburg kickt: Ja, Emir Spahic wäre so einer gewesen.

„Geh deinen Weg und laß die Leute reden.“

Noch so ein tolles Zitat. Diesmal nicht von Lichtenberg, sondern von Dante. Der tote, italienische Dante, nicht der lebendige brasilianische. Wegen dem könnte Robin Dutt übrigens mal bei den Münchenern anklopfen. Denn der in Ungnade gefallene Innenverteidiger wäre wohl eine sichere Verstärkung. Hat der VfB eigentlich immer noch einen gut bei den Bayern? Jetzt könnte man dagegenhalten, dass genau dieses Sicherheitsdenken die Triebfeder für Transfers wie die von Rausch, Haggui und Hlousek war. Getreu dem Motto „da weiß man, was man hat“, griff man bislang auf Bewährtes zurück. Robin Dutt macht es diesmal anders und setzt auf Risiko. Bei Einkäufen ist er kreativ und lässt sich nicht die Karten gucken. Bei Verkäufen bewahrt er sein Pokerface und bleibt knallhart. Dass das auch nach hinten losgehen kann, zeigt der gescheiterte Rüdiger-Transfer. Hoffen wir für ihn und für uns, dass er seiner Strategie erfolgreich ist und sich nicht verzockt. Außerdem haben es der Verein und die Fans einfach mal wieder verdient, dass ihnen das Schicksal ein gutes Blatt in die Hand legt.

Ein weiteres schönes  Zitat von Lichtenberg lautet übrigens:
„Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen.“

Das ist ja das Tolle, wenn man weder im Vereinsheim noch auf dem Platz ist, sondern bequem zu Hause bruddelt kann: Die Fehler machen immer die anderen und wir können dann sagen, wir hätten es schon immer gewusst. Aber bisher scheint es so, dass Dutt beim VfB fehlerlos agiert. Vom Transfer Serey Diès, über das Festhalten an Huub Stevens und der K.o.-Spiel-Strategie im Abstiegskampf bis hin zu seinen Personalentscheidungen. Trotzdem muss man abwarten, ob aus Heise, Insua, Rupp, Kliment, Tyton und Langerak nicht die Stuttgarter Versionen von Caldirola, Garcia, Obraniak, Galvez, Lukimya und Makiadi werden. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, als ob Dutt für die Innenverteidigung noch ein Ass im Ärmel hätte. Allerdings könnte es auch sein, dass es sich dabei wiederum um eine weitere „Wundertüte“ handelt.

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