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Fußball 21

Mai 2021, Karlheinz Rummenigge lächelt: das neunte Mal Meister in Folge. Seine Spieler toben wie Kinder übers Spielfeld und übergießen sich vor leeren Rängen mit lauwarmem Weißbier. Er hatte es ja immer gesagt: „The show must go on.“ Und was ist schon eine Pandemie gegen den FC Bayern München?

Wer hätte außerdem gedacht, dass die „Geisterspiele“ sogar einen angenehmen Nebeneffekt haben würden? Ohne die lästigen aktive Fan-Szenen, die sich sozial engagieren und der bigotten Fußballszene den Spiegel vorhalten, war endlich alles so, wie es sich die Funktionäre wünschten. Und Zuschauereinnahmen sind für Bayern München wirklich nicht entscheidend. Durch die Geisterspiele und Distanz zu den Fans waren sogar die Merchandising-Einnahmen gewachsen. Auch „Mister Sportstudio“, der ewig nette Dieter Kürten, war begeistert: „So gefällt mir der Fußball besser, ohne diesen Fanatismus und die Anfeindungen von der Tribüne!“ Rummenigge machte ihn sofort zum Ehrenmitglied des FC Bayern.

Anderen ging es allerdings nicht so gut blendend wie dem Rekordmeister: Der FC Augsburg und Werder Bremen mussten während der „Corona-Saison“ den Spielbetrieb aufgrund finanzieller Schwierigkeiten beenden. Solidarität unter den Bundesliga-Clubs? Fehlanzeige. „Wo kommen wir denn da hin?“, fragte Rummenigge im großen BILD-Interview, „am Ende des Tages ist jeder für seinen Erfolg selbst verantwortlich“. Schalke 04 hingegen konnte sich durch millionenschwere Staatszuschüsse ohne Rückzahlungsverpflichtung retten. Ehrensache. Damit sollte auch das Engagement von Clemens Tönnies honoriert werden: Der Mega-Metzger aus Rheda-Wiedenbrück hatte schließlich sein Labor für die Analyse von Schweineblut für die speziellen Bundesliga-Corona-Tests zur Verfügung gestellt. Damit wurden keine Testkapazitäten für Profi-Fußballer beansprucht, die an anderer Stelle fehlten. Ein brillanter Schachzug. Tönnies hätte sein Schweine-Labor aber natürlich auch für Tests an der Bevölkerung freigeben können. Aber die unwissenden Fans drehen es sich ja immer so hin, wie es ihnen passt.

Eine kurze Rückblende in den Frühling 2020:
Mit einer gewissen Scheiß-drauf-Haltung, unterstützt durch die Politik, wurde die Saison 2019/2020 am 9. Mai wieder gestartet. Gegen den massiven Protest der organisierten Fan-Szene und eigentlich allen, die am Fußball nicht verdienen, sondern ihn bezahlen.  Großartig gewundert hatte das indes niemanden. DFL, DFB, Sky, ZDF etc. hatten schließlich nicht nur in der „Causa Hopp“ gezeigt, dass ihre Interessen mit denen der Fans keinerlei Schnittmenge mehr haben.

Kein Wunder, dass der Fußball einfach nicht damit zurecht kam, sich so zu fühlen wie viele in der Corona-Krise: einsam, nutzlos, unausgelastet. Aki Watzke von Borussia Dortmund bemühte sogar die Romantik: „Wir müssen uns darauf besinnen, wir wir angefangen haben, Fußball zu spielen: Auf der Wiese ohne Fans. Man hatte einfach Spaß. Jetzt kehren wir halt zum Ursprung zurück.“ Genau, dem Profifußball geht nur um Spaß, nicht um Geld.

Doch der Neu-Start der Saison ging komplett in die Hose: Zunächst gab es große Kritik aus allen Richtungen, die Identifikation mit dem Profi-Fußball sank (falls das überhaupt noch möglich war) und dann führten zu viele Corona-Infizierte zu massiv reduzierten Kadern, so dass die Saison doch noch abgebrochen wurde. Dabei hatte die DFL in ihrem Strategiepapier extra geschrieben, die Teams sollten „frühzeitig für einen ausreichend großen Kader im Saisonfinale sorgen.“

Aber egal: Hauptsache, die Quoten stimmten und Sky zahlte fast die komplette letzte Tranche der TV-Gelder. In der ersten Liga gab es keinen Absteiger, aus der zweiten rückten automatisch mit Arminia Bielefeld, dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart die ersten drei in die Eliteklasse auf. Bielefeld jedoch verzichtete auf den Aufstieg. „Wir verstehen unseren Verzicht auch als Protest gegen die DFL, die Rest-Rückrunde mit Gewalt auszuspielen und sich selbst als systemrelevant anzusehen.“ Für Bielefeld rückte der 1. FC Heidenheim nach, der sich achtbar schlug und mit immerhin elf Punkten als Tabellenletzter abstieg, knapp hinter dem HSV mit 17 Punkten.

