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Zweitklassige Kindheit

Das ist Frederik. Aber alle nennen ihn Freddy. Er ist dreieinhalb. Und noch so klein, dass sein Debüt im lokalen Bambini-Team frühestens im Sommer 2016 denkbar ist. Seinen bisher besten Auftritt aus fußballerischer Sicht hatte er in der Halbzeit des WM-Finales 2014, als er im Sommerregen mit größeren Jungs  auf einer Terrasse voller Nacktschnecken kickte. Barfuß versteht sich. Bislang investiert Freddy seine gesamte fußballerische Energie also in seine Rolle als Fan des VfBs. In seinem Alter gibt es noch keinen Abstiegskampf. Oder Trainersuche. Oder Torwartdiskussionen. Es gibt keine Grauschattierungen. Es gibt nur weiß – und rot.

Andere Eltern haben vielleicht die Sorge, dass ihr Sohn schwul wird. Oder Politiker. Oder Fan des FC Bayern. Aus meiner Sicht wäre das alles nicht so schlimm. Okay, das mit den Bayern schon.

Viel schlimmer wäre es aber doch, wenn Freddy in Stuttgart zweitklassig aufwachsen müsste. Schon jetzt laufen die Kids in seinem Kindergarten und an der Grundschule seiner großen Schwester in Trikots von Barcelona, Real Madrid oder Bayern München herum. Brustringtrikots in Größe 116 sucht man vergebens. Während man überall kleine Messis, Ronaldos und Götzes sieht, sucht man Mini-Gentners und kleine Lord Hlouseks erfolglos.

Und während wir darüber diskutieren, ob Jürgen Kramny der richtige Trainer ist, ob man Daniel Didavi in der Winterpause ziehen lassen sollte, ob Christoph Schickhardt der Grund allen Übels ist, geht es eigentlich um viel mehr: Denn ein Abstieg würde die Kindheit, ja das gesamte Leben, von Freddy und vieler anderer kleiner Jungs und Mädels in Stuttgart nachhaltig beeinflussen.

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Wir alten Säcke würden den Kids mit feuchten Augen und brüchiger Stimme von der Meisterschaft 2007 und dem Champions League Auftritt gegen Manchester United 2003 erzählen. Von den jungen Wilden wie Lahm, Hinkel und Wenzel, von gestandenen Innenverteidigern wie Marcelo Bordon und Fernando Meira. Doch während wir uns in Nostalgie flüchten würden, sähen unsere Erben Heimspiele gegen den FSV Frankfurt oder Greuther Fürth. Vor 24.000 Zuschauern. An einem Freitag. Oder einem Samstag. Oder einem Sonntag. Oder vielleicht sogar am Montag, wenn es ein echtes Topspiel ist. Zum Beispiel die „Derbys“ gegen VfR Aalen oder den Aufsteiger Sonnenhof Großaspach.

Flüchtlinge, Feinstaub und Filderbahnhof: Wir stehen vor großen Herausforderungen. Aber ich bin mir sicher, dass wir sie alle meistern können. Aber zweitklassiger Fußball in Stuttgart auf unbestimmte Zeit? Ein Graus!

Eine verlorene Generation würde in der Landeshauptstadt heranwachsen. Die sich einen anderen Bundesliga-Club suchen würde, an den sie ihre jungen Herzen verschleudern kann. Die Bayern oder vielleicht Hoffenheim oder eventuell gleich Leipzig. Wenn sie sich denn überhaupt noch für Fußball interessiert. Wer weiß. Doch alleine der Gedanke daran tut weh. Ich wünsche mir, weiterhin in einer Stadt zu leben, in der kleine Jungs davon träumen, für den hiesigen Erstligisten zu kicken. Freddy kann von mir aus ein schwuler Politiker mit Sympathien für den FC Bayern werden, aber, bitte, er soll sich seine Leidenschaft für den Fußball bewahren.

Deshalb:

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8 Kommentare

  1. Roland sagt

    FIFA,Uefa, DFB, VfB – sehr fraglich ob man dass alles dem kleinen Freddy unbedingt mit auf den Lebensweg geben muss. Es sei denn zur guten Erziehung der nachfolgenden Generation gehört Korruption, Klüngelei, Geldverdummung (das nicht sein eigenes ist) und nur zugeben was einem nachgewiesen werden kann dazu.

