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Adiós Santi!

“Du betratst den Raum
Wir wussten Bescheid
Ich und mein Stolz wussten, gleich
Ist es vorbei
Du hast die Sätze einstudiert
Das musst du doch verstehen
So eine Chance kommt nie wieder
Du gehst tränenreich in eine höhere Liga”

(Kettcar, 48 Stunden)

Dass aufstrebende junge Talente nach Berlin gehen, um dort den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu machen, ist nicht ungewöhnlich. Dass Spieler des VfB Stuttgart diesen Move machen, zeigt allerdings auch, wie sehr das sportliche Standing und die Reputation in den letzten Jahren mit zwei Abstiegen gelitten haben. Spieler mit höheren Ansprüchen können es sich kaum noch erlauben, über längere Zeit im Trikot mit dem Brustring aufzulaufen.

Nun ist es Santiago Ascacibar, der dem Lockruf aus der Hauptstadt folgt, und künftig unter Jürgen Klinsmann spielen wird und mit ihm von der Champions League powered by Windhorst-Millionen träumt. Mal sehen, ob das bei der Hertha besser endet als die Europa-Fantasien von Wolfgang Dietrich.

Dass “Santi” geht, schmerzt. Nicht, weil er spielerisch nicht zu ersetzen wäre, denn hier hat der neue Trainer Matarazzo mit Orel Mangala eine ungleich spielstärkere Alternative im Kader und mit Atakan Karazor einen Spieler, der sicher noch nicht gezeigt hat, was er wirklich kann. Doch der “Gift-Gaucho” brachte neben seiner unfassbaren Aggressivität gegen den Ball (und gelegentlich auch den Gegner) noch etwas in das Team ein, das so einfach nicht zu ersetzen sein dürfte: Mentalität und Identifikation.

Denn, ob man es glaubt oder nicht: Mit seinen 2,5 Jahren Dienstzeit in Cannstatt war El Rusito ein VfB-Urgestein: Als er am 10. September 2017 erstmals eingewechselt wurde, spielte er an der Seite von Christian Gentner und hinter einer Offensivreihe, die aus Donis, Brekalo und Terodde bestand. Nur Orel Mangala und Holger Badstuber sind nach wie vor in Stuttgart. So viel zum Thema Kontinuität.

Auf “Santi” konnte man sich hingegen verlassen: Darauf, dass er stets 90 Minuten alles reinwarf, was sein 1,67 Meter großer Körper hergab. Dass er vor und nach den Spielen schüchtern in die Kameras blickte, aber sich auf dem Platz in eine Fleisch gewordene Grätsche verwandelte. In seiner ersten Saison in Stuttgart absolvierte er 29 Saisonspiele. Anpassungsschwierigkeiten an den europäischen Fußball grätschte er einfach weg. Stattdessen begeisterte er die Stuttgarter Fans. Uns natürlich auch uns. Schon im November 2017 gab es folgende Lobeshymne über ihn zu lesen:

„Mit seinen 1,67 kann er seine O-Beine erstaunlich lang machen und manchmal denkt man, er habe drei oder vier davon. Immer ist eines davon dem Gegenspieler im Weg. An seinen Füßen scheint er Saugnäpfe zu haben, magisch, wie er in engen Zweikämpfen an den Ball kommt und dem Gegner vom Fuß fischt. In seinem Gesicht kann man dabei nichts lesen, er wirkt teilnahmslos, seine Emotionen vermittelt er nicht mit seiner Mimik, sondern mit seinem Spiel. Für einen defensiven Mittelfeldspieler ist er geradezu mitreißend. Vor vielen Jahren sprangen die Zuschauer bei Solo-Läufen von Alex Hleb von ihren Sitzen auf, heute tun sie es bei Abwehraktionen von Santi Ascacibar.“


Obwohl von Michael Reschke verpflichtet, erschien Santiago Ascacibar mehr wie ein letzter Transfer von Jan Schindelmeiser. Ein Neuzugang, den niemand kannte, aber der alles versprach: Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft war er, zum A-Nationalspieler wurde er. Warum hätte er in Stuttgart nicht der nächste Dunga oder Soldo werden sollen? Stattdessen wechselt er jetzt für überschaubare 10-12 Millionen nach Berlin. Mir wird er fehlen. Und das nicht nur, weil ich mir erst vor wenigen Wochen sein Trikot gekauft habe.