Als nicht praktikabel hingegen erwies sich die neu entwickelte Fan-App, mit der Fans von zu Hause aus Gesänge und Klatschen über die Stadion-Lautsprecher einspielen konnte, um die Geisterspiel-Atmosphäre ein bisschen aufzulockern. Aus Protest torpedierten die Fan-Szenen diese Idee, indem sie falsche Gesänge einspielten. So erklang im Dortmunder Westfalenstadion „Stern des Südens“ und im Hamburger Volkspark lief bei einem Tor gegen den HSV „Song 2“ von Blur.

Im November, es liefen bereits die Geisterspiele der Hinrunde der Saison 2020/2021, gelang der aktiven Fanszene aus Stuttgart ein Coup: In einer Nacht- und Nebelaktion hatte sie vor dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim dieses Spruchband in die Cannstatter Kurve geschmuggelt: „Hopp, wo bleibt der Stoff?“, was auf seine Aussagen im aktuellen Sportstudio anspielte, dass ein von ihm finanziell unterstütztes Unternehmen bereits bis Herbst 2020 einen Impfstoff gegen das Corona-Virus entwickeln würde.

Gewöhnungsbedürftig waren auch die neuen Anstoßzeiten. Da die Anreise der Fans komplett entfiel, setzte Sky durch, dass die Spieltage aufgefasert wurden. Das Ergebnis waren folgende Spielzeiten: Freitag, 18:00 Uhr, Freitag, 20:00 Uhr, Samstag, 13:00 Uhr, Samstag, 15:30 Uhr (Topspiel der Woche!), Samstag, 18:00 Uhr, Samstag 22:00 Uhr, Sonntag, 11 Uhr, Sonntag, 15:00 Uhr, Sonntag 17:30 Uhr. Die Zweitliga-Partien wurden von Montag bis Freitag terminiert, um an jedem Tag ein wenig Freude in die deutschen Wohnzimmer zu bringen – Deutsche Vermögensberatung Halbzeit“analyse“ inklusive.

Für großes Gespött sorgte auch der Versuch, die Spiele konsequenterweise ausschließlich vom VAR aus Köln leiten zu lassen. Doch nachdem das 0:0 zwischen Schalke und Dortmund nach sechs anullierten Treffen und drei gelb-roten und zwei roten Karten insgesamt 150 Minuten dauerte, verabschiedete sich die DFL schnell wieder von diesem Konzept.

Bayern München kam gut durch die Geisterspiele, ebenso der VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen, die TSG Hoffenheim und RB Leipzig. Kein Wunder: Für sie änderte sich von der Stimmung schließlich wenig. Diese Teams verfielen nicht in den Testspielmodus, den andere Mannschaften nicht ablegen konnten, weil sie das Gefühl, ohne Zuschauer zu spielen, nur aus unwichtigen Vorbereitungsspielen kannten. Borussia Dortmund war ohne die Süd nur noch die Hälfte wert, verpasste klar die Champions League und konnte Spieler wie Sancho & Co. nicht länger halten. Kein Wunder, dass Aki Watzke forderte: „Man hat gesehen, dass dem Fußball ohne Fans sein Herz fehlt. Wir brauchen dringend wieder volle Stadien“. Ganz neue Töne von dem Mann, der zusammen mit Rummenigge die Geisterspiele am stärksten forcierte.

Dass Hertha BSC Platz 5 belegte, überraschte dagegen kaum jemand. Bruno Labbaddia brachte den Hauptstadtclub in die Spur, so wie es ihm bei allen seinen Stationen zuvor gelang. Aber den nächsten Schritt zum Big City Club durfte er nicht machen, wie eigentlich auch bei allen seinen Stationen zuvor. Geldgeber Lars Windhorst forderte einen großen Namen, den er mit Carlo Ancelotti auch bekam. Jetzt ist Labbadia bei Schalke 04 im Gespräch, dass ohne Support einen enttäuschenden 14. Rang belegte.

