Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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Arithmetik der Angst

Schon erstaunlich: Keiner rechnete einem Sieg in Frankfurt. Der VfB verlor erwartungsgemäß – und trotzdem sind alle enttäuscht. Obwohl der VfB 44 Minuten ganz gut mitspielte. Doch warum ist das so? Weil wir uns mehr ausgerechnet hatten?

Vielleicht eher, weil die Innenverteidigung mit Pavard, Kempf und Kabak personell hochklassig besetzt ist, aber trotzdem wieder drei Treffer kassierte – unter tatkräftiger Mithilfe von Andreas Beck und Ron-Robert Zieler.

Kleine Zahlenkunde:
Nach 27 Spieltagen hat der VfB Stuttgart 59 Gegentore kassiert. Das macht 2,185 pro Spiel. Geht das bis Saisonende so weiter, werden es am Ende 74. Zum Vergleich: In der vergangenen Spielzeit waren es 36, in der Abstiegssaison waren es 75.

Vielleicht sind wir aber gar nicht wegen der klaren Niederlage frustriert, sondern wegen der Tatsache, dass die besten Stuttgarter Chancen aus Aktionen der Innenverteidiger resultierten. Kabak und Kempf waren vor dem Frankfurter Tor auffälliger als die Offensivkräfte. Steven Zuber hatte keinen guten Tag erwischt, Alexander Esswein fehlt grundsätzlich der Zug zum Tor und Nicolas Gonzalez schlichtweg die Physis, um Bälle festzumachen und die Cleverness, um Freistöße zu ziehen. Und Daniel Didavi spielte nach seiner Einwechslung erst defensiv und später irgendwie gar nicht mehr.

Kleine Zahlenkunde:
Nach 27 Spieltagen hat der VfB Stuttgart 26 Tore erzielt. Das macht 0,96 pro Spiel. Geht das bis Saisonende so weiter, werden es am Ende 34. Zum Vergleich: In der vergangenen Spielzeit waren es 36, in der Abstiegssaison waren es 50.

Ist unsere Enttäuschung eventuell auch den Aufstellungen geschuldet, die genauso erwartbar sind, wie es die von Tayfun Korkut waren? Wenn kein Spieler gesperrt oder verletzt ist, beschränkt sich die Variabilität auf die Frage “Gomez oder Gonzalez?” Ob berechtigt oder nicht: Durch den freiwilligen Verzicht auf viele Spieler limitiert Markus Weinzierl seine Optionen. Natürlich ist man hinterher immer schlauer, aber darauf, dass das Duell Beck vs. Kostic auf der rechten Stuttgarter Abwehrseite ein derbes Mismatch ist, kann man schon kommen. Vermutlich wusste das Markus Weinzierl auch, hatte aber keine Alternativen, ohne die Dreierkette zu zerpflücken, um Benjamin Pavard auf rechts zu stellen.

Kleine Zahlenkunde:
Chadrac Akolo (die älteren Leser werden sich an ihn erinnern) kam in der vergangenen Saison auf 1.102 Spielminuten und erzielte 5 Treffer. In dieser Saison sind 405 Minuten und null Tore. Das letzte Mal auf dem Platz stand der Kongolese an Anfang Februar beim Debakel in Düsseldorf – für ganze acht Minuten. 90 Minuten stand er in dieser Saison nie auf dem Platz. Aber fast: Beim 2:1 gegen Berlin am 15. Spieltag waren es immerhin 86.

Oder sind wir enttäuscht, weil wir endgültig feststellen, dass der Aufschwung, den die Verantwortlichen (und wir selbst vermutlich auch) herbeireden wollten, in Wirklichkeit gar nicht existiert. Aus den letzten zwölf Spielen gab es genau einen Sieg. Und den gegen Hannover 96, das kurz darauf in einem Testspiel 0:5 bei Arminia Bielefeld unterging.

Kleine Zahlenkunde:
Markus Weinzierl ist seit mittlerweile 20 Spielen Cheftrainer des VfB Stuttgart. In dieser Zeit hat er 15 Punkte geholt. Das sind 0,75 pro Spiel und damit aufgerundete 26 auf eine komplette Saison hochgerechnet. Von den 20 Weinzierl-Spielen entfallen jeweils zehn auf Hin- und Rückrunde. Bilanz der Hinrunde: 3 Siege, 7 Niederlagen, 6:22 Tore. Bilanz der Rückrunde: 1 Sieg, 2 Unentschieden, 7 Niederlagen, 14:24 Tore. So viel zum viel zitierten Aufschwung.

