Mini-Feature, VfB
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Was kann Alex Zorniger außer schwäbisch?

Das neue VfB-Trikot ist der Burner, der Trainer scheint ein Fuchs zu sein und erste Tests liefen verheißungsvoll. Aber es ist Zeit, die Euphorie-Bremse zu ziehen!

Diese Woche saßen Vertikalpass-Kollege Sebastian und ich beim Mittagessen und spielten unser Spiel. Es ist so etwas wie das Quiz, das Trainer Baade regelmäßig drüben auf Twitter veranstaltet (unbedingt @trainerbaade folgen!), nur nicht so gut wie seins. Meistens stellt mir Sebastian Fragen wie „Wie heißen die vier Spieler, die Franz Beckenbauer vor der WM 1990 aussortiert hat?“ oder fordert „Nenne mir acht Trainerstationen von Peter Neururer“ oder er zeigt mir alte Mannschaftsbilder aus den 70ern und ich muss 11 von 22 Spielern erkennen. Wenn ich es nicht schaffe, dann muss ich manchmal einen Text schreiben.

Also, diese Woche saß Sebastian mit Hot Pants und Flip-Flops und mir beim Mittagessen und nach nur einer Frage wechselte Sebastian das Thema und sagte: „Ich bin ja immer am Anfang der Saison euphorisch. Trainer, Neuzugänge und dann noch das neue Trikot – Weltklasse!“. Dabei lachte er. Etwas, was im Zusammenhang mit dem VfB in den letzten Jahren kaum vorkam. Ich ließ das unkommentiert, sonst stellt er mir wieder eine unlösbare Frage. Aber stimmt schon, ich weiss nicht, wann zuletzt die Stimmung so tight war im Kessel.

Alexander Zorniger hat es bereits in seiner kurzen Amtszeit geschafft, Sprachbilder zu erzeugen: Er will „zentrums-orientiert agieren“ und „bei uns wirds wild zugehen“. Das klingt fast so wie die „Vollgasveranstaltungen“ von Jürgen Klopp. Da hat einer klare Vorstellungen und artikuliert sie. Er wird konkreter als „mutig sein“, „offensiv spielen“, Euphorie entfachen“, wie es Armin Veh vor einem Jahr tat. Aber gerne gehört hat man es letzte Saison, dass es leere Worte waren, weiss man heute – vor allem, nachdem Veh die nahezu identischen Worte bei seinem Amtsantritt in Frankfurt benutzte. Auch Bruno Labbadia „muss seiner Mannschaft ein Kompliment machen“, „obwohl sie sich manchmal nicht belohnt“, aber „man muss auch schauen, wo wir herkommen“. Ja klar, hat er das gesagt. In Stuttgart und jetzt wieder in Hamburg. Da tut das breite Schwäbisch von Zorniger gut und wirkt authentischer, ein bisschen kauzig wie Christian Streich.

Was mir ein Sorgen bereitet, ist das Mantra von der Qualität. Seit Jahren sagen alle (Ex-)Verantworlichen, dass die Mannschaft qualitativ gut sei und eigentlich viel besser in der Tabelle da stehen müsse. Manchmal denke ich, dass die Spieler einfach gute Schauspieler sein müssen, reissen sich in den richtigen Momenten zusammen und machen einen guten Eindruck beim Casting. Denn Zorniger fängt jetzt auch schon damit an: „Die Mannschaft besitzt bereits Qualität, jetzt geht es darum, weitere Qualität hinzuzufügen“. Ich kann nicht so gut schwäbisch und bin taktisch nicht so foxig wie er, aber da muss ich Herrn Zorniger teilweise widersprechen. Punktuell haben wir Qualität. Word! Aber auch nur dann, wenn Spieler ihre Qualitäten auch voll und dauerhaft abrufen.

Der VfB braucht Spieler, die die Qualität der Mannschaft sichtlich aufwerten. Denn mal ehrlich, wer ist denn bisher außer zwei Keepern gekommen? Ein Linksverteidiger mit Potential aus der zweiten Liga, der besser sein soll als Adam Hlousek. Ich muss sagen, auch Sebastian in Hot Pants und Flip-Flops ist besser als Hlousek. Und dann noch ein U21-Stürmer mit Potential, der letzte Saison in der tschechischen Liga in 21 Spielen drei Tore schoß. Qualität erhöhen sieht für mich anders aus, das sind Spieler, die für Substanz in der Breite des Kaders sorgen. Sie stellen bessere Alternativen dar, als die Akteure, die Stuttgart verlassen haben (bzw. müssen). Nach Jahren des sportlichen Abstiegs sollte man nicht über die Qualität sprechen, sondern nach den Ursachen forschen und sich Konstanten anschauen. Die heißen Ulreich, Niedermeier, Gentner, Harnik. Doch da traut man sich nicht ran, lediglich mit Ulreich wurde das vermeintlich schwächste Glied in der Kette entfernt. Einen Überblick über die Torhüter-Misere seit 2007 mit den Hauptdarstellern Hildebrand, Schäfer, Lehmann, Ulreich, Leno, Karius und … Bobic gibt spox.com hier. Lesenswert!

