Autor: @abiszet

Der Brustring verbindet

Ich kenne das vom letzten Jahr, als ich meinen Vater bei der Jubilarfeier vertreten habe: Es ist diese ganz besondere Stimmung, wenn Menschen in einem Raum sind, die seit mindestens 25 Jahren ihr Herz an den VfB verloren haben. Es gibt keine großen Anlaufzeiten, es wird nicht lange abgetastet, man versteht sich sofort blind als ob man sich schon ewig kennt. Da gibt es diesen Kuttenträger aus Hessen, der 1981 zum VfB-Fan wurde, als der VfB in Bochum spielte und Hansi Müller nach einem fiesen Foul auf dem Boden lag und sich direkt vor seinen Augen mit schmerzverzerrtem Gesicht wälzte: „Naheliegend“ sei die Wahl gewesen, meint er heute schmunzelnd. Hansi Müller musste in der 18. Minute ausgewechselt werden, das Spiel endete 3:3 (Beck, Dieter Müller, Six), und das Line-up liest sich so: Roleder – Habiger, Szatmari, KH. Förster, B. Förster – Allgöwer, Ohlicher, Hansi Müller (Harald Beck) – Six, Kelsch, Dieter Müller Als kleiner Junge war ihm nicht klar, dass Kassel rund 380 Kilometer von Stuttgart entfernt ist, aber ein echter Hinderungsgrund stellte das nicht …

Nur eine Frage des Systems?

Ja klar, wir fliegen nicht durch die Saison. Die Liga ist mit Demut zu spielen, niemand darf erwarten, dass der VfB alle Spiele gewinnt und jeden Gegner an die Wand spielt. Aber gegen einen biedere, mediokre Truppe wie Sankt Pauli darf man das wirklich erwarten. Auch wenn die Kultkiezkicker™ gegen den HSV und Bielefeld zu Hause gewonnen haben und der VfB nach sieben Minuten seinen Kapitän verliert und ohne Daniel Didavi spielen muss. Klar, der Platz ist schlecht, der Schiedsrichter auch, aber muss sich die Mannschaft unbedingt diesem Niveau anpassen? Sankt Pauli kann eigentlich nichts außer rennen und Lücken zulaufen und ein paar Konter fahren. Und der VfB? Es scheint so, als ob es an der richtigen Einstellung fehlt. Etwas, was schon unter Tim Walter auffiel. Hat der VfB also mehr als ein Problem mit dem Spielsystem? „Hinfahren, Arsch versohlen, Heim fahren, Bier trinken“, würde mein Freund Thomas sagen. Weit gefehlt. Anstatt dessen verlieren Orel Mangala, Philip Klement und Philipp Förster Bälle ohne Ende, es gibt schlampige Zuspiele, jede Menge Stellungsfehler, es fehlt komplett das …

Wie habe ich es vermisst!

Endlich wieder ein VfB-Spiel. Mit Freunden in der Kälte im Stadion. Der Geruch von verbrannter roter Wurscht. Das charakteristische Grummeln im Stadion. Ein überzeugender, ungefährdeter Sieg. Ein Spiel, das richtig Spaß macht. Gegen die bis dahin beste Defensive der zweiten Liga dreimal genetzt. Wie habe ich es vermisst, den Überall-Spieler Wataru Endo zu sehen, den japanischen Ascacibar (sorry Sebastian, vermisst ausser Dir jemand Santi?) und hinter ihm der extrem raumsensible, fehlerlose und tacklingfreudige Ata Karazor, für mich der beste Mann auf dem Platz. Wie habe ich es vermisst, einen selbstbewussten, befreiten, pressing-, risiko- und lauffreudigen VfB zu sehen. Auch wenn in der ersten Halbzeit nicht alles klappt, so hat man gesehen, dass deutlich schneller gespielt wird, dass versucht wird, vertikal zu spielen und dass der Ball mit möglichst wenig Ballkontakten nach vorne getragen werden soll. Kein Larifari-Fußball mehr, mit Ballbesitz als Selbstzweck. Gut, die 20 Minuten nach der Pause haben sicher Pellegrino Matarazzo auch nicht gefallen, aber echte Torchancen hat Heidenheim nicht, denn die Defensive ist deutlich stabiler als unter Tim Walter – was ehrlicherweise …

80 ist das neue 75: Alles Gute, Jürgen Sundermann!

