Mini-Feature, VfB
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You’re my heart, you’re my soul

Ich höre Schwäbisch für mein Leben gern, das wird mir immer wieder klar, wenn ich zu VfB-Spielen gehe. Ich meine nicht das peinliche Schwäbisch, das im Stuttgart-Tatort gesprochen wird oder in der Eselsmühle oder in den unsäglichen Prenzlschwäbin-Videos. Ich liebe das ungekünstelte Schwäbisch, das auf der Straße gesprochen wird, Street-Schwäbisch halt. Das harte ostälblerische Schwäbisch mit Roaah- und Orrrww-Lauten, das leise Böblinger Schwäbisch oder das eher runde Cannstatter Schwäbisch, bei dem ich immer an meinen verstorbenen Onkel denken muss. Gerade bei VfB-Spielen höre ich vermehrt Schwänglisch, bei dem englische Vokabeln scheinbar willenlos in den Satz eingebaut werden. Das Schwänglisch wird überwiegend von Jüngeren gesprochen, meist sind es Kessel.TV-Leser oder Leute, die irgendwas mit Medien machen.

Beim PSV, in der Daimlerstraße, in Straßen- oder S-Bahn oder nach dem Spiel am Palast der Republik, hier mischt sich die Mundart zu einem speziellen Sound, im Moment mit freundlichem Grundton, die Ergebnisse stimmen, der Tabellenplatz auch, die Spielweise na ja, nur wenige verfallen in ein völlig überzogenes Bruddel-Tourette.

Ob Böblinger, Cannstatter oder sonst ein Schwäbisch, ob kroatisch, italienisch oder griechisch, ob türkisch oder hochdeutsch sprechende VfB’ler: Es sind viele, verdammt viele Fans. Gegen Bielefeld über 55.000. Was sind das nur für Leute?

Es sind Sehnsuchts-Fans, die nach grausamen Jahren Freude suchen, die heiß auf Siege sind. Sie sind sehr emotional, sie schwanken oft zwischen Größenwahn und Selbstzweifel. Auch Erfolgs-Fans sind dabei, die nicht wegen des zarten Erfolgs kommen, sondern um die Spiele zu Erfolgen zu machen.img_4930-bearbeitet

Die Event-Fans wollen mit ihrem Support das Spiel zu einem Ereignis machen. Und mal ehrlich: Meist gelingt das. Vor allem auswärts! Dann die Die-Hard-Fans, die schon alles gesehen haben, denen viele Niederlagen schlimme Wunden zugefügt haben und die hart im Nehmen sind. Die Überschwang-Fans, denen schon kleinste positive Signale reichen, um sich voll ins Fan-sein zu werfen mit Stadionbesuchen, Auswärtsfahrten und absurdem Merchandising wie dem Ugly-Merry-Christmas-Pulli. Im Gegensatz dazu die Skeptiker, die den ersten Erfolgen nicht trauen und hinter jedem Torjubel die VfB-bekannte Selbstgefälligkeit sehen.

Jetzt ist es eine kleine Typologie der VfB-Fans geworden und wahrscheinlich sind wir alle ein bisschen von allem. Kurz gesagt: Es sind Fans, die den VfB in Herz und Seele tragen, die sich nicht von der zweiten Liga abschrecken lassen und die sich auch nicht von Luhukays Beamten-Fußball vergraulen ließen.

Auch Bielefeld ist alles andere als ein Fußballfest. Ok, Three-Rod sollten wir alle hart feiern, auch wenn er Five-Rod hätte werden können. Aber es gibt zu viele und zu lange Phasen, in denen das Team seine Stärken nicht ausspielt und in denen der Ball überhaupt nicht tight läuft. Irgendwann wird ein Spiel kommen, in dem der Gegner das ausnutzt. 1860, KSC und Bielefeld fehlten dazu Qualität und Glück.

In der Länderspielpause kann ich mich trotzdem an Platz 2 erfreuen, an den Flanken von Emiliano Insua (schon sein fünfter Scorerpunkt), an der genialen Vorlage von Carlos Mané vor dem 3:1 – „voll dope!“ würden die Schwänglisch-Sprecher sagen – und an unserem Trainer Hannes Wolf, dem ich zutraue, dass er so lange unzufrieden ist, bis die Mannschaft 90 Minuten sauber spielt. Er spricht mit Jan Schindelmeiser Fehler klar an, seine Sprache ist fordernd und er hat auch als Erster erklärt, warum er (noch) nicht auf Alexandru Maxim in der Startelf setzt.

„Bisch’n Sehnsucht-Fän“, höre ich da im Böblinger Tonfall. Ja, stimmt, aber ein skeptischer. Denn ich weiß auch, dass der Pfostenschuss der Arminia nach dem 1:1 in den letzten Jahren garantiert reingegangen wäre und wir eine überflüssige Heimniederlage diskutieren würden.

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