Querpass, VfB
Kommentare 6

Eine VfB-Weihnachtsgeschichte

Am Rande einer Allee, vis-a-vis eines roten Hauses, ganz in der Nähe eines großen Sterns, steht ein Wegweiser. Er streckt seine Arme aus: Der eine zeigt auf die eine, der andere auf die andere Seite, und auf jedem der beiden Arme steht geschrieben, wohin der Weg führt und was es bedeutet:

Freude (Aufstieg) oder Chaos (zweite Liga)

Es ist gut, dass der Wegweiser da ist. Denn wer hätte sonst den Weg zeigen sollen? Ein schlecht gelaunter Holländer mit dünnem Oberlippenbart und einer Vorliebe für ehemalige Schützlinge? Dann doch lieber dieser junge, forsche Blondschopf mit dem ernsten Blick, den alle gern haben müssen!

Um den Wegweiser herum, auf der Wiese, stehen viele junge Männer, ihr Tatendrang ist von weitem zu erkennen. Zappelig sind sie wie junge Hunde, ungeduldig, aber auch freudig erregt, manche sind egoistisch, einige tragen verborgen einen Brustring über dem Herzen. Ab und zu flattern weiße Schmetterlinge umher und setzen sich auf die Arme des Wegweisers. Ihnen braucht er den Weg nicht zu zeigen, sie wissen ihn von ganz alleine.

Kritische Geister fragen:
„Was stehen Sie eigentlich hier immerzu da und zeigen in dieselbe Richtung?“
„Ich zeige meinen Jungs den richtigen Weg“, sagt der Wegweiser.
„Den richtigen Weg zeigen! Ja, wissen denn die Spieler nicht worum es geht?
Und woher wissen Sie eigentlich den Weg? Ändern Sie nicht viel zu oft die taktische Ausrichtung?“

Der Wegweiser antwortet nichts. Er denkt sich sein Teil. Er ist erst kurz da, hat aber schnell verstanden, was zu tun ist. Er muss der Mannschaft die Selbstzufriedenheit austreiben und ihr gleichzeitig eine Kultur des „alles-geben-wollens“ für den Verein zu vermitteln. Dazu unterhält er sich gerne mit seinem Co-Trainer, dem jungen Abwehrchef und dem bulligen Stürmer. Ja, Miguel Moreira, Timo Baumgartl und Simon Terodde, das sind seine ganz besonderen Freunde, denn auch sie versuchen, den Leuten den richtigen Weg zu zeigen. Das ist nicht immer einfach, aber tapfer stellen sie sich dieser Aufgabe.

Tag für Tag spricht der Wegweiser mit seinen Spielern und und zeigt ihnen Möglichkeiten auf: bei allem Individualismus spricht er immer wieder vom gemeinsamen Erfolg, „Wir“ ist sein Lieblingswort. Tag für Tag zeigt er den Weg, auch bei schlimmsten Niederlagen und unterirdischen Leistungen. Kleine Erfolge werden von ihm nicht überbewertet. Er ist immer streng, dabei aber gut gelaunt. Er spricht die Sprache der Geschichtenerzähler. Jeder hört ihm gerne zu, jeder möchte ihm glauben. Wenn seine Taktik in Frage gestellt wird, stellt er sich in den Sturm der Kritiker – auch aus der Mannschaft – und überzeugt sie von seinem Weg, der kein leichter ist.

Sein Wesen als Wegweiser zeigt er in der Niederlage, wenn sein Team es ihm nicht leicht macht, wenn es die Kontrolle verliert, mal wieder nachlässig und überheblich wird oder seine Vorgaben nicht einhält: unbeirrt bleibt er, klar in der Ansprache, überzeugend in der Analyse.

Diese Herausforderungen packen ihn mit großer Wucht und versuchen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aber fest bleibt der Wegweiser stehen. Er weiss: Es gibt nicht nur Erfolg, es wird auch Rückschläge geben, aber darauf ist er vorbereitet. „Nein – ich darf nicht umfallen – ich muss stehen bleiben und den Spielern den richtigen Weg zeigen. Das ist meine Arbeit für diese Mannschaft und diesen Verein, das ist eine Herzensangelegenheit“, sagte er. Und die Menschen lieben ihn dafür. Kaum einer kann sich daran erinnern, so einen Wegweiser gehabt zu haben: ernsthaft und forsch, sympathisch, fordernd und analytisch, emphatisch und authentisch, kommunikativ und interessiert, bodenständig und mutig, mitreissend und draufgängerisch.

In der Winterpause macht er Urlaub zu Hause in Westfalen. Da steht er in seinem Garten und seine beiden Töchter spielen mit ihm. Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel. Sie weben – heimlich, still und leise, während im Hintergrund „Last Christmas“ läuft – aus tausend winzigen Glitzersternchen eine kleine Krone und setzen es dem Wegweiser auf. Niemand sieht das Krönle außer seinen beiden Kindern.

Aber im Sommer, da wird es jeder sehen und wissen. Auch diejenigen, die völlig überzogen reagieren und bereits vom Nicht-Aufstieg reden. Und diejenigen, die immer versuchen mit einem Blick in die Vergangenheit die Zukunft zu erklären. Alle wird er überzeugt haben, weil der VfB wieder in der ersten Liga spielt.

