Mini-Feature, Querpass
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Das System ist der Star!

Wahrscheinlich gehöre ich zu den ein, zwei Deutschen, die Berti Vogts gut finden. Das liegt wohl auch mit daran, dass meine Eltern mir ein Buch über ihn geschenkt haben als ich so sieben oder acht Jahre alt war und fiktive Fussballreportagen schrieb, in denen er hinten rechts gegen Kevin Keegan verteidigte, aber gegen den VfB immer unglücklich verlor. Es war mehr ein Bildband, Berti am Strand, Berti mit Schlaghosen, Berti grätschend auf überflutetem Rasen, Berti mit Günter Netzer, dazu ein einfühlsamer Text von Hans Blickensdörfer, der die Rolle von Hennes Weisweiler als Ersatzvater beleuchtet. Viel später schrieb Stefan Raab auf dem Rücken von Berti einen Top-10-Hit („Böörti Böörti Vogts“) und Vogts hatte einen Tatort-Kurzauftritt, wo er in 30 Sekunden eine Familie vor dem sicheren Tod durch eine Gasexplosion rettet.

Neben seinem kulturellen Wirken ist er auch als Fussball-Philosoph in Erscheinung getreten, obwohl manche meinen, er hätte viel eher das Genre des Comedians begründet und somit überhaupt die Karriere von Mario Barth erst ermöglicht. Vogts sagte „Sex vor einem Spiel? Das können meine Jungs halten, wie sie wollen. Nur in der Halbzeit, da geht nichts.“, nahm Journalisten nicht wirklich ernst („Wenn ich über’s Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er.“) und begegnete seinen Spielern freundlich-ironisch („Die Kroaten sollen ja auf alles treten, was sich bewegt – da hat unser Mittelfeld ja nichts zu befürchten.“). Ein Bonmot von ihm ist mir jetzt eingefallen: „Die Mannschaft ist der Star“, meinte er als Bundestrainer bei der EM 1996, als das Team sich auch durch Verletzungen wichtiger Spieler auf dem Weg zum Titel nicht aufhalten ließ.

Das führt mich vertikal zu der Aussage „Das System ist der Star“, wenn ich mir den VfB vor der Saison 2015/2016 anschaue. Alexander Zorniger erinnert mich zwar optisch ein bisschen an Smudo, aber für einen Star wirkt er ein bisschen spröde. Der braucht noch a bissle. In der Mannschaft gibt es zwar den einen oder anderen, der Star-Potential hat, aber hier muss sich der Eindruck der letzten Spiele erst einmal bestätigen. Der einzige, der denkt, er wäre ein Star, ist Antonio Rüdiger und der hat sich mit diesem Selbstbild auf der Suche nach einem hochkarätigen neuen Verein scheinbar verdribbelt.

Das System ist der Star? Ja, denn zum einen scheint Zorniger genaue taktische Vorstellungen zu haben, zum anderen sind die Key-Player der letzten Saison alle noch am Platz – wie zuletzt geschrieben, sind es bis zu acht Akteure, die in der Startelf der neuen Saison stehen werden. Die Verantwortlichen im Verein setzten offensichtlich darauf, dass die vorhandenen Spieler in einer neuen taktischen Zusammensetzung erfolgreicher sein werden als in den letzten Jahren.

Die beiden von Zorniger ausgerufenen Systeme sind 4-3-1-2 und 4-4-2, das er weniger mit einer Raute als vielmehr mit einer flachen Vier (zwei Sechsern auf einer Linie) interpretiert. Die Kollegen von spielverlagerung.de und vfbtaktisch.de machen nichts anderes, als Taktiken zu analysieren, das übersteigt manchmal meinen Horizont, aber letztes Jahr ist nicht nur mir eine gewisse Asymmetrie aufgefallen, man kann es auch weniger hochgestochen Linkslastigkeit nennen. Filip Kostic rannte alles nieder, er konnte auf der linken Seite Räume überbrücken und dadurch Platz in der Mitte schaffen, ohne dass ihn die Zeit zu berühren schien.

