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Diese EM macht (noch) keinen Spaß!

Meine Vorfreude auf das Turnier war so groß. Anfang des Jahres überlegte ich mir, was wir hier im Blog alles machen könnten: Podcast. Videos. Die besten Szenen mit Gummibärchen nachbauen. Doch je näher das Turnier rückte, desto mehr verebbte mein Enthusiasmus. Und als dann noch die ersten Lieder im Radio zu hören waren, deren einzige Motivation es ist, als EM-Song Kasse zu machen, spätestens da hatte ich keine Lust mehr auf die Europameisterschaft.

Nach den ersten zehn Turniertagen sehe ich mich in meiner Ablehnung bestätigt. Bisher ist die EM für mich: David Guetta, Mark Forster, wenige Tore, späte Tore, besorgte Bürger mit Pickelhauben und Reichskriegsflagge, Favoritensiege, Geheimfavoritensterben, Eventisierung von Nichtigkeiten, Fremdschämen, Hashtagflut, schlechte Torwartleistungen, mittelmäßige Kommentatoren, erstaunlich unauffällige Schiedsrichter.

Kurz gesagt: Diese EM hat es auch nach mehr als einer Woche nicht geschafft, was seit 1990 jedem großen Fußballturnier in Windeseile gelungen ist: Mich zu begeistern. Und ich merke, dass es vielen so geht wie mir.

Aber woran liegt das? Am aufgeblähten Teilnehmerfeld? Eher nicht. Denn gerade die vermeintlich “Kleinen“ wie Nordirland, Ungarn, Island und Albanien sorgten bisher für einen Silberstreif am tristen Turnierhorizont. Pokalatmosphäre bei der EM! Oder liegt es an der zunehmenden Eventisierung des Fußballs, während man gleichzeitig versucht, alles zu verdrängen, was nicht in dieses Bild passt?

Mir fällt es jedenfalls zunehmend schwerer, mir die Ankunft des Busses der deutschen Mannschaft anzugucken, während gleichzeitig Nazi-Idioten und staatlich gesponserte russische Hooligans die Spielorte zerlegen. Hatte man bis zuletzt noch die romantische Vorstellung eines Art Ehrenkodex für die Randalierer, ist diese spätestens mit den Attacken im Stadion nach dem Spiel England gegen Russland passé. Sollen sie sich von mir aus in Wäldern und auf Parkplätzen aufs Maul geben, wie sie wollen. Aber sobald friedliche Zuschauer gefährdet werden, ist das nicht zu tolerieren.

Oder liegt es vielleicht eher daran, dass wir gerade eine Zeit erleben, in der man seinen Kindern immer wieder Dinge erklären muss, die man eigentlich nicht erklären kann? Überall auf der Welt sterben Menschen sinnlos und gleichzeitig diskutieren besorgte Fernsehzuschauer, ob eine Frau ein Fußballspiel kommentieren sollte. Im Jahr 2016!

Oder ist der Grund ganz banal? Vielleicht ist einfach nur das Wetter schuld? Ich muss gestehen, dass mir dieses Wechselspiel von Sonnenschein und Wolken den letzten Nerv raubt. Und auf dem Schlossplatz gibt es ohnehin auch dieses Jahr wieder kein Public Viewing.

Ich glaube, es ist eine Mischung aus all diesen Faktoren, die es mir so schwer macht, Freude an der EM 2016 zu finden. Darf ich EM 2016 überhaupt schreiben, oder ist das von der UEFA geschützt? Ach nee, das ist ja EURO 2016.

