Mini-Feature, VfB
Kommentare 4

Der VfB gewinnt das wichtige Aua-Spiel

Christian Gentner wäre stolz gewesen: Der VfB auf Augenhöhe mit Mainz. Die gute Nachricht: Aber nur, weil Mainz den VfB auf sein Niveau runter gezogen hat.

Kennt noch jemand Jens Jeremies? Ein eher mittelmäßig begabter und beliebter Mittelfeldspieler und Treter bei Bayern München Ende der 90er-, Anfang der Nuller-Jahre. Aber er brachte es mit seinen limitierten Fähigkeiten recht weit und wusste durchaus als Trashtalker zu überzeugen. Zum eleganten französischen Mittelfeldlenker Patrick Vieira sagte er einmal während eines Champions League-Spiels gegen Arsenal London: „Siehst Du die Mittellinie? Kommst Du drüber, macht es Aua!“ Im Spiel gegen den FSV Mainz 05 machte es mehrfach Aua für die VfB-Spieler. Der Jens Jeremies von heute und aus Mainz heisst Dominik Kohr und blieb bis zur 81. Minute erstaunlicherweise ohne gelbe Karte, obwohl er einiges unternahm, sich den Karton früher zu holen.

Dem Tabellenvorletzten ging es nur darum, den Spielfluss zu unterbrechen, wenn nicht mit erlaubten Mitteln, dann mit Fouls. Für eine spielerisch orientierte Mannschaft wie den VfB war dies ein absoluter Stresstest, eine Reifeprüfung, ob sie nicht nur jung (und bunt!) und verspielt sind, sondern erwachsen. Sie mussten die gesamten 90 Minuten über leiden. Aber letztlich gewannen sie das Aua-Spiel, weil sie widerstandsfähig blieben und die bessere individuelle Qualität hatten.

Der VfB kreiert immer wieder ikonische Szenen für Jahresrückblicke. Der High-Speed-Konter über Marc-Oliver Kempf, Borna Sosa und Silas in Augsburg. Der Kopfballtorpedo von Nicolas Gonzalez zum 3.000 VfB-Tor nach Maßflanke von Sosa. Oder gegen Mainz der 75 Meter Sprint von Silas in rund 13 Sekunden und sein abgezockter Abschluss zum 2:0. Auch die Führung durch Sasa Kalajdzic konnte sich sehen lassen: Philipp Förster verlagert auf die linke Seite, Sosa flankt sofort aus dem Lauf eine seiner mittlerweile berühmten bornösen Flanken, die so federleicht und mit einem Lächeln auf dem Kopf von Kalajdzic landen, so dass der Wiener am Fünfmeterraum nur noch einnicken muss.

An beide Tore wird man sich erinnern nach diesem Spiel gegen Mainz. Das weitgehend zähe Spiel wird dagegen in Vergessenheit geraten. Zu unrecht. Denn dieses Aua-Spiel war für den VfB extrem wichtig. Auch wenn es in großen Teilen zerfahren war, geprägt war von vielen Zweikämpfen, Mainz immer wieder die Kombinationen unterband und Räume zustellte: Sich davon nicht entmutigen zu lassen, auch selbst körperlich dagegen zu halten und letztlich mit eigener Qualität zu gewinnen – diese Erfahrung wird den VfB weiter bringen. Es reicht nicht, nur besser zu sein. Als Folge davon muss sich dies auch auf der Anzeigetafel widerspiegeln. Wie oft hat der VfB in den letzten Jahren diese Spiel nicht gewonnen (oder gar verloren), weil er sich durch körperlich hart agierende Gegner den Schneid abkaufen ließ? Wir können ja mal Christian Gentner fragen, er stand bei vielen dieser Spiele auf dem Platz.

