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„Ich bin alleine. Ich bin total alleine.“

Das sagte vor wenigen Tagen Antonio Rüdiger, der 26 Jahre alte Innenverteidiger des FC Chelsea nach einer Begegnung gegen Tottenham Hotspur und öffnete eine Tür zu seinem Seelenleben. Der Nationalspieler und ehemalige VfB-Verteidiger sieht sich fortwährend rassistischen Beleidigungen ausgesetzt. Einer Gruppe englischer Journalisten sagte er: „Ich möchte niemanden beleidigen, aber ihr werdet nie verstehen, was mir oder anderen schwarzen Spielern in diesem Moment durch den Kopf geht. Ich bin alleine. Ich bin total alleine.“

Dietmar Hopp war nicht alleine, als er in Hoffenheim das „Hurensohn-Banner“ sehen musste. Im Gegenteil: es solidarisierten sich fast alle mit ihm: Die eigene und die gegnerische Mannschaft, die Verantwortlichen des FC Bayern, Sky, die Sportschau, der DFB-Präsident, der Kicker, die Polizei, Mario Basler, alle. Ein Verhalten, das man sich auch bei anderen Vergehen wünschen würde.

Die Bayern-Anhänger aufgrund des Banners als „hässliches Gesicht des Fußballs“ zu bezeichnen, ist nur konsequent aus Sicht von Bayern-Boss Karlheinz Rummenigge. Schließlich ist es die organisierte Fanszene, die ihre Großkopferten daran erinnert, dass Steuerhinterziehung eine Straftat ist oder dass das Trainingslager in Katar moralisch nicht zu rechtfertigen ist. Sie ist es, die dafür sorgt, dass der ehemalige jüdische Bayern-Präsidenten Kurt Landauer die Credits bekommt, die er verdient. Die Ultras sind nicht nur in München oft genug der moralische Kompass der Clubs. Und das macht sie unbequem für die Funktionäre. Das macht sie aber noch lange nicht zum hässlichen Gesicht des Fußballs. Hässlich sind die Proteste höchstens in der Wortwahl, denn unbegründet sind sie nicht. Sie richten sich gegen die Person Hopp, weil er mit seinem Projekt Hoffenheim das System ausgehebelt hat. Mit seinen nahezu unerschöpflichen finanziellen Mitteln hat er den Wettbewerb im deutschen Fußball unterwandert, wie nach ihm RB Leipzig, wie vor ihm Leverkusen und Wolfsburg. Gegen Hopp zu protestieren, bedeutet das System anzuprangern, in dem Geld Tradition schlägt und Menschen wie Hopp und Mateschitz sich mit dem Wohlwollen von DFB und DFL einen Bundesligaclub als Hobby leisten können. Offensichtlich sehen die Fans keine andere Möglichkeit mehr, als mit Ausdrücken unter der Gürtellinie Aufmerksamkeit zu erregen. Keine Frage: „Hopp als Hurensohn zu beschimpfen, ist eine billige und fantasielose Beleidigung, die allerdings erst durch Hopps Empörung unter den Fans immer populärer wurde.“ Aber übermäßiges Taktgefühl und Eloquenz konnte man den Ultras der Liga auch noch nie vorwerfen. Und, nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand sollte sein Konterfei verziert mit einem Fadenkreuz sehen müsen. Das ist keine Geschmacklosigkeit mehr, sondern schlichtweg ein No-go.

Und mal unter uns, Herr Rummenigge, zeigt der Fußball nicht dann sein hässlichstes Gesicht, wenn Sie sich mit Hinterzimmer-Politik der Solidarität im deutschen und internationalen Fußball entziehen wollen, um eine eigene europäische Super-Liga zu gründen oder um separate Zahlungen zu bekommen, hinter dem Rücken der anderen Profi-Vereine? Ist es nicht viel eher das hässliche Gesicht des Fußballs, wenn Weltmeisterschaften nach Russland und Katar verkauft werden, wo Arbeiter beim Bau von WM-Stadien sterben, damit Funktionäre sich mit zig Millionen am Fußball bereichern?

