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Warum regt ihr euch eigentlich auf?

Ich verstehe gar nicht, warum ihr Euch so aufregt, dass die Saison ab 15. Mai unter besonderen Bedingungen mit allen Mitteln zu Ende gespielt werden soll.

Was habt ihr erwartet von einem Business, dass seine eigene „Kundschaft“ wahlweise als „hässliche Fratze des Fußballs“, als „Krakeeler“, als „Totengräber des Fußballs“, als „Ewiggestrige“ oder als „hirnlose Idioten“ bezeichnet?

Was habt ihr von einem Geschäftsbereich erwartet, in dem mitten in der Corona-Krise über Millionentransfers schwadroniert und der Vertrag von Thomas Müller ungeniert verlängert wird – selbstverständlich zu einem Jahressalär im deutlich zweistelligen Millionenbereich – aber gleichzeitig BVB-Boss Joachim Watzke den Untergang des deutschen Fußballs prognostiziert, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt wird?

Was habt ihr von einer Branche erwartet, die glaubt, systemrelevant zu sein. Nur, weil ihre Akteure und Profiteure von einem Millionenpublikum bejubelt werden und sich deshalb für unantastbar und unersetzlich halten?

Was habt ihr von Leuten erwartet, die anscheinend völlig die Bodenhaftung verloren haben, die Werte nur kennen als Zahlen auf ihrem Bankkonto und Moral nur einfordern, wenn der eigene Club in einem Spiel scheinbar hoffnungslos zurückliegt?

Von Clubs, die ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und die Dauerkarten-Inhaber bitten, auf eine Rückerstattung zu verzichten – gleichzeitig aber die obszönen Spielergehälter (ok, teilweise ein bisschen reduziert) weitergezahlt werden?

Unabhängig davon ist die Debatte über die Weiterführung der Saison davon geprägt, dass die Diskutanten über zwei verschiedene Dinge sprechen:

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert – und nicht nur er – spricht von einem „Produkt“, als ob der Fußball ein Koffer wäre, ein Tiefkühleis oder ein Schlagbohrer. Ein Produkt will und muss auf den Markt, es muss verfügbar sein, um gekauft zu werden. Es stehen TV-Umsätze auf dem Spiel, es geht um Sponsorengelder, Einschaltquoten, Marktanteile, Marketing, kurz: Es geht ums Business.

Doch für Fans, ob organisierte Szene, Dauerkartenbesitzer oder gelegentliche Supporter, ist der Fußball kein Produkt, sondern Identität, nicht selten stark verwoben mit dem eigenen Lebenslauf. Es ist ein Kulturgut, das für Identifikation sorgt, für Zusammenhalt, Solidarität und Emotionen. Viele Fans sehen das Kulturgut Fußball auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung, an das sie hohe moralische Ansprüche setzen.

Es ist zunächst nichts Schlimmes darin zu sehen, wenn eine Branche ihr Business aufrecht erhalten möchte und alles dafür tut, was möglich ist, auch wenn sie dabei vielleicht sogar die eine oder andere Grenze übertreten wird. Genauso wie der Friseur, der Hotel- oder Gastronomiebetrieb und der Automobilkonzern, die ebenso ums berufliche Überleben kämpfen und jede Möglichkeit nutzen wollen, um ihr Geschäft wieder ins Laufen zu bekommen. Zumal es keine garantierte Sicherheit gibt – in keinem Bereich. Eine Ansteckung mit dem Corona-Virus ist immer möglich – siehe die aktuellen Fälle in Köln, Stuttgart und Aue – es sei denn, man meidet jeden sozialen Kontakt und geht in selbstgewählte, absolute Quarantäne. Es ist allerdings die Scheinheiligkeit, die übel aufstößt. Im Vergleich zu anderen sei der Fußball völlig unwichtig, wird immer wieder betont, vor allem von denen, die Fußball für ziemlich wichtig halten und mit ihm Geld verdienen. Man wolle keine Sonderbehandlung wird behauptet, banalste Vorgaben wie Abstandsregeln und Maskenpflicht, die für alle gelten, lassen sich aber in einem Fußballspiel nicht einhalten. Spätestens das „Skandalvideo“ des Berliner Spielers Salomon Kalou zeigt, dass zumindest nicht alle Spieler verstanden haben, worum es eigentlich geht. Und gleichzeitig beweisen, dass ein Hygienekonzept, dass auf dem individuellen Verantwortungsbewusstsein der Akteure fußt, zum Scheitern verurteilt ist.

