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Ein gefühlter Sieg

Es ist 17 Uhr 30 und ich hol’ die große Flasche aus dem Schrank. Dass das ein guter Plan ist, weiß ich, heut’ füll’ ich die Gläser bis zum Rand.

Der VfB mit einem 4:2 Sieg in München, Serhou Guirassy mit einem hervorragenden Startelfdebüt, mit drei Toren, einer guten Ausstrahlung, ohne jede Ehrfurcht vor den großen Bayern. Wirklich ein sehr guter Grund zum Feiern. Aber es ist natürlich kein 4:2 Sieg, weil zwei Tore von Guirassy wieder einkassiert wurden, aber immerhin ein gefühlter Sieg.

Was mich stört, dass es die Bayern Spieler als Majestätsbeleidigung empfinden, wenn man sie nur anschaut – und das auch wild gestikulierend beim Schiri beanstanden. Wie beim vermeintlichen 1:1 durch Guirassy, als Chris Führich bei der Balleroberung im Strafraum den ehemaligen Stuttgarter Joshua Kimmich zärtlich berührt. Wir haben das zu Hause nachgestellt, kein einziges Mal ging ich zu Boden. Wenn Schiri Christian Dingert den rustikalen Bodycheck von Leon Goretzka in der 16. Minute gegen Dinos Mavropanos nicht pfeift, dann ist der Zupfer von Führich geradezu lächerlich. Dass der VfB sich davon nicht aus der Ruhe bringen lässt? Stark. Dass er bis in die Nachspielzeit daran glaubt, den Ausgleich zu schießen: unbezahlbar. Vor allem als Signal und Hoffnung für die weiteren Spiele – wenn der VfB diese Haltung und diesen Mut nicht nur gegen Bayern München zeigt, sondern auch gegen Eintracht Frankfurt, VfL Wolfsburg und vermeintlich schlechtere Mannschaften wie den VFL Bochum.

Das wirkliche 1:1 spielen dann die Buddies Mavropanos und Führich heraus. Sie verstehen sich blind, nicht nur weil sie ab und zu gemeinsam frühstücken gehen: Dinos fängt einen Ball von Alphonso Davies ab, lässt Jamal Musiala stehen, büffelt sich in den Strafraum, übergibt an Führich, der eiskalt einnetzt. Da nutzt selbst der Reklamierarm von Manuel Neuer nichts mehr.

Entscheidend für das Remis: Kurz nach dem 2:1 von Musiala (überragend gemacht!) hält Florian Müller den VfB im Spiel, als er eine hunderprozentige Torchance von Serge Gnabry mit dem Fuß abwehrt. München arbeitet kurz weiter am dritten Tor, wird dann aber träge und genügsam. Ab der Auswechslung von Thomas Müller, dem Lattenschuss von Guirassy und den Hereinnahmen von Li Egloff und Juan Perea ist klar: Der VfB nimmt nicht ehrfürchtig oder selbstzufrieden das respektable 2:1 hin, sondern geht auf das zweite Tor.

Was fiel auf?
Die Umstellung auf eine klare Viererkette ohne Asymmetrie erwies sich als gute taktische Entscheidung von Pellegrino Matarazzo. Atakan Karazor stabilisierte die Defensive, auch wenn ihm gegen Ende ein bisschen die Körner fehlten. Wataru Endo dadurch weniger auffällig, Naouirou Ahamada dagegen mit viel Tiefe. Tiago Tomas und Silas mit unglücklichen Auftritten. Tomas nach längerer Krankheitspause weitgehend unsichtbar, Silas hielt oft zu lange den Ball. Im Gegensatz dazu Guirassy immer anspielbar, immer präsent, er hatte richtig Lust am Spiel, an Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. Sah man auch am Elfmeter. Den zimmern nicht viele in der 92. Minute so souverän rein.

