Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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Zu viel kann, zu wenig muss

Es sind kleine Szenen, die solche enge Spiele entscheiden: Daniel Didavi steht beim vermeintlichen 2:0 einen Fuß breit im Abseits, Fabian Bredlow rutscht vor dem 1:2 unglücklich aus, beim nicht ganz so eindeutigen Handspiel von Stefan Lainer in der Nachspielzeit können sich weder Schiri noch VAR zu einer Elfmeterentscheidung oder zumindest einem Review der Szene durchringen. Um gegen Borussia Mönchengladbach zu bestehen, muss aber alles passen. Da reicht ein weiteres unwiderstehliches Solo von Silas nicht.

Ja, Silas ist beim VfB der Mann der Woche. „Wir haben über Restverteidigung gesprochen“, sagte Gladbach-Trainer Marco Rose nach dem Spiel. Aber diesen Rest ließ Silas kümmerlich aussehen, wie Zuschauer wirkten sie bei seinem Tor in der 3. Minute. Wahrscheinlich wollen sie das Tor aus nächster Nähe genießen. Nicht mal der mitgelaufene Nico Gonzalez konnte da sauer sein, weil Super-Silas nicht abspielte. Aber eine herausragende Silas-Szene ist leider zu wenig gegen einen Champions League Kandidaten. Gegen die in 2021 noch ungeschlagenen Gladbacher müssen die Chancen von eben Didavi (1. Halbzeit) und Sasa Kalajdzic (2. Halbzeit) genutzt werden.

Trotzdem bot der VfB den Gladbachern in der zweiten Halbzeit einen großen Fight, gab sich nie auf, war sogar überlegen und ließ den Gegner leiden. Was fehlte, war die Durchschlagskraft und das nötige Glück. Was nicht fehlte, war der Wille, die Partie noch zu drehen. Gladbach überließ dem VfB den Ball, zog sich weit zurück und verteidigte routiniert. Keeper Tobias Sippel musste keinen einzigen gefährlichen Ball halten. Aber am Ende verlor der VfB das Achtelfinale, weil er zu viel kann und zu wenig muss im Spiel hat.

Kann man Fabian Bredlow einen Vorwurf machen?
Natürlich. Muss man aber nicht. Auch Gregor Kobel kann in dieser Situation ausrutschen. Wobei der Hüpfer schon ein bisschen hilflos war. Tragisch natürlich, dass Bredlow als „Copa-Keeper“ in der zweiten Saison in Folge seine Anteile am Ausscheiden hat, nachdem er sich letzte Saison gegen Leverkusen den Ball ins eigene Tor boxte.

Kann Sasa Kalajdzic zwei Mal einköpfen?
Ja, muss er aber nicht, hundertprozentige Torchancen sind das nicht.

Kann man den Elfmeter geben?
Logisch, aus VfB-Sicht unbedingt. Aber sind wir ehrlich: muss man nicht. Nachdem Sky nach dem Bundesligaspiel gegen M’gladbach kurz davor war, eine Sondersendung wegen des zweifelhaften Last minute Elfers für den VfB zu senden, ist es allerdings erstaunlich, dass diesmal in der ARD gar nicht über die Szene diskutiert wurde. Das sagt auch ein bisschen was aus über das Standing des VfB.

Kann der VfB einen so hochkarätigen Gegner schlagen?
Ja, und das ist die eigentliche Überraschung, dass der VfB auch in diesem Spiel mit Gladbach auf Augenhöhe ist. Aber man muss und darf nicht erwarten, dass der VfB gegen eine gewachsene Mannschaft gewinnt.

