Beliebt, VfB
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Was ist ein Fan wert?

Der Verdacht hat sich schon einige Zeit aufgedrängt: Die Fans sind der VfB Stuttgart 1893 AG herzlich egal. Der ausgegliederte Verein für Bewegungsspiele braucht sie für eindrucksvolle Zahlen (66.000 Mitglieder!! 100.000 Besucher beim Tag des Brustrings!!11elf!!), sie sollen Merchandising kaufen und ordentlich Stimmung machen, damit die Hütte brennt und potenzielle Neuzugänge mit Karawanen-Bildern nach Stuttgart gelockt werden können, auch wenn anderswo mehr gezahlt wird. Aber ansonsten: Keine Empathie, kein Verständnis für die Supporter, kein Fingerspitzengefühl.

Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, wenn man sieht, wie marktschreierisch und aufdringlich um Mitglieder geworben wird und wie jetzt auf dreiste Art und Weise eine Fan-Aktion für die Bewerbung von VfB-Merch gekapert wurde.

Dabei sollte auch die ausgegliederte Fußballabteilung des VfB Stuttgart in erster Linie für die Fans da sein. Ohne Fans kein VfB. Ohne Fans keine Tradition. Ohne Fans keine Identifikation. Denn erst die Fans machen aus dem VfB eine wertvolle Marke. Spieler, Funktionäre, Bosse: Alle haben eine stark begrenzte Halbwertzeit. Es ist der bedingungslose und über Generationen vererbte Support, der das größte Asset des VfB ist – um mal im Marketing-Sprech zu bleiben.

Fans sind mehr als Zahlen in einer Statistik und einem Medienbericht, es sind Menschen, die natürlich nicht so einfach zu verwalten und kalkulieren sind wie nüchterne Positionen in einer Excel-Tabelle. Trotzdem: So wie die Fans sich für den VfB Stuttgart und die Mannschaft aufopfern, so sollte sich die VfB Stuttgart 1893 AG mehr für die Belange der Fans interessieren.

Denn der Club muss aufpassen, dass er bei aller Euphorie und bei allem Wachstum nicht überdreht und nicht alles dem Kommerz unterwirft. Was passiert, wenn Marketing und Hashtags wichtiger werden als der sportliche Erfolg und der mannschaftliche Zusammenhalt, hat gerade erst die deutsche Nationalmannschaft unrühmlich erlebt.

Marketing-Vorstand Jochen Röttgermann sagte einmal, dass der VfB in der Oberliga spielen würde, wenn es nach den romantischen Wünschen der Fans gehen würde, die sich die guten alten Zeiten zurück wünschen. Und leider ist es diese Art der polarisierenden-simplifizierenden Argumentation, die das Handeln beim VfB – und in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft – aktuell prägt. Doch natürlich ist sie unsinnig: Nur, weil man den Auswuchs des Kommerzes kritisiert, muss man nicht gleich in der Oberliga spielen wollen. Man kann schließlich auch kritisieren, dass Mercedes und Konsorten jahrelang ihre Kunden und die Umwelt betrogen haben, ohne gleich Fahrrad zu fahren, oder? Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiß bzw. Champions League oder Oberliga. Und es gibt die Möglichkeit, Mitglieder zu gewinnen und Merchandising zu verkaufen, ohne dass sich viele Fans verarscht vorkommen.

Der VfB Stuttgart sollte die stetig wachsenden Möglichkeiten der Kommerzialisierung nutzen, ohne dabei völlig das Maß zu verlieren. Doch dazu braucht es aber Fingerspitzengefühl, Empathie und Weitsicht. Qualitäten, die der VfB im Moment leider anscheinend nicht hat – oder nicht zeigt.

Links zu diesem Thema:
Stellungnahme CC97
Kommentar von Philipp Maisel in den Stuttgarter Nachrichten
Ausführlicher Bericht bei Faszination Fankurve

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4 Kommentare

  1. NotaBruddler sagt

    Ich finde das ganze Thema wird ein bisschen zu heiß gekocht. Mal ganz ehrlich, lasst die doch das Merchandising vorantreiben und Fanartikel verkaufen. Das spült wieder Geld in die Kassen des VfB um den Verein weiterzuentwickeln. Das man dafür jetzt die Karavane genommen hat ist natürlich in vielen Augen sehr unglücklich. Aber es ist doch jetzt kein Weltuntergang!!! Klar ohne Fans kein VfB aber sehen wir es auch mal andersrum, ohne VfB auch keine Fans ;). Solange ich sehe, dass mit dem Geld nachvollziehbare Transfers getätigt werden. Die Infrastruktur und Jugendausbildung verbessert wird, sollen Sie von mir aus mich und mein Outfit im Stadion fotografieren und jedes einzelne Teil aus dem Shop verlinken. Es wird so viel für die Fans aktuell gemacht und vorallem für die Mitglieder und das zurecht. Kann daher das ganze Gemecker hier aktuell nicht verstehen. Ein Statement der Ultras, die dies nicht für gut heißen gibt es und damit sollte es auch gut sein.

