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Die Aufschieber

Was machen wir mit dem Spiel gegen Bayern München? Gar nicht erst schauen, um eine mögliche Klatsche nicht miterleben zu müssen? Die Erwartungen so weit runter schrauben, dass man jeden Rückpass oder einen Befreiungsschlag feiern kann? Oder einfach ironisch gucken?

Mein Freund Kai sagte immer zu mir, wenn ich zauderte: „Schmerz, ja sofort!“ und meinte damit, (unangenehme) Dinge immer sofort anzugehen und nicht aufzuschieben. Im Fremdwörterlexikon steht allerdings unter “Prokrastination”:
“Der VfB leidet an Prokrastination. Also am „extremen Aufschieben“, einer pathologischen Störung, die durch ein unnötiges Vertagen des Beginns oder durch Unterbrechen von Aufgaben gekennzeichnet ist, so dass ein Fertigstellen nicht oder nur unter Druck zustande kommt.“

Der VfB, Meister der Ausreden, King im Aufschieben, Experte fürs Schönreden. Der VfB hat seine Erfolge so lange verschoben, in dem er auf die Rückkehr verletzter Spieler setzte oder auf die kommenden Spiele verwies, dass er im Saisonfinale plötzlich gegen Bayern München punkten sollte. Das haben schon andere geschafft, in dieser Saison gewannen Frankfurt, Gladbach, Augsburg, Bochum und Mainz gegen den Rekordmeister. Aber es muss einiges zusammen kommen: Form, Mut, Überzeugung, Glück und den FC Bayern zum richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Sind wir ehrlich, es gibt nichts, was für den VfB spricht.

Es ist schon eine Herkulesaufgabe, gegen die Bayern nicht mit einer Klatsche nach Hause zu fahren. Die Voraussetzungen für eine hohe Niederlage sind nahezu „optimal“: Die indiskutable Vorstellung der Bayern in Mainz, der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung, der scharf kritisierte Feier-Trip nach Ibiza und schließlich die Übergabe der Meisterschale vor ausverkauftem Haus und spalierstehenden Bayern-Legenden lassen das Schlimmste befürchten.

Mit der Haltung und Einstellung der letzten Spiele gegen Mainz, Hertha und Wolfsburg wird der VfB untergehen. Denn der Mut- und Ideenlosigkeit und der offensichtlich um sich greifenden Angst steht die brutale Qualität des FC Bayern gegenüber und sicher auch deren Motivation, es den Kritikern zu zeigen. Dazu kommt: Sollte sich der VfB aufraffen und überraschend dagegen halten, wird eine gewisse Körperlichkeit notwendig sein. Allerdings stehen beim VfB vier Spieler kurz vor einer Gelbsperre: Wataru Endo, Philipp Förster, Orel Mangala und Borna Sosa. Die wichtigsten Spieler schonen – nachdem Sosa sowieso seit Wochen mit Beschwerden zu kämpfen hat – oder in vermeintlicher Bestbesetzung antreten?

Pellegrino Matarazzos Aussage ist ein hilfloser Versuch so etwas ähnliches wie Zuversicht zu demonstrieren:

“Ich glaube, Bayern ist einfacher zu spielen als Hertha oder Wolfsburg was den Druck anbetrifft. Man fährt als Underdog hin, hat das Gefühl, nichts verlieren zu können. Meistens haben wir unter solchen Voraussetzungen am besten performt. Als es nach den Rückständen gegen Gladbach oder Augsburg zum Beispiel nichts mehr zu verlieren gab, haben wir die Spiele gedreht. Da sind wir gut. In der Underdog-Rolle können wir aufgehen.”

Wieviele Punkte hat der VfB nochmal gegen die ersten Sechs der Tabelle als Underdog geholt? Richtig, genau Null Punkte. Die Mannschaft so packen zu wollen, ist in etwa so einfallsreich wie „Going to Ibiza“ von den Vengaboys:

I am gonna pack my bags and leave Säbener Street
Grab a flight
Fly away on Mia-san-mia-airways
Fly me high
Ibiza sky
I look up at the sky
And I see the clouds
I looked down at the ground
And I see the rainbow down the drain
… Whoah! We’re going to Ibiza

Ähnlich infantil ist die gesamte Kommunikation des VfB: Was sollen uns Trainingsbilder vom backenblasenden Tanguy Coulibaly sagen? Was sollen wir mit den schnell dahin geschluderten #dranbleiben #drinbleiben-Filmchen anfangen? Warum legt der VfB im Saisonfinale neue T-Shirts auf? Um womöglich mit dem Abstiegskampf ein paar Euro zu verdienen?

