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Der Abstieg als Chance

Gut, dass der VfB abgestiegen ist. Ja ja, das hört sich blöd an. Aber so bitter es ist: Wenn der VfB noch erstklassig wäre, dann hätte es nie eine solch‘ mutige Lösung wie Hannes Wolf gegeben. Als Chef-Trainer wohlgemerkt, nicht als Jugendtrainer.

Im Gegenteil: Bernd Wahler wäre noch da und würde von der Champions League sprechen. In drei, maximal fünf Jahren. Außerdem würde er uns mit Hashtags zur Ausgliederung nerven. Und, klar, Robin Dutt wäre auch noch da, hätte zwischenzeitlich drei bis vier weitere Kaderplaner eingestellt, die ihm die Arbeit abnehmen. Er hätte in jedes Mikrofon geschwätzt, aber nix g’schafft. Nur Jürgen Kramny wäre nicht mehr da. Denn dass das nicht gut ist, hätte selbst Dutt irgendwann gemerkt. Nach drei Niederlagen und nur einem Punkt in vier Spielen (dieselbe Bilanz wie Bruno Labbadia mit seinem HSV) hätte Dutt einen neuen Trainer vorgestellt. Es wäre Mirko Slomka geworden – total kreativ. Ein Trainer, der ähnlich blendet wie Dutt selbst. Ein Dreamteam of broken dreams.

Die Reaktion nach dem Abstieg und der Umgang mit der Personalie Luhukay haben außerdem schonungslos die „Qualitäten“ des Aufsichtsrats aufgezeigt. Haben das die Herren vielleicht mittlerweile sogar selbst eingesehen? Jedenfalls hat es nach Luhukays Rücktritt keine Woche gedauert, bis der Aufsichtsrat einem neuen Coach zugestimmt hat, der das genaue Gegenteil von dem Trainer verkörpert, den er selbst vor gerade mal vier Monaten für die beste Lösung hielt.

Und sonst so? Serey Dié wäre vielleicht noch da und das wäre auch gut so. Lukas Rupp trüge vielleicht ebenfalls den Brustring, aber Filip Kostic wäre ebenso bei seinem Lieblingsverein aus Kindheitstagen wie Daniel Didavi in Wolfsburg nicht international spielen würde und Timo Werner den RB Leipzig zum Traditionsverein machen würde. Auch Martin Harnik würde ganz sicher nicht mehr für den VfB neben das Tor schießen. Ob Daniel Schwaab noch da wäre? Eher nicht. Pommes Tyton und Schorsch Niedermeier? Womöglich.

Doch diese Fragen müssen wir uns zum Glück nicht mehr stellen. Denn mit dem Abstieg sind grundlegende Veränderungen, Achtung, alternativlos geworden. Und das ist gut so. Vielleicht erweist sich die skeptisch beurteilte Verpflichtung von Jan Schindelmeiser als echter Glücksgriff. Er hat die letzten Jahre unter einem alten Porsche verbracht, scheint immun gegen Vetterleswirtschaft und erstbeste Lösungen. Transfers wie die von Pavard, Mané und Takuma „Usaino“ Asano tragen ebenso seine Handschrift wie der neue Trainer Hannes Wolf.

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Das alles ist noch lange keine Garantie für sportlichen Erfolg. Aber nur mit mutigen Entscheidungen, jeder Menge Durchhaltevermögen und Ruhe hat der Verein überhaupt die Chance, das Tal der Trauer, in das er seit vielen Jahren immer weiter hinab steigt, jemals wieder zu verlassen. Was ist, wenn der Abstieg genau die reinigende Wirkung hat, auf die viele gehofft haben? Ich bin mir relativ sicher: Wäre der VfB nicht abgestiegen, würde er jetzt so dastehen wie Bremen oder der HSV.

Und warum sollte der VfB nicht auch mal für eine unkonventionelle Entscheidung belohnt werden, nachdem es mit Zorniger nicht geklappt hat? Warum sollte aus Hannes nicht der Wolf of Mercedes Street werden? Ein Schwaben-Kloppo, the next big Tuchel. Ich finde, das haben wir uns mehr als verdient!

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich wäre noch gerne in der ersten Liga. Ich würde lieber zehn mal am Samstag um 15:30 gegen Leipzig spielen als einmal am Dienstag um 17:30 gegen Braunschweig. Tradition hin oder her. Liebe kennt vielleicht keine Liga. Aber die erste Liebe ist nun mal die erste Liebe und nicht die zweite.

Aber bitte nicht mit Wahler, nicht mit Dutt und nicht mit Kramny. Und ohne Aussicht auf langfristigen Erfolg. Dann lieber mit mutigen Personalentscheidungen, die sicher nicht alle funktionieren werden, aber zumindest die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft eröffnen.