    • @buzze sagt

      Es geht weniger um die gestrige Aktion als viel mehr um die gesamte Entwicklung. Wir fragen uns immer häufiger: Merken sie es nicht oder ist es ihnen schlichtweg egal? Michael Reschke wird nicht müde, zu erwähnen, dass er das Video der Karawane zur Spieler-Akquise einsetzt. Auf der anderen Seite wird das Verhältnis zwischen Ultras und Club immer schlechter und die „Normalo-Fans“ immer mehr zum Kunden.

      Natürlich darf es Merch in allen Ausprägungen geben und das Trikot wie überall 100 Euro kosten. Man muss es ja nicht kaufen. Aber in unseren Augen wird gar nicht erst versucht, eine gesunde Balance zu finden. Auf Facebook schrieb jemand: Warum nicht z.B. 10% aufs Heimtrikot, um ganz in weiß mit der Karawane zu laufen?

      • NotaBruddler sagt

        Ok, ich verstehe den Ansatz. Aber jetzt frage ich mal ganz ehrlich: Was für Vorteile hatte ein Mitglied vor 5 Jahren? Außer mitentscheiden zu können 2x im Jahr und für Karten gesetzt zu sein? Es gab doch so gut wie nix als Bonus. Die Exklusivität einer Mitgliedschaft ist doch erst seit diesem Jahr wirklich gegeben. Ihr als Vertikalpass habt mehr Einfluss auf den VfB als ihr vielleicht vermutet. Aus sicherer Quelle kann ich euch bestätigen, dass ihr zusammen mit dem Cannstatter Blog und Rund um den Brustring regelmäßig verfolgt werdet von der Marketingabteilung und der Vorstandsebene. Und sicherlich auch durch manche Spieler und Mitarbeiter. Der Vorschlag mit den 10% zur Karavane find ich gut. Macht einen Facebook Post und schlagt genau DAS dem VfB vor. Verlinkt deren Facebook-Seite. Jeder der am Freitag und Samstag in den Fanshop geht und einen weißen Fan-Artikel kauft soll 10% bekommen. Ich denke sie werden reagieren.

        Der Grund warum der Verein sich von den Ultras immer mehr entfernt, liegt vielleicht auch daran, dass immer vorher massivst gegen alles geschossen wird. Zum Beispiel die Ausgliederung. Hier war der CC97 ganz vorne mit dabei und hat dagegen geschossen. Man muss es nicht gut finden, man soll auch kritisch hinterfragen, man soll sich äußern wenn man etwas nicht gut findet. Aber man sollte auch Neuerungen eine Chance geben. Ob die Ausgliederung gut oder schlecht war, mag ich bisher nicht beurteilen. Gefühlt war es die richtige Entscheidung.

        Wenn die Ultras unzufrieden sind, dann sollten sie dies immer wieder Konstruktiv auflisten in einem Schreiben an Wolfgang Dietrich. Und bitte immer direkt mit Lösungsvorschlag wenn möglich. Aber dabei auch ein bisschen das aktuelle Geschehen im Fussball berücksichtigen. Weil ohne Moos nix los! Und wäre doch mal schön wenn wir nicht drauf angewiesen sind, jedes Jahr unsere Leistungsträger zu verkaufen weil wir die Kohle brauchen um den Rumpfkader zu finanzieren.

        • @abiszet sagt

          Lieber Bruddler, danke für Deine Vorschläge. Wir wissen nicht, wie die Kommunikation zwischen VfB und Ultras bilateral läuft. Dass sie allerdings Lösungsvorschläge bringen sollten, halte ich für deutlich übertrieben. Es sollte Kritik möglich sein, wie Du schon schreibst. Gerade aber rund um die Ausgliederung hat man gesehen, dass vom Noch-Verein nur holzschnittartig argumentiert wurde, Kritiker wurden schnell mal als Ewiggestrige dargestellt. Was aus der Ausgliederung wird, kann noch niemand beurteilen, warten wir es ab.

          Die Mitgliedschaft im Verein war die letzten 124 Jahre ;-) mehr eine Herzensangelegenheit, ein Ausdruck der Verbundenheit. Jetzt wird es immer mehr wie ein Zeitschriften-Abo. „Sichere Dir Deine dunkelrote Prämie“. Völlig richtig „Ohne Moss nix los“, aber wie @buzze schon geschrieben hat, die gesunde Balance scheint zu fehlen.

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