Mini-Feature, Spielbericht, VfB
Kommentare 3

Nur noch ein bissle Santi im Getriebe …

Nur, um das gleich mal zu klären: Fast alles ist gut. Und das liegt weniger am ersten Auswärtssieg und an der Tabellenführung bis Montag. Das liegt an dem, was wir teilweise in Regensburg gesehen haben.

Ist Euch der linke Fuß von Daniel Didavi aufgefallen? Er kann mit ihm womöglich Klavier spielen, so viel Gefühl hat er in ihm. Wie er vor dem 1:2 wie mit dem Zirkel gezogen die Flanke auf den Kopf von Holger Badstuber gezaubert hat – Weltklasse. Oder Gregor Kobel im Tor. In keinem Stuttgarter Kasten stand jemals ein Keeper, dem man bedenkenlos den Ball zuspielen konnte. Manchmal wirken die Situationen brenzlig, aber nur auf uns Zuschauer, weil wir uns erst einmal an das neue Aufbauspiel gewöhnen müssen bis wir das in Ruhe anschauen können. Apropos: Holger Badstuber ist auch so einer, der fast nie aus der Ruhe zu bringen ist. Mit der Mentalität und Selbstsicherheit eines Champions League-Spielers löst er so gut wie jede Situation souverän und spielerisch. Warum er beim VfB spielt und nicht in der Champions League? Weil er seine Bier-Ruhe mit der Antrittsschnelligkeit eines Bier-Kutschers kombiniert. Aber wir sind froh, dass er da ist und hoffen, dass er möglichst wenig Laufduelle bestreiten muss. Ebenso froh sind wir, dass Orel Mangala von seiner Leihe zurück ist. Was für eine dominante Figur im zentralen defensiven Mittelfeld. Sehr clever und robust im Zweikampf, fast fehlerfrei im Aufbau und immer wieder mit überraschenden Ideen für die Offensive. Mit dieser Leistung liegt er weit vorne im Konkurrenzkampf mit Ata Karazor und Santi Ascacibar. Über Silas Wamangituka müssen wir nichts schreiben, Ihr habt es alle gesehen. Seine Leistung und sein Können lassen sich auch kaum in Worte fassen. Es ist eine Freude, diesem 19-jährigen beim Spielen zuzuschauen. Es gelingt nicht immer alles, aber es ist immer spektakulär. Und purer Stress für den Gegner. Wäre er nicht im Profi-Fußball gelandet, wäre er ein Star beim Zirkus. Weil er Wildkatzen dressieren kann, Akrobatik auf dem Hochseil beherrscht und nebenbei auch noch als Clown die Kinder zum Lachen bringt.

Ist alles, wirklich alles gut? Fast, wie im ersten Satz geschrieben. Denn Jahn Regensburg darf niemals ins Spiel zurück kommen, es darf gegen Spielende nicht eng werden. Der VfB war zu überlegen, der VfB hatte die so viel besseren Einzelspieler, der dominanten Spielanlage hatten die biederen Regensburger nur einfallslose Klopperei entgegen zu setzen. Aber wie bei allen Spielen – ausnahmslos allen – macht der VfB zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Sind wir ehrlich: Die Regensburger müssen doch mit 4 oder 5:1 aus dieser Schuhschachtel geschossen werden, die sie „Arena“ nennen. Weil es an Konsequenz in Offensive und Defensive (oder ist dies womöglich Arroganz?) fehlte, war Regensburg allerdings ganz nah an einem Punktgewinn. Es ist nicht wirklich dramatisch, der VfB ist in dieser Saison noch ungeschlagen. Bei mangelndem Spielglück und etwas mehr Qualität beim Gegner werden die Sorglosigkeit beim Abschluss und die Nachlässigkeiten in der Defensive zwangsläufig zu Punktverlusten führen. Noch steckt also ein bisschen Sand im Getriebe des Walter-Fußballs, zumal ein Fortschritt nicht wirklich erkennbar ist. Trotz aller Bedenken: Es tut gut, dass der VfB mal wieder Fußball spielt und nicht mehr nur kämpft (und selbst das verweigerte er in den letzten Jahren nicht selten).