Normalerweise bleibt einem als letzter Ausweg die Flucht ins Netz. Die onlinemediale Begleitung eines Spiels ist in der Regel so unterhaltsam wie die Partie selbst – mindestens. Aber nicht mal das funktioniert bei dieser EM. Ja, das mit Boateng und dem Nachbarn war echt witzig. Ungefähr die ersten vierzig Mal. Aber spätestens, wenn die Sportschau und Jogi Löw das gleiche Spässle machen, wird es langweilig. Apropos Bundestrainer: Ja, man darf sich wundern, warum er regelmäßig vergisst, dass 178 Kameras im Stadion sind, von denen eine 90 Minuten auf ihn gerichtet ist. Erstaunlich, dass er sich so benimmt, als wäre er daheim im stillen Kämmerlein. Und ja, man kann auch Witze drüber machen. Aber Videos und GIFs in Dauerschleife verderben mir echt den Appetit. Wenn ich mich so derbe fremdschämen möchte, schalte ich RTL2 an. Ansonsten hat Lukas Podolski bereits alles zu dem Thema gesagt.

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Leider glänzt Podolski aber nur abseits des Platzes. Und die elf Mann, die spielen, haben sich dem Niveau der EM anscheinend angepasst. „La Mannschaft“ agiert langweilig und emotionslos. Das Team wirkt wie ein weichgespülter Haufen, ohne Ecken und Kanten. Sogar Thomas Müller scheint davon betroffen zu sein. Nur Jerome Boateng setzt sich gegen den Konformismus zu Wehr und haut auf die Kacke. Immerhin einer. Mich nerven die Innenverteidiger als Außenverteidiger. Mich nerven Mittelfeldspieler als Stürmer und ein Zehner auf der Acht. Und mich nervt, dass sich niemand etwas traut und jeder offenbar lieber lieber schön spielen will als Tore schießen.

Noch habe ich Hoffnung, dass es ein schönes Turnier wird. Ein bisschen mehr Island und Irland und ein viel weniger Hooligans und Mark Forster. Das wäre schön.

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Artikelbild:Marco Iacobucci EPP / Shutterstock.com

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6 Kommentare

  1. neuheide sagt

    was mich wütend macht?

    jeder blog der auf der em welle hinterhältigen transatlantiksprech betreibt…

    man würze einen artikel mit durchaus zutreffender kritik an der totalkommerzialisierung der em,nach us amerikanischem vorbild.

    klebt dann niederträchtige politische botschaften hintendran.
    „Mir fällt es jedenfalls zunehmend schwerer, mir die Ankunft des Busses der deutschen Mannschaft anzugucken, während gleichzeitig Nazi-Idioten und staatlich gesponserte russische Hooligans die Spielorte zerlegen. “

    buzze…schieb dir deine in bonbonpapier verrkleidete us/eu propaganda irgendwo hin.

    aber lass den sport in ruhe.
    frage deine grünen deutschlandhasser,warum sie zu lakaien us amerikanischen kriegsverbrecher und flüchtlingsproduzenten verkommen sind.

    kümmer dich weiter um hetze gegen russland und deutschlands aufwachende bevölkerung,aber lass den fussball aus dem spiel.

    das ist das letzte was den leiharbeit/8,50 sklaven noch geblieben ist.

    • @buzze sagt

      Ich habe lange überlegt, ob ich Deinen Kommentar nicht einfach lösche. Aber warum sollen nicht alle was davon haben?
      Du wirfst mir also vor, meine Enttäuschung über die EM mit „niederträchtigen politischen botschaften“ zu kombinieren? Ich schreibe, dass mir die EM keinen Spaß macht, weil sie langweilig ist und Du kommst mit Begriffen wie „Propaganda“, „Kriegsverbrecher“ und „Hetze“. Darum geht es mir nicht und darum geht es hier nicht. Mir ist Politik völlig egal. Mir ist auch egal, ob sich die Leute kleine Deutschlandfähnchen an ihr Auto nageln. Nicht egal ist mir jedoch, wenn in Frankreich „Sieg Heil“ rufende Arschlöcher herumrennen oder russische Schläger harmlose Fans attackieren. Dafür darfst Du mich dann gerne für einen Deutschlandhasser und Russlandhetzer halten. Aber da wir versuchen, allen unseren Lesern (wirklich allen!) einen kleinen Mehrwert zu bieten, habe ich hier ein Bild für Dich, das Dir bestimmt gefällt.

