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Das ist alles a bissle zu wenig

Bissle spielen, bissle passen, bissle schießen, bissle verteidigen. Ergebnis: Platz 3 nach 26 Spielspieltagen, mit dem vermeintlich höchsten Budget und besten Kader der zweiten Bundesliga.

In der Saison 1995/1996 gab es eine der vielgerühmten VfB-Kampagnen: Krassimir Balakov schaute ernst von einer unbeholfen gestalteten Großfläche und ihm wurde in den Mund gelegt „Was heißt ‚a bissle‘? Ich will alles!“ Das Ganze lief unter dem Kampagnenmotto „Kämpfen für die Fans“. Vor 25 Jahren waren die Fans offensichtlich noch wichtig. Viel wichtiger allerdings: Die Einstellung, die sich durch dieses Motiv ausdrückte. Sich durchaus über die eigenen Qualitäten im Klaren zu sein – im Kader damals neben Weltstar Balakov unter anderem Weltmeister Thomas Berthold, Frank Verlaat und Giovane Elber – aber auch zu wissen, dass der Erfolg mit Arbeit verbunden ist und man sich nicht mit dem Erstbesten zufrieden geben wollte.

Was für ein Unterschied zu heute. Da spricht nicht nur Mario Gomez davon, dass der VfB ein Spitzenteam sei. Auch wenn sich offensichtlich mehr Spitzenverdiener als Spitzenspieler im Kader befinden. Das führt zu Frage: Können sie es nicht oder wollen sie es nicht?

Der von Sven Mislintat zusammen gestellte Kader wird stets als aufstiegsfähig bezeichnet, obwohl es durchaus Lücken gibt: Wenn Nathaniel Phillips rechter und Gonzalo Castro linker Verteidiger spielen müssen, wenn Silas als Rechtsaußen und Nicolas Gonzalez als Linksaußen positionsfremd agieren müssen, dann erscheint dies keine optimale Kaderplanung zu sein. Einen zuverlässigen Knipser wie zum Beispiel Fabian Klos (Bielefeld) oder Manuel Schäffler (Wiesbaden) sucht man ebenfalls vergeblich, was würden wir geben für einen Simon Terodde in der Form 2016/2017? Die Mischung im Team wirkt recht wild: Die Truppe besteht aus einer Reihe sehr kostspieliger Routiniers, deren beste Zeit lange vorbei ist. Aus einigen hochveranlagten Talenten, deren beste Zeit noch kommen wird (nicht beim VfB!). Und aus nicht wenigen Mittelmaß-Spielern, deren Leistungsvermögen offensichtlich anders (= höher) eingeschätzt wurde. Es fehlt ein aggressive Leader, es fehlt ein emotional Leader, es fehlt überhaupt ein Leader, ein Problem, das den VfB über Jahre verfolgt.

Trotzdem darf dieses Team nicht zwei Mal gegen Wehen Wiesbaden verlieren und gegen Sandhausen und gegen Fürth und gegen Osnabrück. Womit ich vom Können zum Wollen komme: Der VfB tritt als selbsternanntes Spitzenteam an, ohne sich wie ein solches zu verhalten. Keiner kennt „Was heißt ‚a bissle‘? Ich will alles!“. Es wird der Weg des geringsten Widerstandes gesucht , das sieht immer bemüht aus, ohne letzte Konsequenz. Das sieht stets gefällig aus, aber auch immer ein bisschen überheblich. Meistens alles im gleichen Tempo, ohne Überraschungsmomente. Kommt es wirklich zur Gegenwehr (= Gegentor), dann ist die Mannschaft nicht in der Lage, aus dem Larifari-bissle-Modus herauszukommen. Das gelang ihr nicht unter Tim Walter und das gelingt ihr auch nicht unter Pellegrino Matarazzo.