Wer mehr über Hannes Wolf wissen will, sollte bei Rund um den Brustring vorbeischauen, die mit dem Dortmund-Experten Florian Dellbrügge gesprochen haben .

Darf gerne geteilt werden:

10 Kommentare

  1. Christian sagt

    Die Trainerentscheidung zugunsten von Wolf war sicherlich mutig und erfreulich, mit Wolfgang Dietrich steht aber ein Mann schlimmer als Wahler, Hundt, Mäuser, Bobic und Hansi Müller zusammen in den Startlöchern.

    Dieser Mann verkörpert Intransparenz (Stichwort: Firmengeflecht), Miteinmischung ohne sportliche Kompetenz (siehe Kickers), Vetterleswirtschaft (ebenfalls siehe Kickers mit Zeyer (und bald Lehmann beim VfB?)) und nicht vorhandene Kompromissbereitschaft (S21).

    Siehe dazu:
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.vfb-stuttgart-verhindert-die-dfl-die-vfb-praesidentschaft-von-wolfgang-dietrich.281ce118-85bf-4544-a65c-24c0355536ee.html

    Ich fürchte leider, Hannes Wolf ist sich nicht im Klaren, auf was er sich da einlässt. Die Krise mit Luhukay war nur ein Vorgeschmack auf die nächsten Monate, da bin ich mir sicher.

    Für den Aufstieg ist die Mannschaft und das Trainerteam verantwortlich. wir Fans und Mitglieder sind verantwortlich, Wolfgang Dietrich als Präsidenten zu verhindern!

    • @buzze sagt

      Wenn es stimmt, dass der Aufsichtsrat Dietrich nur einmal zur Wahl stellen wird und ihn nicht durchdrücken will, sehe ich momentan wenig Chancen, dass er gewählt. Wobei man sich ja ernsthaft fragen muss, ob der Verein ohne Präsident nicht besser dran ist. Mit fehlt derzeit jedenfalls keiner.

      • Christian sagt

        Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Aufsichtsrat den Dietrich durchdrückt, falls er (womöglich zweimal) nicht gewählt wird. So schlau wird auch der Dietrich noch sein und dies dann ablehnen.
        Wobei man beim VfB zugegebenermaßen niemals nie sagen sollte…

        Mir persönlich fällt spontan auch kein Kandidat ein. Von mir aus muss es auch nicht unbedingt ein Ex-Manager sein, sondern er könnte auch aus dem sportlichen Bereich oder politischen Bereich kommen. Ausreichen Wirtschaftskompetenz ist im Aufsichtsrat schließlich vorhanden…

        Aber immer noch besser keinen Präsidenten als so einen Präsidenten zu haben!

  2. @buzze:
    Ich kann deinen Ausführungen nur zustimmen. Finde die Trainer-Entscheidung auch mutig und gut. Gut, dass Shindy bei der Auswahl scheinbar freie Hand hatte…

    Ein Präsident ist aus meiner Sicht allerdings dringend notwendig, damit sich nicht immer der Aufsichtsrat öffentlich äußern muss – siehe Kritik an Luhukay und Sport im Dritten
    Über den aktuellen Kandidat lässt sich mit Sicherheit streiten, das Firmengeflecht find ich auch mehr als fragwürdig…

    • @buzze sagt

      Ich frage mich nur, wie das Aufgabenfeld des Präsidenten definiert sein sollte. Denn, wenn Vorstand und Aufsichtsrat vernünftig arbeiten, braucht es doch keinen Präsidenten für das operative Geschäft. Er hätte dann rein repräsentative Aufgaben. Und das könnte dann sicherlich ein ehemaliger Spieler gut übernehmen.

      • Sehe ich genauso. Ein Präsident sollte reine repräsentative Aufgaben übernehmen. Aber sicher darf er die ein oder andere Entscheidung des Vorstandes kritisch hinterfragen, intern wohlgemerkt.

