Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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Die Arschgeige nervt!

Während die mitgereisten VfB-Fans in Aue mal wieder ein Auswärtsspiel fast zum Heimspiel gemacht haben, verfolgten wir das traurige 0:0 im vertikalpass-Headquarter in der Stuttgarter City, Home of Straßenmusik. Als Ouvertüre geigten zwei zuckersüße Teenager Stücke von Vivaldi, niemand konnte ihnen böse sein, wenn sie nur nicht direkt unter unserem Büro gespielt hätten. Zur Einstimmung, gerade als die Aufstellungen durchgegeben wurden, spielte ein schleimiger Saxophonist so schnulzige Stehblues-Lieder, dass man sich Richard Claydermann als Hintergrundmusik wünschte. Als das Spiel ein wenig Fahrt aufnahm, so etwa als der VfB den Elfmeter nicht zugesprochen bekam, nervte die Arschgeige. Sorry, ich nenne den Geiger so, weil der immer bei uns spielt. Ich hatte ihn vor einiger Zeit schon einmal darauf angesprochen, wann er denn fertig sei, seine Geige zu stimmen. Da antwortete er mir, er würde improvisieren. Ja gut, ich habe keine Ahnung von klassischer Musik.

Ich habe auch keine Ahnung, was Felix Zwayer im Spiel gegen Aue gepfiffen hat. Ich bin da voll der Meinung von Thomas Hitzlsperger („Wer die Elfmeterszene für strittig hält, schaut zum ersten Mal Fußball“) und Tim Walter („Ich dachte, meine Frau pfeift!“), wobei gerade der Trainer mit seiner Aussage übers Ziel hinausschoss. Aber logisch, er war immer noch hoch emotionalisiert nach dem Spiel und womöglich war es auch Taktik, dass er mit seinen drastischen Einschätzungen vom insgesamt schwachen Spiel seiner Mannschaft ablenken wollte. Klar, ein Elfmeter wurde dem VfB verweigert, ein durchaus diskutable gelb-rote Karte für Borna Sosa gab es und Mateo Klimowicz und Philipp Klement hätten drei Tore machen müssen, aber insgesamt war das viel zu wenig gegen Aue. Dominantes, auf Ballbesitz fokussiertes Spiel, das ist die Ausrichtung von Walter. Wenn das aber ideenlos, ohne Tempo und ohne den nötigen Mut, in 1:1-Situationen zu gehen, gespielt wird, dann kommt ein 0:0 beim Underdog aus dem Erzgebirge heraus. Besonders auffällig: Die von Walter stets geforderten Positionswechsel sah man in der Offensive so gut wie nicht. Teilweise standen vor allem in der ersten Halbzeit Klimowicz, Nicolas Gonzalez und Daniel Didavi auf ihren Positionen und warteten auf Zuspiele aus dem Mittelfeld. Da war viel zu wenig Bewegung drin.

Als sky-Kommentator Jörg Dahlmann erzählte, Tassos Donis wäre im Gespräch bei PSV Eindhoven und er sich in eine ältere Aue-Supporterin verliebte, die eine gehäkelte lila Mütze trug, überlegten wir ernsthaft, den Ton auszustellen und die Arschgeige das Spiel kommentieren zu lassen. Aber Dahlmann schien für uns dann doch das kleinere Übel zu sein. Wobei wir nuns nicht einigen konnten, wer der Schlimmste ist: Schiri Zwayer, Dahlmann oder die Arschgeige. Wir voteten einstweilen Zway zu Null für die Arschgeige.

Mitte der zweiten Halbzeit hatte die Arschgeige endlich aufgegeben. Kaum Passanten, kein Verdienst, er nervte uns nicht mehr. Auf die Nerven geht mir allerdings die Schauspielerei von Gonzalez. Das elfmeterreife Foul ist unstrittig, aber der junge Argentinier neigt dazu, zu schnell abzuheben. Gegen Ende des Spiels versuchte er so ein missglücktes Solo zur „retten“ und weil er so schnell fällt, sehen die Schiedrichter ihn womöglich besonders kritisch. Die Süddeutsche Zeitung sieht in ihm, „wenn er sich in seiner rührenden Hyperaktivität nicht gerade selber über den Haufen rennt“, ein europaweit umworbenes Talent. „Er rackert, rennt und rast herum“, schreibt Christof Kneer, und „wenn Gonzalez Luftlöcher schlägt, sind das die begabtesten Luftlöcher der Welt“. Alles schön und gut, aber selbst Gonzalez schießt mit Luftlöchern keine Tore.

Neuzugang Silas Wamangituka feierte gegen Aue in der zweiten Halbzeit ein vielversprechendes Debüt. Er brachte Bewegung und Wucht ins Angriffsspiel des VfB und spielte sich in die Herzen aller VfB’ler, als er einen gefährlichen Konter der Auer etwa 25 Meter vor dem Tor elegant ablief. Silas erinnert mich an den jungen Demba Ba, wollen wir hoffen, dass er ähnlich treffsicher ist wie der einstige Hoffenheimer. Sein Startelfdebüt gab Klement gegen Aue, es war ein unglückliches. Zwei große Torchancen vergab er, mehrere Freistöße schoss er als Kerzen in den Strafraum. Im Moment erinnert nichts an den Klement aus der letzten Saison, in der er phänomenale 16 Tore für Aufsteiger Paderborn erzielte.