  2. Und ich dachte doch, der Abstieg des VFB hätte mir den gesamten spass so dermassen versaut, dass nicht einmal ein Turnier es wieder hinbekommt. Aber ich denke es ist wirklich eine Kombination aus allem aufgezählten.
    In erster Linie aber tatsächlich der nicht (mehr) begeisternde Fussball.
    Sehe mich zwar noch nicht als Zuschauer beim Synchronschwimmen, aber ertappe mich jetzt schon wirklich bei JEDEM Spiel dieser EM dass ich nebenher noch arbeite. Versand, emails, ebay alles mögliche. Und wenn der Kommentator die Stimme hebt, dreht sich mein Kopf. Kurz. Dann weiter.
    Asango – was ist aus Dir geworden. Was hat d(ies)er Fussball mal für einen Stellenwert bei Dir gehabt…

    Dann mal schauen was wird wenn einer dieser Hemmschuhe durch 30° aus der Welt geschafft wird.

    • @buzze sagt

      Mir geht es ganz genauso. Gestern Abend England gegen Slowakei geguckt. Ab der 30. Minuten im anderen Zimmer an den Schreibtisch und nur noch zugehört. In der 60. Minuten hat meine Frau dann umgeschaltet und es war mir auch irgendwie egal. Echt schade.

  3. drausvomLande sagt

    Eigentlich wollte ich ja nicht kommentieren, weil alles schon gesagt war, aber dann habe ich die Irländer weinen gesehen und den Isländer schreien gehört ==> das ist Fussball wie er mir gefällt
    Irgendwie habe ich nach der (wiederholten) VfB-Saison nach neuer Motivation gesucht und was meine Besuche bei den Relegationsspielen von der Bezirkliga bis hinunter zur Kreisliga B noch nicht ganz geschafft haben, das hat spätestens der Isländer geschafft: mir meinen Fussball wieder zurückzugeben.
    Unserer Nationalmannschaft wird das aber nicht gut tun, solange die Jungs dort „Auftritte haben“ und „sich präsentieren“, wird der Funkte schlecht überspringen.
    Und @buzze: Stark von Dir, dass Du den Kommentar dringelassen hast und noch stärker, wie Du geantwortet hast, aber bitte im Hinterkopf den letzten Satz mit den Sklaven noch etwas umherwälzen, wir kriegen da meiner Ansicht nach wirklich ein Riesen-Problem mit frustgeladenen Opfern, und das sind nicht wenige.

    • @abiszet sagt

      Ganz genau, @drausvomLande!
      Der Funke ist aber ehrlicherweise übergesprungen genau von denen, die das Turnier scheinbar „aufblähen“. Island, Irland, Nordirland, Wales, Albanien, Ungarn, die alle Spaß machen und das nicht wegen des Kampfes „Groß gegen Klein“. Es scheint mir vielmehr deren Freude zu sein, beim Turnier dabei zu sein und das Beste rausholen zu wollen. Sogenannte etablierte Nationen wie Portugal, Frankreich, Deutschland, Belgien, England, Spanien sind in erster Linie professionell. Sie scheint die Begeisterung dieser Nationen zu irritieren.

      Was weder mit der Zahl der Mannschaften noch mit dem Turniermodus zu tun hat: Die wahren Enttäuschungen sind doch die Mannschaften, die überhaupt keine Beziehung zum Turnier aufbauen konnten – Russland, Ukraine, Österreich, Türkei, Schweden, Tschechien. Auf die hätten wir gut verzichten können.

      Ich bin gespannt auf die K.o.-Spiele. Bleibt es weiterhin ein schweres Turnier oder kommt ein bisschen mehr Freude & Leichtigkeit hinein, für die bisher die Außenseite zuständig waren.

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