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Herr der Augenringe

Es war für uns der Moment der Saison. Bereits hier wurden die dramatischen Weichen für eine erfolgreiche Runde gestellt, an deren Ende die Champions League Quali und das Pokalfinale standen. Man stelle sich vor, der VfB hätte nach der Super-Cup-Niederlage gegen Bayern München und dem 1:2 gegen Union Berlin zum dritten Mal nacheinander verloren, der Saisonstart wäre ein Katastrophenfilm gewesen mit FSK 18. Dann wäre noch der Woltemade-Abgang dazugekommen, Sebastian Hoeneß hätte schlechte Laune gehabt und Stuttgart hätte gebrannt wie ein Die-hard-Set. Lange sah es nach fear and loathing in Braunschweig aus. Der VfB spielte in der ersten Pokalrunde erst Penalty Fiction und es endete schließlich mit The Good, The Bad and The Assignon. Ein Pokalspiel wie ein Tarantino-Film: zu lang, völlig absurd, voller Wendungen und immerhin mit ein paar lustigen Dialogen (Alex Nübel: „Ich weiß nicht, wie gut ich einschlafen kann“). Tiago Tomàs zeigte hier schon seinen Sinn für große Momente, ohne dass wir ahnten, dass er gegen Freiburg und Hoffenheim mit den Dingern in Serie gehen würde. Sein absurder Trick vor dem 3:4 …

Das ist alles nicht normal!

“Wir gewinnen sowieso“, sagten und sangen die Bayern Fans schon vor dem Spiel. Und das ist auch deren Haltung: Einen Titel zu gewinnen ist für sie normal, auch wenn der letzte Pokalsieg sechs Jahre her ist. Der VfB und seine Fans sind davon weit entfernt: Auch wenn es historisch und schlicht sensationell ist, zwei Mal hintereinander das Pokalfinale zu erreichen, das wird für uns nicht so „normal“ werden wie für den FCB. Ich bekam schon am Donnerstag und Freitag Bilder von Freunden: „Es gibt einfach so viele tolle Menschen im VfB-Umfeld“. Es wurde das Zusammensein gefeiert, die Liebe zum Verein, die Entwicklung des Clubs und trotz eher geringer Chancen stieg die Vorfreude auf das Finale von Minute zu Minute. Weil es mehr als 90 Minuten auf dem grünen Rasen sind. Gemeinschaft, Zusammenhalt, Identifikation, Identität. Die Stimmung in der Stadt ganz besonders, auch wenn ich von einem Berliner Fahrradfahrer mit einer leeren Zigarettenschachtel beworfen wurde, verbunden mit der Schrei „Stuttgart verrecke“. Er mag wohl Stuttgarter generell nicht, wie auch die BFC-Fans, zu denen ich in die …

Alles auf Rau(s)ch!

Nach dem Fastabstieg 2023 fühlte sich die Vizemeisterschaft eine Saison später komplett surreal an. Genauso surreal wie der erste Auftritt in der Champions League nach 15 Jahren – ausgerechnet im Estadio Bernabeu. Bei vielen Fans kickte das Imposter-Syndrom: Gehörte der VfB Stuttgart auf einmal wirklich in die Beletage des europäischen Fußballs? Spiele wie jenes gegen Real Madrid oder gegen Juventus Turin zeigten, was unser Club gegen die besten Teams der Welt ausrichten kann. Partien gegen Atalanta Bergamo und PSG legten offen, wie viel noch fehlte und warum es schlussendlich nicht für die Play-off Spiele reichte. Nach dem Ausscheiden aus der Königsklasse machte sich der Champions League Blues breit: Nur Platz 10 in der Rückrundentabelle und eine historische Heimpleitenserie machten das Pokalfinale gegen den Drittligisten Arminia Bielefeld zum Gradmesser, wie die Saison 24/25 in die Geschichtsbücher eingehen würde. Zum Glück mit dem Pokalsieg und der Qualifikation für die Europa League. Nimmt man die Spielzeit 24/25 als Maßstab, kann man Sebastian Hoeneß und seinem Team attestieren, dass die Saison 25/26 von Kontinuität geprägt war: Nur an den …

