Mini-Feature, Querpass
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Der VfB gewinnt in München, weil …

Die letzten 12 Bundesligaspiele hat der VfB gegen Bayern München verloren, es ist nur noch die Frage, wie hoch der VfB am Samstag verlieren wird. Der Einzige, der sich gegen eine Niederlage stemmen will, ist Alexander Zorniger, der nach zwei Heimsiegen in Folge Oberwasser hat und den Mund voll nimmt: „Wir können auch Sachen, die den Bayern weh tun“. Das wäre erstaunlich, war doch in den letzten Spielen gegen München stets die Angst der beste Freund der Stuttgarter. Ich habe mir auch meine Gedanken gemacht, wie das Spiel so laufen wird und das geht so:

Pep Guardiola ist in seiner Aufstellung immer für eine Überraschung gut und gönnt Sven Ulreich sein erstes Bundesliga-Spiel im Bayern-Trikot: „Er hat super-super trainiert, ich liebe seine Abschläge!“ Die VfB-Fans haben eine Choreo vorbereitet und begrüßen ihn mit blau-weissen Schildern mit der Aufschrift „Rente mit 27“ und werfen Falschgeld aufs Feld.

Nach nur einem Tor in den letzten drei Bundesligaspielen wird Robert Lewandowski auf die Tribüne verbannt: Mit „Tore oder nix!“ begründet Guardiola die Nichtberücksichtigung. Thomas Müller hat im Angriff so viel Raum, dass er mit dem Deuten nicht mehr klar kommt. Er verläuft sich regelmäßig in den Löchern der VfB-Abwehr und muss mit Schwindelanfällen ausgewechselt werden. Auch über die Flügel geht bei Bayern wenig. Douglas Costa und Kingsley Coman haben eine Wette laufen, dass sie auch noch mit Schuhspannern in ihren Kickstiefeln Florian Klein und Emiliano Insua schwindlig spielen können. Das geht allerdings gehörig schief, die beiden Stuttgarter Außenverteidiger lassen kein einziges Solo zu. Serey Dié kettet in einem unbeobachteten Moment Thiago mit Handschellen an sich und nimmt ihn so aus dem Spiel, während sich Xabi Alonso und Christian Gentner mit Kurz- und Rückpässen duellieren. Der Spanier gewinnt knapp mit 97:91.

Die wochenlange Pause hat Filip Kostic gut getan, der George Best des Balkans ist hochmotiviert und will sich für andere Vereine empfehlen. Er spielt Rafinha eine Zerrung in die Beine, so daß Philipp Lahm wieder auf seiner ungeliebten Position des Rechtsverteidigers spielen muss. Lahm wirkt unkonzentriert, manche sagen, er bekommt immer romantische Gefühle, wenn er den Brustring sieht, war doch der VfB das Sprungbrett seiner Karriere. Flanke um Flanke segelt in den Münchener Strafraum, wo Cacau – überraschend für den verletzten Martin Harnik in die Mannschaft gerutscht – erst aus drei, dann aus zwei und schließlich aus einem Meter an Ulreich scheitert. Cacau, der perfekte Stellvertreter von Harnik. Die Bayern-Fans feiern ihren Keeper mit „Ulle für Deutschland“-Rufen.

Timo Werner, der so schnell ist wie Usain Bolt und so ballsicher wie der junge Jürgen Klinsmann, zieht die Schultern hoch und rennt ein ums andere Mal den Weltmeister Javi Martinez nieder. Pep Guardiola benötigt in der Halbzeitanalyse Zeitlupen, um seinen Innenverteidiger auf die Solo-Läufe des Stuttgarters einzustellen. Zorni erzählt seinem Youngster, er solle beim Sprinten den Kopf heben, damit er weiss, wo das Tor steht.

Ein Rückfall in FC Hollywood-Zeiten
Arturo Vidal und Jerome Boateng streiten sich, wer das schönste Tattoo hat, die Diven dissen sich auf dem Feld. Der Spielaufbau der Bayern ist behäbig und berechenbar, der Ball läuft aus reinem Selbstzweck durch die Münchener Reihen, 89 Prozent Ballbesitz für nichts. David Alaba ist der Einzige in Normalform, er schießt Freistoß um Freistoß, die Pommes Tyton aus allen Winkeln fischt. Jede noch so verzweifelte Halbfeld-Flanke landet zudem in Tytons Armen, Matthias Sammer überlegt, den Polen für die nächste Saison zu verpflichten. sky-Kommentator Marcel Reif spricht – wie immer fachkundig und herablassend – vom „Duell der unterschätzten Torhüter“.

Daniel Didavi verwandelt für den VfB schließlich den ersten direkten Freistoß in der Bundesliga seit fünf Jahren (Countdown: hier). Es sieht nach einem Sieg des VfB aus, bis in der Nachspielzeit Sven Ulreich mit nach vorne geht. Eine Ecke von Alonso wird ausnahmsweise nicht kurz gespielt und landet hoch im Fünfmeterraum. Tyton und Ulreich gehen gemeinsam zum Ball, Pommes faustet den Ball an den Kopf von Ulle. Der anschließenden Bogenlampe schauen alle bewegungslos hinterher, zu allererst Daniel Schwaab, die Zeit scheint still zu stehen. Da rauscht Timo Baumgartl heran und löffelt das Ding mit einem Fallrückzieher von der Linie wie (hier) Günther Schäfer 1992 in Leverkusen. Baumgartl Fußballgott.

Es muss also wirklich alles zusammen kommen, damit der VfB gegen München punktet. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall, 2007 zum Beispiel, als Cacau Oli Kahn zwei Dinger einschenkte und das Tor zur Meisterschaft ganz weit aufmachte. Oder an meinem Geburtstag 2010, ein blitzsauberer Auswärtssieg nach Toren von Christian Träsch und Ciprian Marica. Mein traurigstes Spiel war zugleich mein erstes Bayern-Spiel, das ich im Neckarstadion sah: 1977 weinte ich, nachdem Gerd Müller in der 89. Minute das 3:3 erzielte. Zum Heulen auch die beiden hohen Heim-Niederlagen zu Bruno Labbadias Amtsantritt 2010: 3:5 und 3:6, in denen allein Mario Gomez vier Mal traf und seine Treffer feierte.

Hohe Niederlagen sind demnach nichts Besonderes für den VfB. Sollte Zornis Team erwartungsgemäß verlieren am Samstag, dann können sich alle VfB-Fans trösten mit einem Zitat von Joachim Ringelnatz: „Ja, Stuttgart ist schön, gegen dies‘ Scheißmünchen ein Paris“.

Ein Drama zum Saison-Auftakt 1977/1978 aus fussballdaten.de

Ein Drama zum Saison-Auftakt 1977/1978 aus fussballdaten.de

Artikelbild:
Ververidis Vasilis / Shutterstock.com

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  1. Pingback: VfB-Lektüre am Mittwoch, 4. November 2015 | Rund um den Brustring

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