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Zwei Punkte verloren oder einen gewonnen?

Remis gegen Köln, Schalke, Frankfurt, Hoffenheim. Die Frage nach jedem Spiel ist: Hat der VfB einen Punkt gewonnen oder zwei verloren?

Bei einem Ausgleichstor in der 93. Minute muss man klar sagen:
Punkt gewonnen.

So, wie Hoffenheim dem VfB in der zweiten Halbzeit taktisch und spielerisch überlegen war: Punkt gewonnen.

Aber liegt die Freude über den späten Ausgleich nicht eher daran, dass wir so etwas nicht mehr gewohnt sind?

Späte, entscheidende Tore, die Punkte bringen: Nicht unbedingt die Trademark des VfB. Und gerade nach einem frühen Gegentor folgte nach dem Gesetz der VfB-Serie meist das nächste Gegentor (und das nächste). Nach dem 3:2 durch Andrej Kramaric hätte der VfB, wie wir ihn bisher kannten, nach einigen halbherzigen Alibi-Angriffen noch einen Konter zum 4:2 gefangen. Die Freude über den Ausgleich ist die Freude über das Auftreten der Mannschaft. Widerstände und Rückschläge scheinen sie nicht aus der Bahn zu werfen, sondern im Gegenteil: zu motivieren. Die Freude über den Ausgleich ist auch die Freude über das ungewohnte attraktive Spiel des VfB. Schnell, flüssig, mutig. Das sind wir alles nicht gewohnt nach der zurückliegenden Zweitliga-Saison, nach bleiernen Auftritten in den letzten Jahren unter Markus Weinziel, Tayfun Korkut und auch Hannes Wolf. Die Jungs geben Gas, sie wollen Spaß. Dass da manchmal zu viel gewollt wird wie beispielsweise von Tanguy Coulibaly, dass da einige letzte Pässe unsauber gespielt werden vor lauter Übermut, können wir verschmerzen.

Können wir das wirklich?
Denn mit ein bisschen mehr Glück, mehr Konsequenz und besserem Coaching hätte der VfB aus den letzten vier Spielen durchaus vier bis sechs Punkte mehr holen können. Punkte, die in den nächsten Wochen Sicherheit geben könnten gegen große, schwere Gegner. Punkte, die im Kampf um den Klassenerhalt mal Gold wert sein könnten.

Nach dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit war jedem klar: Hoffenheim wird Tore schießen, es ist nur eine Frage der Zeit. Die TSG hatte sich taktisch anders aufgestellt, den als Außenverteidiger verschenkten Ihlas Bebou nach vorne gezogen und damit kam der VfB nicht zurecht. Jeder hat das gesehen, auch der Trainer. Wie schon gegen Frankfurt, die ebenfalls in der zweiten Halbzeit taktisch umstellten, sah Pellegrino Matarazzo lange zu. Womöglich zu lange. Vielleicht wollte er, dass sich die Mannschaft selbst fängt, dass sie erwachsen wird und das Problem selbst löst. Vielleicht will er einen Reifeprozess auslösen, damit diese Art von Herausforderungen und Veränderungen in Zukunft auf dem Platz von den Spielern selbst gelöst werden. Das geht im Moment allerdings auf Kosten von Punkten. Gegen Frankfurt reagierte er in der 72. Minute, gegen Hoffenheim zwar früher in der 59. Minute, aber er reagierte nicht auf die veränderte Statik im Spiel. Zwei Mal konnte der VfB den Dreier nicht retten, der durchaus gegen die Eintracht und Hoffenheim drin gewesen wäre. Matarazzo sollte sich im In-Game-Coaching entwickeln, um auf taktische Veränderungen nicht mit positionsgetreuen Wechseln zu reagieren, sondern um seiner Mannschaft einen Impuls und eine Idee zu geben, wie sie auf taktische Veränderungen des Gegners reagieren soll.

Let’s talk about Sex Gonzalez!
Dass der VfB mehr als zwei Punkte verloren hat, liegt an der Verletzung von Nicolas Gonzalez. Der Junge war bis zu seiner Verletzung shit hot. Sein Tor, das war doch purer Sex, oder? Allein dieser Abschluss nachdem er gefühlt die komplette Hoffenheimer Defensive umkurvt hatte. Wenn sich Jetlag bei Gonzalez so äußert, sollte man ihm vor jedem Spiel ins Flugzeug setzen.

Es schmerzt, auf ihn bis Endes Jahres wegen eines Innenbandanrisses im Knie verzichten zu müssen (Aktualisierung: Der VfB spricht von 2 bis 3 Wochen Pause). Er kann den Unterschied machen, sein Nationalmannschaftstrip hat ihn regelrecht beflügelt. Dort traf er zwei Mal für Albiceleste, kam quasi auf einer Wolke schwebend wieder nach Stuttgart. Denn die zehn Stunden Flug waren ihm überhaupt nicht anzumerken. Es lag auch an ihm, dass der VfB in der ersten Halbzeit eine Klasse besser war als die Hoffenheimer. Gonzalez befand sich in Top-Form und wir hätten gerne gesehen, wie er sich gegen die Abwehr von Bayern München geschlagen hätte.