Bei aller Freude über den gefühlten Sieg in Fröttmaning: Der VfB braucht dringend drei echte Punkte, um nicht auf absehbare Zeit auf den letzten drei, vier Plätzen zu rangieren. Das wäre gerade für die weitere Entwicklung von Egloff, Ahamada und Enzo Millot wichtig, nicht ständig mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Genau so wichtig wie der Ausgleich in München in der Nachspielzeit wird es deswegen sein, Einstellung und Engagement am kommenden Samstag zu reproduzieren.

Zum Weiterlesen:

“Vom Feeling her ein gutes Gefühl” – das VertikalGIF zum Spiel gibt’s hier

Für Christof Kneer ist das Spiel in der Süddeutschen Zeitung eine Frage der Mathematik gewesen.

Stuttgart.International analysiert in zwei Texten die augenblickliche Lage beim VfB, befürchtet aber, dass “die gewählte Strategie durch fehlende Resultate ins Wanken geraten könnte.

Besser spät als nie: “Der VfB Stuttgart kümmert sich vermehrt um fortschrittliche und gesellschaftliche Themen“. Die SZ meint, beim VfB “nervt im Fußball-Alltag derzeit einzig und allein der Fußball”


Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images

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9 Kommentare

  1. Bacardihardy sagt

    Diesmal gibts nichts zu meckern. Das ganze Auftreten des VfB lässt auf eine gute Zukunft hoffen.
    Die Dreier werden auch noch kommen. So habe ich Vertrauen in Trainer, Team und Sportmanager.

  2. Konrad sagt

    Mein erster Gedanke des Tages mit maximaler Anteilnahme galt heute Jo Kimmich, in der großen Hoffnung, dass er wegen des brutal Fouls von Führich gut geschlafen hat. und wiedergenesen ist. Wunderte mich tatsächlich, dass Führich nicht mit glatt rot vom Platz flog…

    Diesmal bin ich bei S.M., dass uns der Schiri den Sieg genommen hat. Mein erster Gedanke bei der Zeitlupe, Schwalbe von Kimmich, gelb für ihn.

    Da sieht man aber mal, was Einstellung ausmacht. Die Bayern strahlten schon von weitem aus, dass gegen den VfB die B Elf locker reicht und bei uns haben alle alles rausgehauen. Mein einziger Kritikpunkt, warum nicht letzte Woche gegen Schalke?

    Der Punkt des Coachens ging diesmal ganz klar an Rino, endlich mal in der Halbzeit schon gewechselt und bei den Wechseln die richtigen Signale ausgestrahlt.

    Der neue Stürmer, überragend gespielt, Klasse Elfer gegen Reklamierarm Neuer, gerne mehr davon… da macht das Zuschauen endlich auch mal richtig Freude ! Bitte weiter so!

  3. Clemens sagt

    Ich kann mich einfach auf nichts verlassen, was den VfB betrifft. Die erwartet hohe Niederlage ist ausgeblieben, stattdessen kratzt man an der Sensation, wenn da nicht das leidige Thema der Schiedsrichter bzw. des VAR wäre.

    Müller bei seinem Herauslaufen und der Rettungsaktion mit dem Fuß gegen Gnabry war für mich eine DER Szenen des Spiels. Dass Müller auf der Linie super Reflexe zeigen kann, wissen wir spätestens seit dem Spiel gegen RB Leipzig zum Saisonauftakt. Aber diese Qualität, Stellungsspiel und Herauslaufen, mal ein 1:1 zu riskieren, kam mir bislang häufig zu kurz. Eine tolle Aktion und der Moment, in dem ich mir sicher war, da geht noch was.

    Guirassy war natürlich ein weiterer Mann des Spiels. Seine physische Präsenz strahlt ansonsten nur noch Dino im VfB-Kader aus. Der Stürmer strotzt nur so vor Selbstvertrauen. Und im Zusammenspiel mit Führich (ebenfalls eine Bereicherung nach seiner Einwechslung) waren viele vielversprechende Ansätze zu sehen, die das derzeitige Formtief von Silas und Tomas ggf. auffangen können.