Das hat auch Sven Mislintat bemerkt. Der von ihm ambitioniert zusammen gestellte Kader kommt in der Beurteilung immer schlechter weg und damit auch er als Kaderplaner und Diamantenauge. Er hat deshalb den Ton verschärft und kritisiert sein Team öffentlich, appelliert an Zusammenhalt, fordert Widerstandsfähigkeit und Konsequenz im Spiel. Nur: Erreicht er damit seine Spieler? Hat sich nicht durch das gesamte Verhalten des Clubs das Denken festgesetzt, dass der VfB sowieso die beste Mannschaft der zweiten Liga ist und sie sich nur selbst schlagen kann? So wie sich auch letzte Saison das Denken festgesetzt hat, dass der VfB viel zu gut für einen Abstieg ist und notfalls in der Relegation den Klassenerhalt klar macht?

Der Mannschaft muss sehr schnell klar werden, dass sie für den Erfolg arbeiten muss – und zwar alle und nicht nur „a bissle“. Angesichts des bisherigen Saisonverlaufs sind allerdings Bedenken angebracht.

PS: Der VfB beendete die Saison 1995/1996 nach einem 3:1 gegen Karlsruhe (Tore: 2x Bobic, Elber) auf Platz 10. A bissle zu wenig, oder?

Zum Weiterlesen:
Christian Prechtl fragt sich in der Kontext Wochenzeitung, warum der VfB in der zweiten Liga herumdümpelt.

Gute Aktion vom VfB:
Zum Heimspiel gegen den HSV tritt die Mannschaft mit einem Sondertrikot an. Statt dem Sponsor stehen im Brustring Botschaften wie „Wir sind Fans von Euch“, „Danke an die Helden des Alltags“, „Danke für Eure Nachbarschaftshilfe“, „Danke für Euren Mut“, „Danke für Eure Hilfe“ und „Danke für Euren Einsatz“, was sich an alle Menschen richten soll, die sich in der Zeit der Corona-Pandemie besonders engagieren.

Bild:
Ein herzlicher Dank geht an Matthias Kalafatis vom „Kalaluna“ in Schorndorf. In der Sportsbar finden sich Hunderte solche Schätze. Ein Besuch lohnt sich unbedingt. Auch zu VfB-Spielen, die im „Kalaluna“ ab dem Wochenende auf Großleinwand, im Freien und in einer Bestuhlung mit garantiertem Sicherheitsabstand übertragen werden.

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7 Kommentare

  1. Mozy sagt

    Wichtig finde ich es in dieser sehr guten Betrachtung, dass man Matarazzo da raus hält; der Mann kann am wenigsten was für die Zustände im Kader. Dieser ist schon von Reschke völlig unausgewogen zusammen gestellt worden und Mislintat hat das leider nicht viel besser gemacht. Es tut mir Leid, aber es geht bergab, seitdem Wolf und Schindlmeiser weg sind (vorher natürlich auch). Aber hier ist für mich der Hauptbruch passiert, der leider nie auskuriert wurde. Jetzt stehen teilweise Spieler auf dem Platz, die genau wissen, dass wenn sie aufsteigen, dass sie keine Sonne in der 1. Bundesliga sehen werden. Warum also anstrengen. Der VfB wird in der allgemeinen Öffentlichkeit aufgrund seiner Belanglosigkeit belächelt. Der Einspruch gegen den Elfer in Wiesbaden ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Warum also für diesen Klub sich den Arsch aufreißen? Und das ist das Problem dieses Clubs. Das fängt auf dem Platz an und hört beim Kaderplaner auf und zurück. Die alten im Kader denken an eine möglichst lange Vertragsbindung mit möglichst hohem Gehalt. Die Jungen denken, dass sie so gut sind, dass die Bayern sie schon irgendwann holen werden. Und dazwischen sind die, die es eben nur zum VfB geschafft haben. Die einzigen, die sich für diesen Verein das Bein ausreißen, sind wir treudoofen Fans. Und das macht mich traurig und stolz zugleich. Man sucht dich seinen Verein eben nicht aus. Aber es tut weh, wenn man seine Liebe so abkacken sieht.