Einen Verlust an Autorität haben weder Tim Walter noch Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger im Fall Santi Ascacibar zu befürchten. Weil sie sich dessen Aufmüpfigkeit einfach nicht bieten ließen. Weil sie ihm, aber auch der ganzen Gruppe klar gemacht haben: Der einzelne zählt nicht, es zählt nur die Gemeinschaft. Für die Hygiene innerhalb der Mannschaft war das kompromisslose Handeln eminent wichtig. Genauso wichtig ist, dass die ganze Geschichte nach Zwangspause und Geldstrafe dann auch endgültig erledigt ist. Wie wichtig Ascacibar sportlich sein wird, muss abgewartet werden. Eine Giftmaus im Mittelfeld kann der VfB immer gebrauchen. Gerade gegen die überhart auftretenden Regensburger hätte der grätschende Gaucho mal für Ordnung sorgen können.

Unseren Spielbericht mit animierten Bildern findet Ihr hier.

Bild: imago Images / Pressefoto Baumann

Darf gerne geteilt werden:

3 Kommentare

  1. Clemens sagt

    „Die Regensburger müssen doch mit 4 oder 5:1 aus dieser Schuhschachtel geschossen werden, die sie „Arena“ nennen. Weil es an Konsequenz in Offensive und Defensive (oder ist dies womöglich Arroganz?) fehlte, … “

    Bei dieser Aussage musste ich herzhaft lachen. Aber bleiben wir bei der Kernaussage, dass der VfB Mitte der 2. Halbzeit niemals in eine solche Bedrängnis hätte geraten dürfen. Silas und seine jungen Kollegen haben alle noch eine lange Lernkurve vor sich. Nicht ohne Grund wurde das Gros der Stuttgarter Tore bislang von den arrivierten und erfahrenen Spielern wie Didavi, Badstuber, Gomez und Al Ghaddioui geschossen. Von den jüngeren Spielern konnte diesbezüglich bislang nur Gonzalez überzeugen. Ich gehe aber davon aus, dass im weiteren Saisonverlauf auch Spieler wie Silas oder Klimowicz Erfolgserlebnisse feiern können.

    Wie bereits unter einem anderen Spielbericht kommentiert, profitiert der VfB bis dahin von unterklassigen Gegnern, die die eklatante Abschlussschwäche und unsere Defensivpatzer nicht rigoros ausnutzen. Und genau deshalb ist es auch jetzt die richtige Zeit, ein solches risikobehaftete System einzustudieren. Auch Walter scheint dabei eine Lernkurve zu durchlaufen. Endlich sitzt Karazor auf der Bank und Mangala steht in der Stammformation. Auch Castro hatte sich eine Pause verdient und wurde von Förster ordentlich ersetzt. Und sobald Sosa wie fit ist, kann Insua Gott sei Dank wieder ins zweite Glied zurücktreten. Der Argentinier ist leider selbst für die 2. Liga zu schlecht.

    Ich bleibe weiterhin optimistisch, weil ich sehe, dass der VfB Stuttgart sportliche Substanz aufbaut und nicht einfach auf den schnellen, aber wenig nachhaltigen Erfolg setzen möchte. Der Kader des HSV wird vermutlich den Aufstieg packen. Aber ob die Hamburger mit diesem Trainer und diesen Spielern auch erstklassig bleiben können? Ich habe da so meine Zweifel.

  2. drhuey sagt

    Genau, und während unser Bierkutscher zwar sein Stellungsspiel zumindest in die Nähe der Qualität von Franco Baresi oder Paolo Maldini schiebt (nicht falsch verstehen: ich spreche nur vom Stellungsspiel), leistet es sich unser Schlüsselspieler zu warten bis er ein Zuspiel von seinem Fuss prallen lassen kann. Und ich höre Walter an der Seitenlinie ungläubig mit leiser Stimme: „Zum Ball, Ata!“ ? Solche Ballverluste führen zu Umschaltmomenten, die Badstuber in Laufduelle zwingen, die er nicht mehr gewinnen kann. Insofern denke ich, ist Walter schon wieder ein Schritt näher an der Stammformation, die er per se ja eigentlich gar nicht möchte. Da ich ein großer Freund der risk taker allgemein und im Fussball bin, hoffe ich, dass Silas auch von den Schiedsrichtern vor den Zweitliga-Frustkloppern in Zukunft besser geschützt wird. Wann hatten wir zuletzt einen solchen Spieler ?

  3. Das Spiel war nicht schlecht, jedoch fehlt es vorne immer noch an Durchschlagskraft und das Mittelfeld ist, sobald der ‚Schlüsselspieler‘ Karazor in Erscheinung tritt, besonders anfällig für Ballverluste – die dann in der Abwehr zu Problemen werden können. Daher einfach mal dem Jungen den Schlüssel wegnehmen und andere ‚fahren‘ lassen.

    @ St. Pauli: Danke für gestern!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.