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Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht

Bruno Labbadia kommt gut an in Stuttgart. Nicht unbedingt bei allen Fans, aber offenbar bei allen anderen. Beim VfB intern sowieso, bei der Mannschaft, bei den Medien, überhaupt bei allen Gefährten aus dem Fußball-Business. Labbadia ist kommunikativ und ein umgänglicher Typ, kommt sympathisch rüber und steht für das, was im Schwabenland angeblich das Wichtigste ist: Schaffe, schaffe, Abstiege vermeide.  

Kein Tweet und kein Text über das Trainingsprogramm ohne einen Hinweis auf Labbadias Fleiß und Akribie. Der neue VfB-Trainer steht für Teamgeist, Geschlossenheit, Fitness. Doch ist der Fußball so einfach, dass man nur mit diesen Faktoren den Klassenerhalt schaffen kann? Xabi Alonso, Welt/-Europameister, Champions League-Sieger, mehrfacher nationaler Meister und nun Trainer von Bayer Leverkusen, meint: „Der Fußball hat sich verändert“. Bruno Labbadia hat sich offenbar nicht verändert. Seine Aussagen und Maßnahmen sind noch dieselben wie vor zehn Jahren. Man weiß, was man bei Labbadia bekommt: die Fokussierung auf die Basics, keine komplizierten Spielsysteme, keine verkopften Matchpläne, einfache Sprache. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum er vor allem bei den Medien so gut ankommt: Es gibt keine Überraschungen und das macht die Arbeit einfacher.

So ist zumindest das Image Labbadias, das durch die öffentliche Kommunikation über Jahre entstanden ist und das alle – der VfB wie auch die Medien – gerne annehmen und wiederholen. Aber hören wir mal auf, nur das zu glauben, was wir lesen. Alles zu durchschauen, das schafft man nie. Das, was wir und Labbadia brauchen, das sind Vertrauen und Fantasie.

Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp? Isser leider nicht.

Dass es aber mehr als die talentfreien Aspekte benötigt, um den Klassenerhalt zu schaffen, hat Labbadia natürlich erkannt. Genauso wie die spielerische Unwucht, die im Kader herrscht. Auch wenn sich der Stuttgarter Kader vor den Ensembles von Schalke, Bochum, Hertha, Augsburg und Köln nicht verstecken muss, gibt es Optimierungsbedarf. Aber ist es wirklich so einfach, dass der VfB sein Spiel dadurch stabilisieren kann, indem man einen alten Weggefährten Labbadias nach Stuttgart holt? Wird einfach alles gut, wenn man den zentralen Mittelfeldspieler Joshua Guilavogui, 32, aus Wolfsburg als Ankerspieler und Dolmetscher in Personalunion verpflichtet? Wäre ein Spieler, der unter Labbadia vor dreieinhalb Jahren in Wolfsburg eine wichtige Führungsfigur war, wirklich die Lösung aller Probleme? Und wäre Guilavogui nicht nur eine kurzfristige Lösung für die vor uns liegende Halbserie und ein langfristiger Vertrag bis 2025 nicht rausgeworfenes Geld?

Immerhin hat Guilavogui in Wolfsburg die dortige französische Community mit der Gesamtmannschaft kommunikativ und emotional zusammengeführt, er scheint also ein guter Integrator zu sein. Vielleicht sollte der Franzose dann gleich mit in die Kommunikationsabteilung des VfB mit einsteigen, denn ein Kommunikator fehlt dem VfB.

Gerne werden im Fußball vier zentrale Kriterien für Mannschaftserfolg aufgeführt:

  • Basics (Technik, Fitness, Leistungsbereitschaft)
  • Teamgeist
  • Teamstruktur, bestehend aus der richtigen Mischung an Führungs-, Kreativ- und Mannschaftsspielern
  • Taktik

Die Arbeit an den ersten beiden Faktoren sind von Club und Presse öffentlichkeitswirksam dokumentiert, die Struktur würde Labbadia gerne mit Guilavogui stärken, bleibt also noch die Taktik.

Wenn man den Beobachtern glauben darf, will Bruno Labbadia in einem 4-3-3 spielen lassen, mit Viererkette und einem zentralen Sechser vor der Abwehr. Das liest sich nicht gerade innovativ, aber so solide und risikoavers wie man im Abstiegskampf eben aufstellt: klare Aufgabenverteilungen auf dem Spielfeld, Disziplin und Positionstreue heißen die Vorgaben des neuen Trainers. Kein Wunder, dass Pascal Stenzel so etwas wie der Gewinner der Vorbereitung geworden ist. Schließlich ist “solide” sein zweiter Vorname. Wie das neue System Freigeistern und Unterschiedsspielern wie Thiago Tomas und Silas schmecken wird, bleibt abzuwarten. Denn im Gegensatz zu Pascals “Solide” Stenzel streut ihre Leistung deutlich breiter.