VfB_taktik

Opfer des Systems?
Wie man sieht, bleiben die meisten Spieler weitgehend auf ihren Positionen, unter Umständen spielen Alexandru Maxim und Daniel Didavi mehr in den Halbräumen und könnten ohne weiteres zusammen spielen, aber die meisten Umstellungen müssen Kostic und Martin Harnik bewältigen. Harnik wird eher ein richtiger Stürmer. Obwohl, ein richtiger Stürmer trifft regelmäßig und zuverlässig und Zorniger wird ihm nicht die geradezu groteksen Fehlschüsse abgewöhnen können, ich will sagen, Harnik rückt von der Außenpostion ins Zentrum. Dort, wo Zorniger auch seinen Fokus sieht. Harnik wird das hinbekommen, in der österreichischen Nationalelf spielt er oft so, Kostic dagegen muss sich umstellen. Statt stur an der Außenbahn zu kleben, soll er mehr in die Halbräume und gar die Zentrale einrücken. Eine Spielweise, die er bisher nicht kennt. Und ich frage mich, ob Kostic so nicht seiner Stärken beraubt wird.

Sind es diese beiden Änderungen, die neben neuen Torhütern, Linksverteidigern und Innenverteidigern den Unterschied machen? Wird die Mannschaft erneut überschätzt oder bekommt sie endlich die Struktur, die zu ihr passt? Das sind die Kernfragen. Und wie gefestigt ist das Team, wenn der Saisonstart nicht klappt und die Maßnahmen des Trainers nicht sofort greifen?

Die Übertragung der Namen auf eine taktische Aufstellung macht es auch offensichtlich, dass in der Innenverteidigung massiver Handlungsbedarf besteht. Und zwar schnell: Wenn Rüdiger bleibt, sollte ein erfahrener IV-Back-up geholt werden. Sollte Rüdiger gehen, wird zusätzlich zum Back-up noch ein Hochkaräter benötigt, um Timo Baumgartl zu führen. „Kracher“ würde Bernd Wahler diesen Transfer nennen.

Interessant auch, dass es keinen weiteren Spielertypen wie Daniel Ginczek im Kader gibt, wenn man mal davon ausgeht, dass Vedad Ibisevic und Mo Abdellaoue den Verein verlassen werden. Steht Zorniger nicht auf einen solchen Spielertyp? Und wie kommt Ginczek mit der Umstellung zurecht, dass plötzlich Harnik in seiner Spielzone rumhampelt?

Mit Kostic und Ginczek sind es also gerade die beiden Spieler, die in der Endphase der letzten Saison den Unterschied gemacht haben – man kann auch sagen, die dem VfB den Arsch gerettet haben. Zorniger wie auch Robin Dutt scheinen darauf keine Rücksicht zu nehmen. Personen sind zweitrangig, denn das neue System ist der Star!

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3 Kommentare

  1. Marcel sagt

    Woher stammt denn deine Interpretation des 4-4-2? Wenn man sich die letzte Saison anschaut und dabei die Kicker-Analyse berücksichtigt hat er nämlich 12mal im 4-4-2 mit Raute spielen lassen. In den Testspielen hab ich das ebenso gesehen.

    • abiszet sagt

      Dass Zorniger eine flache Vier im 4-4-2 bevorzugt, habe ich in Interviews gelesen. Von den Testspielen habe ich leider nur Teile des 6:3 gegen Pilsen gesehen – und da wurde mE nicht im 4-4-2 gespielt. Eine Raute ist absolut möglich – auch hier sind die Akteure weitgehend gleich: Dié defensiv (die 6), Gentner, Maxim, Kiesewetter oder Kostic auf den beiden Halbpositionen, Didavi (oder Stöger oder Maxim) auf der 10. Is’ nur so ein Gefühl, ich denke, mit einer flachen Vier könnte sich die Mannschaft wohler fühlen, weil der Sprung vom 4-2-3-1 nicht so groß ist.

      Du würdest ein 4-4-2 mit Raute bevorzugen?

  2. Marcel sagt

    Ich denke, dass Didavi bzw. Maxim sich auf einer klaren 10 in einer Raute wohler fühlen könnten. Gegen Bern haben Maxim und Didavi in der ersten Halbzeit übrigens abwechselnd auf der 10 bzw. auf der halblinken Position gespielt. Widerspricht jetzt natürlich meinem Eingangssatz, zeigt aber, dass er das mal ausprobieren möchte und noch nicht so Recht weiß, wie er das mit Kostic anstellen soll. Da habe ich dann auch ähnliche Bauchschmerzen wie du, aber ich frage mich, warum sollte er nicht einfach Richtung Zentrum rennen können, statt zur Grundlinie. Klingt doof, müsste aber ja irgendwie machbar sein. Das handhaben Robben, Ronaldo und Co. ja auch nicht anders.

    Kiesewetter wird von Zorniger mE aber eher als Stürmer denn als Mittelfeldspieler gesehen.

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