    • @buzze sagt

      Ein berechtigter Einwand. Aber das würde in der Konsequenz bedeuten, dass die Kids gar keinen Sport mehr machen sollten, oder? Oder haben wir in den Rad- und Schwimmsport oder in die Leichtathletik mehr Vertrauen als in den Fußball? Meine persönliche Meinung: „Korruption, Klüngelei, Geldverdummung“ scheinen leider Merkmale des modernen Profisports zu sein – egal, welche Sportart.

  2. Blau-gelb sagt

    Ein sehr guter Text. Jedoch kann ich dir aus eigenen Erfahrungen widersprechen bzw. Hoffnung geben. Ich gehe seit meinem 11. Lebensjahr zur Eintracht aus Braunschweig. Damals reigionaliga. Seitdem lasse ich mir jedes Jahr meine Dauerkarte zum Geburtstag schenken. Damals stellte man sich nicht die Frage nach FCB oder Dortmund. Da freute man sich das ganze Jahr auf Dynamo Dresden! Volle Hütte und ein spannendes Spiel! Man träumte damals davon irgendwann wieder in der ersten Liga zu spielen. Nach Dortmund nach München die Stadien füllen. Das große Niedersachen Derby. Umso schöner war es dann, als es soweit war. Doch der darauffolgenden Abstieg? Kein Beinbruch wir lieben diesen Verein. Komm ich mal zum Punkt. In einer niedrigen Spielklasse wird der Freddy lernen, dass es im Leben nicht immer um Erfolg geht, sondern um Treue, Spaß an der Freude und nach Niederlagen und Abstiege wieder aufzustehen. Denn sowas macht ein wahrer Fan und sein Traditionsverein aus.

    • @buzze sagt

      Danke für Deinen Kommentar. Ich komme ursprünglich aus der Nähe von Bielefeld und konnte meine schönsten fußballerischen Erlebnisse auch in den unteren Ligen verbuchen. Aber ich sehe den großen Unterschied in der Erwartungshaltung. Als Arminia- oder Braunschweig-Fan weißt Du, dass ein Derby-Sieg, ein Aufstieg oder eine Pokalsensation das höchste der Gefühle ist. Aber hier in Stuttgart denkt man immer noch in 2007er-Dimensionen. Deswegen ist dann auch das Stadion bei einem Pokalachtelfinale nicht mal halb voll. Deshalb habe ich die Sorge, dass ein Abstieg den VfB viel Relevanz kosten würde. Wenn dann im worst case auch noch die Kickers absteigen, könnte das dem Fußball hier einen derben Knacks verpassen.

      • Ballmeister sagt

        Wenn der VfB absteigt, wird sich nur der Schaum von der Wasseroberfläche entfernen. Die echten Fans bleiben… Fußball ist aich Charakterschule für jeden Einzelnen. Niederlagen gehören dazu. Sie gehören zum erwachsen werden dazu. Als kleines Kind will man immer nur mit den Gewinnern sein. Aber das ändert sich. Man lernt zu verlieren, aufzustehen, das Gras aus der Fresse zu spucken und weiter zu machen.