Alles hoffnungslos also? Natürlich nicht! Denn unsere Hoffnung heißt Arminia Bielefeld. Die Ostwestfalen haben dem VfB den Gefallen getan, in Bochum zu verlieren. Somit hat der VfB vor dem Bayern-Spiel seine zwei Punkte Vorsprung behalten und könnte womöglich mit 29 Punkten den direkten Abstieg vermeiden. Und kann weiter der Aufschieberitis frönen: Wie heißen die Reaktionen nach einer erwartbaren Niederlage gegen die Bayern? “Wir haben noch alle Chancen”, “Wir werden gegen Köln mit voller Energie antreten”, “Wir haben es in der eigenen Hand!”. Um dann womöglich auch bei einer Niederlage noch auf dem Relegationsplatz zu bleiben. Dann gilt’s wirklich. Wobei das Hinspiel im Neckarstadion noch verbummelt werden kann. Spätestens im Rückspiel kann selbst der VfB nicht weiter aufschieben. Ob das für den Klassenerhalt reicht?

Zum Weiterlesen:
Rund um den Brustring meint in seiner Spielvorschau, „es ist offensichtlich, dass die Mannschaft in diesem Abstiegskampf vor allem an einer mentalen Überforderung leidet.“

Auf Spox analysiert @knallgöwer die schlechte Saison und benennt viele Gründe (vom überschätzten Kader bis zum Trainer), warum der VfB dort steht, wo er steht.

Foto: Matthias Hangst/Getty Images

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12 Kommentare

  1. Ronny sagt

    Dann werden wir hoffentlich aus dem Quark kommen wie Kai aus der Kiste ! Außerdem ist es gerade mal 4 Jahre her, als man den Bayern die Übergabe der Schale so richtig vermiest hat ! Natürlich sind wir krasser Außenseiter, aber ich freue mich dennoch auf das Spiel, bei herrlichen Temperaturen. Nagelsmann hat ja gerade Stress mit dem ein oder anderen Spieler, vielleicht spielt uns das in die Karten ?

  2. Bacardihardy sagt

    Denke der VfB wird das Spiel in München völlig falsch angehen und nach wenigen Minuten zurückliegen. So oder ähnlich, aufgrund zu grossen Abständen zum Gegner und völlig falscher Taktik.
    Alles andere würde mich wundern.
    Am Ende Null Punkte, wobei 1 Punkt ja schon die Rettung wäre.
    Eine Defensivtaktik mit 2 schnellen Konterstürmern vorn und eine Aufstellung ohne Kalajdzic würde Sinn machen.
    Aber darauf kommt Pelle nicht.
    Danach , wie immer der Spruch “wir haben es selbst in der Hand” gegen Köln.
    Dank an Arminia

  3. Konrad sagt

    Toller Text, wie immer !

    Wer hätte gedacht, dass Bielefeld den Matchball hinter die Linie setzt? Habe gestern Abend das Spiel angeschaut, mir haben die Bielefelder fast schon leid getan, offensiv genauso “top” wie wir…

    Ein Pünktchen müsste doch vielleicht, irgendwie, möglicherweise… ? Mit einem Unentschieden wären wir mehr oder weniger wahrscheinlich durch…

    Am Besten alle 11 als Bus vor dem Tor parken, auf 0:0 spielen und einen Konter erhoffen…
    Spielerische Lösungen gegen Bayern finden wir eh nicht. Vielleicht mal mit defensiver “Gewalt”… hier wäre ein Unentschieden tatsächlich unser Matchball. Und würde unsere Nerven für´s erste mal “entspannen”…

  4. Flo B sagt

    Die Lösung für den VfB-Fan für Sonntag ist dann vermutlich das bewusste Missverstehen der Venga Boys:
    🎶 Hey, we‘re going to eat Pizza…

  5. drhuey sagt

    Nachdem wir jetzt alle unsere Resilienz nach oben geschraubt haben (als VfB-Fan sind wir diesbezüglich sowieso in einem jahrelangen Dauer-Trainingslager), könnte man meinen, dass Prokrastination die neue Zivilkrankheit ist, wenn man sich den Ratgebermarkt anschaut. Im Ernst: völlig zurecht weist ihr hier auf einen eklatanten Haltungs- und Kommunikationsfehler der VfB-Funktionsträger hin. Die Bayern werden die Wiedergutmachung nicht aufschieben und evtl. bei 5 Kisten aufhören. Sasa wird uns ohne deutliche Steigerung zu den letzten Wochen nicht helfen können. Das wäre für PM mal die Gelegenheit ein schnelles Konter-Setup zu versuchen mit Marmoush und Tiago.