Die Vehemenz, mit der die Forderung nach einer Fortsetzung der Saison gestellt wird, verdeutlicht: Der Profi-Fußball kommt zwar ohne Fans, aber nicht ohne die TV-Gelder über die Runden. Der Profi-Fußball wie es ihn heute gibt, wäre vielleicht bald schon Geschichte, wie Seifert, Watzke und Karlheinz Rummenigge immer wieder betonen. In der Diskussion um die Wiederaufnahme der Saison 2019/2020 haben beide Seiten auf Ihre Weise Recht: Die Produktentwickler aus dem Fußball-Business und die Kulturbeauftragten der Kurve.

Egal, was passiert:
Der Fußball wird nicht sterben, das Business eventuell schon.
Das Kulturgut wird niemals untergehen. Das Produkt eventuell schon.

Dass der Profi-Fußball um sein Produkt und damit um sein Überleben in der bisherigen Form kämpft, ist indes absolut legitim. Dass es den Fans auf der anderen Seite um den Fußball geht, und nicht um das Fußballbusiness, ist ebenso verständlich.

Darf gerne geteilt werden:

10 Kommentare

  1. Jörn Neugebauer sagt

    Alles traurig aber leider die ganze Wahrheit
    Leider wird die Branche nicht mehr lernen….

  2. Tobi Boy sagt

    Der Text spiegelt 1:1 wider, was mir dabei durch den Kopf geht (wie so häufig nebenbei)…

  3. VfBGooner sagt

    Vor ein paar Jahren (3, 4 oder gar noch mehr???) kam im 11 Freunde ein Bericht über Fans, die ihrem Verein den Rücken gekehrt haben oder im Herzen noch Fan sind, aber wegen den von euch wieder mal sehr treffend beschriebenen Auswüchse nicht mehr ins Stadion gehen.
    Darunter war auch ein junger Fan (VfB oder SSV Reutlingen), Kategorie „schon als kleiner Bub mit demTrikot in die Schule“, erster Stadion Besuch, … – jeder kennt es…

    Wegen den ganzen Auswüchsen hat der junge Mann dann irgendwann beschlossen, einfach nicht mehr hin zu gehen, nicht mehr zu „konsumieren“. Ob er weiterhin im Herzen Fan seines Vereins geblieben ist, weiß ich leider nicht mehr, ich habe auch den Artikel nicht mehr gefunden – nur einen ähnlichen (Link siehe unten).
    Ich fand die Ansichten der Jungs damals eigentlich ganz ok aber andererseits auch irgendwie ziemlich „radikal“ und hätte mir nie vorstellen können, dass ich auch mal auf solche Gedanken kommen könnte…

    Aber genau das ist mittlerweile passiert:
    ich gehe einfach nicht mehr hin.
    Ich konsimuere das Produkt auch nicht auf Sky oder wie sie alle heißen.
    Tüpfelchen auf dem i war für mich dieser Videobeweis – spätestens ab dessen Einführung war das endgültig nicht mehr der Fußball, den ich immer so geliebt habe – und immer noch liebe.
    Ich mache es nun wie der Fan aus dem 11freunde Bericht damals – ich gehe da hin, wo der Fußball noch so ist, wie ich ihn liebe – „unterklassig“ zwar, aber dafür mit Bier und Wursch – und dazu noch ganz ohne Videobeweis :-)

    https://11freunde.de/artikel/wir-ham-die-schnauze-voll/504588?position=seiteninhalt&komplettansicht=#seiteninhalt

  4. Thomas Draffehn sagt

    Es gibt Hunderte Kalous, die es nie verstehen werden. Deshalb braucht diese Branche eine längere Pause mit Ungewissheiten für diese Art Profis, ob sie es überhaupt wert sind. Erst wenn sie mal für eine noch längere Zeit nicht beachtet werden, fällt beim einen oder anderen der Groschen… Aber: Es sind junge Leute und sie verdienen eine 2. Chance, weil sie es bisher nicht anders kannten. Außer man heißt Klinsmann und verbockt es auch noch nach der 5. …

  5. Mozy sagt

    Sobald die Spiele wieder den Fans zugänglich gemacht werden, rennen alle wieder hin, zahlen die dreisten Preise (von der Dauerkarte bis zum Bier) und lassen sich weiter, frei nach Blumentopf, ,vom System ficken‘. Es ist eine Sache mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen, eine andere, Konsequenzen aus dem Trauerspiel zu ziehen. Schade allemal.

  6. Hansi sagt

    Das ist sind die typischen Aussagen von Fans, die meinen die besseren „Fans“ zu sein.

    Denen wird nun einfach klar dass die Vereine sie nicht brauchen. Natürlich ohne Stadionatmosphere wird sich es am Anfang falsch anfühlen aber daran gewöhnt man sich.

    Im Worst Case kann man die Gesänge Digital einspielen, und die Zuschauer digital einarbeitet.