  3. drausvomLande sagt

    Die Sache mit dem Tellerrand …
    Freddy tut mir leid, wirklich. Wir Eltern wissen, dass sich Kinder in diesem Alter an dem orientieren, was sie im nächsten Umfeld sehen und erleben, Freddy sich also noch freut an den bunten Klamotten und dem gesellig spaßigem Umfeld und vor allem an den positiven Emotionen seiner Eltern und deren Bekannten. Da erhält er die von Kindern in seinem Alter noch ganz automatisch gesuchte positive Bestätigung, das Lob, das Geherzt-Werden. Ist ja auch putzig, so ein Kleiner.
    Aber Freddy wird älter und Freddy kann auch hören. Irgendwann wird Freddy auch erkennen, dass in diesem ganzen Trubel um den VfB doch auch von seinen Eltern einige Misstöne drin sind, ein verärgerter Vater, ein fluchender Onkel, Tränen. Und dann wird Freddy weitere Bezugspersonen bekommen, die Kindergärtnerin, später Lehrer und natürlich andere Kinder. Freddy wird erkennen, dass er in diesem Lebensabschnitt andere Anforderungen erfüllen muss, um gelobt zu werden, ja, dass er sich sogar angreifbar macht, wenn er weiterhin dem VfB nachhängt. Und je älter er wird, desto mehr werden seine Freunde seine Interessen beeinflussen und dann …
    Mein Kleiner mit dem gelben Trikot, der ging diesen Weg auch, vom VfB-Schal über das erste Trikot bis hin zur Bettwäsche, sogar der Hund hatte eine VfB-Trinkschüssel (vom Kleinen zu Weihnachten bekommen).
    Vermutlich im Gegensatz zu Freddy ging es bei meinem Kleinen schneller mit dem Abwandern, wir sind ja auch weiter weg, die wenigen, die sich bei uns am Samstag in Montur ins Auto setzen und nach Stuttgart fahren, die werden ja schon verspottet und im Sportheim sieht man auch schon lange keine VfB’ler mehr und die Jungs in seinem Fussballverein tragen alle etwas anderes.
    Ihr macht euch Sorgen um „eine verlorene Generation in der Landeshauptstadt“, erhaltet Trost von langjährigen Regional- und Zweitliga-Vereins-Anhängern und labert arrogant über „Schaum, der sich von der Wasseroberfläche entfernt“ und dabei habt ihr keine Bretter vor dem Kopf, sondern ganze Wälder.
    Blickt doch mal über den Tellerrand hinaus, fahrt mal 50km aus der Landeshauptstadt heraus und geht auf den nächsten Sportplatz, den ihr findet, dann seht ihr die Realität: hier sind die verlorenen Generationen schon da. Natürlich habt ihr Recht mit der Treue, mit dem Weitermachen. Bei denen, die es hier auf dem Land noch gibt, ist das auch kein Problem, ich selbst blicke mittlerweile auf über 40 Jahre VfB-Begeisterung zurück, aber wir sterben aus.
    Realistisch ist es so: Ohne die Fans aus dem Umland kann der VfB sich die Bundesliga nicht leisten, Stuttgart alleine kann nicht genug Eintrittskarten / Fan-Artikel und Stadionwürste kaufen, ist für große Sponsorenbeträge nicht interessant genug und Zweitliga-/Regionalliga-TV-Minuten sind ja wirklich auch rar.
    Es ist ja nicht so, dass aus einem intakten Fan-Umfeld heraus ein Abstiegs-Unfall passiert, der schnell wieder behoben werden kann. Es ist schlicht so, dass in langen Jahren und fleissiger Arbeit das weitere Umfeld mehr oder weniger eliminiert wurde, der Nachwuchs mit Macht zu anderen Vereinen getrieben wurde und deshalb gerade bei den Kindern nahezu keine Basis mehr da ist. Die bildet sich wieder, selbstverständlich, wenn der Verein Erfolg hat, aber nicht in der 2. Liga oder noch weiter unten, sondern nur, wenn der Verein erstklassig bleibt und die VfB-Kinder den anderen auf Augenhöhe begegnen können.
    Ein Abstieg würde nicht nur den Schaum entfernen, sondern euch allen rigoros zeigen, wie wenig Wasser noch in dem Krug ist.

  4. Als jemand, der in den 90er Jahren in Berlin sozialisiert wurde, kann ich Dir aus meiner eigenen Erfahrung heraus bestätigen: Deine Angst ist absolut berechtigt.

    Ich bin übrigens Gladbach-Fan. Und wurde auch dies erst ungefähr mit der Volljährigkeit. Meine Liebe gilt seit frühester Kindheit dem Eishockey,

    Tut mir leid, Dich nicht aufbauen zu können. Aber Deinen Text habe ich gemocht.

  5. drausvomLande sagt

    … und Harry Pflügl zieht seine Kreise auf dem Eis des Schwenninger ERC’s
    Diese Liebe zu den heutigen Wild Wings ist immer noch da, auch in der 2. Liga dagewesen. Ziegelsteine gegen die Insolvenz wurden gekauft und und und. Das ist immer ein Fan-Leben in den unteren Regionen der Tabelle gewesesen, immer ein ständiger Existenzkampf, ABER ES WAR VON DER SPIELERSEITE EHRLICH, man wusste immer, wer wollte und wer wegwollte.
    Das wäre schön, wenn ich das bei den VfB-Spielern auch so genau sehen könnte, nicht nur, wenn’s gerade läuft wie jetzt

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