Geld für Transfers? Ham’ wir leider nicht.

Fabian Wohlgemuth hat betont, dass nur neue Spieler verpflichtet werden, die einen Mehrwert für die Mannschaft bieten und die sofort funktionieren (wie passt da eigentlich der 17-jährige Jovan Milosevic dazu, der für immerhin 1,2 Mio für Sommer 2023 verpflichtet wurde?). Absolut nachvollziehbar, aber: Diese Kategorie Spieler kann sich der VfB nicht leisten – ohne einen Leistungsträger wie Mavropanos oder Sosa zu verkaufen. Um Qualität zu kaufen, müsst man Qualität verkaufen. Deshalb müssen Spieler aus dem bestehenden Kader von Labbadia weiterentwickelt werden. Die Abwehr muss ohne Abspiel-, Stellungs- und individuelle Fehler auskommen. Spieler wie Chris Führich und Tomas müssen zielstrebiger werden. Li Egloff sollte nicht nur öffentlich angepflaumt, sondern konstruktiv zum nächsten Schritt gecoacht werden. Josh Vagnoman, Enzo Millot und Naouirou Ahamada sollten zum nächsten Schritt geführt werden, der sie zu zuverlässigen (soliden) Bundesligaspielern macht. Und da sind noch die ganz jungen Super-Talente wie Thomas Kastanaras und Laurin Ulrich, die trotz der prekären Tabellensituation peu-a-peu an die Bundesliga heran geführt werden müssen.

Ist es also doch komplizierter als man meinen könnte? Nein!

Am Ende ist es dann doch ganz einfach: Wer gewinnt, hat Recht. Wenn dem VfB unter Bruno Labbadia ein erfolgreicher Bundesliga-Restart gelingt, haben alle alles richtig gemacht. Unabhängig von Aufstellung, Taktik, Matchplan, Fitness und Laufwerten. Der VfB steht dabei von Anfang unter Druck, unabhängig von der Tabellensituation: In fünf Spielen in 15 Tagen (davon drei Auswärtsspiele in Folge) sollten Erfolge her. Damit die Spieler Vertrauen ins neue System und die neue Herangehensweise bekommen. Und die Fans in die neue sportliche Konstellation.

Zum Weiterschauen:
Gegen ein 80-Meter-Silas-Solo-Tor wie gegen Mainz 20220 hätte ich nichts einzuwenden.
Hier nochmal zum Genießen und als Einstimmung

Zum Weiterlesen:
Im kicker sagt Bruno Labbadia unter anderem: “Der Abstiegskampf mit dem VfB hat mich als Trainer komplett gemacht.“

ZVW mit einer Bestandsaufnahme: Bekommt Labbadia die Probleme der Mannschaft in den Griff? Wie wurde in Marbella gearbeitet? Welche Schwächen hat das Team immer noch?

Guilavogui will nach Stuttgart, aber: “Vertrag ist Vertrag, wir entscheiden“. Der 32-Jährige hat Wolfsburg informiert, dass er zum VfB Stuttgart und Ex-VfL-Trainer Bruno Labbadia wechseln will.

Foto: Matthias Hangst/Getty Images

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7 Kommentare

  1. Frank Schmid sagt

    Back to the roots und Basics ist das neue modern. Siehe WM.
    Das ganze verkopfte Taktik Zeug hat keine Zukunft

  2. Konny sagt

    Das haben wir ja öfter bei PM festgestellt, dass seine mathematisch ausgeklügelten Spielpläne den Spielern nicht selten zu “hoch” war. Von Bayern noch letzte Woche gelernt, das “Wichtigste” ist: ein sehr guter Torwart. Wenn ich grad das Silas Tor angeschaut und Kobel gesehen hab, fehlt der mir immer noch am Meisten :-( Wobei ich sehr hoffe, dass Silas bald wieder der “Alte” ist.

  3. drhuey sagt

    Grosse Hoffnung…ham wer nicht. Jedenfalls nicht für morgen. Das Testspiel gegen Prag war ein Offenbarungseid für das Offensivspiel. Prag hat es konsequent erstickt und Mainz ist mit einer ganz ähnlichen Herangehensweise zu erwarten morgen.
    PM hat sich sicher komplexe Matchpläne einfallen lassen, aber lag es wirklich an der Komplexität oder eher an der mangelhaften Vermittlung. Ich nehme mal kühn an, dass Peps Spieler nicht alle promoviert haben, und doch gelingt es immer wieder komplexe Positionsspiele zu variieren.

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