Taktisch interessant war, dass Trainer Pellegrino Matarazzo Nicolas Gonzalez quasi als „Mittelfeldmotor“ einsetzte. Eine Position, auf der sonst Mateo Klimowicz oder Daniel Didavi spielten. Der Argentinier ist da ein bisschen verschenkt und nicht wirklich effizient gewesen, aber er brachte besondere Aspekte ins Spiel: Kampfkraft und Leidenschaft. Auch wenn er meist übel abgeräumt wurde, so versuchte er immer wieder das Offensivspiel zu bleben, meist mit Sololäufen. Struktur kann er den VfB-Angriffen nicht geben, dazu ist seine Spielweise zu anarchistisch.

Besonders schön in zweifacher Hinsicht: Mit seinem überaus gelungenen Regenbogen-Trikot sendete der VfB eine Botschaft für eine bunte Gesellschaft. Eine gute Idee, nicht ganz zu Ende gedacht. Denn von diesem Trikot gibt es nur 1893 Exemplare. Diese Botschaft hätte eine höhere Auflage verdient. Das gelungene Design ebenso.

Zum Schluss noch gute Besserung an Gonzalo Castro:
Ausgerechnet in seinem 400. Bundesligaeinsatz musste der Kapitän verletzt raus.

„Over the rainbow“: Das VertikalGIF findet ihr hier.

Foto: Thomas Niedermueller/Getty Images

Darf gerne geteilt werden:

4 Kommentare

  1. drhuey sagt

    Den kleinen Stinkstiefel Jeremies habe ich schon verdrängt, aber vielen Dank für die Erinnerung an einen Mittelfeldgiganten der Extraklasse. Diese Bewegungen, die Übersicht und diese Defensivskills: ich habe ihn geliebt!

  2. Jörn sagt

    Das Trikot hat schon aus dem Grund eine höhere Auflage verdient, damit die ganzen eBay Geier keine Wertsteigerung erzielen und wahre VfB Fans abzocken.

  3. Clemens sagt

    Nein, es war kein Feuerwerk des VfB. Dafür hatte der Gegner viel zu wenig Interesse am echten Fußballspiel gezeigt. Dass Mainz die Partie mit 11 Mann zu Ende spielen durfte, ist die bemerkenswerteste Geschichte zu diesem Spiel. Eine andere, dass der VfB trotz der rüden Gangart der Gäste dennoch die deutlich bessere Zweikampfquote besaß, sich gewehrt hat und zusätzlich mit deutlich weniger Fouls ausgekommen ist. Dass wir indes mit Castro, Kobel, Sosa und Mavropanos dafür aber 4 angeschlagene Spieler haben, von denen Castro einige Wochen ausfallen wird, wirft einen kleinen Schatten auf diese Partie.

    Dennoch war der Erfolg Gold wert. Mit 15 Punkten Vorsprung auf Platz 17 halte ich einen direkten Abstieg nämlich mittlerweile für nahezu ausgeschlossen. Und vermutlich werden dieses Jahr bereits 35-36 Punkte für den direkten Klassenerhalt reichen, eine Marke die der VfB schaffen sollte, wenn er weiterhin so fokussiert bleibt. Im Februar spielt man u.a. gegen Hertha, Köln und Schalke und wenn es gut läuft, hat man nach diesen Partien den Klassenerhalt ggf. so gut wie im Sack. Und das wäre weitaus mehr, als man zu Saisonbeginn erwarten durfte.

  4. Bernd sagt

    Nun, was passiert wenn man nicht das taktische Foul auspackt, hat Stöger beim 2:0 recht eindrucksvoll demonstriert bekommen. Von daher ist es schon irgendwo logisch, dass unsere Gegner Woche für Woche auf die Socken hauen, weil sie das oft gar nicht anders verteidigt bekommen. Umso mehr ist es eine absolute Unart, dass die Schiedsrichter das vor allem in der Anfangsphase des Spiels regelmäßig durchgehen lassen.

    Was mir gegen Mainz besonders gut gefallen hat, ist dass man offenbar gezielt versucht hat, gegnerische Standards in Tornähe zu vermeiden und dadurch Mainz ihrer einzigen Offensivstärke beraubt hat. Nur Kempf hat das Memo offenbar nicht gekriegt, und fast hätte es geklingelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.