Der Goalie trägt nun kurze Hosen im Himmel

Der VfB hatte schon immer legendäre Torhüter: Meistertorhüter Otto „Gummi“ Schmid oder Karl Bögelein, der aus dem Krieg mit nur drei Zehen am linken Fuß zurückkehrte. Es gab den „Mann mit der Mütze“ Günter Sawitzki, Gerhard „Flieger“ Heinze, EM-Keeper Eike Immel, Comedian Franz Wohlfahrt. Natürlich Timo Hildebrand, den verrückten Jens Lehmann, Frührentner Sven Ulreich und schließlich Nübel Nübel Nübel. Aber es gab nur einen „Goalie“ und der saß viele Jahre beim VfB auf der Bank: Jochen Rücker. Generationen von Profis riefen Rücker ausschließlich bei seinem Spitznamen: „Goalie, Goalie, Goalie“ schallte es bei jeder Gelegenheit im Chor über Trainings- und Spielplätze. Rücker nahm es hin, lächelte dazu bescheiden, er konnte aber auch streng sein, wenn ihm etwas nicht passte! Er bestritt kein einziges Spiel für den VfB, im Tor schon gar nicht. Rücker war Keeper in Botnang und Kaltental, bei der zweiten Mannschaft der Stuttgarter Kickers und bei der SpVgg Ludwigsburg 09. Er war der Familie Mayer-Vorfelder freundschaftlich eng verbunden und in den 80er Jahren auch Fahrer des Präsidenten. 1987 stieg er beim VfB als Amateurtrainer …

Medo, der Mentalitätsspieler

Bei vielen Spielen das VfB seufzte ich in der Vergangenheit: „Ach, wenn er nur kicken könnte“ und meinte damit Ermedin Demirovic. Da hatte er mal wieder einen Ball verstolpert, einen Flugball nicht festgemacht oder einen Pass im Kombinationsspiel versemmelt. „Er ist genau für diese Spiele geschaffen. Er ist auch in der Lage, die anderen Spieler mit anzuzünden“, war Sebastian Hoeneß dagegen nach dem 3:1 gegen Leverkusen voll des Lobes für seinen Mittelstürmer. Demirovic kann man also auch anders sehen und Hoeneß liegt natürlich richtig mit seiner Einschätzung. Allerdings: Demirovic muss so eingesetzt werden, dass er seine Stärken entfalten kann. Lange Bälle festmachen: nicht so sein Ding. Zocken mit den Mitspielern: lieber nicht. Er ist ein Finisher, der Strafraum sein Revier. Er muss so angespielt werden, dass er möglichst gleich mit dem ersten Ballkontakt abschließen kann. In der Tat: Demirovic riss gegen Leverkusen die Mitspieler mit, aber auch das Publikum. Seine Ausstrahlung wichtig in der Begegnung gegen Leverkusen. Ihm waren Ehrgeiz und Überzeugung anzusehen, an ihm konnten sich alle orientieren. Schade, dass ihm der VAR direkt …

Über die Kunst, so ein Spiel nicht zu verlieren

Der VfB gewinnt in Hoffenheim 3:3 und verdient ist das nicht. Bis zur roten Karte von Atakan Karazor zeigte nur ein Team, dass es in die Champions League will. Der VfB war es nicht. Glück gehabt hat der VfB und Glück gebraucht, denn er fand die richtige Haltung in diesem Spiel erst, als er in Unterzahl spielen musste. Dass Hoffenheim den VfB nicht abschoss, das Spiel nicht 6:2 oder 7:2 gewann, lag an ihrer „Unreife“ (Andrej Kramaric) und an Alex Nübel, der ein überragendes Spiel mit teilweise spektakulären Paraden zeigte. Wie brachte der VfB es fertig, dieses Spiel nicht zu verlieren? Weil der Gegner am eigenen Werk scheiterte. Oliver Baumanns Katastrophenspiel Mindestens die zwei Tore von Chris Führich und Ermedin Demirovic muss der deutsche Nationaltorhüter halten. Es wäre keine große Kunst gewesen, jeweils das kurze Eck zuzumachen. Wobei man auch zugeben muss, dass bei beiden Treffern jeweils nur ein Pinselstrich Platz war für den Ball. Hoffenheims katastropale Chancenverwertung Einweder spielten sie es nicht clever aus oder sie scheiterten an Nübel Nübel Nübel. Der Stuttgarter Torhüter …

VertikalGIF #TSGVfB: Weniger ist mehr

Wer hätte gedacht, dass das Saisonfinale aus VfB-Sicht auch in dieser Saison wieder so spannend sein würde. Neben dem erneuten Pokalfinale in Berlin, bestreitet das VfB drei weitere Finals, um den Einzug in die Champions League einzutüten. Den Auftakt machte die Partie in Sinsheim, das nicht nur weniger als 100 Kilometer von Stuttgart entfernt stattfand, sondern auch noch bei bestem Wetter – und am Samstagnachmittag um 15:30! Grund genug für über 40 VfB-Fans, die Fahrt nach 2024 erneut mit dem Fahrrad anzutreten. Der Club hatte sich nicht lumpen lassen und für alle, die an den Start gegangen waren, “rote Warnwesten” organisiert. Und so rollte das rote Brustring-Peloton am Neckar entlang Richtung Hoffenheim. Übrigens ohne einen einzigen Defekt! Nicht nur die Radler waren rechtzeitig am Start, sondern natürlich auch zahlreiche andere VfB-Fans, die das Stadion der Hoffenheimer mal wieder mindestens zur Hälfte füllten und für Stimmung sorgten. Aber auch die Fans der TSG zeigten eine kleine Auswärts-Choreo. Nur welche Stadt meinten sie mit “Meine Stadt. Mein Verein”? Gleich nach Anpfiff zeigten sich zwei Dinge: Zum einen, …

Wäre es ohne Champions League eine erfolgreiche Saison?

