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Meine WM-Lieblingsspieler, Folge 6: Alexi Lalas (1994)

Die WM 1994 war bleischwer, das Elfmeterschießen im Finale Brasilien gegen Italien schenkte ich mir, das sagt alles aus über mich und das Turnier.  

Was waren die Highlights? Der Vokuhila des Bulgaren Trifon Iwanow, ein packendes Spiel zwischen Holland und Brasilien, Effenbergs Stinkefinger und ein VfB-Spieler (Carlos Dunga) als Weltmeister. Aber sonst? Ich war wohl nicht richtig fokussiert auf das Turnier. Mein erster Job und die WM, das passte nicht zusammen, ich war abgelenkt, hatte zu viele neue Eindrücke: Triviales wie Ablage, Kompliziertes wie Meetings und Arbeitsabläufe, Spannendes wie Kolleginnen. Ja, vor allem Kolleginnen. Bei einer wusste ich nicht, ob sie als Grafik-Designerin angestellt ist oder ob sie sich als Model vorstellte. Sie stolzierte mit schwindelerregenden Stilettos durchs Büro, gestylt, geschminkt, als ob es 1994 schon Casting-Shows gegeben hätte. Mit der Zeit erfuhr ich, sie war beides. Aber modeln konnte sie bedeutend besser.

Die USA als Gastgeber lehnte ich ab. Ein Land ohne Fussballtradition, die wollten Werbepausen in den Spielen platzieren, bei Verletzungspausen wurde Musik gespielt, die Zuschauer jubelten und klatschten bei den banalsten Spielszenen. Da gehörte eine WM nicht hin.

Aber das Team der USA bot immerhin Sehenswertes: Im Tor Tony Meola, ein Mops, sein Körper von Bier und Fast-Food geformt. Die mediokren Bundesliga-Profis Tom Dooley, Eric Wynalda und Paul Caliguiri als brave Vorgänger von Jermaine Jones, Fabian Johnson, Anthony Brooks und Timothy Chandler. Mein Held allerdings hieß Alexi Lalas. Ein Surfer, ein Rockstar, ein Soccer Rocker. Feuerrote Haare bis zur Schulter, Grunge-Bart, offensive Körpersprache. Er war langsam, aber extrem lässig. Auf dem Platz ein Sonnyboy und eine Urgewalt, ein Kerl wie ein Baum in der Abwehr, der lächelte und lief, immer ein „Du kannst alles erreichen, Du musst es nur wollen“ auf den Lippen. Er war die Antithese zu Typen wie Basler, Effenberg, Gaudino, Möller und Völler, die gegen Alexi Lalas muffig wirkten, altmodisch.

Lalas spielte in einer Rockband, die deutschen Spieler fuhren 3er BMW.
Lalas hörte Nirvana, die deutschen Spieler fanden Bon Jovi voll ok.

Es war diese Mischung aus Coolness und Draufgängertum, die Lalas bei der WM 1994 herausragen ließ. Romario, Roberto Baggio, Dennis Bergkamp, selbst Hristo Stoichkov – alles Superstars, ja klar, aber blaß gegen den speziellen Charakter des US-Boys, der sich erst als Eishockey-Spieler versuchte, was auch sein wuchtiges Spiel erklärt.

Lalas fiel erst beim Arsenal London-Probetraining durch, machte schließlich 96 Länderspiele und vertrat die USA bei den Olympischen Spielen 1992 und 1996.

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