DFB und DFL haben mit dem Handeln die Latte sehr hoch gelegt. So wurde quasi parallel zum Hoffenheim-Spiel Kaiserslauterns Gerry Ehrmann beim Spiel in Mannheim auf einem Banner ebenfalls als Hurensohn bezeichnet. Passiert ist: nichts. So konsequent wie in Sinsheim gehandelt wurde, so angemessen wäre die gleiche Reaktion gewesen beim Pokalspiel auf Schalke gegen Hertha. Dort wurde der dunkelhäutige Berliner Verteidiger Jordan Torunarigha rassistisch beleidigt bis er auf dem Spielfeld weinte. Passiert ist: nichts. Timo Werner musste sich nach seiner Schalke-Schwalbe dasselbe anhören (übrigens vom Hoffenheimer Publikum), beim Relegations-Duell 2017 zwischen Eintracht Braunschweig und Wolfsburg beleidigten Eintracht-Fans den damaligen VfL-Stürmer Mario Gomez ebenfalls als Hurensohn. Bakery Jatta wurde beim Auswärtsspiel seines HSV in Karlsruhe 90 Minuten lang rassistisch beleidigt, Bibiana Steinhaus 2018 von Gladbach-Fans als „Hure“ beschimpft. Passiert ist überall: nichts. Und von Clemens Tönnies haben wir noch gar nicht geredet. Doch es geht sogar noch schlimmer: Als die U16 von Hertha BSC ein Spiel wegen rassistischer Beleidigungen abbrach, befand der Norddeutsche Fußballverband „das Verlassen des Spielfelds sei daher zwar nachvollziehbar, nicht aber gerechtfertigt gewesen“, weshalb das Spiel mit 0:2 gegen die Hertha gewertet wurde. WTF?

Die DFL muss nun beweisen, dass bei Sexismus und Rassismus und bei allen Beleidigungen genauso reagiert wird wie in Hoffenheim. Dass bei Bannern wie „FotzenFreiburg“ (ebenfalls vom Hoffenheimer Anhang) genauso ein Spielabbruch im Bereich des Möglichen ist wie bei der Begegnung Hoffenheim gegen Bayern. Sollte die DFL in Zukunft nicht genauso so konsequent bei allen rassistischen, sexistischen und religiösen Beleidigungen handeln, dann zeigt sie: Sie misst mit zweierlei Maß. „Nach Hoffenheim (…) drängt sich der Eindruck auf, die DFL schützt nicht die, die Schutz bräuchten, die etwa Ziel von rassistischen oder homophoben Beleidigungen werden (…).“

Die Art und Weise, in der sich Dietmar Hopp am Tag nach dem Spiel äußert, zeigt, dass der Konflikt eigentlich nur weiter eskalieren kann. Einerseits sieht er keinen Grund für die Schmähplakate („Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen, das zu verstehen.“), andererseits lehnt er jegliche Art der Kommunikation ab („„Ein Gespräch mit diesen Personen will ich nicht, das ist sinnlos, die leben in einer anderen Welt. Mit denen will und kann ich gar nicht reden, ich wüsste gar nicht, was ich denen sagen soll.)“ Klar ist: Hopp ist nicht an Deeskalation interessiert. Und mit Aussagen wie „Warum soll ich nicht mehr in mein Stadion gehen? Die Personen, die das anrichten, müssen dann halt weg bleiben“ gibt er den Startschuss zu einem Wettrüsten zwischen den organisierten Fangruppen auf der einen und dem Team Hopp/TSG/DFB auf der anderen Seite.

Sehr lesenswerte Kommentare zu dem Thema findet ihr auch bei den Kölner Kollegen von effzeh.com und von Marco Fuchs beim Spiegel.

(Foto: JOE KLAMAR/AFP via Getty Images)

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12 Kommentare

  1. Felix sagt

    Hervorragender Text, mit Quellen belegt und gut zusammengefasst! Wenn diese Qualität an Recherche nur alle Journalisten, die sich mit dem Thema auseinander setzen, an den Tag legen würden, wäre jedem geholfen!

  2. A. Kelsch sagt

    Kleine Ergänzung zu Jatta in Karlsruhe – der versuchte, gleich zu Spielbeginn eine richtig üble Schwalbe vor dem Heimblock und war somit mal so richtig „beliebt“.
    Rassistisch waren die darauf folgenden Schmähungen weder in Motivation noch in Ausführung – der HSV nutze diese Sitautaionallerdings sehr geschickt, um von der Identitätsfrage seines Märchens vom „Flüchtling zum Profi“ abzulenken…

    Oder waren übliche „Timo Werner – Uhrensohn“ auch Rassismus?

