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Das erste Mal Relegation? Von wegen!

Das letzte und zugleich einzige Relegationsspiel, das ich live im Stadion verfolgt habe, war 1991 das Rückspiel der Stuttgarter Kickers gegen den FC St. Pauli. Ein herrlicher Sonntagnachmittag, mein Kumpel Thomas und ich hatten Langeweile und sind in erster Linie als Schaulustige ins Stadion gegangen. Nein, nicht auf die Waldau, sondern ins Neckarstadion. Denn dort wurde das zweite Spiel ausgetragen, „hochverlegt“ würde man heute vermutlich sagen. Durchaus sympathisierend wollten wir mal schauen, wie sich die „kleinen Blauen“ schlagen. Dazu ein paar Bier und ’ne Rote – sounds like a plan. Das Stadion war einigermaßen gut gefüllt, zwischen 32.000 und 40.000 Zuschauer sollen es gewesen sein, und wir saßen, vielmehr standen, in der ersten Reihe der Gegengerade, und rüttelten immer am Zaun, wenn die Kickers eine Chance hatten. Wir hatten einiges zu tun, denn Torchancen gab es viele, die Kickers legten ein mitreissendes Spiel hin und nahmen die Zuschauer mit, so wie es der VfB gegen Union Berlin gelingen sollte.

Die Spieler, die Trikots, die Frisuren und der junge Johannes B. Kerner. Man beachte auch die fehlerhaften Bildlegenden.

Die Musik-Charts wurden damals dominiert von Scorpions, Rod Stewart, Roxette und Bryan Adams. Und so sahen auch die Frisuren der Spieler aus: vorne kurz, hinten lang oder auf irgendeine Art geschmacklos. Was heute die Tattoos sind, waren vor 28 Jahren die Frisuren – vermeintlicher Ausdruck von Individualität. Juan Cayasso war an diesem Nachmittag der individuell beste Spieler – ohne schwierige Frisur und Tattoos by the way. Erster WM-Torschütze für Costa Rica und Volksheld in seiner Heimat und ein bescheidener Zehner, um den auch die Kickers kaum Aufhebens machten. Er war wohl technisch der Beste der zweiten Liga, schnell, trotz zierlicher Statur robust im Zweikampf und mit einem exzellenten Auge für den freien Raum.

Im eingebetteten Video ist in den Interviews der enorme Druck spürbar. Und das war 1991. In den beiden Spielen 2019 gehts um mindestens 22 Millionen Euro, die dem VfB Stuttgart im Abstiegsfall aus der TV-Vermarktung entgehen würden. Oder sind es gar 50 Millionen, wie Jan Schindelmeiser einst meinte. Aber was weiss der schon, der kann ja noch nicht einmal einen bundesligatauglichen Kader zusammen stellen (Dietrich-Voice).

Ich werde das Spiel gegen Union Berlin nicht so relaxed anschauen können wie 1991. Als Ausgleich am Zaungitter zu rütteln, fällt auch aus. Es wird ein Nervenspiel werden, auf den Tribünen und auf dem Platz. Können die VfB-Spieler in diesem Do-or-Die-Spiel bestehen, nachdem sie in der gesamten Saison vielleicht drei oder vier gute Spiele gezeigt haben und regelmäßig bei Widerständen eingebrochen sind? Wichtig wird Tassos Donis sein, ein bisher verschollener griechischer Verwandter von Timo Gebhart. Er wird sich keinen großen Kopf machen, Nervosität kennt er auch keine. Er kann mit seinem Mut und seiner unorthodoxen Spielweise Publikum wie Mitspieler mitreissen.

„55.000 Signalspieler“ fordert Trainer, sorry Interims-Trainer Nico Willig auf den Rängen. So viele werden auch nötig sein, um den „El Quattrexico“ erfolgreich zu überstehen. Denn eins ist klar: Außerhalb Stuttgarts wird vermutlich ganz Fußball-Deutschland Union die Daumen drücken. Ein echtes Dilemma: Auch ich würde die Köpenicker endlich gerne in der Bundesliga sehen. Aber doch nicht so!

Die Partie damals ging nach Toren von Schwartz und Golke übrigens 1:1 aus. Genauso wie schon das Hinspiel in Hamburg. Verlängerung? Elfmeterschießen? Vergesst es! This was 1991: Entscheidungsspiel im Gelsenkirchener Parkstadion! Dort gewannen die Kickers mit 3:1 und stiegen in die erste Liga auf. Zumindest dieses dritte Spiel wird uns 2019 definitiv erspart bleiben. Kann man ja auch mal gut finden.

Relegations-Fakten

In 10 Relegationsduellen zwischen 1982 und 1991 setzte sich der Zweitligist drei Mal durch (Uerdingen, Saarbrücken und eben die Kickers). In den 10 Relegationen zwischen 2009 und 2018 behielt der Zweitligist zwei Mal die Oberhand (Nürnberg und Düsseldorf).

Für Union Berlin ungewohnt: in der Relegation wird der Videobeweis eingesetzt.

Der VfB hat zwei Relegationsveteranen in seinen Reihen: Gegen Union bestreitet Mario Gomez seine zweite, Daniel Didavi gar seine dritte (in Folge!) Relegation.

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10 Kommentare

  1. mArk sagt

    Starker Artikel.
    Bitte das Datum im Text bei „die beiden Spiele 2018“ auf 2019 ändern. ;)

  2. Pingback: Das erste Mal Relegation? Von wegen! – ploggo

  3. Oh, vielen Dank für die Erwähnung, vor allem aber für die Erinnerung an Juan Cayasso. Und André Golke. Dazu im Video Dirk Zander, der Fingerspitzengefühl einfordert, ein vom Reporter bedrängter Schiri und Stefan Braser (sic!).

    An VfB-Spielern mit Relegationserfahrung hat StZN übrigens noch ein paar mehr aufgetan:

    „Neben Didavi haben beim VfB auch der verletzte Andreas Beck, Ersatzkeeper Jens Grahl (beide mit 1899 Hoffenheim), Mario Gomez (mit dem VfL Wolfsburg) und Erik Thommy (mit Jahn Regensburg) bereits erfolgreich an Relegationsspielen teilgenommen.“

    • @abiszet sagt

      Yep, das Video ist wirklich spektakulär in vielen Punkten.

      Relegationserfahrung:
      Ist bei Beck und Grahl nicht relevant, da sie ja nicht spielen. Und eine Relegation 2./3. Liga gilt nicht, ich bitte Dich!

        • @abiszet sagt

          Natürlich. Bis zum 55.000sten Mann! Und vergiss‘ die Signalspieler nicht. Das ganze Stadion wird leuchten!

  4. sutje sagt

    „1. FC St. Pauli.“?
    Du bist schon fussballinteressiert, oder hab ich nen Insider verpasst?

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