Ein Weiterkommen wäre schön gewesen, auch über die zwei Millionen fürs Viertelfinale hätte sich beim VfB keiner beschwert. Aber das Spiel ist ausnahmsweise symptomatisch für die Situation beim VfB außerhalb des Platzes:

Kann man den Skandal um die unrechtmäßige Weitergabe von Mitgliederdaten so behandeln wie der VfB?
Ja, das sehen wir ja. Ist dann halt Scheisse. Um 23:40 wurde eine achtzeilige „Stellungnahme des Vorstands der VfB Stuttgart 1893 AG“ verschickt: „Eine lückenlose Aufklärung ist sowohl im Interesse der VfB Mitglieder und Fans als auch im Eigeninteresse des VfB.“ Aber leider haben die Verantwortlichen (vor allem) in den letzten Wochen so viel Kredibilität verspielt, dass das kaum noch jemand glaubt. Der VfB hat – abseits des Platzes – ein massives Glaubwürdigkeitsproblem.

Zum Weiterlesen:
Unterm Strich ein ärgerliches Ausscheiden, weil man Mönchengladbach in beiden Spielen in dieser Saison fast ebenbürtig war (Rund um den Brustring)

Bild: Imago

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12 Kommentare

  1. @das_mietmaul sagt

    Insgesamt finde ich diese Einschätzung sehr treffend.

    Nur wenige Sätze dazu: In der ARD wurde die Szene zu dem Handspiel in der Nachspielzeit durchaus diskutiert. Allerdings erst einige Minuten später und in einer Art und Weise, bei der man sich fragt, wozu man Bastian Schweinsteiger ernsthaft auch nur einen Euro bezahlt.

    In der ganzen Diskussion kommt mir ein wenig zu kurz, dass die Leistung in der zweiten Halbzeit nicht mehr reichte, um das Spiel noch einmal zu drehen. Chancen von Sasa Kalajdzic und Nico Gonzalez hin oder her.

    Dass man das Spiel überhaupt drehen musste, hängt ganz maßgeblich damit zusammen, dass Dida bei seinem Abseitstor pennte. Wenn er bei der Sache ist, steht es kurz vor der Pause 2:0. Wie Gladbach dann reagiert hätte, wäre spannend gewesen. Tja. Ihr habt die Situation zumindest kurz erwähnt. Aber von einem Spieler mit dem Spielverständnis und der Erfahrung eines Daniel Didavi muss man schlicht und ergreifend erwarten, dass er da nicht im Abseits steht. Er hat die komplette Spielsituation und alle Gladbacher Verteidiger vor sich. Bei dem Pass von Sosa trotzdem im Abseits zu stehen, ist für mich ein größerer Fehler als die vergebenen Chancen von Kalajdzic oder die Slapstick-Einlage von Bredlow.

  2. Bernd sagt

    Bei Bredlow ist es ja nicht nur das Ausrutschen sondern auch so Sachen wie der Schuss von Wendt, der ihm durch die Finger rutscht. Gegen Freiburg hatte er auch schon zwei solche Patzer, damals glücklicherweise folgenlos. In der Summe ist das dann schon zuviel, als dass man ihn als halbwegs gleichwertigen Ersatz für Kobel sehen könnte. Liegt aber auch daran, dass Kobel sich in letzter Zeit deutlich verbessert hat, weswegen ich doch sehr dafür plädieren würde, ab nächster Saison die Rotation wieder einzustellen. Als Backup für einen Bundesligisten ohne internationale Ambitionen ist Bredlow aber sicher okay.

  3. Clemens sagt

    Die Einschätzung von „mietmaul“ kann ich in Gänze teilen. Didavi ist für mich – obwohl viele Jahre mein Lieblingskicker beim VfB – in Anbetracht seines Potentials die größte Enttäuschung dieser Saison beim VfB. Zu wenig Inspiration, zu wenig Punch. Seine Standards sind einfach nur noch ärgerlich und in Abwesenheit von Castro konnte er auch gestern mal wieder keinerlei Struktur ins Spiel des VfB bringen. Sein Anlaufen ist im Vergleich zu dem eines Silas oder Gonzalez viel zu zögerlich und zaghaft, seine Passqualität weit ab von fehlerfrei. Sein Stellungsspiel beim Abseitstreffer ist daher auch nur symptomatisch für seinen gesamten Auftritt. In Anbetracht dieser Entwicklung sollte der VfB seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern.