Mag sein, dass wir auch enttäuscht sind, weil am nächsten Samstag mit Nürnberg ein Gegner kommt, der mit dem Rückenwind eines 3:0 Erfolgs (der erste seit September!) gegen Augsburg anreist und jetzt fast schon wieder in Schlagdistanz ist. Nürnberg, ey!

Kleine Zahlenkunde:
Der VfB Stuttgart hat in dieser Saison ein einziges Mal auswärts gewinnen können. Das ist sehr schlecht. Aber es geht immer noch schlimmer. Zum Beispiel bei Hannover und Nürnberg. Beide warten nämlich immer noch auf den ersten Auswärtsdreier der Saison.

Wie sagte Kalle Rummenigge einst zu Ottmar Hitzfeld: “Fußball ist keine Mathematik.” Recht hat er. Und deswegen gibt es auch keinen Grund, trotz historisch schlechter Zahlen vor dem Heimspiel gegen Nürnberg nervös zu werden. Denn es ist ganz einfach: Wer mit einem Kader, der vor und während der Saison für über 40 Millionen verstärkt wurde, sein Abstiegsendspiel gegen einen chronisch erfolglosen Aufsteiger im eigenen Stadion nicht gewinnt, hat in der ersten Liga einfach nichts verloren.

Außerdem ist es doch ganz einfach, wie Wolfgang Dietrich weiß:
„Ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen. Wir haben noch vier Heimspiele, und die müssen wir alle gewinnen, fertig – so einfach ist es.“

Nicht mal er redet jetzt noch den „hervorragenden Rahmenbedingungen“. Erstaunlich. Aber er kann halt auch rechnen.

Titelbild: imago/Eibner

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9 Kommentare

  1. Mozy sagt

    Auch ich habe keinen Sieg gegen die Eintracht erwartet, aber ein Dagegenhalten, ein „scheiss drauf, was haben wir schon zu verlieren“ in Form einer mutigeren Aufstellung. Was ist mit Donis, Thommy und Akolo? Haben die MWs Frau gevö….!? Oder warum dürfen die nicht spielen?!

  2. Pingback: Arithmetik der Angst – ploggo

  3. Clemens sagt

    Lange keinen so einfältigen Kommentar gelesen, Mozy.

    Das Märtyrertum eines A. Donis geht mir mittlerweile gehörig auf den Senkel. Der Grieche erinnert mich verdächtig an einen gewissen Timo Gebhart und im Grunde auch ein wenig an Maxim. Donis ist ein einigermaßen talentierter Fußballer, der aber seine vorhandene Klasse nur selten auf dem Platz gezeigt hat, sich dafür aber immer häufiger abseits des Platzes in den Vordergrund spielt und damit nicht nur bei Weinzierl auf Widerstand stößt, sondern bereits bei Wolf und Korkut wenig Begeisterung hervorgerufen hat. Seine bislang besten Leistungen haben zwar gegen Bremen und Augsburg zu wichtigen Punkten geführt, aber in den anderen Partien ist er regelmäßig abgetaucht, wenn es in der Mannschaft nicht lief. In der Situation des VfB brauchst du vor allem Spieler, die den Abstiegskampf auch annehmen und nicht nach jedem Foul erst einmal 2 Minuten schmollend liegen bleiben und mit dem Schiri hadern.

    Darüber hinaus hatte Weinzierl am Sonntag mit der Hereinnahme von Didavi durchaus
    Mut bewiesen. Er hätte auch gleich die defensive Variante Aogo oder Badstuber bringen können. Und am Ende ist es sicherlich nicht Weinzierl’s Schuld, dass Didavi weitestgehend unsichtbar geblieben ist.

    Auch Thommy hatte bereits einige Chancen in dieser Saison, hatte es aber bis auf das eine Spiel gegen Nürnberg regelmäßig verpasst, den Nachweis zu liefern, weshalb man auf ihn setzen müsste.

    Der einzige Offensive, der aus meiner Sicht viel zu wenig Chancen bekommen hat, sich zu zeigen, ist Akolo. Was im Training läuft, kann keiner von uns beurteilen, aber vielleicht ist der Spieler körperlich einfach in einer schlechten Verfassung oder kann die taktischen Vorgaben nicht im Ansatz umsetzen?

    Egal wie diese Saison endet, man wird sowohl für die 1. Liga, als auch die 2. Liga im Sturm gehörig nachlegen müssen.

