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Big in Berlin!

Felix Magath ist ein Trainer-Magier, Hertha BSC auf Jahre unschlagbar. Oder hat zumindest den Klassenerhalt vorzeitig geschafft. Diesen Eindruck konnte man dem schmucklosen 1:0-Sieg der Berliner bei den schwachen Augsburgern jedenfalls gewinnen. Die Hertha ist zurück im Game, dabei muss auch Magath zugeben, dass nicht einmal er weiß, wie es sein Team geschafft hat, die drei Punkte in Augsburg zu ergattern.

“Kevin Prince Boateng hatte im Verlauf dieser Saison eine Art Mittelstellung zwischen Motivationstrainer und Maskottchen.“
(Der Tagesspiegel)

Wenn man vielen Diskussionen glauben darf, besitzt die Hertha gegenüber Stuttgart einen entscheidenden Vorteil: Berlin hat einen Führungsspieler, der VfB nicht. Die Herthaner setzen wie letzte Saison bei Sami Khedira auf eine Teilzeitkraft. Auch wenn Kevin Prince Boateng konditionell auf Augenhöhe mit Sascha Möders ist (bei deutlich besserer Figur), soll er die Mannschaft mit taktischen Fouls, Schiedsrichterdiskussionen, lautstarken Anweisungen und dem einen oder anderen guten Ball führen.

Es ist einfach eine zu schöne Geschichte: 1 Führungsspieler gleich 1 Erfolg. Alle reden über ihn, weil die farblose Berliner Mannschaft sonst auch nicht viel zu bieten hat. Boateng ist das emotionale Herz, das strategische Hirn und das personifizierte Selbstbewusstsein der Mannschaft. An ihm sollen sich Wackelkandidaten wie Marc-Oliver Kempf, Dedryk Boyata und Lucas Tousart aufrichten. Es sagt einiges über die Hertha aus, wenn ein unfitter 35-jähriger mit fast mehr gelben Karten als Spielminuten der Hoffnungsträger sein soll. Wahrscheinlich ist es Boatengs größte Stärke, dass er sich selbst ziemlich gut findet, aber kann er in seinem Zustand überhaupt zwei Spiele am Stück ohne ärztliche Notversorgung bestreiten? Am Wochenanfang trainierte er zumindest individuell.

Ansonsten muss es Santi Ascacibar, die fliegende Grätsche, richten. Oder Davie Selke, der Torjäger-Darsteller im Sturm. Oder Marvin Plattenhardt, der ehemalige Zufallsnationalspieler mit den guten Standards. Oder Marcel Lotka, die überraschend gute Nummer 5 im Tor.

Das Duell zwischen dem VfB und Hertha wurde zuletzt immer als eine Begegnung Vergangenheit gegen Zukunft bezeichnet. Hier der archaische Magath, der Taktik für Schnickschnack hält und es mit tiefgründigen Anweisungen wie „Mach’ Dein Ding!“ versucht. Dort Matarazzo, dessen Herangehensweise intellektuell wirkt und der auch im Abstiegskampf versucht, Fußball zu spielen. Dabei sind es zwei Clubs, die zu wenig aus ihren Möglichkeiten machen. Berlin, das Unsummen versenkt hat. Stuttgart, dessen halbe Mannschaft scheinbar auf den Zetteln internationaler Top-Clubs steht und trotzdem nur auf Platz 16 rangiert.

Apropos, Magath möchte ich zurufen: “Meine Vergangenheit bist du, Bruder!“ Vor 21 Jahren coachte er den VfB erfolgreich im Abstiegskampf mit dem Balakov-Tor gegen Schalke als Höhepunkt. Ein unvergessenes Spiel:

Rund 50.000 sind im Neckarstadion, manche meinen, die Hälfte wäre aus dem Pott gewesen. Und sie scheinen nicht umsonst gekommen zu sein, denn fast 90 Minuten lang steht es 0:0. Der VfB am Abgrund, alles im Arsch, alles ist am Ende. Doch wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo der Bala her. Krassimir Balakov wagte einen Gewaltschuss aus 18 Metern Entfernung – und traf. Der Abwehrversuch mit einem eingesprungenen Rittberger von Jiří Němec half nichts. Der Ball rauschte unten rechts ins Tor, und wenn der Ball nicht vom Netz eingefangen worden wäre und wenn die Cannstatter Kurve nicht gestanden hätte, dann wäre der Ball wohl erst vor dem Cannstatter Kursaal zur Ruhe gekommen.
(Ausschnitt aus unserer VfB-Fibel)