  3. drausvomLande sagt

    Der Wolf und die bösen Rotringchen
    Es war einmal vor gar nicht langer Zeit, da war im Land der schwarzgelben Himmelsstürmer ein Wolf zugange, dem in allem, was er anfasste, großer Erfolg zu Teil wurde. Egal, welche Tiere oder Pflanzen man ihm zur Aufzucht gab, solange in diesen auch nur ein Funken von Willen vorhanden war, gelang es ihm, aus ihnen große, schöngewachsene und starke Geschöpfe zu machen, die sehr zum Nutzen des Landes waren. Ihm zur Seite standen viele Berater und Gehilfen, die ihm beim Sortieren der Zöglinge halfen und auch vor ihm standen viele, die darauf achteten, dass die Zöglinge nicht durch vielerlei, überall gebotene Ablenkungen von ihrem Gedeihen und Streben abgelenkt wurden.
    Fast alle anderen Lande schauten neidisch auf das Land der schwarzgelben Himmelsstürmer, ganz besonders aber die im Land der Rotringe, waren dort nicht auch lange Zeit ebenso umtriebige und geschickte Wölfe am Werk gewesen. Diese jedoch wurden von missgünstigen oder schlicht unbedarften Vor-Ihnen-Stehenden, über Sie Aufsicht-haltenden oder im Kreis um sie stehenden Freunden und Ehrenträgern gering geachtet und vertrieben, manche bis weit in die Lande der Goldesel hinaus.
    Einer jedoch im Land der Rotringe, noch neu und damit noch nicht durchdrungen von den Einflüsterungen der vorstehenden, war besonders angetan von dem Wolf aus den schwarzgelben Landen. Und als gerade wieder einmal die Not am größten war im Land der Rotringe, erinnerte dieser sich an den Wolf aus den schwarzgelben Landen und beschloss, diesen dort abzuwerben und zum obersten Wolf im eigenen Land zu machen. Worte hatte dieser neue, so gute und viele wie Schindeln auf dem dichten Dach eines Schwarzwaldhofes und so gelang es ihm, den Wolf aus den schwarzgelben Landen zum Umzug ins Reich der Rotringe zu bezaubern.
    Oh, der Zauber hielt jedoch nicht lange, waren doch die anderen Berater und Gehilfen im Lande der Rotringe lange nicht so bedacht auf das Wohle des Ganzen, sondern im Gegensatz selbst allzu anfällig für all die Ablenkungen und Zerstreuungen und teilten diese auch gerne mit ihren Umstehenden. Und so wurde aus Wachstum und Gedeihen schnell wieder Stillstand und Kargheit und gar Schlimmeres kündigte sich an. Und als alles Volk wieder Hunger leiden musste wie schon so viele Jahre, zeigten alle die Ehrenträger, im Kreis stehenden Freunde und auch die andern vorne stehenden und Aufsichtigen mit dem Finger auf den armen Wolf und den einen, der ihn geholt hatte, und schimpften mit ihnen und waren drauf und dran, sie aus dem Land zu jagen.
    Das Volk jedoch, das sich all die Jahre auf eben diese obrigen verlassen hatte und diesen folgte, hatte diesesmal genau hingesehen und erkannt, dass diese beiden gute Arbeit verrichteten. Und Spieltag für Spieltag erhob sich das Volk und feierte lautstark diese beiden, anstatt ebenfalls sie und ihr Werk zu beschimpfen und als es immer schlimmer wurde und die Not immer größer war, entschied sich das Volk, nicht diese beiden, sondern die anderen, die ewigen und unantastbaren zu bestrafen und sich an ihnen für die erlittene Not schadlos zu halten.
    Und wenn sie nicht gestorben sind, dann siegen sie auch wieder.

    • @abiszet sagt

      Spektakulär. Und zu schön, um wahr zu sein.
      Sensationeller Kommentar, lieber drausvomLande. Einfach mega!

  4. Effgee1910 sagt

    Leute, da werf ich doch an dieser Stelle mal meinen persönlichen Favoriten in den Ring:
    Ein Schwabe durch und durch, gelernter Sport-Journalist, der Chefredakteur der AMS und Sport Auto in Stuttgart beim Motor-Presse-Verlag war und 1990 zur Firma mit dem Stern wechselte, um dort Leiter der Rennsportabteilung zu werden. Nach den Projekten Gruppe C und DTM, leitete er das Mercedes-Motoren-Projekt mit Sauber und McLaren, dann das Mercedes Petronas Formel 1 Team verantwortlich. Kurzum der Name lautet : Norbert Haug !
    Er ist für mich eine charmante, eloquente schwäbische Persönlichkeit mit Manager-Erfahrung im Spitzensport ! Ein Mann der einen guten Draht zum Daimler hat, das Anforderungsprofil unseres Aufsichtsrats erfüllt und sicher von den Mitgliedern und Fans akzeptiert und als Präsi respektiert werden würde ! Ein natürliche Autoritätsperson, die bei den Firmen der Region sicherlich gut ankommen würde und unseren VfB perfekt verkörpern und repräsentieren könnte !
    Was meint ihr dazu ???

    • @abiszet sagt

      Hmmm, @Effgee1910, … Schwabe, Management-Erfahrung, gestandene Persönlichkeit, hat schon fast alles gesehen: Norbert Haug wäre sicher ein größerer Sympathie-Träger als der vom Aufsichtsrat nominierte Kandidat, das ist klar (wobei da wohl auch nicht viel dazu gehört, oder?). Aber aus dem Motorsport in den Fußball? Ich weiß nicht, da bin ich skeptisch. Auch die Nähe zu Mercedes muss nicht unbedingt ein Vorteil sein (wird sicher vom Publikum nicht unkritisch gesehen). Ich würde jemanden aus dem Fußball bevorzugen. Kann aber keinen Namen in den Ring werfen.

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