Dass der VfB mit Sasa Kalajdzic erfolgreich sein kann, haben wir zum Saisonauftakt gesehen. Dass auch er den Unterschied machen kann, haben wir in der 93. Minute gesehen: Dank seiner Kopfballverlängerung schoss Marc-Oliver Kempf den Ausgleich. Ein Happy End, das sich der VfB absolut verdient hatte.

Noch ein Wort zu den Corona-gebeutelten Hoffenheimern: Sie hatten im Vorfeld beantragt, das Spiel zu verlegen. Und es schwang Selbstmitleid und der Vorwurf mit, dass ausgerechnet sie mit so vielen Ausfällen antreten müssten. Jetzt hat Hoffenheim trotzdem eine ordentliche Mannschaft auf den Platz geschickt. Mit dem Fast-Nationaltorwart Oliver Bauman, dem Dorf-Proll Dennis Geiger, dem umtriebigen Christoph Baumgartner, dem immer gefählichen Bebou, der Tor-Maschine Kramaric. Außerdem wird nur das gnadenlos umgesetzt, auf was sich alle 36 Profi-Clubs geeinigt haben: Nämlich den Wettbewerb auch unter besonderen Umständen miteinander durchzuziehen. Letztlich ging es bei diesem gemeinsamen Entschluss um Geld und nicht um Chancengleichheit für alle. Das hat man vorher gewusst und bewusst in Kauf genommen. Daran sollte sich die TSG erinnern, bevor sie sich in die Opferrolle begibt. Von daher darf sich Hoffenheim nicht beklagen, dass die DFL einer Spielverlegung nicht zugestimmt hat. Viel wichiger wäre der Diskussionsanstoss gewesen, in wieweit es überhaupt Sinn macht, in diesen Zeiten den Ligabetrieb aufrecht zu erhalten. Viele Sportarten haben den Spielbetrieb ausgesetzt, Wirtschaft und Gesellschaft müssen Einschränkungen für die Gemeinschaft hinnehmen und annehmen. Nur der Profifußball nicht.

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Das VertikalGIF zur Partie gibt’s hier.

Foto: Matthias Hangst (Getty Images)

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6 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Gonzalez verletzungsbedingtes Ausscheiden war mit Sicherheit der Game-Changer in der Partie gegen Hoffenheim. Bis dahin besaß der VfB in ihm etwas, was seinen (insbesondere offensiven) Mitspielern derzeit häufig abgeht, die Vollstrecker Qualitäten im Abschluss. Daniel Didavi entwickelt sich in diesem Kontext mehr und mehr zum Chancen-Tod und auch Klimowicz ist leider erst auf dem Niveau, auf dem auch Gonzalez vor 2 Jahren noch gewesen ist: Talentiert mit guten Ansätzen, aber ineffizient. So kam es, wie es kommen musste: Der VfB geriet in der 2. Halbzeit durch hohes Hoffenheimer Pressing mehr und mehr unter Druck, wobei sich insbesondere der schwache Anton (natürlich auch keine Spielpraxis nach längerer Verletzung) und der unglücklich agierende Stenzel zu den Schwachpunkten im VfB-Spiel entwickelten. Aber auch Mangala und Endo zeigten eine deutlich schwächere Leistung, als in den Spielen davor. Dies mag bei diesen beiden vor allem an den Reise-Strapazen gelegen haben, hat aber in Summe zu der bislang schwächsten Halbzeit des VfB im bisherigen Saisonverlauf beigetragen.

    Ob dies auch in der Verantwortung von Matarazzo liegt, der nach deiner Meinung taktisch zu spät reagiert hat, möchte ich zumindest für diese Partie in Frage stellen. Immerhin hat der Trainer endlich mal nach bereits 15 Minuten auf die taktischen Umstellungen von Hoffenheim reagiert und mit Sosa einen LV eingewechselt, der seine Sache anschließend auch recht gut gemacht hat. Auch Klimowicz für den schwachen Didavi einzuwechseln, war sicherlich der richtige Ansatz (auch wenn von dem jungen Argentinier anschließend wenig zu sehen war). Endo hätte sich im weiteren Spielverlauf noch viel häufiger in eine 4’er Kette fallen lassen müssen. So waren wir aber anschließend häufig offen wie das berühmte Scheunentor, wenn die durch die Mitte gespielten Pässe von Endo oder Mangala hängen blieben. Matarazzo kann in solchen Momenten kaum noch eingreifen, wenn die Spieler selbst nicht das Gespür für die Situation haben. Grundsätzlich hätte er natürlich auch Coulibaly bereits nach 45 Minuten rausnehmen können, aber durch die Verletzung von Gonzalez waren die Alternativen dieses Mal auch nicht so üppig, wie in den Wochen zuvor.