Sehen wir es positiv: Der VfB ist in dieser Saison noch ungeschlagen und immerhin ein paar Stunden Tabellenführer. Der nächste Gegner heißt VfL Bochum mit Robin Dutt an der Linie und da wollen wir einmal das sehen, was uns Trainer Walter immer ankündigt: Dominanten UND mutigen, flexiblen, schnellen Fußball. Denn bisher war der VfB in allen Spielen zwar dominant, aber selten überzeugend.

Hier gehts lang zu unserem Text mit animierten Bildern:
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Bild: Getty Images / Bongarts

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11 Kommentare

  1. Joachim Leuze sagt

    Ein bisschen möchte ich dem Schreiberling dieses Artikels widersprechen. Erstens: der VfB spielte in der Fremde! Zweitens: der Gegner stand mit Mann und Maus hinten drin und der VfB hatte dadurch nur wenig Räume.
    Drittens: der Schiri hatte seinen erheblichen Anteil daran, dass der VfB sieglos von Sachsen nach Hause fahren musste. Schiri Zwayer hat dem VfB nicht nur einen klaren Elfmeter verweigert, nein, er hat mit sehr vielen dubiosen bzw ominösen Pfiffen den Spielfluss des VfB unterbunden. Dadurch wurde das Spiel des VfB zu statisch und sah nach außen hin sehr behäbig aus.
    Die Causa Zwayer hätte man erst gar nicht für das Spiel in Aue einteilen dürfen, denn Zwayer (auch im Hoyzer-Skandal verwickelt) hat als Ostberliner natürlich Verbundenheit zum Osten. Das konnte man im Spiel gestern auch sehr gut erkennen.
    Als ich von dieser Ansetzung erfahren habe, dachte ich mir, wenn da der VfB mal punktet? Und wenn der (Kopf-) Ball kurz vor Schluss von Testroed im VfB Netz wackelt, dann hätte es womöglich nicht nur die Auer Fans beglückt, auch den Schiedsrichter-Tross, so wie es den Anschein hatte.
    Und wenn Walter in der Pressekonferenz so etwas raushaut, dann hat das mehr als nur ein Statussymbol, denn das soll ein Hilferuf in Richtung DFB sein.

    • @abiszet sagt

      Nun Joachim, ich bin der „Schreiberling“ und stimme Dir bei Zwayer absolut zu. Zu Deinen Punkten 1 und 2: In der Fremde punkten ist also besonders schwierig und das gegen einen Gegner, der seinen Bus vors Tor stellt? Damit muss der VfB wohl in 30 Spielen dieser Saison zurecht kommen, auswärts und im Neckarstadion. Und ich denke, es ist nicht übermäßig anspruchsvoll zu erwarten, dass Trainer & Team dafür eine Lösung parat haben. Was nicht heisst, dass Trainer & Team in Frage gestellt werden.

  2. drhuey sagt

    Ihr habt eine Arschgeige; der VfB einen Stehgeiger in der Schaltzentrale. Ich muss halt wieder auf Karazor zu sprechen kommen. Für mich ein total überschätzter Spieler und einen Einkauf, den ich bislang überhaupt nicht verstehe. Gestern konnte man bei Liverpool gegen Arsenal sehen wie man mit Ballbesitz und tief stehendem Gegner umgeht. Schon klar: alles drei, vier Klassen höher, aber da muss dann halt schon mal ein Pass in die gefährliche Zone kommen. Bei Walter wird der Ball unendlich lang in ungefährlichen Zonen zirkuliert…brotlose Kunst. Dabei mangelt es nicht an Läufen in die Tiefe oder quer am Strafraum. Was fehlt sind die Eier und so ist das Waltersche System bisher ein System um des Ballbesitzes willen. Der riskanterer
    Pass bedeutet eventuell Ballverlust, aber ich verstehe nicht wie man mit einer solch ausgeprägten Risikoaversion erfolgreich Fussball spielen möchte.

  3. Clemens sagt

    Ich teile deine Einschätzung zu Karazor vollauf. Während Badstuber & Co eine Anspielstation im Mittelfeld gesucht haben, machte das „Mastermind“ keinen einzigen Schritt, um sich freizulaufen. Und wenn er dann doch einmal den Ball bekam, landete dieser als Fehlpass recht schnell in der ersten Viererkette der Auer.

    Didavi hat sich mittlerweile ebenfalls wieder dem Niveau der Vor-Saison genähert. Keine Pässe in die Spitze, keine gefährlichen Standards, keine eigenen Abschlüsse.