  2. drhuey sagt

    Immer wieder schön was ihr alles ausgrabt und dadurch Erinnerungen hervorruft. Erinnerungen an die gute alte Zeit von der wir ja wissen, dass sie so gut auch nicht war. Aber in Anbetracht der gegenwärtigen Darbietungen (t=10y) erinnert man sich gerne an die Kerle wie Balakov. Und da habt ihr natürlich einen Punkt getroffen, der mir bis heute schleierhaft ist. Warum hat der VfB aufgehört echte Leader zu engagieren, die alleine schon dadurch, dass sie auf dem Platz stehen, Signale an den Gegner senden? Jeder weiss: Du brauchst dieses Arschloch im Team, der nicht verlieren kann und allen auf dem Platz auf den Sack geht. Aber es ist auch dieses Arschloch, der jeden etwas mehr laufen und sich reinhängen lässt. Dabei muss die eigene Leistung natürlich immer einwandfrei sein sonst fehlt es an Glaubwürdigkeit. Und da liegt der Hund begraben. Die erfahrenen Spieler sind Auslaufmodelle und jeder betont seinen Respekt vor Gomez und Co., aber sie ziehen den Karren nicht. Man beobachte nur mal die Kommunikation zwischen Gomez und Gonzales nach dem xten verstolperten Ball bevor die Flanke kommen sollte…man schaut sich fragend an…das war’s. Der ganze Kader spricht nicht. Es fehlen echte Kerle, Mentalitäts- und Attitudemonster. Ich wünsche mir einen Lehmann, der dem unaufmerksamen Bouhlaruz die Winterkappe vom Kopf reisst. Und während ich schreibe merke ich, dass ich den VfB nicht mehr verstehe. Mislintat: was habe ich frohlockt, aber seine Neuverpflichtungen bleiben vieles schuldig; Matarazzo: endlich wieder saubere Analyse und Flexibilität, aber er bekommt wie so viele vor ihm keine Mannschaft gebaut; die meisten Neuverpflichtungen verschlechtern sich kontinuierlich. Ich befürchte mittlerweile sogar, dass Liga 2 Dauerzustand werden könnte.

  3. Bacardihardy sagt

    Also a bissle ist jetzt das Trainerteam gefordert. In meinen Ohren klingen noch die Lobpreisungen von unseren Oldstars Didavi und Gomez wie super doch das Trainerteam ist. Das war vor ca 3 Wochen. Bei soviel Lob klingen bei mir immer die Alarmglocken. Mir wäre es da lieber sie würden auf das Training schimpfen wie hart dies Training sei. Klar ist es Materazzos Aufgabe hier Gas zu geben und nicht den leichten Weg zu gehen. Ansonsten wird er wieder in seine Rolle als Assistenztrainer zurückversetzt. Er ist gefordert sonst keiner. A bissle schnell bitte. Mir ist lieber , wenn sie schon nix hinbekommen, dass dann junge Spieler wie Coulibaly mal spielen als so alte Castros. Die hatten genug Chancen. Das Mittelfeld mit Castro und Didavi ist viel zu träge. Da muss Tempo rein.

    • @abiszet sagt

      Da sind wir beim Können und Wollen: Wir werden die gesamte Restsaison wohl mit Castro Vorlieb nehmen müssen. Es gibt für links hinten genau Null Alternativen, da Sosa verletzt ist. Matarazzos Möglichkeiten sind eingeschränkt: Back-up für Didavi heisst Klement (oder Egloff), … ja gut ähh, … treffsicherer als Gomez ist wer?

  4. Clemens sagt

    Der Blick in die Vergangenheit verklärt häufig die historische Realität. Und viele der sogenannten Leader waren nur selten auch sportlich so herausragend, wie seinerzeit Balakov. Und selbst dieser zeigte in seinen letzten 2 Jahren mehr Schatten, als dass er noch Glanzpunkte setzten konnte. Als sein MV-Rentenvertrag endlich aufgelöst werden konnte, war ich irgendwie auch erleichtert – trotz aller unbestrittenen Verdienste.

