Spielbericht, VfB
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Zornis Mofa-Gang in München

Als ich in den 90ern für den Dorfclub meines Heimatkaffs kickte, gab es in einer Saison nicht genug Spieler für eine B-Jugend. Die pragmatische Lösung: Wir wurden durch die Spieler verstärkt, die in der A-Jugend nicht zum Zug kamen und starteten als „A2“ in die Saison. Positiv war die Tatsache, dass wir am Wochenende spielen konnten. Der Nachteil: Während wir mit Fahrrädern und Mofas anreisten, kamen unsere Gegner mit dem eigenen Auto zum Spiel.

Es war eine legendäre Saison. Wenn ich mich recht erinnere, gewannen wir ein einziges Spiel gegen ein Team, das ebenfalls mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hatte. In der Regel versuchten wir allerdings weniger als zehn Gegentore zu kassieren und wenn wir eines schossen, war das eine Sensation. Auch taktisch waren wir ganz weit vorn: Wir spielten mit Vorstopper, Libero – und noch einem Libero, bolzten die Bälle so weit wie möglich hinten raus und schossen aufs gegnerische Tor, sobald wir es sahen. Und das wichtigste: Wir hatten jeden Menge Spaß.

Ganz ähnlich wirkte das Spiel des FC Bayern gegen den VfB Stuttgart. Während Gentner, Werner und Schwaab brav ihre Puch-Mopeds vor der Allianz-Arena anketteten, fuhren Lewandowski, Vidal und Costa mit ihren aufgemotzten Golf I GTIs vor – und Müller mit seinem Traktor. Stets hatte man das Gefühl, dass dort 19- gegen 15-jährige spielten. Den Stuttgartern fehlte der Spaß am verteidigen, und die Bereitschaft, die Rolle des hoffnungslosen Underdogs bedingungslos anzunehmen und mit Einsatzwillen das Beste daraus zu machen. „Männerfußball“ würde Thomas Tuchel sagen.

Alexander „Zorni“ Zorniger hatte im Vorfeld gesagt, der „VfB könne schon auch ein paar Sachen, die München weh tun“. Ich war davon ausgegangen, dass er damit harte Fouls meinte, aber nicht mal dazu kam es. Keine gelbe Karte, keine taktischen Fouls, keine Spur vom Klassenkampf. Nachdem schnell klar war, dass Zornigers Hochrisiko-Plan nicht aufgehen wird, wirkte es oft, als ob die Stuttgarter Spieler hofften, dass die Partie möglichst bald vorbei sein möge. Und damit waren sie nicht die einzigen.

Die Saison hat gezeigt, dass selbst Teams wie der FC Arsenal gegen die Bayern nur dann bestehen können, wenn sie einen perfekten Tag erwischen. Doch davon war der VfB weit entfernt. Das lag nicht nur an der Einstellung. Das lag auch daran, dass die Defensive des VfB vor dem ersten Treffer nach einer eigenen Ecke erneut offen stand wie ein Adventskalender an Heiligabend. Das lag an den ausgelassenen Großchancen von Kostic und Heise. Und natürlich lag es auch an einem herausragend schlechten Schiedsrichtergespann, das zwei Bayerntore trotz Abseitsstellung anerkannte, Werners schön herausgespieltes und reguläres 4:1 jedoch nicht. Berücksichtigt man diese Fehlentscheidungen geht das Spiel als nur 2:1 aus. Und wenn dann noch Kostic oder Heise … aber hätte, hätte, Fahrradkette. Alleine Robben und Lewandowski hätten weitere vier Tore für die Bayern erzielen müssen und seien wir ehrlich: Hätte Werners Tor gezählt, hätten die Bayern wahrscheinlich nochmals Gas gegeben. Das Spiel wäre vermutlich nicht 4:1 ausgegangen, sondern eher 7:1. Der VfB war gegen die Bayern genauso chancenlos wie damals unsere A2-Jugend gegen die 19-jährigen mit Oberlippenbart.


Was bleibt, ist das Gefühl, dass der VfB glimpflich davon gekommen ist. Nur ein harmloser Ausflug der Cannstatter Mofagang nach Fröttmaning. Keiner ist verloren gegangen, keiner hat sich weh getan, keiner hat sich eine Gelbsperre abgeholt und Pommes Tyton hat ordentlich an seinem Standing gearbeitet. Der Name Ulreich fiel jedenfalls kein einziges Mal.

In München kann man in dieser Saison mit vier Toren Unterschied verlieren. Da befindet sich der VfB in bester Gesellschaft mit Wolfsburg, Dortmund und dem FC Arsenal. Was jedoch fehlte, war der berühmte Plan B, um die Bayern auf das Stuttgarter Niveau herunterzuziehen. Es fehlte an Aggressivität oder wie es so schön im Kommentatorensprech heißt: „Galligkeit“. Selbst der Aggressive Leader Serey Dié konnte (oder sollte?) seine bekannten Qualitäten nicht einbringen.

Volle Konzentration also auf die nächste Partie gegen den FC Augsburg. Denn die Weinzierl-Bande ist nicht mehr mit den frisierten Mofas aus der letzten Saison unterwegs und deshalb durchaus schlagbar. Drei Punkte wären imminent wichtig.  Dann vielleicht auch wieder mit zornigem Vollgasfußball.

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