  3. Andreas Flaig sagt

    Hallo Kicker, Sportschau und Konsorten schaut Mal alle her es ist gar nicht so schwer das Theater richtig einzuordnen!

    Will euch VP aber nicht klein reden. Guter Text und volle Zustimmung

  4. Daniela Flasack sagt

    Man kann Hopp und sein Projekt TSG Hoffenheim kritisieren, aber nicht durch stupide Beleidigungen und schon gar nicht durch sein Konterfei im Fadenkreuz. Das hat mit Fußballkultur nichts mehr zu tun, sondern ist einfach nur kriminell!

  5. drhuey sagt

    Grossartiger Diskussionsbeitrag! Diese Ausgewogenheit muss die Basis für den überfälligen gesellschaftlichen Dialog sein. Kaum auszudenken welches skurrile Bild sich ergeben hätte, wäre noch Hoeness mit hochrotem Kopf vor den Block gelaufen und hätte zu denen über Moral und Anstand gesprochen, die er systematisch und über Jahre beschissen hat. Denn Steuereinnahmen sind dazu da fzum Nutzen jedes Einzelnen ausgegeben zu werden. Herr Hoeness zog es aber vor, dem Staat und somit auch jedem, der gestern in diesem Block stand, nichts abzugeben. Die Entwicklungen haben nicht nur mit dem Fussball zu tun. Jetzt plädieren alle richtigerweise für mehr Haltung von jedem Einzelnen. Aber dann bitte nach allen Seiten. Ihr habt das perfekt aufbereitet.

  6. Silvia sagt

    Top. Sehr guter Artikel. Genau das wünsche ich mir von Medien. Habe aber eher den Eindruck, dass wir immer mehr einer Zensur unterliegen. Meine Fragen an die Spieler und Vereine lauten: Wann streikt Ihr für Fanbelange, wann streikt Ihr für unsere Menschenrechte (siehe Kesselung von hunderten Menschen…), wann streikt Ihr für fangerechte Anstoßzeiten … und bitte nicht mit dem Thema Fantrennung als Grund für die vielen Anstoßzeiten kommen, denn das hat früher komischerweise auch funktioniert als alle Samstag 15:30 gespielt haben.

  7. Tine1893 sagt

    1893 % Zustimmung!!! Genauso ist es. Der DFB hat sich damit unter Druck gesetzt, so dass er jetzt nicht mehr mit zweierlei Maß messen kann! Bin gespannt!

  8. Klaus Weise sagt

    Die Kritik in Sachen zweierlei Maß beim DFB ist richtig und wichtig. Was ich abstoßend finde ist die Betonung des „Milliardärs“ Hopp bei der Diskussion. Hat ein Milliardär kein Recht auf Menschenwürde? Ab welchem Kontostand darf man ungestraft öffentlich beleidigt werden? Antonio Rüdiger ist schließlich auch vielfacher Millionär…

    • @buzze sagt

      Natürlich darf niemand beleidigt werden – unabhängig vom Kontostand. Aber denkst Du, die Reaktion der Funktionäre wäre genauso ausgefallen, wenn das Opfer nicht Hopp, sondern jemand anders gewesen wäre?

      • Bernd sagt

        Die Reaktion hängt ja auch mit der Vorgeschichte mit dem Fadenkreuz zusammen. Wenn beim Spiel Hertha gegen Mainz (also unmittelbar nach dem Pokalspiel) im Gästeblock ein Banner „Torunarigha, Du Hurensohn“ aufgetaucht wäre, dann wäre das korrekterweise auch als Billigung von rassistischen Beleidigungen interpretiert worden.

        Das Problem an der Sache ist, dass durch die stumpfen Beleidigungen der legitime Protest gegen Hopp abgewertet wird. Wenn es die Ultras schaffen, den Laden so zu trollen, dass Spiele bei rechtmäßigen Meinungsäußerungen abgebrochen werden, dann wäre das eine ganz andere Nummer, aber so ist es ein Leichtes, das alles abzubügeln.

  9. Claus sagt

    Chapeau! Dieser Artikel entlarvt viele der Journalismusversuche die seit Samstag kursieren!

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