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From Sasa with Love

Nach der Gala gegen Dortmund hatte Pellegrino Matarazzo davon gesprochen, dass die Partie gegen Union Berlin ein Charaktertest sei. Nach dem sehr späten 2:2 kann man sagen, sein Team hat ihn bestanden, nachdem es sich mühsam in das Spiel hinein gekämpft hatte und weil es der VfB schaffte, auch in einem suboptimalen Spiel noch zu punkten.

Der VfB-Trainer stellte seine 5:1-Erfolgsmannschaft um, brachte statt Orel Mangala und Tanguy Coulibaly in der Startelf Gonzalo Castro und Nicolas Gonzalez. Was zunächst arrogant wirkte nach dem Motto „Union schaffen wir auch ohne die beiden“, hatte triftige Gründe: Mangala hatte sich beim Aufwärmen verletzt, Coulibaly leichte muskuläre Probleme, so hieß es.

Es sah ein bisschen nach Hangover aus, was der VfB am Anfang bot. Nach der Riesen-Party bei den Schwarz-Gelben waren der Kopf und die Beine schwer, zudem präsentierte sich Union als ekelhafter Gegner. Frühes Anlaufen, viele Zweikämpfe, kaum Räume, also das genaue Gegenteil zum Dortmund-Spiel. Dass ein Standard den 0:1-Rückstand bringt, ist Standard beim VfB. Es ist bekannt, dass Union bei ruhenden Bällen durch Christopher Trimmel (by the way: sehr sympathischer Mann!) gefährlicher ist als aus dem Spiel und der VfB schaffte es trotzdem nicht, einen Ball zu verteidigen, der eine halbe Minute in der Luft war. Der VfB schaffte es auch nicht, offensiv Akzente zu setzen. Ein Schuss von Matteo Klimowicz, sonst nix. Die Dribblings von Orel Mangala fehlten und Endo war nicht so griffig wie gewohnt. Das Spiel ließ sich durch nichts schön trinken. Viele Stuttgarter haben ein Problem mit den Köpenikern, vor allem nach den Relegationsspielen 2019, aber man muss neidlos anerkennen: Union Berlin hatte die bessere Spielanlage, trat diszipliniert auf, bot eine reife Leistung in der ersten Halbzeit.

Die zweite Hälfte sollte eine andere werden mit Daniel Didavi und Tanguy Coulibaly. Vor allem Nicolas Gonzalez lief kurzzeitig heiß. Ihm sah man seinen Ehrgeiz aus tausend Metern an und wenn sein Fallrückzieher nach Feinfußvorlage von Didavi nicht an die Latte, sondern ins Tor gegangen wäre, dann hätte er wohl seinen Frieden mit Berlin gemacht. Aber kein Happy End für Nico, auch sein Kopfball wenige Minuten später landete neben dem Tor.

In der 77. Minute konnte man dann wirklich die Unioner dafür hassen, dass sie uns die Partystimmung vermiesen. Taiwo Awoniyi nickte eine Flanke locker ein, weil der VfB das Verteidigen vergaß. Christopher Lenz durfte sich auf der rechten Stuttgarter Seite den Ball für seine Hereingabe in aller Ruhe zurecht legen, weil Castro den Gegner lediglich antrabte, ohne ihn wirklich zu behindern. Das Antraben von Castro ist wirklich eine Spezialität von ihm: sich in Richtung des Gegners bewegen, ohne auch nur einen Zweikampf in Erwägung zu ziehen. Macht er leider öfters, unser Kapitän. In der Mitte standen drei VfB’ler rum als ob sie sich zum Skat spielen verabredet haben, aber nicht zum Verteidigen.

Aus, vorbei, jetzt kann nur noch ein Konterbier helfen. Wäre da nicht Überraschungsgast Sasa Kalajdzic, den Matarazzo ein bisschen late-to-the-party aufs Feld schickte. Staubtrocken, wienerisch-cool köpft er eine Ecke vom ebenfalls eingewechselten Philipp Klement ein. Dann kommt sein Moment. Es ist eine Mischung aus Messi und Ronaldo und Terodde, den der junge Österreicher hinlegt. Eine butterweiche, genau auf die Zunge gespielte Flanke von Didavi verarbeitet er wie selbstverständlich mit der Brust und trifft rechts unten in die Ecke. Der Ausgleich from Sasa with Love.

Unser Freund Sascha Stegemann (remember Wehen Wiesbaden) bemühte sich dann, diesen großen Moment von Kalajdzic zu zerstören. Erst sah er ein vermeintliches Handspiel, dann prüfte der VAR die Situation minutenlang. Aber trotz größter Anstrengungen konnte niemand ein Vergehen entdecken.

Also keine Relegations-Revanche gegen Union Berlin. Aber ein Punktgewinn, wonach es nach 77. Minuten überhaupt nicht aussah. Dass sich der VfB auch bei vermeintlich aussichtslosem Rückstand nicht aufgibt, ist eine völlig neue Qualität. Daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen. Gibt Schlimmeres.

Zum Weiterlesen:
Präsident auf Abruf? – unser Text zum Richtungsstreit beim VfB
Mit ganz breitem Brustring – der VfB bei 11Freunde
Angemessenes Spektakel in Bad Cannstatt von der Süddeutschen Zeitung.

Bild: imago Images/Michael Weber

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2 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Gestern VfB Stuttgart- Union Berlin, 90 Min. +3 Min.

    S. Stegemann: Du, habe gerade ein Pop-Up auf meiner Smart Watch „VfB noch einen reindrücken“. Der Typ mit der 9 hat denselben Vornamen wie ich, wird aber total lächerlich geschrieben. Siehst du da ein Handspiel bei der Ballannahme?

    VAR: Sorry, Sascha, war kein Hand.

    S. Stegemann: Abseits?

    VAR: Nope.

    S. Stegemann: Wenigstens’ne Tätlichkeit?

    VAR: Sascha, … Echt jetzt?

    S. Stegemann: Du warst schon hilfreicher, danke für nichts.

    In diesem Sinne auch von mir: Danke für wenig, Herr Stegemann. Kleinliche Zweikampf Bewertung, ungleiches Strafmaß, aber wenigstens Gonzalez für seine angetäuschte Kopfnuss keine rote Karte gezeigt.

    • Der Groundhopper sagt

      Er hätte mal „Hintertor hoch“ anschauen sollen… ;-)

      P.S.: Die Moral in der Mannschaft ist der Wahnsinn! Falls das nur ein schöner Traum sein sollte: Weckt mich bitte NICHT auf!

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