    Einen Aggressive-Leader hatten wir bis zur Winterpause übrigens im Kader: Ascacibar. Dieser befand sich zwar technisch und spielerisch noch in einer längeren und größeren Lernkurve, aber zumindest hat der kleine Argentinier in solchen Spielen wie gegen Wiesbaden auch mal dazwischen gehauen und dem Gegner rechtzeitig zu verstehen gegeben, dass mindestens ein VfB’ler bereit ist, sich zu wehren. Gegen Wiesbaden gab es in der Anfangsphase vom Gegner ordentlich was auf die Socken, so dass beispielweise Silas nach 20 Minuten und dem 6 Foul an ihm der Schneid fehlte, weiterhin in 1-zu-1 Situationen zu gehen. Stattdessen reihte er sich in die Reihe derer ein, die lieber wieder zurück oder quer gepasst haben.

    Auch für den rechten Flügel hatten wir bis Saisonbeginn einen schnellen Mann, der mittlerweile in Reims spielt, nämlich Donis. Ob er seine Sache dauerhaft besser gemacht hätte als Silas über den bisherigen Saisonverlauf ist rein spekulativ. Aber sehr viel schlechter?

    Was ich mit diesen beiden Beispielen ausdrücken möchte ist, dass wir Spieler hatten, die entweder das aktuelle Vakuum im Kämpferischen hätten ausfüllen können oder wir Spieler hatten, die vermutlich keinen schlechteren Job gemacht hätten, als die, die jetzt gekommen sind. Und natürlich gab es Gründe, weshalb man sich von Donis (Einstellung) und Ascacibar (Transfersumme, 4-fach Besetzung auf der 6’er Position) getrennt hat, aber ihre Nachfolger zeigen aktuell eben nicht, dass sie in jeder Beziehung eine Verbesserung darstellen.

    Sven Mislintat steht vor dem Problem der meisten Kaderplaner, mit den vorhandenen Mitteln möglichst kreativ zu wirtschaften. Allerdings konnte er in Relation zu sämtlichen anderen 2. Ligisten eigentlich aus dem Vollen schöpfen. Und gemessen daran ist der aktuelle Punkte-Ertrag und die damit verbundene sportliche Ausgangssituation für den Aufstieg eher dürftig. Wenn Hamburg am Sonntag gegen Bielefeld (die aus meiner Sicht bereits durch sind) gewinnt, kann der HSV (selbst bei einem Sieg der Schwaben in Kiel) sich am Spieltag danach in Stuttgart bequem hinten reinstellen, auf Unentschieden spielen und auf Konter lauern. Und Kittel, Pohjanpalo und Jatta werden dem VfB nicht den Gefallen tun und eine Chancenverwertung wie SVWW an den Tag legen. Ich fürchte, wir haben mit dem Punktverlust in Wiesbaden leichtfertig den Aufstieg verspielt. Und das ahnen womöglich auch Mislintat und der VfB, weshalb man zu einem VfB-unüblichen Mittel, nämlich dem Einspruch gegen die Spielwertung, gegriffen hat.

    Spieler wie Kobel, Gonzalez, Mangala oder Kempf werden nicht zu halten sein. Von den alten Recken wird man sich vermutlich bzw. hoffentlich eh trennen. Bleiben werden die Durchschnitts-Kicker wie Bredlow, Karazor, Klement, Kaminski, Endo, Förster, Al Ghaddioui und Phillips – das wäre dann ein klassischer 2. Liga Kader. Vielleicht kommen aber auch einige der Talente wie Silas, Mola, Klimowicz oder Kalajdzic noch auf Touren und schaffen den Durchbruch? Aktuell fehlt mir leider der Glaube an eine erfolgreiche Zukunft des VfB.

  5. Elmar Amendinger sagt

    Auf den Punkt getroffen, Eurem Kommentar ist nach dem Spiel heute in Kiel nichts hinzuzufügen. Eine weitere große Enttäuschung. Man muss sich mal vor Augen führen gegen welche Mannschaften der vermeintlich „große“ VfB diese Saison verloren hat. Und vor allem die Budgets gegenüber stellen ! Von einer Krise draußen ist bei denen noch nichts angekommen, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen werden. Die bekommen weiter ihre Millionen und haben es gar nicht verdient unser Trikot spazieren zu tragen. Unfassbar auch, Castro, Didavi und Badstuber dürfen noch ein weiteres Jahr hier rum stümpern, die Zahlen in diesen Verträgen möchte man gar nicht kennen.

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