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Ja, ist der VfB denn Meister geworden?

Es liegt eine Anspannung vor dem Spiel gegen den HSV in der Luft, aber nichts Negatives, eher Vorfreude, ein Funkeln in den Augen, man kann das sehen: Väter laufen mit Ihren Kindern ins Stadion, lächeln, schwenken Fahnen, ein Kind hält sogar eine Papp-Meisterschale hoch. Die Fans lachen atemlos, den Rücken selbstbewusst durchgedrückt, Autos hupen fröhlich, in den Fenstern wird immer wieder mit den Fingern eine drei geformt, ich weiss nicht, was das heissen soll, drei Punkte oder drei Tore, beides wäre mir Recht. 20.000 Leute gehen ganz in weiß gemeinsam vom Bad Cannstatter Bahnhof zum Stadion. Nicht nur wegen des Wetters, es ist eine Stimmung, wie … ja, wie 2007. Nicht zu fassen. Da ist der VfB Letzter und Stuttgart ist bestens gelaunt, geradezu euphorisch. Was hat der VfB aus dieser Stadt gemacht? Ein sehr schöner Text der StZ findet sich dazu hier.

Nicht nur die äußeren Umstände erinnern mich an 2007, ich werde den Thrilla im Kella erleben wie vor acht Jahren die letzte Partie gegen Cottbus: Zwar ohne Papp-Meisterschale und nicht im VfB-Trikot (ist ein bisschen eingegangen in der Zwischenzeit), aber zusammen mit meinem Freund Sammy, ein Optimist, ein Fussball-Orakel, einer, der immer an den VfB glaubt (siehe ausführlich auch hier), der bei allen wirklich wichtigen Spielen dabei war. Er warnt mich vor: Der VfB wird zunächst zurückliegen, aber dann wie 2007 2:1 gewinnen. „Is klar, Alter, kannste mir nicht auch noch gleich die Minuten sagen, in denen die Tore fallen?“ Sammy schaut mich nur an, in seinem Blick liegt purer Optimismus, seine Augen sagen „ich weiss es“ und ich will es glauben.

Es sieht jedenfalls nach einem guten Tag aus: Das Wetter ist wunderschön, das Bier schmeckt heute besser als sonst, genau vor 23 Jahren wurde die Meisterschaft klar gemacht, die Leute sind bereit für etwas Großes, jetzt muss nur noch die Mannschaft liefern.

Das Team ist eine absolute Euphoriemannschaft. Was sie braucht, sind ein, zwei gute Szenen, sie ist süchtig nach Zuneigung, Anerkennung und Applaus und wenn man ihr das gibt, ist alles möglich. Aber auch Überheblichkeit und Nachlässigkeit, das Ausruhen auf vermeintlichen Erfolgen, sind bei dieser Mannschaft nicht weit entfernt. Die Zuschauer versuchen ihr das seit ein paar Spielen auszutreiben, indem sie unterstützt wird als ginge es um die Meisterschaft. Es wird jedenfalls nach offiziellen Messungen derzeit nirgends lauter gebrüllt als in Stuttgart.

Die Mannschaft denkt nicht, sie spürt nur. Das ist am besten an Serey Dié zu sehen. Er folgt auf dem Feld seinem Instinkt und zieht die Bälle förmlich an, kaum sieht man eine Lücke, bulldozert sie Dié zu. Das ist technisch nicht immer eine Augenweide, ist aber mitreißend und schreckt den Gegner ab, keiner will gegen Dié einen Zweikampf bestreiten.

Nur Gojko Kacar hat der VfB nicht auf dem Zettel: Den hatten alle beim HSV schon in die Ablage P gegeben. Bis zum VfB hat es sich offensichtlich noch nicht rumgesprochen, dass ihn Bruno Labbadia aus dem Papierkorb genommen und entknüllt hat. Nach dem 0:1 ist es kurz still, aber alle schütteln sich, Mannschaft und Fans, es ist wie 2007. Sammy beruhigt mich mit seinem wissenden Lächeln und einem Tätscheln auf die Schulter „Warts ab!“ Der hat die Ruhe weg, weiss nicht, wie er das macht, ich muss ihm aber unbedingt noch sagen, dass er es mal mit Sportwetten versuchen soll.

Es ist dann schnell klar, dass wir mit unserem Head-to-Head-Vergleich absolut richtig lagen (hier gehts lang). Der HSV ist bis auf René Adler nicht bundesligareif, was ist nur aus Ivica Olic geworden? Rafael van der Vaart bewirbt sich um den Titel „unsympathischster Hamburger“ und auf der rechten Abwehrseite kann einem Heiko Westermann leid tun. Filip Kostic ist die Urzelle des VfB-Angriffspiels, es scheint, als ob ihn eine höhere Macht immer noch schneller werden läßt, ihn seine Körpertäuschungen nach überraschender ansetzen läßt. Westermann verliert regelmäßig die Orienterung, Kostics ausufernde Sprints und Soli brechen wie Wellen auf die Hamburger Abwehr herein, manchmal denke ich, Kostic könne fliegen. Alles, was fehlt ist das dritte, das vierte, das fünfte Tor. Aber das wäre zu viel des Guten geworden. So wird Martin Harnik zum angesagtesten Stadtaffen:

Fetter Bart, dicker Kopf, sehe aus wie ’n junger Gott.
Bruno hat richtig Angst, seine Jungs flieh’n im Galopp
Die Flanke kommt, ich seh‘ den Ball,
ich bin richtig frei, vor Wochen ging der noch vorbei.

Mit meiner Affenpower zelebrier‘ ich Gassenhauer.
Bräute kriegen Nackenschauer, ihre Macker macht das sauer.
Huub macht nen Kussmund, ich hau für ihn nen Tor rein.
Hüpfe mit Ginni durch die Sonne und alles ist fein.

Schönes Ding, dass ich der angesagte Affe bin.

In Paderborn wird es sicher nicht so einfach wie gegen den HSV, denn die Ostwestfalen haben etwas, was dem Dino fehlt: Ein Herz und nichts zu verlieren.

Arroganz und Selbstsicherheit sind nicht angebracht, auch wenn es derzeit kaum einen in Deutschland gibt, der nicht den VfB und dessen Spielweise mag oder zumindest respektiert. Aber das ist genau der Nährboden, es mal ein bisschen lockerer angehen zu lassen, in der irrigen Meinung, gegen Paderborn laufe es schon von selbst. Der VfB kann sich mit einem Sieg selbst retten, aber er kann sich auch selbst in die zweite Liga spielen. Das bringt die Wahrheit ans Licht, im allerletzten Spiel wird die Mannschaft zeigen müssen, wer sie wirklich ist: Ein Team, das gemeinsam den letzten Schritt gehen will oder eine Ansammlng von talentierten Individuen, die in erster Linie ihre eigenen Interessen im Blick haben. Ich muss mal Sammy fragen, wie es ausgeht. Er kann allerdings beim Spiel nicht dabei sein, er ist in Süditalien. Gefällt mir gar nicht.

Was sagt Peter Fox zum 2:1 von Martin Harnik?
„In einem Team voller Affen ist er der King!“

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3 Kommentare

  1. Wir können halt nur hoffen das deine schlimme Befürchtung nicht wahr wird. Aber sonst exakt auf den Punkt getroffen, toller Beitrag :)

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