  6. Bernd sagt

    Bin erstmal nur erleichtert, dass wir es vermutlich doch geschafft haben, zwei Mannschaften hinter uns zu lassen, anders als das zu Beginn der Saison zu befürchten war. In der Relegation werden wir bestehen, wenn wir so auftreten wie gegen Mainz oder Wolfsburg, ganz einfach weil der Gegner deutlich schwächer ist. An die nächste Saison nach weiteren 25 Mio. Aderlass mag ich gar nicht denken, da wäre es vielleicht sogar besser, dem Kader ein Jahr Weiterentwicklung in Liga 2 zu gönnen.

  7. Heinzi sagt

    Danke erstmal an Kai, habe gerade noch etwas erledigt, das ich eigentlich liegen lassen wollte. Danke auch an den VfL Bochum und seinen schwäbischen Trainer,der wohl bei einem Sieg der Bielefelder Ärger mit der Verwandtschaft bekommen hätte. Und danke schonmal vorab an Tim Walter für seine Taktik in der Relegation. Wir werden sie gewinnen. Ich freue mich schon darauf.

  8. Clemens sagt

    Danke an die Professionalität der Bochumer, die die Saison vor eigenem Publikum nicht auslaufen lassen wollten. Sofern die VfB Truppe am Sonntag nur einen Bruchteil des Bochumer Willens auf den Platz bringt, bin ich leidlich zufrieden. Im Ergebnis sollte es idealerweise keine Klatsche geben und die Tordifferenz gegenüber der Arminia weiterhin positiv bleiben.

    So kann es dann tatsächlich zu der von mir vor einigen Wochen erhofften Relegation gegen den HSV kommen. Mal abgesehen von meiner ganz persönlichen Hass-Liebe gegenüber diesem Verein meiner Heimatstadt sind die Hanseaten ein Gegner, der sich sportlich bestenfalls auf Augenhöhe zum VfB befindet und mit Walter einen Trainer besitzt, der taktisch – sagen wir mal vorsichtig – etwas beschränkt agiert. Und der Druck für die Hamburger ist nach vier Jahren 2. Liga nicht minder groß, als der des VfB Stuttgart, die Klasse halten zu wollen.

    Aber bis zu diesem Show-Down sind noch mindestens 180 Minuten zu spielen, in denen der VfB viel Kredit zurückgewinnen kann.

  9. Konrad sagt

    Auch Hertha hat den Matchball versemmelt. Gibt´s ja nicht.

    Ich hätte jetzt so richtig Bock auf “das Wunder von München” :-)

    Im Prinzip ist das das “druckloseste” Spiel der ganzen Saison.
    Verlieren macht nix, die anderen haben schon. Jetzt könnte man
    doch wirklich mal sich hinten rein stellen, Sasa draußen lassen
    und mit Konter agieren… Früher konnten wir das doch gut.

  10. Heinzi sagt

    ja, völlig irre. Wenn wir jetzt irgendwie in München einen Punkt abstauben könnten (ich glaube nicht wirklich dran), dann können wir es doch noch direkt packen. Sieg gg. Köln, Hertha verliert in Dortmund, mal schauen:-)

  11. Oliver sagt

    Ich bin über die Analysen hier im Vertikalpass überrascht, denn diese treffen den Nagel seit Wochen auf den Kopf! Die Verfasser haben mehr Ahnung von Führung, Mindset und Psychologie, als Mislintat und Materazzo zusammen!
    Leider gibt es beim VFB kein Korrektiv, könne die Beiden weiter die Situation schönreden, weiter Spieler verpflichten, die dem VFB in 4 Jahren weiterhelfen, sofern der Trainer in der Lage ist, diese auch weiterzuentwickeln, denn das dies nicht gelungen ist in dieser Saison, ist ein Grund für die aktuelle Situation. 6 Siege nach 32 Spieltagen, aber das Spiel in München ist ja einfach. Ohne Worte!

  12. Konrad sagt

    Das war mal wieder Balsam für die VfB Seele – endlich mal so gespielt, wie wir es immer hätten sehen wollen… 💕💕💕💕 wäre cool, wenn wir Hertha in die Relegation mit dem HSV schicken würden. Wir haben heute eindeutig besser als Hertha gespielt. Allerdings hat Köln auch noch was vor. Aber wenn wir Lewandowski ausschalten, müsste es mit den Kölner Kollegen ja auch klappen. Heute war toll, warum nicht früher ist die Frage, aber besser spät als nie… schönes Mutter Tags Geschenk für alle “VfB Mütter” ❤️👍

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