Einen Platz davor landete der VfB Stuttgart. Sven Mislintat überraschte mit seiner Kaderplanung für 2020/2021: Das Team, das den Aufstieg „geschafft“ hatte, blieb weitgehend zusammen, und wurde lediglich durch drei Neuzugänge ergänzt: Simon Terrodde, Carlos Mané und Daniel Ginczek. Einerseits wollte Mislintat damit die Qualität in der Offensive nach dem Karriereende von Mario Gomez und dem Wechsel von Nicolas Gonzalez (für 17,5 Mio nach Leipzig als Ersatz für Timo Werner) erhöhen. Andererseits sollten diese drei Aufstiegshelden von 2017 die Verbundenheit mit den Fans wieder herstellen, da sie unter den Anhängern immer noch eine große Popularität besitzen. Auch wenn Mané nur zeitweise an seine erste Zeit beim VfB anknüpfen konnte (3 Tore, 6 Vorlagen), so präsentierten sich Ginczek, Terodde und Sasa Kalajdic als legitime Nachfolger des magischen Dreiecks: Sie machten nun den Triple Ochsensturm zur Trademark.

Nachdem in der Sommerpause 2021 schließlich der sehnlich erwartete Impfstoff auf den Markt kam (aus China, nicht aus Tübingen), waren alle froh, dass endlich wieder vor Fans gespielt werden konnte. Am ersten Spieltag der Saison 2021/2022 empfing der VfB Stuttgart bei herrlichstem Sommerwetter den von Michail Ponomarew alimentierten Aufsteiger KFC Uerdingen, den es durch das Clubsterben in den unteren Ligen irgendwie nach oben gespült hatte. Der klare 3:0 Sieg (Tore: Kalajdic, Ginczek, Egloff) und die Tabellenführung wurde frenetisch von 22.000 Zuschauer gefeiert.

Zum Weiterlesen:
Ein Kommentar von Oli Fritsch in der ZEIT zum voraussichtlichen Neu-Start der Saison 2019/2020 findet Ihr hier.

Die Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“, der vereinsübergreifende Zusammenschluss der organisierten Fußballfans in Deutschland, sagt: „Wir wollen die Krankheit bekämpfen und nicht die Symptome.“

Wie sich die Freunde drüben bein stuttgart.international den Fußball 26 vorstellen, lest ihr hier.

Chris Prechtl hält eine baldige Wiederaufnahme des Profifußballs für unbedenklich, wenn alle Profis der 36 Clubs der ersten und zweiten Liga verpflichtend auf mindestens zwei Monatsgehälter verzichten und diese Summe anderen Sportarten zugute käme.

Und der guten Vollständigkeit halber hier auch das offizielle Statement der DFL.

 

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5 Kommentare

  1. Ute sagt

    Ich bin enttäuscht- hättest Du nicht was Fiktives schreiben können, um die Stimmung aufzulockern? So‘n Dokudrama braucht doch kein Mensch :-)

    • @abiszet sagt

      Sorry Ute, der Text hat sich der Stimmung und augenblicklichen Situation selbst angepasst, ich konnte dagegen gar nichts tun ;-)

  2. drausvomlande sagt

    Das ist wieder typisch für Menschen, die den Fussball immer noch nicht richtig einordnen.
    Warum steht hier nichts vom wirtschaftlichen Aufschwung der Marketingagenturen, der Werbetexter, der Plakate- und Bannerhersteller? Schließlich war es nun möglich, die leeren Ränge vom Rasen bis unters Dach mit Werbeplakaten zu füllen.
    Warum steht hier nichts von den 3 Werbe-Breaks, bei denen die Spieler die Trikots heben und so auch die Unterwäsche-Werbung eingeführt wurde?
    Keine Ahnung habt Ihr, denkt Ihr wirklich, der Ball wäre das entscheidende Ding im Stadion?

  3. Jörn Neugebauer sagt

    Ich finde den Text klasse. Würde sogar ein Buch kaufen, wenn ihr die ganze Saison verfassen würdet😉

    • @abiszet sagt

      Hallo Jörg, vielen Dank. Schöne Idee! Ein ganzes Buch mit den Absurditäten der Saison 2020/2021 …

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