    Am Ende muss man aber vielleicht auch einmal unsere Defensive loben: gerade einmal 7 Gegentore in 6 Partien, wobei man bereits gegen Bayern, Freiburg und Leipzig spielen musste, gegen die es in der Vergangenheit häufiger mal 3-4 Gegentore in einer einzigen Partie gab. Da wächst etwas zusammen. Bleibt zu hoffen, dass Matarazzo sich durch den guten Auftritt in MUC überzeugen lässt, das 4-3-3 beizubehalten. Es scheint für die Spieler auf dem Platz leichter umzusetzen zu sein, als permanente Überlagerungen einer Seite, ständige Positionswechsel, die bei fehlender Kommunikation riesige Lücken reißen.

  4. Der Groundhopper sagt

    Nun hat der VfB also einmal sehr positiv und einmal sehr negativ überrascht.
    Ansonsten bislang eine solide Saison mit 5 Punkten, einem fast ausgeglichenen Torverhältnis und dem Weiterkommen im Pokal.

    Ganz nüchtern betrachtet ist der VfB nun trotz der tollen Leistung von gestern genauso wenig auf dem sicheren Weg unter die Top 6, wie er nach dem schwachem Spiel gegen Schalke bereits safe abgestiegen war!
    Die nächste Partie gegen Frankfurt wird sehr sehr sehr wichtig… Bis dahin aber erstmal den „gefühlten Sieg“ ein paar Tage genießen – haben wir uns alle verdient!

  5. Motzbackenbruddler sagt

    Danke für das 4-3-3 an Rino! Nur beim Gegentor von dem Bauern-Teenie war irgendwie keiner da… Ansonsten einfach besser defensiv gestanden, als z.B. gegen Schalke. Bitte weiter so. Jetzt haben wir 2 Punkte gegen 2 Manschaften geholt, gegen die wir sonst immer 0 holen, aber leider haben wir min. 4 Punkte gegen Gegner auf (mindestens) Augenhöhe liegen gelassen – irgendwie ärgerlich. Jetzt muss einfach ein 3er gegen die Eintracht her…

  6. Der Auftritt in München lässt mich hoffen, dass dies doch noch die gewünschte Saison im gesicherten Mittelfeld wird. Eine Saison, in der man nicht ständig nach Augsburg, Bremen, Bochum und Gelsenkirchen schielen muss.

    Vier Gründe sprechen dafür: Wir haben einen Trainer, der inzwischen auch Mal nach 45 Minuten genug gesehen hat, wenn eine taktische Idee nicht funktioniert oder es bei einem Spieler nicht läuft und dessen Arbeitstag damit beendet. In der letzten Saison wurde die ominöse 60. Minute fast immer abgewartet für einen Wechsel, warum auch immer. Damit sind wir bei Grund zwei: Wir haben eine Bank, von der Spieler kommen, die Gamechanger sein wollen und es sein können. In der letzten Saison waren für mich nach den Wechseln häufig nur andere Spieler auf dem Platz. Die oft noch schwächer gespielt haben, als die aus der Startformation. Drittens: Wir haben einen Keeper, der immer öfter auch Unhaltbare hält. Und dies selbst gegen einen Serge Gnabry zeigt, der gegen uns eigentlich immer trifft. (Schade übrigens, dass Kostic nicht mehr in Frankfurt ist!) In der letzten Saison habe ich solche Keeper immer nur im Trikot unserer Gegner erlebt. Und Viertens: wir haben einen Neuner, der sich auch von zwei zurück genommenen Toren und einem Lattenkracher nicht entmutigen lässt und in der Nachspielzeit einen Elfer ins Toreck nagelt. Ich würde zu gerne wissen, wie viele VfB-Fans den Ball eher auf dem Oberrang der Arena oder in den Handschuhen von Neuer vermutet hätten. Diesen Mann, der wahrscheinlich nur die Option C oder D auf der Sascha-Ersatzliste war, am Deadlineday für kleines Geld geholt zu haben, Respekt dafür!

    In ein paar Spieltagen wissen wir deutlich mehr. Bis dahin kann ich mir allerdings den Blick in den Tabellenkeller nicht ganz verkneifen.

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