Das Schalke-Spiel 2001 war kein Endspiel, es folgte noch die 34. Partie in Frankfurt, die prompt mit 2:1 verloren wurde. Matarazzo will vor dem Hertha-Spiel Druck rausnehmen und nicht von einem Endspiel sprechen: „Es ist ein sehr wichtiges Spiel, es geht gegen einen direkten Konkurrenten um extrem viel. Wenn es das letzte Spiel wäre, dann wäre es ein Endspiel. Aber es kommen noch Spiele, in denen alles möglich ist – unabhängig davon, wie die Partie in Berlin ausgeht.“ Warum er aber immer wieder auf die kommenden Spiele verweist, ist schwer nachvollziehbar. Leichter werden die Gegner nicht, warum nicht mit voller Energie den Dreier anstreben in der Hauptstadt? Warum Erfolge verschieben, warum Hintertüren offen lassen für eventuelle Misserfolge? Je früher die Punkte da sind, desto besser. Ich vermisse – zumindest öffentlich – den unbedingten Willen zu punkten. Da wird mir zu sehr Gelassenheit zur Schau getragen. Warum nicht so wie im Abstiegskampf 2015 die letzten Spiele zu K.o.-Spielen erklären? Trainer und Sportdirektor wären unglaubwürdig, wenn sie von ihren Spielern verlangen würden Gras zu fressen. Aber wenn ein Sasa Kalajdzic nach dem Spiel im Mainz sagt, dass das Team den Druck eventuell sogar brauche, dann ist die Stimmung vielleicht doch zu relaxed.

Für Berlin ist es weniger ein Endspiel, da nächste Woche gegen Bielefeld eine machbare Aufgabe ansteht. Die gute Nachricht ist: Jeder sechste Schuss aufs Berliner Tor ist drin. Der VfB muss sich also nur so viele Chancen erspielen wie gegen Dortmund und Bielefeld, um zu gewinnen. Viel hilft viel. Die schlechte Nachricht: Hertha hat bislang in jedem Heimspiel getroffen. Der VfB wird also vermutlich nach zwei torlosen Spielen (mindestens) einen Treffer erzielen müssen, um zu punkten.

Zum Weiterlesen.
In der Spieltagsvorschau meint DIE ZEIT zur Begeggnung Hertha – VfB: “Ein Unentschieden hilft keinem“.

Der Tagesspiegel schreibt über Sasa Kalajdzic: “Sie nannten ihn Micky Maus. Keine Fußballakademie wollte den VfB-Stürmer aufnehmen. Vermutlich ist er deswegen so gut geworden.“

Fotos: Tobias Schwarz/AFP via Getty Images & Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

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12 Kommentare

  1. Bacardihardy sagt

    Gefühlt gewinnt der VfB das Spiel gegen Hertha. Wir haben einfach die technisch besseren Spieler.
    Jetzt gilt es einfach nochmals Feuer zu entfachen und Torabschlüsse zu suchen. Also vor Hertha muss man keine Angst haben. Es gilt dagegen zu halten.
    Nur bei Rino kommt dieses Feuer eben nicht so rüber, er wird nie ein Baumgart. Er nimmt lieber den Druck raus und vertraut seinen Spielern.

    Wenn der Glaube an den Trainer am Sonntag
    entscheidet, dann hat wahrscheinlich Hertha einen kleinen Vorteil aufgrund des Erfolgstrainers Magath.

    Ausgang offen.

  2. fritzo62 sagt

    4:0 für Wolfsburg gegen Mainz zur Halbzeit – eventuell konnte dem VfB nix besseres passieren als dass Wolfsburg gerettet ist – nach den letzten Auftritten brauchen wir unmotivierte Gegner um zu glänzen

  3. Konrad sagt

    Ich habe für Sonntag kein Gefühl. Denke aber, dass das Momentum eher bei Hertha liegt.
    Letzte Woche der Sieg hat sicher was losgelöst. Heimspiel, Volle Stadionauslastung.

    Man muss kein Magath Fan sein, aber offensichtlich schafft er es, dass alle alles aus sich
    rausholen. Was ist ja mal egal.

    Mir ist die Aussage von Sven Mislintat: wieso soll ich nervös sein
    oder Rino: es ist noch kein Endspiel

    persönlich zu flach. Natürlich ist es ein Endspiel, weil wir gegen Bayern und Köln nicht gewinnen und gegen Wolfsburg hoffentlich nicht verlieren. (Die führen by the way gegen Mainz grad 5:0)

    Macht im schlimmsten Fal1 ein Punkt aus diesen drei Spielen. Heißt wir sind auf die drei in Berlin sehr wohl sehr dringend angewiesen.

    Ich habe keine Ahnung, nur die, dass ich nach dem Bayern Spiel DAZN kündige,
    sollten wir die Liga halten bin ich trotzdem nicht mehr bereit für die nicht Samstags Spiele 30 Euro im Monat zu zahlen …

  4. Bacardihardy sagt

    Wenn ein Sportmanager ständig Medienpräsenz zeigt , dann ist er entweder bei einem absoluten Spitzenteam beschäftigt oder er ist einfach Mediengeil und sollte sich besser einfach mal zurückhalten. Sven geht mir langsam auf den Geist.
    Er sollte sich besser ein Beispiel an Jochen Saier von Freiburg nehmen. Weniger Quatschen , erstmal erfolgreich sein.