Jürgen Sundermann, für viele Fans im fortgeschrittenen Alter immer noch der Wundermann wegen seiner Verdienste um den Aufstieg 1977, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Da können wir schon ein bisschen nostalgisch werden, oder? Dass wir dazu einen Text nahezu unverändert veröffentlichen, der exakt fünf Jahre alt ist, darf nicht als Zeichen mangelnder Wertschätzung verstanden werden. Ganz im Gegenteil: Was kann schöner sein, als mit 80 Jahren noch genauso fit zu sein wie mit 75. Oder wie Sundermann es selbst im aktuellen Interview sagt: „Allet wunderbar. Bei meinem 75. hat mir mein Arzt gesagt, dass ich 135 Jahre alt werde. Jetzt meint er, es werden noch ein paar mehr.“ Meine Erinnerungen an den Aufstieg 1977 sind altersbedingt ein bisschen nebulös. Drei Dinge sind mir aber noch sehr präsent: Die schönen Trikots mit dem Frottesana-Schriftzug (erster Trikotsponsor von 1976 bis 1979). Egal ob weiss oder rot, kurz oder langärmelig – wenn schon Werbung, dann ist das für mich das beste Trikot; nichts im Brustring platziert, der Schriftzug überzeugt mit perfekter Größe und optimalem Stand, es stört kein …

Fußball ist Mathematik!

Seit dem Trainerwechsel von Tim Walter zu Pellegrino Matarazzo wissen wir: Der VfB wird auf Jahre hinaus unschlagbar sein. Denn Ottmar Hitzfeld ist als Mathematik-Lehrer siebenfacher deutscher Meister und zweifacher Champions League-Sieger geworden, Matarazzo hat an der Columbia University in New York Mathematik studiert – was soll uns da noch passieren? Die Besetzung der Trainerposition durch den Italo-Amerikaner ist nur logisch, denn er hat die restlichen 16 Spiele der Rückrunde bereits vorausberechnet. Das Ergebnis präsentierte er bei seinem Vorstellungsgespräch: Aufstieg als Zweitliga-Meister. Ganz ehrlich, wie Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat hätte ich mich damit auch gegen Ludovic Magnin, Markus Anfang, Sandro Schwarz, Zsolt Löw und Bruno Labbadia entschieden. Lehnen wir uns also zurück und genießen die Rückrunde. Was erwartet uns also, abgesehen vom nachhaltigen Erfolg? Auch wenn ein Trainerwechsel beim VfB so etwas ähnliches ist wie die Periode in der Mathematik – ein Vorgang, der sich stets wiederholt – so beherrscht der neue Coach die Mengenlehre, er weiß, wo und wann Räume auf dem Spielfeld besetzt werden sollen. Das beinhaltet sowohl das Verhalten beim Pressing …

Bring‘ ma wieder Schwung in die Kiste!

Ich freue mich jedes Jahr auf den Mercedes-Benz Junior Cup in Sindelfingen. In erster Linie wegen des Soundtracks vor, nach und während der Spiele, einfach, um mich wieder ein bisschen so zu fühlen, wie damals, als ich noch die Haare trug wie ein aufgerissenes Sofakissen und mir Löcher in die Jeans schnitt. Ich werde auch 2020 nicht enttäuscht: „Thunder“, „We will rock you“, „Sing Hallelujah“, „Just can‘t get enough“ und als mein absoluter Favourite Track „Barbra Streisand“. Hier die kompletten Lyrics: Barbra Streisand Woo woo woo woo woo woo woo Woo woo woo woo woo woo woo woo Woo woo woo woo woo woo woo woo Woo woo woo woo woo Barbra Streisand Woo woo woo woo woo woo woo Woo woo woo woo woo woo woo Woo woo woo woo woo woo woo Woo woo woo woo woo woo (repeat) Und zwischendrin immer wieder die Animationen des durchaus aufdringlichen neuen Hallenmoderators, „Seid Ihr noch da?“ und „Bring‘ ma wieder Schwung in die Kiste“ Aber es geht beim #MBJC2020 nicht um Musik. Auch wenn das …

Eat. Sleep. Insua-Flanke. Terodde-Tor. Repeat!

Er war ein Transfer von Robin Dutt. Er war der dienstälteste Spieler des VfB. Er stand bei den drei bittersten Niederlagen der letzten viereinhalb Jahre auf dem Platz (2016 gegen Bremen 2:6, 2019 gegen Augsburg 0:6, 2019 gegen HSV 2:6). Er war wirklich nicht der Schnellste und manchmal turnte er an Stellen des Platzes herum, an denen er nichts zu suchen hatte. Sein Stellungsspiel war gelegentlich schwieriger zu entschlüsseln als das Rätsel der New York Times in der Wochenendausgabe und der Adventskalender von Heinz Kamke. Trotzdem schmerzt der Abgang von Emiliano Insua. Er fehlt als Sympathieträger, er fehlt als einer, der sich ganz offensichtlich mit dem VfB und der Stadt identifiziert hat. Es fehlen seine putzigen Posts auf Instagram, Facebook oder Twitter, gerne mal mit Schreibfehlern in den Vereinsnamen. Es fehlen seine gute Laune und sein ansteckendes Lachen. Es sind vor allem seine Flanken, die in Erinnerung bleiben. Insbesondere die auf Simon Terodde in der Aufstiegssaison, die eigentlich immer zu einem Tor führten. Die, die zu weit geschlagen waren oder hinter dem Tor landeten. Stets …