Einen ähnlichen Text könnte man auch über die Innenverteidiger schreiben: Mit Karlheinz Förster, Guido Buchwald, Willi Entenmann und Marcelo Bordon hat der VfB da auch sowas wie eine Tradition. 2007 waren es Fernando Meira, Mathieu Delpierre und Serdar Tasci, die sich auch verletzungsbedingt abwechselten. Ergänzt wurde dieses Trio im Laufe der nächsten zwei Jahre durch Gledson, Khalid Boulahrouz und Georg Niedermeier, die aber den Abgang von Meira nicht im mindesten kompensieren konnten. Gleichzeitig schwand auch verletzungsbedingt die Form von Delpierre, weshalb der mediokre Mexikaner Maza für eineinhalb Jahre zum VfB stieß und dann durch Felipe Lopes ersetzt wurde. Wenig später verließ Tasci den Verein, Karim Haggui kam. Die aufgezählten Namen illustrieren es gut: Aus einem Spitzentrio wurde innerhalb von sieben Jahren eine Innenverteidigung, die zwar stets engagiert spielte aber regelmäßig patzte: Niedermeier und Schwaab haben in ihren guten Phasen Bundesliganiveau, Timo Baumgartl ist ein riesiges Talent, das Führung und Sicherheit an seiner Seite braucht.

Toni Rüdiger ist so gut wie weg, in der Vorbereitung spielen bisher Niedermeier und Sama, Baumgartl ist verletzt, Schwaab als rechter Verteidiger geplant. Hier muss dringend neue Qualität hinzukommen. Nicht nur der Ersatz für Rüdiger, ein weiterer Innenverteidiger muss her.

Christian Prechtl ‏(@ChrisPrech) meint: „Sie sind beim VfB ja eigentlich immer zufrieden – so lange keine Spiele stattfinden, so lange nur Spaß ist und nicht Ernst.“ Ein großer Spaß ist das neue Trikot, das geradezu hysterische Reaktionen auslöste, so als ob es Cro gemeinsam mit Afrob und Samy Deluxe gestaltet hätte. Legendär populär das Ding! Es ist in der Tat sehr gelungen, aber mir hat die Retro-Version zum 120-jährigen Jubiläum besser gefallen. Ein durchgehender roter Brustring also. Durchgehend geschlossen sind auch die Reihen im Verein, keine Info über Transfers geht raus, das erste Mal von einem Wechsel hört man weitgehend dann, wenn es der VfB verkündet.

Es ist vieles gut derzeit beim VfB und es scheint vor allem vieles besser zu sein als in den Transferperioden zuvor.

Und es ist ein Linksverteidiger in Sicht, ein Globetrotter, der auf seinen Durchbruch wartet, der aber wohl besser ist als Sebastian in Hot Pants und Flip-Flops:

Wenn ich es mit Bremen vergleiche: Hoffen wir, dass der Argentinier mehr in die Dutt-Transfer-Kategorie „di Santo“ fällt als in die Kategorie „Caldirola“ und „Obraniak“.

Aber es gibt keinen Grund euphorisch zu werden. Dass sich Zornigers Philosophie kaum geändert hat, zeigt ein Interview des hervorragenden Rotbrause-Bloggers von 2012. „Soll ich mich ändern?“ fragt Zorniger dort und nennt das 4-4-2 und das 4-3-1-2 als seine favorisierten Formationen, „auch mit dieser Schwachstelle, die es auf den Außenpositionen nun mal hat“. Ui, das passt ja perfekt zum VfB. Dass seine Mannschaft gegen Ende seiner Zeit in Leipzig spielerisch keine Mittel mehr fand, ist allerdings kein Geheimnis.

Zorniger kann seine Vorstellungen auf jeden Fall besser und abwechslungsreicher kommunizieren als viele seiner Kollegen. Aber seine Strategie, gänzlich auf Flügelspiel zu verzichten, ist noch eine völlige Blackbox. Zumal er dies wohl mit acht Spielern bewerkstelligen will bzw. wird, die letztes Jahr nur knapp dem Abstieg entronnen sind. Baumgartl, Klein, Dié, Gentner, Harnik, Kostic, Didavi, Ginczek. Heisst es also in der nächsten Saison „System ist der Star“? Damit beschäftige ich mich im nächsten Text, dann löse ich vielleicht auch die Euphorie-Bremse.

Titelbild: Staatsgalerie by vertikalpass Hotpants Productions

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3 Kommentare

  1. Nach den letzten beiden Saisons wäre ja Platz 15 sicher nach 30 Spieltagen ein Erfolg. Insofern ist es richtig auf die Euphoriebremse zu treten, um die Meisterschaft werden wir wohl nicht mitspielen.

    Bei den Transfers ist halt die Frage: Kaufe ich einen jungen Spieler, der sich noch entwickelt günstig (und mit dem Risiko, dass er es eben nicht tut) oder kauf ich „fertige“ Spieler für deutlich mehr Geld? Der VfB ist da vermutlich mehr bei #1, was ich an sich symphatischer finde – noch symphatischer ist es allerdings, wenn man Leute aus der eigenen Jugend nach oben bringt.

    • abiszet sagt

      Ich finde, es gibt Gründe, optimistisch zu sein. Dass aber einige bereits von Platz 5 (!) sprechen, ist deutlich drüber. Das ist keine Euphorie mehr, das ist überbordende Phantasie ;-) Aber gut, immer noch besser, als vor sich hin zu buddeln.

      Auch ich fände das Hochziehen des Nachwuchses am sympathischsten, aber ein zweiter Baumgartl – und den braucht der VfB – scheint nicht in Sicht zu sein. Wenn Rüdiger gehen sollte, muss aus meiner Sicht zwingend jemand geholt werden, der sofort „funktioniert“. Das ist also kein günstiger Spieler, der entwickelt werden kann, sondern ein gestandener, erfahrener Spieler, der keine Eingewöhnung braucht. Jetzt ist nur die Frage: Kommt so jemand zum VfB und kann sich der VfB diesen Spieler (trotz eventueller Rüdiger-Millionen) leisten?

  2. Pingback: #Link11: Dies ist der Tag | Fokus Fussball

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