Achtelfinale Europa League, zum zweiten Mal in Folge im Finale DFB Pokal, viele begeisternde Spiele, zum dritten Mal nacheinander geht’s auf die Reise. Ein Fußball, der Spaß macht. Der ligaweit und international respektiert wird. Viele Spieler, die weiterentwickelt wurden: Auch im dritten Jahr nacheinander setzt der VfB seine positive Entwicklung fort – und das, nachdem im dritten Jahr nacheinander Leistungsträger verkauft wurden. Aber: Wäre es auch eine erfolgreiche Saison, wenn sich der VfB nicht für die Champions League qualifiziert? Fabian Wohlgemuth beantwortet die Frage ganz einfach: „Wenn das i-Tüpfelchen, die Champions League, dazu kommen würde, dann wäre es keine sehr gute Saison, sondern eine absolut überragende Saison.” Der VfB ist sicher für die Europa League qualifiziert, ein Wettbewerb, der dem VfB gut zu Gesicht steht. Gegner auf Augenhöhe mit einer realistischen Chance, die K.o.-Runde zu erreichen. Wäre es für die sportliche Entwicklung nicht sogar besser, den „kleineren“ internationalen Wettbewerb zu spielen? Also eher kleine Schritte statt womöglich in die Champions League Falle zu tappen? Dem gegenüber stehen die riesige Reputation der Champions League und natürlich …

Der müde VfB

Ich muss zugeben, ich war am Sonntag müde. Und das lag nicht daran, dass ich gleich morgens um 11 Uhr bei den VfB-Frauen beim PSV war. Wahrscheinlich war ich genauso müde wie die Spieler, die noch am Donnerstag ein aufregendes Pokal-Halbfinale spielten. Auch ich will in die Champions League, aber ich konnte mich noch nicht mal über das 1:1 aufregen. Dabei hätte es gegen Werder Bremen genug Aufreger gegeben: Die unterirdischen Standards, alleine 14 Ecken ohne jede Wirkung, dazu noch ein paar lommelige Freistösse. Am besten schenkt der VfB die Standards einfach. Entweder geben wir dem Gegner gleich den Ball oder führen statt einem Standard einen Einwurf aus. Die unmotivierten und unzähligen Flanken, obwohl sich niemand im Strafraum befand, der sie hätte verwerten können. Wie sich Chema ein ums andere Mal den Ball klauen ließ. Obwohl er keine 120 Minuten in den Beinen hatte, war er im Kopf genauso langsam wie Deniz Undav. Wie Undav über den Platz stolperte, na ja, … er hatte eben genauso schwere Beine wie ich. Auch Angelo Stiller wirkte so …

Ein Spiel, für immer in den Herzen der VfB-Fans

Als nur noch wenige Sekunden zu spielen waren im Halbfinale gegen Freiburg, rannte Jamie Leweling jubelnd die linke Angriffsseite mit erhobenen Armen entlang. Ein verrückter Kerl. Ich bin mit erhobenen Armen heute morgen aufgestanden und mit erhobenen Armen ins Büro gegangen. Wenn mich jemand komisch anschaute, zeigte ich auf das Wappen meines VfB-Jäckles, das ich zur Feier des Tages trage. Einer lachte und rief mir mit geballter Faust „Wahnsinn“ zu. Ein bisschen habe ich mich heute morgen wie Jamie gefühlt und Jamie wird sicher wie ich mit erhobenen Armen aufgestanden sein. Das zweite Mal in Folge das Pokalfinale erreicht zu haben ist ein erhabener Moment. Einmalig in der Geschichte des VfB. Einmalig auch, wie Tiago Tomàs das Siegtor schoss. Wie nennt man das, was er gemacht hat? Hacken-Volley? Beine verknoten? Vorbereitet vom wenige Sekunden vorher eingewechselten Badredine Bouanani. Von beiden hatte man in dieser Saison mehr erwartet. Als es darauf ankam, lieferten sie, wurden zu den Matchwinnern. Und Tomàs erzielte das komplizierteste Tor des Abends. Deniz Undav, Chris Führich, Angelo Stiller und Bilal El Khannouss …