VfB mit Herz

The Power of Love

Ich habe ein Auskunftsgesicht. Überall, in Stuttgart sowieso, werde ich nach dem Weg gefragt, wie der Fahrkartenautomat funktioniert oder nach der Uhrzeit. Einmal wurde ich sogar darum gebeten, jemanden zu umarmen. Aber ich habe wohl nicht nur ein Auskunftsgesicht, sondern auch ein VfB-Gesicht. Ich stehe in meinem Businessoutfit in Frankfurt am Bahnhof, es ist Montag, 9 Dezember, ca. 18 Uhr. Ich warte auf meinen Zug und möchte dringend zurück nach Stuttgart, um mir das Heimspiel gegen Nürnberg im Neckarstadion anzuschauen. Da werde ich mal wieder angesprochen. Von einem VfB-Fan im aktuellen, roten Auswärts-Trikot. Er fragt mich auf Englisch, auf welchem Gleis der Zug nach Stuttgart fährt. Da ich denselben Weg habe, bitte ich ihn, mich zu begleiten und natürlich kommen wir ins Gespräch. Pedro ist Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, er arbeitet in Deutschland für ein Projekt bei HP – und er ist VfB-Fan „since 2007, remember Pardo and Osorio“ – und natürlich remembere ich mich. Wie sollte ich das vergessen, ich erspare Pedro aber, dass ich über 2007 ein Buch geschrieben habe. Immer wenn er …

VfB-Krise: Trainerwechsel is a must

Thomas Hitzlsperger ist unzufrieden, weil das Projekt Aufstieg in Gefahr ist. Sven Mislintat ist unzufrieden, weil er sich sicher ist, dass mit „seinem“ Kader mehr herauszuholen ist als 31 Punkte nach 18 Spielen. Tim Walter ist unzufrieden, weil sein Fußball nicht so funktioniert (und erfolgreich ist), wie er es gerne hätte. Teile des Teams sind unzufrieden, weil sie nicht an den Walterball glauben und er ihnen zu angestrengend ist. Natürlich ist auch der Aufsichtsrat unzufrieden und das ist immer gefährlich, sind da ja auch Mitglieder dabei, die vieles besser wissen und die teilweise die Manieren eines unerzogenen Rauhaardackels mit Beissreflex haben. Und was passiert: Der Trainer wird entlassen. Wenn VfB-Krise, dann ist die Trainer-Entlassung offensichtlich ein Muss. Es gibt nicht nur einen Schuldigen am enttäuschenden Abschneiden in den ersten 18 Spielen. Da sind der rechte und linke Pfosten sowie die Querlatte des gegnerischen Tores, der Videoschiedsrichter und das Unvermögen, den Ball ins Tor zu schießen. Aber es ist auch die deutliche Rückwärtsentwicklung im Verlauf der Hinrunde und die Erkenntnis, dass das sogenannte Walter-System von den …

Bölle, Borna, Ballbesitz

Alles Banane. Born to be Breitbandfußball. Auch gegen Darmstadt 98 ist das Spiel des VfB Stuttgart bedürftig und bedächtig, überhaupt nicht beflügelt, wie wir es beim Saisonauftakt gegen Hannover 96 noch gesehen haben. Same procedure as last Auswärtsspiel: Das Stuttgarter Team läuft einem Rückstand hinterher und es fehlen ihm die Mittel, gegen einen biederen Gegner Tore zu schießen. Die Taktik von Walter ist so flexibel wie ein Baum. Am Stamm bewegt er sich keinen Millimeter, während die Zweige sich ein bisschen im Wind bewegen. Ballbesitz? Interessiert auch Tim Walter nicht. Es geht um Spielkontrolle. Und die hat der Trainer der Mannschaft so eingeimpft, dass sie immer vorsichtig agiert. Zu vorsichtig. Eckbälle werden deshalb kurz gespielt, um mit einer Flanke keinen Konter zu riskieren. Vertikales Spiel wird vermieden, um dem Gegner bei Ballverlust keine Räume zu eröffnen. Statt den direkten Weg zu suchen mit einem risikoreichen Pass wird hinten rum gespielt, auch wenn man sich zuvor bis zum 16-Meter-Raum kombiniert hat. Dadurch spielt der VfB gehemmt, uninspiriert, ohne Tempo und ohne Risiko. Sowohl spieltaktisch, als auch …