    Und auch Bernd’s Meinung zu Bredlow teile ich. Sämtliche seiner wenigen Auftritte im VfB Trikot besaßen einen fahlen Nachgeschmack. Und es waren wie bereits angemerkt nicht allein die eklatanten Böcke, sondern auch die Basics in der Spieleröffnung, beim Stellungsspiel und der Fangsicherheit. Schade, dass Matarazzo die Chance weggeworfen hat, im DFB-Pokal mit der besten Mannschaft anzutreten und so möglicherweise eine Runde weiterzukommen. Gerade in Zeiten von Corona hätten dem VfB rund 2 Mio. Euro für das Erreichen des Viertelfinales gut getan. Dieses unselige Keeper-Wechselspiel in Pokal Wettbewerben mag vielleicht bei zwei Ausnahme-Keepern wie seinerzeit Ter Stegen und Bravo beim FC Barcelona Sinn ergeben, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass z.B. der FC Bayern bei seinem Ausscheiden in Kiel mit Nübel im Tor angetreten ist.

    Nun ja, Bredlow ist somit auch stellvertretend für die Unterschiede in der Kaderqualität zwischen einem ambitionierten CL-Teilnehmer und einem Aufsteiger. Der VfB wechselt Förster ein, Gladbach Zakaria. Wir bringen Massimo, Gladbach kann einen Embolo reinwerfen. Sippel als 2. Keeper bei den Gladbachern hat zudem unauffällig agiert, was man eben von Bredlow nicht behaupten kann. Unsere erste Elf kann an guten Tagen jede Mannschaft in der 1. Liga ins Wanken bringen und ggf. auch schlagen. Dafür muss dann aber eben auch alles passen. Der 2. Anzug sitzt (erwartungsgemäß) noch nicht ganz so gut.

  4. drhuey sagt

    Nur mal angenommen, Bredlow hätte diesen peinlichen Alibi-Hüpfer nicht gemacht, um sich die Chance einer Intervention noch zu wahren, ich denke nicht, dass der VfB hätte gewinnen können, indem noch ein Tor gelungen wäre. Schüsse aus der zweiten Reihe sind extrem harmlos und ich bin schon der Meinung, das Sasa den zweiten Kopfball auf einer idealen Höhe erwischen und drücken kann – im Gegensatz zum ersten. Wie ihr sagt: es kommt auf die Kleinigkeiten an. Didavi hat keinen Bock highspeed hoch anzulaufen, Silas wurde, wenn auf rechts, oft allein gelassen und die Bemühungen verliefen sich im Sand. Gonzales faselt etwas von 50/50-Chance eines Verbleibs über die Saison hinaus und entwickelt sich in den letzten Spielen zur tragischen Person. Er arbeitet viel und manchmal ist so ein unfassbar schönes Tor dabei, aber wo ist sein entscheidender gestalterischer Beitrag im Spiel des VfB. Da muss mehr kommen. Ich verstehe bis heute nicht was irgendjemand in Massimo sieht. So, das war jetzt schön unstrukturiert, um zu erklären, warum es einfach für einen solchen Gegner nicht reicht. Der VfB hat eine Spielanlage, die bis 30 Meter vor dem Tor gut aussieht und auf der linken Seite auch bis zur Grundlinie, aber dann fehlt häufig ein bisschen die Präzision, der Mut und auch Geschwindigkeit. Insofern ist der VfB Stand heute in der Lage auch Mannschaften der ersten Tabellenhälfte in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen, aber es ist auch nicht unmöglich zu verteidigen.

    • Bernd sagt

      Auf der anderen Seite war Gladbach jetzt auch nicht wirklich zwingend, auch das 1:1 kam nur durch eine Einzelaktion zustande. Solche Spiele werden dann halt durch so ein Kacktor oder im Pokal eben durch Elfmeterschießen entschieden. Letztlich Glücksache, diesmal mit dem schlechteren Ende für uns. Was Gladbach aber wirklich gut gemacht hat, ist diesmal zu verhindern dass wir nach dem 1:2 nennenswerten Druck aufbauen konnten, da haben sie aus dem letzten Mal ihre Lektion gelernt.