  5. Bacardihardy sagt

    Versteh auch nicht warum man einen Ersatztorhüter Drljaca vom BVB II für die neue Saison verpflichtet. Der spielt heute nicht mal gegen FC Halle. Das bringt unsern VfB einfach nicht weiter. Bekommt den der Sven vom BVB geschenkt, wenn er Kalajdzic billig abgibt ? Er soll lieber mal nach einem jungen vielversprechenden Torwart suchen , der dem Florian Beine macht. Wie wäre es mit dem rumänischen Nachwuchstorhüter Stefan Tarnovanu.
    Das wäre mal echte Konkurrenz und das Geld sinnvoll investiert. Muss einfach loswerden was mir auf dem Herzen liegt. Man kann nur auf Alex Wehrle hoffen.

  6. Konrad sagt

    Wenn eine Mannschaft so spielt, keine Motivation spürbar, kein Plan erkennbar, kein Wille fühlbar und man im Gegenteil sieht was Magath hingekriegt hat, dann muss man sich sehr wohl die Frage stellen, ob Ruhe, Gelassenheit, bloss kein Druck der richtige Plan war. So haben wir (sorry) keine Chance gegen eine 2. Liga Mannschaft….

  7. Bacardihardy sagt

    Ja klar. Rino hat seine Lehrjahre beim VfB gehabt. Im Prinzip gilt es jetzt nochmal ein Zeichen zu setzen und ihn freizustellen.
    Passiert aber aktuell nicht.
    Das geht jetzt einfach so weiter.
    Möglicherweise steigt der VfB dann direkt ab.

  8. Clemens sagt

    Ich freue mich schon auf die Kommentare unter dem nächsten VP Blog. Allerdings war das heute – vor allem in der 1. HZ – eine Mega-Enttäuschung. Keiner verliert gerne mit Absicht, aber einige vielleicht aus Gleichgültigkeit, weil Sie mit den Gedanken schon in Barcelona, München oder beim BVB sind.

  9. Konrad sagt

    Hallo Clemens

    wahrscheinlich muss ich Dich extrem enttäuschen, ich habe heute keinen wirklich sinnigen Kommentar für Dich. Dafür fühle ich mich emotional nach gestern leider zu leer und zu enttäuscht….

    Felix Magath hat das (dafür Chapeau !!!!!!!!) geschafft, Basics für das “Momentum” zu implementieren und (wahrscheinlich geht es hauptsächlich darum) Glaube und Kraft
    an sich selbst zu aktivieren.

    Wir befinden uns gefühlt schon seit der ganzen Saison im Abstiegskampf und verstecken
    uns hinter Plattitüden wie “wir haben gut mitgehalten…” und “wir haben noch viele Spiele gegen Mitkonkurrenten”. Frag mal bei Magath oder Baumgart nach, die meckern und nörgeln noch extrem angepisst nach einem Sieg.

    Wie viel Spiele haben wir jetzt genau noch gegen Mitkonkurrenten?

    Mislintat sagte gestern nach der ersten Hälfte “das sind wir nicht…”
    Doch lieber Sven (sorry dafür) – genau das ist der Grund, warum wir stehen wo wir stehen.

    Wir brauchen jetzt (nochmal sorry) eine Person, die emotionalisieren und Basics adhoc
    abrufbereit implementieren kann. Die Verantwortung für das Heute übernimmt und nicht auf die Pferde von Morgen setzt. Wir brauchen jetzt auch keine knallharten Analysen (überfordert noch mehr), sondern ganz einfach einen Psychologen / Mentaltrainer, der den Magath macht. Sonst wird´s auch gegen Sandhausen nix oder wir gehen gleich über Los direkt in Richtung “mein Gott Walter” (ich traue Bielefeld durchaus einen Sieg gegen Berlin zu…)

    … das Szenario wäre jetzt wegen meiner DAZN Kündigung allerdings nicht nötig gewesen. Trotzdem nett, (danke dafür) dass Ihr mich auch weiterhin bei jedem Spiel dabei haben wollt, was ich nach gestern trotz Sky Abo allerdings nicht final versprechen kann …

    • Clemens sagt

      Konrad, ich lasse solche Spiele emotional nur noch bedingt Einfluss auf mein Wohlbefinden nehmen. Aber wie bereits geschrieben, ich teile auf jeden Fall meine Enttäuschung mit dir.

      Das Szenario Sieg Arminia gegen die Hertha halte ich für realistisch. Und dann dürfe es sogar mit einem Relegationsplatz eng werden. Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte nicht absteigen, denn das hat absolut nichts Reinigendes, was einem einige gerne suggerieren. Abstieg bedeutet noch weiter gegenüber der Konkurrenz zurückfallen.

      Aber wenn es so kommt, dann ist der VfB mit seinem Projekt eben gescheitert. Ganz pragmatisch feuere ich dann den VfB in der 2. Liga an, benötige nur noch Sky Ticket und kann meine DAZN Jahres-Gutscheine verkaufen. Ob Mislintat dann weitermachen darf oder man sein Konzept als gescheitert betrachtet, ist mir zumindest jetzt gerade komplett egal. Darüber können wir in der Sommerpause sinnieren. Jetzt gilt es, noch einmal alles zu investieren und zwischen Mannschaft und Fans keinen Keil zu treiben. Dass die Fans Tomas’ Trikot nach Spielende zurückgeworfen haben, ist dabei sicherlich nicht förderlich.

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