  4. drhuey sagt

    Danke für die Zahlen: es gibt keine Stabilisierung! Ich denke, man kann Weinzierl an der Stelle zutrauen, die Trainingseindrücke entsprechend zu berücksichtigen. Gegen diese Offensivpower von Frankfurt hätte ich auch lieber den Pavard im Abwehrzentrum als aussen. Aber Didavi hätte ich nicht gebracht. Feines Füsschen (genau 1x gezeigt im Spiel), aber der Junge hat keine Körperspannung, geschweige denn defensiv etwas zu bieten. Wir spielen die ganze Saison bereits ohne Offensive. Gonzales ist ein Witz und für Gomez ist es definitiv vorbei. Beides grottenschlechte Transfers. Tommy hat fussballerisch und Donis mental kein Bundesliga Profiniveau. Der Kader genügt den Anforderungen der Bundesliga nicht. Das Dilemma beginnt bei der Spieleröffnung von Zieler. Ausnahmsweise gegen Frankfurt keine Gedenkminute mit anschliessendem weitem Abschlag und Ballverlust. Aber, um die Kugel gepflegt hinten raus zu spielen, fehlt die Klasse und Geschwindigkeit im Mittelfeld. Aufgrund dieser total missratenen Kaderplanung ist der Abstieg eine mindestens 50 %ige Option.

    • @abiszet sagt

      Lieber Herr Dr., Du lässt ja an niemandem ein gutes Haar ;-) Gomez hat zumindest letzte Saison den Klassenerhalt (mit)gesichert. Gonzalez, ja, man neigt dazu, ihm das Bundesliganiveau abzusprechen, er verliert quasi jeden Ball, spielt nur Fehlpässe … aber als alleinige Spitze ist er denkbar ungeeignet eingesetzt. Gegen Ginczek (den er ersetzen soll) wirkt er in allen Bereichen schlechter (wenn Ginczek denn gespielt hat). Didavi habe ich von Anfang an kritisch gesehen, aber auf ihn kommt es jetzt an nach der Verletzung von Castro. Dass Thommy kein ganz Schlechter ist, hat er ebenfalls in der letzten Rückrunde bewiesen. Nach den Ausfällen von Castro und Gentner muss Weinzierl was ändern. Bringt er als Nebenmann von Santi eben Didavi? Oder gar Aogo? Ich will gar nicht wissen, was Du über ihn denkst … ;-)

      • drhuey sagt

        :) ok, ich bin chadrac-fan, aber den kann man aufgrund der fehlenden Einsätze aktuell nicht bewerten….Gonzales fehlt halt nicht nur die Physis, er spielt eben auch nicht clever genug. Aber klar, mit dem ‚behutsam aufbauen‘ wars halt auch nichts. Weinzierl hat doch ein großes Problem: für die Spiele gegen die obere Tabellenhälfte fehlen ihm schnelle und technisch versierte Aussen, wenn wir den Ball haben. Da fehlt es bei Thommy, Insua, Beck, Esswein und teilweise auch Zuber. Die Paare auf den Flügeln funktionieren doch nicht. Geschweige denn, dass wir einen Schnittstellenspieler vorne hätten, der dann von Didavi in Szene gesetzt wird. Es passt einfach nichts zusammen. Man kann nur hoffen, dass es irgendwie reicht, dann müssen die jungen Hoffnungsträger aufgebaut und mit Vertrauen ausgestattet werden und sicher 4 gut ausgebildete Neue mit Top-Mentalität eingekauft werden. Und die Stinkstiefel sollen ihr Glück woanders versuchen.

  5. Mozy sagt

    Lieber Clemens, Einfältigkeit bedeutet hier Einfachheit: Einfach mal nach vorne spielen und nicht nur diesen Angsthasenfussball a la Gentner (der sich übrigens auf Rentner reimt), Aogo und Co mit 10 Rückpässen statt mit Zug nach vorne zum verdammten Tor, wo der Ball tatsächlich rein gehört, wenn man mal eins machen will. Gerade gegen Gegner, die scheinbar unschlagbar sind (so wie Düsseldorf und eben auch die Eintracht;-), würde ich gerne mehr Mut sehen auf dem Platz mit Spielern, die das einfach mal Probieren – auch wenn es schief geht. Und der Kader gibt da halt nur einen Donis, Thommy und Akolo her; dass hast Du ja auch festgestellt… Aber die haben gegen Frankfurt die Bank gedrückt!

  6. TomTom sagt

    Weinzierl ist unfähig. Mit den Verstärkungen im Winter hätte korkut den Klassenerhalt schon sicher. Die größten Fehler in dieser Saison waren der Verkauf ginczeks und Korkhuts Entlassung. die Tabelle gibt Anlass genug dem Trainer die Qualifikation abzusprechen.

  7. Pingback: Road to Relegation

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