    Der VfB ist leider – zumindest nach dem bisherigen Saisonverlauf – wenig Pressing-resistent. Das haben die Partien gegen Köln, Frankfurt und auch jetzt gegen Hoffenheim bislang recht deutlich aufgezeigt. Wenn dann in den kommenden Wochen ein Lewandowski oder Haaland in der gegnerischen Sturmmitte auftauchen, dürfte es vermutlich häufiger in unserem Kasten klingeln. Aber das war uns auch bereits vor Saisonbeginn bewusst. Diese Abwehr ist mit Stenzel, Anton, Kaminski und Karazor leider nur bedingt Bundesliga-reif. Kempf und Sosa lasse ich mal außen vor, da ich Kempf ungeachtet seiner beiden bisherigen Treffer als guten Innenverteidiger und Sosa mehr und mehr als Flügelspieler sehe.

    Unterm Strich bin ich aber dennoch mit der Partie und auch mit dem Ergebnis zufrieden, da ich eine leistungswillige Mannschaft sehe, die bislang in jedem Spiel nach Rückschlägen zurückgekommen ist, Die Jungs spielen mutig und nach Kräften offensiv. Dafür bin ich auch bereit, über Niederlagen hinweg zu sehen, die zweifelsohne kommen werden. Vermutlich schon kommenden Samstag.

    • Bernd sagt

      Was auffällt, ist dass das jetzt schon das dritte Mal in den letzten vier Spielen ist, dass wir nach Führung und taktischer Umstellung des Gegners die Spielkontrolle aus der Hand gegeben haben. Auf der einen Seite natürlich super von Rino, wie er es immer wieder schafft einen Matchplan zu entwerfen und auch super von der Mannschaft wie sie den zu Beginn immer umsetzt. Auf der anderen Seite verstehe ich nicht ganz, wieso es regelmäßig nicht gelingt auf die Änderungen des Gegners angemessen zu reagieren. Egal ob mit oder ohne eigene Auswechslung.

      Aber klar, dass ist Jammern auf hohem Niveau. Beruhigend ist, dass wir auch mit den gehobeneren Regionen der Liga mithalten können und langsam aber stetig punkten.

  2. Bacardihardy sagt

    Im Spiel gegen Hoffenheim hat man mal wieder gesehen, dass der Vfb hinten sehr unsicher steht. Klar die erste Halbzeit war super. Keine Frage. Gonzalez Tor Weltklasse.
    Sein Ausscheiden bitter. Coulibaly war nicht so stark diesmal. Was ich allerdings nicht verstehe, dass er als Linksfuss die ganze Zeit auf rechts spielen muss. Und Wamangituka als Rechtsfuss die ganze Zeit auf der linken Seite. Verstehe ich nicht, lieber Rino. Alle 3 Abwehrspieler sind zu langsam. Da hoffe ich auf Mavropanos. Auch Karazor wäre mir hinten lieber als z. B. Stenzel. Der Vfb muss schauen, dass er defensiv besser steht, sonst könnte in 4 Wochen das Zittern beginnen.

  3. Fritzo62 sagt

    Wenn der VfB schon alles richtig machen würde, stünden wir vor der Union. Aber ja, das Abwehrkonstrukt ist noch nicht gefestigt, ist auch schwierig da immer gewechselt werden muss. Für das Mannschaftsgefüge ist es aber viel wichtiger auf die Abwehrspieler zu vertrauen und ggfs. Spiele zu verlieren, als jetzt nach Verstärkungen zu schauen und Frust zu erzeugen. Platz 16 reicht immer noch als Saisonziel, und dann schauen alle ob die Abwehr die Entwicklungsschritte genommen hat. Mavro muss Ende der Saison wieder zurück? Dann wäre er für mich nur Ersatz-, kein Stammspieler.

  4. Oldfan 1948 sagt

    Ich bin hin und weg vom „ neuen“ VfB. Was fürceine Entwicklung in relativ kurzer Zeit. Dass es noch viel zu tun gibt, ist klar. Aber das Trio HitzlintatMatt weiß, an welchen Stellen „geschraubt und gedrechselt“ werden muss. Ehrlich gesagt: Um‘s Zittern werden wir VfB-Fans in dieser Saison nicht herumkommen. Die Frage wird sein, wie sehr und der VfB bis zum Mai nächsten Jahres „durchschüttelt“.

  5. Jörn sagt

    Ich mache mir da keine Sorgen, wenn es um unseren Kader für den Klassenerhalt geht. Dafür spielen wir einfach zu gut und klar gibt es noch genug bessere Teams in Liga 1. Aber wir halten mit Euroteams wie Leverkusen, Frankfurt und Hoffenheim mit. Jetzt kommen sicher Wochen, wo es schwerer wird, Punkte zu sammeln. Aber ich glaube, das auch dort der ein oder andere Punkt beim VfB bleibt. Ich bin mir sehr sicher, das wir in der Liga bleiben, was in den letzten Erstligajahren nie der Fall war.
    Meine größte Sorge ist eher, das Mislintat nicht verlängert. Denn mit dem Team Vogt/Hitz/Mislintat hätten wir mit Sicherheit gute Chancen auf eine positive Zukunft

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