  5. @abiszet sagt

    @Clemens
    Bayern ist nicht das beste Argument, die sind mit Neuer (also ihrem besten Keeper) ausgeschieden ;-) Aber ich weiss, was Du meinst und bin bei Dir.

    @Mietmaul und @drhuey
    Die Einschätzung von Didavi teile ich, ich hätte gerne Klimo gesehen.

  6. Haupttribünenfan sagt

    Offener Brief an Max Eberl, den Borussia Mönchengladbach innerhalb von 15 Minuten von der BMG Facebookseite gelöscht hat:

    Lieber Max Eberl,
    leider hast Du keinen Facebook Account, deshalb schreibe ich Dir auf das BMG Board und hoffe, Du kannst es lesen.
    Ich hatte beim Pokalspiel letzten Mittwoch das Vergnügen, Dein Interview im Fernsehen zu sehen, bei dem Du auch von Deiner einmonatigen Auszeit in den Bergen erzähltest, das Du mit witzigen Geschichten garniert hast, wie Du Dich aus Deinem Auto ausgeschlossen hast, was Dich „einen ganzen Urlaubstag gekostet hat“.

    Wie Du vielleicht mitbekommen hast leben wir in Zeiten einer Pandemie bei der die Regierung aus mangelndem Vertrauen in die Vernunft seiner Bürger Zwangsmaßnahmen verhängt und Grundrechte einschränkt.
    So lebe ich in Baden-Württemberg, dem Bundesland mit der derzeit niedrigsten Inzidenzrate und muss dennoch eine Ausgangssperre ab 20 Uhr befolgen.

    Die Bundesregierung bittet auch uns Bürger, alle Reisen die nicht absolut notwendig sind, zu unterlassen. Verboten sind auch alle Reisen mit touristischen Zweck.

    Und Du erzählst lächelnd im Fernsehen von Deinem Sabbatical in den Bergen.
    Dass Du Dich von Deinem anstrengenden Beruf erholen kannst, gönne ich Dir natürlich von ganzem Herzen.
    Aber das war eine touristische Reise !
    Hättest Du Dich nicht auch erholen können, wenn Du zuhause geblieben wärst, wie weitere 80 Millionen Bundesbürger ?

    Hast Du nicht das Gespür, wie das auf alle Menschen wirkt, die gerade um ihre Existenz bangen, weil sie nicht wissen wann sie Ihr Restaurant oder ihren Friseursalon wieder aufsperren dürfen ?

    Berechtigt einen die Tatsache, dass man im Fußball-Profibereich unterwegs ist dazu, dass einen alle Vorschriften, die „normale Personen“ einzuhalten haben, überhaupt nicht scheren ?

    So wie Dein Angestellter Breel Embolo, der laut Medienberichten illegale Parties in diesen Zeiten feiert ?

    Es ist mir natürlich vollkommen klar, dass Du diesen jungen Menschen schwer zurechtweisen kannst, wenn Du als sein Chef ebenfalls fröhlich in den Urlaub fährst.

    Vielleicht solltest Du darüber und die damit verbundene Außenwirkung etwas nachdenken.

    Denn, lieber Max Eberl: wegen des Verhaltens von Personen wie Dir oder Breel Embolo werden meine Grundrechte eingeschränkt.

    Ich wäre sehr gespannt, wie Du diese Sache siehst.

    Mit vielen Grüßen & bleib gesund !
    Ein Fußballfan

    • Clemens sagt

      Interessanter Einwurf und zudem auch gut geschrieben. Allerdings nicht besonders überraschend, dass dieser Eintrag (weil nämlich zutreffend) sofort wieder gelöscht wurde.

        • Gernot Döffinger sagt

          Auf der offiziellen Facebook-Seite von Borussia Mönchengladbach.
          Auf meine Frage warum haben sie ebenfalls nicht geantwortet.

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