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Die Woche der Wahrheit

In neun von zehn Spielen gewinnt der VfB gegen Holstein Kiel. Im zehnten holt sich Holger Badstuber ein sau-blöde gelb-rote Karte ab und Emiliano Insua hüpft eine Fußbreite hoch, um eine Flanke zu verteidigen. Nico Gonzalez und Silas lassen ihre Torchancen liegen und schon ist der VfB in der Herbstkrise. Wegen diesem einen Spiel?

Die Panik-Orchester bei vielen Fans und auch in Teilen der Medien spielen sich schon warm. Klar, gemotzt wird immer und 0 Punkte gegen die beiden Tabellenletzten ist jetzt nicht die optimale Ausbeute. Aber ist es ein Grund zur Panik? Gar ein Grund, den Trainer in Frage zu stellen? Wirklich nicht. Aber eins muss man sagen: Herr Walter, wir haben (mehr als) ein Problem.

Wie stressresistent er und sein Team sind, wie gut sein System funktioniert, werden wir in der Woche der Wahrheit sehen: 2x HSV, dann gegen Dynamo Dresden. Das sind die Schlüsselspiele der Saison. Danach werden wir wissen, in welchen Modus der VfB schaltet: Krisen- oder Erfolgs-Modus?

Auf welche Faktoren kommt es an?

Personal
Castro rein, Castro raus, Castro rein. Nicht nur an dieser Personalie zeigt sich, Tim Walter hat noch keine nachvollziehbare Linie gefunden. Philipp Klement spielt ebenso eine untergeordnete Rolle wie Orel Mangala, wobei beide gerade mit ihrer Kreativität und Spielintelligenz dem VfB gut tun würden. Eine Stammelf? Eine verlässliche, formstarke Achse, bestehend aus vier, fünf Spielern? Im Moment nicht in Sicht.

Geilheit
Ja, manchmal hat man den Eindruck, die Geilheit auf Tore und Siege fehlt. Haben sich die infantilen Spiele im Training mit Purzelbäumen, Arschbolzen und Huckepack für die Verlierer schon abgenutzt? Ballbesitz als Selbstzweck bringt keinen Erfolg. Es gibt zu viel Ballgeschiebe und technische Fehler und zu wenig Vertikalität.

System
Positionswechsel sind nicht zu übersehen. Die Innenverteidiger rücken ins Mittelfeld, Stenzel ist bei Ballbesitz eigentlich nie auf seiner Rechtsverteidigerposition und Silas spielt rechts wie links, auch Gonzalez und Förster sind fast überall zu finden. Aber was bringt das? Kein Tempo, Null Kreativität. Der VfB hat Ballbesitz in den ungefährlichen Zonen. Walter sollte sein System schärfen, muss klar aufzeigen, wie Spieler in Abschlusssituationen kommen. Gerade Zielspieler wie Gomez und Al Ghaddioui hängen in der Luft. Ansonsten führen nur Zufall und die individuelle Klasse Einzelner überhaupt zu Torchancen.

Feingefühl
Das Großkotzige muss weg. Selbstvertrauen ist gut, aber der Grat zur Arroganz ist schmal. Ein bisschen mehr Demut wäre in der zweiten Liga gefragt. Generell sollte der VfB und insbesondere Tim Walter aufpassen, nicht zu spalten. Da haben wir schon unsere Erfahrungen machen müssen in der Causa Dietrich. Jetzt die Cannstatter Kurve gegen die Haupttribüne und die Gegengerade auszuspielen, ist einfach ungeschickt. Wir sind ein Team, ein VfB, egal, wo wir im Stadion stehen oder sitzen. Wobei dieses ungeduldige Pfeifen nach 30 Minuten einfach unterirdisch ist. Für alle gilt: Nur zusammen schaffen wir den Aufstieg.

Ehrlichkeit
Das Spiel wird vom Trainer meist schön geredet. „Viele Torchancen“, „nicht belohnt“, „im Training Fortschritte gesehen“. Ja, aber der Trend ist ein anderer, die Punkte fehlen, das VfB-Spiel ist einfach nicht zwingend genug. Da braucht es klare Ansagen, die Walter zumindest in der Öffentlichkeit nicht tätigt. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass die Probleme intern deutlich klarer angesprochen werden.

Acht Tage, drei Spiele. Danach wissen wir, wohin die Reise des VfB Stuttgart in der Hinrunde geht.

So oder so: Bis zur nächsten Meisterschaft wird es auf jeden Fall noch ein wenig dauern. Wer wissen möchte, wie sich das 2007 angefühlt hat, darf das aber gerne in unserem Buch nachlesen. 

Die Fußballfibel ist kürzlich erschienen und erzählt die Geschichte des VfB Stuttgart anhand des 19. Mai 2007. Alle Infos zum „Vertikalbuch“ findet ihr auch hier.

 

Photo by Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images

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2 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Sehr gute Zusammenfassung der aktuellen Problematik auf und neben dem Spielfeld. Walter muss aufpassen, dass seine Intention, den Gegner zu überraschen, nicht primär die eigenen Spieler überfordert. Ich finde es darüber hinaus aber unsäglich, dass bereits jetzt von verschiedenen Seiten der Trainer angezählt wird. Walter besitzt zu Recht das Vertrauen von Seiten des Vereins. Daran wird hoffentlich mittelfristig auch nicht das Pfeifen auf der Haupttribüne etwas ändern. Voraussetzung ist aber eine gewisse Lernfähigkeit seitens des Trainers. Taktische Flexibilität ist dabei eine wichtige Fähigkeit, sollte aber sich auch an den Fähigkeiten der Spieler orientieren. Unabhängig vom Ausgang der beiden Partien in Hamburg bleibe ich zuversichtlich, dass der VfB sein Ziel mit dem Aufstieg in die 1. Liga erreicht.

  2. Ohje der „Spalter“wird schon wieder rausgeholt. Man kann es auch übertreiben. Welche Demut ? Das „wir wissen wo wir herkommen“ Geschwätz ? Sorry, man redet vom teuersten Kader der 2. Liga und regt sich dann darüber auf, dass TW jeden schlagen will und meint das auch erreichen zu können ? Das soll Arroganz sein ? Oder das er sagt, dass man sich nur selbst schlagen kann ? Genau so war es eben bisher auch. Beide Spiele wurden verloren, weil man die Chancen nicht verwertet hat. Siehe auch die erhellende Statistik zu den erwartenden Toren/Gegentoren, wo man klar führend ist.

    Fußball entscheidet auf dem Niveau vor allem Mentalität und dazu gehört Selbstbewusstsein und das bekomme ich nicht durch kleinreden der eigenen Stärken oder starkreden des Gegners.

    Jetzt spaltet er bald ? Bekommt man dafür als Badstuber eigentlich auch eine Sperre ?

    Jetzt sind zwei Feindbilder entfernt worden und man baut schon das nächste durch blödsinnige Begriffsverwendungen auf.

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