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Fine Young Cannibals

Im Vorfeld wurde die Partie bezeichnet als jung und wild gegen alt und eisern, um nicht zusagen: altes Eisen. Aber auch wenn die Berliner morgens so aussehen wie Alice Cooper oder KISS, nur ohne Make-up, ließen sie den VfB über 88 Minuten alt aussehen. Dabei war der beste Mann gar nicht auf dem Platz, Max Kruse nahm mit seinem Nicki Minaj-Hintern auf der Bank Platz.

Wobei es vor allem ein Spiel des VfB gegen einen Gegner ist, der den Brustringträgern einfach nicht liegt. Wie Bielefeld, wie Freiburg, Leverkusen und Wolfsburg. Dabei war klar, was den VfB erwartet: Eine Truppe, die weiß, was sie spielt. Mit großer Selbstverständlichkeit, hoher Ballsicherheit, sehr guter Raumaufteilung und clever ausgespielten Kontern. Wobei das Tor von Awoniyi leicht zu verteidigen gewesen wäre. Überzahl am Strafraum, aber zu fixiert auf den Ball, so dass der Nigerianer souverän vollenden konnte.

Müssen wir über Wataru Endos Ballverlust sprechen gegen Rani Khedira? Für mich war das ein Foul. Auch wenn der Ex-VfB’ler den Ball spielt, so schubst er Endo klar von hinten. Aber ich denke, das können wir uns sparen. Denn der VfB hat kein gutes Spiel gemacht. Nach vorne ohne Spielidee, wenn man von langen Bällen in Richtung Hamadi Al Ghaddoui absieht. Tanguy Coulibaly mit seiner schlechteren Version von sich selbst, fahrig, hektisch, ohne Wirkung. Ebenso Chris Führich, der den Ball meist mit dem Rücken zum Tor bekam und der von mindestens zwei Gegenspielern attackiert wurde. Harmlos präsentierte sich der VfB, uninspiriert, in jeglicher Hinsicht unterlegen. Auch wenn bis auf das Gegentor ordentlich verteidigt wurde. Was aber auch daran lag, dass Union schnell in den Verwaltungsmodus schaltete und nicht wirklich auf das zweite Tor ging. Selbst nach der gelb-roten Karte von Ata Karazor nicht. Schwamm drüber, er weiß es selbst: Seine Aktion war selten dämlich.

Und unser 2-Meter-Wucht-Grieche? Eine Wucht in jede Richtung, Dinos Mavropanos schien der ideale Mann zu sein, an dem die Eisernen abprallen, vor allem der auch nicht gerade schmächtige Taiwo Awoniyi, mächtig gut in Form in den letzten Wochen. Aber auch Mavropanos kam nicht immer in die Zweikämpfe, konnte seine Stärken kaum entfalten. Zu clever spielten die Berliner, das war alles in allem sehr reif und überzeugend, was die Köpeniker da boten, ein extrem diszipliniertes und cooles Spiel.

Union versucht, sich seit Jahren als cool zu präsentieren, als echt, authentisch, da riecht’s noch nach Gras, Schweiß und Alkohol, auch in der Mannschaftskabine, wie wir von Christian Gentner wissen. Sympathisch soll das rüber kommen, verkrampft ist es, verwirrt meistens, wenn Präsident Dirk Zingler sich zu Wort meldet. Das Sympathischste an Union ist neben Timo Baumgartl und Rani Khedira der Blog und Podcast „Textilvergehen“. Khedira, der gegen seinen alten Club immer ein gutes Spiel macht, wie auch der in Stuttgart geborene Grischa Prömel, der allen – Spielern, Zuschauern, Schiedsrichter – mit seiner Art und Spielweise mächtig auf die Nerven geht, so einen Spieler hat der VfB nicht in seinen Reihen. 14 Zweikämpfe geführt, 11 gewonnen. Kann man so machen.

Ja, wir haben gelernt: Man darf den VfB nicht abschreiben, auch in Unterzahl nicht. Aber hatte wirklich noch jemand mit dem Ausgleich gerechnet? Ich bin ehrlich, ich dachte „Im Läbba net!“. Der VfB fing sowieso erst um die 88. Minute herum an, so etwas wie Druck aufzubauen, sich in Unions Hälfte festzusetzen, Standards zu provozieren. Aber das sah nicht zwingend aus. Bemüht, verzweifelt. Aber dann kam diese eine Szene. Der eingewechselte Daniel Didavi stochert an der Strafraumgrenze den Ball zum ebenfalls eingewechselten Wahid Faghir. Der dreht sich mit einem Gerd-Müller-Move um den Gegner, kommt ins Stolpern, kann noch schießen, trifft erst Baumgartl und dann ins Tor. Zweiter Bundesligateileinsatz, erstes Tor, direkt vor der Cannstatter Kurve, in allerletzter Sekunde. Bei sowas haben schon hartgesottene Fans geweint, obwohl sie beim VfB bereits alles erlebt haben. Das erinnerte an das Last-Minute-Tor von Chadrac Akolo gegen Köln.

Das Tor, eine Mischung aus Glück, Glaube und Wille – und nicht zuletzt Dummheit der Berliner. Der VfB gibt sich nie auf, auch wenn er so unterlegen ist wie gegen Union. Er sammelt jeden Punkt, schenkt nie ab und überlässt die Punkte keinesfalls schulterzuckend dem Gegner. Letztlich war es ein Sieg Punkt der Cannstatter Kurve, der Zuschauer, die ebenfalls nie aufgaben und die beim Tor komplett eskalierten. Nach vier Spielen ohne Niederlage warten nach dem Pokal-Intermezzo gegen Köln mit Augsburg und Bielefeld zwei Gegner, gegen die man dann auch mehr als einen glücklichen last minute Punkt erwarten darf.

Zum Weiterlesen:
Unser VertikalGIF “Swabish Dynamite”

Hat der VfB überhaupt einmal gegen Union Berlin gewonnen? Ja, ist aber ein paar Tage her.

Rund um den Brustring schreibt von einem nicht unverdienten Punktgewinn.

“Sie ziehen ihr Spiel gna­denlos durch.” 11Freunde analysiert die Stärken der Berliner.

Der Werdegang von Taiwo Awoniyi von Nigeria, Liverpool, FSV Frankfurt … bis Union.

Foto:
Adam Pretty/Getty Images

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3 Kommentare

  1. Motzbackenbruddler sagt

    Das 0:1 für fucking Union hätte niemals zählen dürfen; Endo wurde vor seinem Ballverlust klar von fucking Rani K. geschubst! Das haben alle gesehen, deshalb ist auch keiner zum Verteidigen in unseren 16er gelaufen, weil alle auf den Pfiff vom fucking Schiri gewartet haben – aber so wie immer spielen wir gegen 12. Und ja, es war kein Glanzspiel von uns, aber fucking Union hat tlw. mit der 5er Kette den Bus vor den Kasten geparkt und wieder Mal mit pomadigen Zweitliga-Fussball seinen Gegner aus dem Spiel genommen. Toll! Chapeau, Herr Fischer! Ganz kreativ. Ich sag Euch was: Tatsächlich sehe ich lieber RB oder WB auf der oberen Tabelle, weil die es sich spielerisch verdient haben, als diesen fucking Möchtegern-Retro-Verein, der auf achso große Tradition macht.

    • @abiszet sagt

      Mann, Du bist ja noch fucking geladen. Dich hätte ich nach dem Spiel nicht treffen wollen ;-)

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