    Bei Gonzalez scheinen sich nach wie vor die Geister zu scheiden. Einige loben den jungen Argentinier für dessen unermüdlichen Einsatz, andere (wie auch ich) ertragen seine Ungefährlichkeit vor dem gegnerischen Tor nicht mehr. Hinzu kommen seine permanenten Flugeinlagen, die ihm zu einem dermaßen schlechten Ruf bei den Schiedsrichtern verholfen haben, dass am Freitag sogar ein so eindeutiger Elfmeter nicht gepfiffen worden ist. Seine beste Aktion in der gesamten Partie war die Kopfballvorlage für Kliment kurz vor der Pause. Sollte bis zum 02.09 noch ein gutes Angebot (mindestens 15 Mio) für Gonzalez abgegeben werden, sollte man den Spieler abgeben.

    Sobald Mangala wieder fit ist, gehört dieser auf die 6, wenn bei Walter wirklich das Leistungsprinzip gilt. Kliment ODER Didavi sollte die Frage sein. Und dass Silas Wamangituka gegen Bochum in die Startelf rutschen sollte, ist vermutlich ebenfalls keine sinnfreie Forderung.

    Ich freue mich nach wie vor auf dominanten und hoffentlich auch erfolgreichen Walter-Fußball, aber die Stammformation scheint noch lange nicht gefunden zu sein und aktuell zeigt die Leistungskurve nach den beiden vielversprechenden Spielen gegen Hannover und Heidenheim leider nach unten. Wir benötigen also alle weiterhin Geduld.

    • @abiszet sagt

      @Clemens und @HerrDoktor
      Ich bin auch ein Freund von Managua, glaube aber nicht daran, dass es damit getan ist. Die Geschwindigkeit hat gefehlt, der Mut auch. Castro, Stenzel, Karazor, Didavi, Sosa, keiner ging in ein 1:1, es wurde nur quer statt vertikal gespielt.

  4. Thorsten sagt

    Zu den Strassenmusikern: Wartet ab, wenn zur Weihnachtszeit die unsäglichen Panflöten Terrormusiker in der Königstraße aufschlagen. Da werdet ihr euch nach der Arschgeige sehnen!

    • @abiszet sagt

      Bei uns wird in erster Linie gegeigt, getrommelt und geblasen (Blockflöte, Mundharmonika, Saxophon, keine Panflöte). Wobei zum Weihnachtsmarkt kommen auch die Kinder. Sie werden von ihren Eltern auf den Markt geschickt, weil sie deren Üben zu Hause nicht mehr aushalten ;-) Aber wir werden die Arschgeige nie vermissen, wirklich nie.

  5. Mozy sagt

    Sowohl Kader als auch Trainer lassen aus meiner Sicht kein schnelleres Spiel zu. Dem einem fehlt’s an Geschwindigkeit und Torgefahr, dem anderen an Methodik und offensichtlich auch an Rhetorik (Ich hab gedacht meine Frau pfeift). Würde mich ja interessieren, was Frau Walter dazu gesagt hat;-)

  6. Pessimist sagt

    Leute kommt in der Realität an – das ist insgesamt Mittelklasse 2. Liga.
    Fitness, Handlungsschnelligkeit und Beweglichkeit mancher Spieler sogar Regionalliga
    Rhetorik des Traineres ist maximal Kreisliga B

    Wer sich die Spiele der 1. Bundesliga anschaut, der sieht den Kontrast.
    Leider haben wir da aktuell sportlich noch lange nichts verloren.
    (mal vom Fan-Support abgesehen)

    Ich hoffe auf eine Entwicklung. Leider leiden die Hoffnungen auf den Trainer schon markant. Dessen Auftritte erinnern sehr stark an die Zorniger-Rhetorik.

  7. Bacardihardy sagt

    Ich mag das Gejammer über den Schiri nicht. Der Tim Walter soll mal schauen, dass seine Spieler die Grundlinie des Gegners erreichen und in den Rücken der gegnerischen Abwehr passen. So hat man früher tiefstehende Mannschaften geknackt. Dazu bedarf es eines Flügelspiels. Der Vfb spielt derzeit nur über links und ist domit leicht auszurechnen. Versteh auch nicht , warum er nicht mal den Coulibaly bringt, det war in der Vorbereitung besser als Didavi. In Barcelona spielen 16 jährige im Profiteam. Warum nicht mal Mut zu einem 18 jährigen.

    • @abiszet sagt

      Ich denke, fehlenden Mut kann man Walter nicht vorwerfen. Er brachte gegen Aue Silas, auch gerade mal 19. Was aber richtig ist: Dadurch dass Stenzel meist einrückt, gibt es Flügelspiel nur über links (und da eigentlich nur Halbfeldflanken von Sosa), weil sich Didcvi dort immer wieder zeigt und auch Gonzalez dahin ausweicht. Ob es unbedingt Flügelspiel sein muss, mag dahin gestellt sein, aber was fehlt sind Tempo und Mut, auch mal ins 1:1 zu gehen. Das sieht man gar nicht von Castro, sieht man viel zu selten von Didavi, nur Gonzalez wühlt sich in jeden Gegner rein ;-)

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