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Meine WM-Lieblingsspieler, Folge 5: Tony Cascarino (1990)

Irische Fans

1990, ja, Weltmeister, aber ausser dem Auftaktspiel gegen Jugoslawien mit einem entfesselndem Matthäus und dem Achtelfinale gegen Holland mit einem unfassbaren doppelten Übersteiger von Buchwald blieb mir vor allem ein Ire in Erinnerung.  

Tony Cascarino, ein ehemaliger Friseur mit italienischen Wurzeln.

Dabei war Irland bis 1990 so gar kein Land, für das mein fussballerisches Herz schlug. Wenn schon, dann für Nordirland. Ich schwärmte mal für Norman Whiteside, der 1982 mit 17 die WM spielte. Er war ein bisschen älter als ich und ich stellte mir vor, wie das ist, bei einer Weltmeisterschaft mitzuspielen, träumte mich aufs Spielfeld, schoß unglaublich schöne Tore. Passiert mir heute noch.

Das erste Mal fielen mir die Iren auf, als sie bei der EM 1988 in Stuttgart gegen England spielten, ein Hochsicherheitsspiel, wir befürchteten, die legen unser schönes Städtle in Schutt und Asche. Aber ganz ehrlich: Mein Augenmerk fiel auf Irland wegen der Liebe. Ich war 1990 ganz frisch verliebt in meine damalige (und heutige!) Partnerin, sie hatte (und hat) ein grosses Faible für Irland. Da interessierte ich mich doch auch gleich für Irland, ist doch logisch, oder?

Wir studierten in Augsburg, es war Sommersemester, Prüfungszeit, aber es war nur Mathe und das Wetter war gut. Wir saßen in den Biergärten, diskutierten, ich trug die Haare lang und Schuhe, die so aussahen wie die Fussballtreter der heutigen Generation. Viel zu bunt und einfach geschmacklos. Aber ich fand mich gut. Die Iren spielten so wie ich Mathe lernte: Lösungswege erarbeitete ich mir hart und ich versuchte mich aufs Wesentliche zu konzentrieren, komplexe Aufgaben ließ ich aus, Beweisverfahren sparte ich mir, alles viel zu kompliziert.

Im Klartext: Die Iren bolzten den Ball primitiv und hoch und weit nach vorne, defensiv ging es rigoros auf die Knochen. Sie hatten einige sogenannte Haudegen drin, sie hießen McGrath, Aldridge oder Houghton, sie liefen viel, sie soffen viel und harte Zweikämpfe waren ihre Spezialität. Zu diesen derben Typen, bei denen man das Pint-Glas und die Zigarette auf dem Spielfeld vermisste, passte ein etwa zweimeterfünfzig grosser Stürmer namens Tony Cascarino überhaupt nicht. Cascarino war der Zielspieler im Angriff. Eigentlich konnte er nur laufen und köpfen, quasi das irirische Gegenstück zu Dieter Hoeness. Er war dünn und ungelenkig, von den Bewegungen her ein früher Thomas Müller. Let’s say: „Tony Cascarino, the tallest, funniest, and most unfootball-like footballer, you ever known“ (Irish Independent). Er war spielerisch wirklich nichts Besonderes, aber deshalb bewunderte ich ihn: Mit seinen limitierten Fähigkeiten hatte er es in die Nationalmannschaft gebracht, spielte bei einer WM, gewann Zweikämpfe gegen Frank Rijkaard und Paolo Maldini und schoss auch noch Tore. In 88 Länderspielen waren es überschaubare 19, aber in einer Saison für Olympique Marseile mal sensationelle 31.

Seit 1990 schaue ich also der Liebe wegen auf Irland. So wurde ich neben Irland-Fan auch U2-Fan, ich mag die Menschen, ich mag Dublin, ich liebe die Küsten, ich kann sogar ein Pint Guiness trinken (aber nur eins). Was die Liebe aus einem macht … ;-)

Foto: Eoghan McNally / Shutterstock.com

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