    Es wird den „richtigen“ Fans nämlich bewusst, dass sie gar nicht so wichtig sind. Viel wichtiger sind die Millionen von Zuschauern bei Sky, auf die manche (nicht alle) ja doch mit einer gewissen Verachtung herabschauen.

    Ich freue mich auf Fußball, weil es um endlich mal was anderes geht als dieses scheiß Corona. Aber klar viele inbesondere die organisierten Fans hatten ja doch die Hoffnung dass sich das Blatt wieder hin zu „ihrem“ Fußball entwickelt. Der Zug ist aber abgefahren. Fußball ist nunmal keine Blase die sich künstlich finanziert, sondern das Geld ist eben da. (Sponsoren, TV, etc.)

    • @abiszet sagt

      Hallo Hansi, es gibt keine richtigen und falschen Fans, keine guten und besseren Fans. Eine Kategorisierung wie Deine ist Blödsinn, da steckt immer ein bisschen ein Minderwertigkeitskomplex drin. Ich bin gespannt, ob sich daran gewöhnt werden kann, dass es keine Stadionatmosphäre gibt. Die Spieler selbst sind skeptisch. Deine Idee „Im Worst Case die Gesänge digital einzuspielen“, zeigt ja gerade, dass es ohne Fans im Stadion nicht geht. Ich gebe Dir völlig recht, dass es gut tut, wenn es „endlich mal um was anderes geht als dieses scheiß Corona“

      • Clemens sagt

        Ich empfinde Hansi’s Darstellung gar nicht als Kategorisierung, sondern durch die Anführungsstriche distanziert er sich doch explizit von einer Klassifizierung in „richtig“, „falsch“ oder „gut“ und „schlecht“. Ihm da Minderwertigkeitsgefühle zu attestieren ist schon harter Tobak und zeugt ein wenig davon, wie sehr es dich gerade emotional berührt, dass wir demnächst Fußball-Live „light“ erleben müssen.

        Man muss Geisterspiele nicht gut finden und kann in Zeiten von „social distancing“ sicherlich nicht jedem verkaufen, dass die DFL ein scheinbar schlüssiges Konzept entwickelt hat, das auch nach Meinung offizieller Stellen tragfähig ist. Neben dem fehlenden Drumherum (keine vollen Stadien, beängstigende Stille auf dem Platz, Test-Spiel Charakter) kann man unter Umständen auch den sportlichen Wert solcher Spiele kritisieren, wenn Spieler ca. 3 Monate ohne echtes Training und Wettkampf Praxis entweder körperlos spielen oder ohne jedes Timing wie die Axt im Wald in die Zweikämpfe gehen. Am Ende ist es aber zumindest ein klein wenig besser, als die Ergebnisse zu würfeln oder wie in anderen Ländern in Europa einfach die Saison abzuschließen. Ich halte es da wie Hansi: Gut, dass es wieder los geht und man gelegentlich mal wieder auf andere Gedanken kommt.

        • @abiszet sagt

          Hallo Clemens (cc Hansi),

          ich bin nicht „emotional berührt“, weil es Geisterspiele geben wird. Ich mag das Schubladendenken nicht, ob mit oder ohne Anführungszeichen. Kritik am Re-Start – ob berechtigt oder nicht – wird einer bestimmten Fan-Gruppe zugewiesen, die sich angeblich bewusst wird, „dass sie gar nicht so wichtig sind“. Jeder Fan ist wichtig, Fans machen Fußball aus.

          Wie tragfähig das „schlüssige Konzept der DFL“ ist, werden wir angesichts von infizierten Spielern bzw. Teams sehen. Sportlicher Wert ist das eine, fairer Wettbewerb ist das andere. Dresden als erstes Team in 14-tägiger Quarantäne, muss dann nach 2 Wochen direkt anfangen, ohne echtes Training und hinkt damit natürlich den Kollegen hinterher, die seit dann 3 Wochen im Spielrhythmus sind. Das hat dann fast was von „auswürfeln“ ;-)

          Wie ich schon schrieb, wird es in der Tat ein bisschen gut tun, wenn es „endlich mal um was anderes geht als dieses scheiß Corona“.

    • Der Groundhopping sagt

      Hallo Hansi,

      meiner Meinung nach gehört das Alles zusammen. Der Fußball ist nicht nur, aber auch wegen der Atmosphäre im Stadion so beliebt!
      Die Kritik richtet sich auch an den Zeitpunkt der Fortsetzung. Man hätte besser noch ein paar Wochen zugewartet.
      Der Fall Dynamo Dresden zeigt ja sehr gut, dass die Kritik der aktiven Fans keineswegs unberechtigt oder überzogen ist!

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