Darf gerne geteilt werden:

6 Kommentare

  1. Rainer Müller sagt

    Hallo abiszet,
    wir waren auf dem „Dalle“. Da wir nur noch Tickets für den Heimbereich bekommen haben, mussten wir es uns im Block 2 gemütlich machen. Selbst in der sechzigsten Minute waren sich die Fans der Würzburger Kickers noch unsicher. „Wart nur, die kommen noch!“. Aber da kam halt nichts, gar nichts, im Gegenteil. Das ist die Realität, „this team is not fit for the big points“. PUNKT. In dieser Verfassung hat man nichts ( schon wieder nichts ! ) in Deutschlands Eliteklasse zu suchen. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: In dieser Saison muss man mit einem neuen, jungen Team aufsteigen. Daneben soll man sich schon vorsorglich für die neue, hoffentlich erste Liga in der kommenden Spielzeit rüsten. Und das mit einem Trainer, welcher bislang im Profibereich noch nicht tätig war. Eine Menge Holz, zumal der übrige Teil des Vereins auch noch große Baustellen hat. Siehe Zweite und Juniorenbereich. Also im Moment kann ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Vielleicht müssen zwei, drei Wochen ins Land ziehen. Vielleicht.
    We are waiting for the thunder.
    PS: Geilste Webside zum Thema, hold the line. Frohe Weihnachten und nen tollen Rutsch ins neue Jahr.
    RaMü

    • @abiszet sagt

      Lieber Rainer,
      herzlichen Dank für Deine netten Worte!
      Vielen Dank auch für Deine Analyse, die es mE sehr gut trifft! Es ist schon viel zu tun und es muss viel passen damit der Aufstieg klappt. Aber sind Hannover, Braunschweig, Union, Heidenheim oder Düsseldorf im long-run wirklich besser? Müssen wir die wirklich fürchten? Oder vielmehr den Arsch zusammen kneifen und das Ding zu Ende spielen? Wie man aus meinem besinnlich-triefenden Text herauslesen kann, traue ich Hannes Wolf zu, den Aufstieg zu packen. Komplett gegen den Trend bin ich überzeugt vom Trainer, obwohl er manchmal mit der Taktik daneben liegt. Das ist Pep Guardiola nie passiert, gell?
      Logisch darf der VfB niemals gegen Würzburg verlieren. Never. Dass Würzburg besser war, verdient gewonnen hat, macht es umso schmerzlicher. Wollen wir hoffen, der Trainer zieht zusammen mit Shindy die richtigen Schlüsse.

  2. drausvomLande sagt

    Danke für diesen „besinnlich-triefenden“ Text und auch Danke für Eure klasse Arbeit das ganze Jahr über.
    Dafür gibt’s die Fortsetzung von „Der Wolf und die Rotringchen“:

  3. drausvomLande sagt

    Der Wolf und die Rotringchen
    Weihnachten
    Viel Zeit war vergangen, seit der eine, der mit den Worten so viele und gute wie Schindeln auf dem dichten Dach eines Schwarzwaldhofes, den Wolf geholt hatte. Und vieles war geschehen in dieser Zeit, ein neuer König war ernannt worden, der Wolf hatte seine Arbeit aufgenommen, andere Leitwölfe hatten das Land verlassen müssen und manch ein Zögling musste hinnehmen, dass ihm der Wolf die Reife noch nicht zugestand.
    Auch im Volk hatte sich vieles verändert. Träumten auch manche aus dem Kreis der Freunde noch vom Glanz und Ruhm vergangener Tage und sehnten sich nach den Champignons und anderen Köstlichkeiten aus höheren Gefilden zurück, so hatte sich das Volk im Großteil doch an die rustikale Kost, die von den Zöglingen des Wolfes zubereitet wurde. Pfifferlinge aus den heimischen Wäldern ebenso wie exotische Spirelli mit Wurstgulasch sättigen ebenfalls und das Volk hatte lange genug Hunger gelitten. An manchen Tagen war das Essen zwar knapp, aber im gesamten musste keiner mehr Hunger leiden und das Volk war zufrieden und begann, sich in der neuen Ordnung einzurichten.
    Auch der neue König, dem noch ein großer Teil des Volkes mit Misstrauen gegenüberstand, handelte besonnen und zurückhaltend. Nicht auf den König ausgerichtet, sondern auf das Wohl des ganzen gezielt, waren seine ersten sichtbaren Anordnungen und Verlautbarungen, wenngleich auch er gegen die Lockungen des Goldes nicht gefeit war und darüber nachdachte, einen großen Teil des Landes zu verkaufen.
    Jetzt war Weihnachten gekommen und auch wenn den Christbäumen noch kein Festmahl verspeist werden konnte, so musste doch niemand im Volk Hunger leiden und alle konnten voller Zuversicht auf das neue Jahr schauen und sich zurücklehnen.
    Der Wolf jedoch und auch der eine mit den Worten so viele und gute wie Schindeln auf dem dichten Dach eines Schwarzwaldhofes, diese beiden ruhten nicht. Sie hatten wohl erkannt, dass ihnen nicht alles, was sie angefasst hatten, auch geglückt war und sie hatten auch gesehen, dass nicht alle Zöglinge wirklich für die weitere Arbeit gemacht waren, trotz aller Anstrengungen und Mühen.
    Und so machten sie sich daran, diese Zöglinge mit Anstand und Würde und Dank auszusortieren und neue auszusuchen und auch ihre eigene Arbeit überdachten sie und suchten nach Verbesserungen.
    Und das Volk war zufrieden.

  4. drausvomLande sagt

    Naja, ich bin es, und die, auf die es mir ankommt, auch.
    Dass der VfB solche „Nicht-Leistungen“ bietet, ist nichts neues.
    Dass dies aber so deutlich von der sportlichen Führung angeprangert wird und vor allem mit personellen Massnahmen bedacht werden soll, schon.
    Ich glaube, dass die beiden liefern werden, dann wird das schon.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.