Mach’s gut Santi!

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

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10 Kommentare

  1. Christian sagt

    Kann es in keinster Weise verstehen, wie hier so eine Legende gestrickt wird, und wie viele Fans diese Lesart teilen. Schaut man sich eigentlich kein Spiel an und bekommt man gar nichts mit?

    Ich könnte jetzt darüber reden, wie er keinen Pass zum Mitspieler bringt (außer er wollte den Ball stoppen und daraus wird ein Doppelpass). Oder wie viele Tore wir allein in dieser Hinrunde kassiert haben, weil er eben nicht aggressiv war sondern den Zweikampf verweigerte. Viel schlimmer ist aber genau das Thema Mentalität/Identifikation:

    – Der Knirps hat sich nach Becks Verletzung im tiefsten Abstiegskampf geweigert, als Rechtsverteidiger aufzulaufen. Als es ums sportliche Überleben ging!!

    – Anstatt dem Gegner den Ball abzunehmen hat er ihn lieber angespuckt, ein extremes im-Stich-lassen der Mitspieler

    – unter dem neuen Trainer fordert er, auf die 6 zu gehen und reagiert sofort unkollegial und beleidigt, als er auf die Bank gesetzt wird.

    Bei jedem ordentlich geführten Verein wäre eine dieser drei Aktionen genug gewesen, ihn rauszuwerfen. Beim VfB wird ihm so ein Loblied zum Abschied geschrieben, während Spieler, die sich charakterlich einwandfrei präsentieren (Karazor, Förster, Klement) teilweise hart kritisiert werden.

    Genau das läuft schief bei uns. Für mich ist sein Abgang für die Teamhygiene wichtiger als jeder denkbare Neuzugang.

    • Frank Teufel sagt

      „Oder wie viele Tore wir allein in dieser Hinrunde kassiert haben, weil er eben nicht aggressiv war sondern den Zweikampf verweigerte.“
      Das hätte ich schon gerne näher belegt. Auch im Vergleich zu den anderen genannten Spielern. Für mich liefern alle eine eher durchschnittliche Saison ab, Aussetzer hatten alle.

      „Der Knirps hat sich nach Becks Verletzung im tiefsten Abstiegskampf geweigert, als Rechtsverteidiger aufzulaufen. Als es ums sportliche Überleben ging!!“
      Schenkt man dem Rasenfunk Interview mit Holger Badstuber Glauben, war er nicht der einzige, der sich gegen Weinzierl stellte. Die Mannschaft war nicht intakt, deswegen kam es zu diesen Auswüchsen.
      „unter dem neuen Trainer fordert er, auf die 6 zu gehen und reagiert sofort unkollegial und beleidigt, als er auf die Bank gesetzt wird.“
      Aus meiner Sicht insofern falsch, da er die Suspendierung annahm und danach sich wieder in den Kader arbeitete.

      Insgesamt gehen mir diese „da müssen Köpfe rollen“-Forderungen ziemlich auf den Geist. In jedem Team, in jeder Abteilung kommt es zu Spannungen & Differenzen. Wenn ich jedem in meinem Bereich sofort kündigen würde, der sich eine Verfehlung leistet, wäre keiner mehr hier, mich eingeschlossen.
      Die Fehlerkultur, die Hitz, Mislintat und Walter an den Tag legten, war perfekt. Den Gegenüber anhören, die Erwartungshaltung klar definieren und Entscheidungen treffen, die respektvoll und angemessen den Gegenüber behandeln.
      Nur so entsteht ein Team, nicht Machtdemonstrationen und Drohgebärden. Mal abgesehen davon, dass ein Rauswurf, wenn er arbeitsrechtlich überhaupt stand hält, keine Transfereinnahmen bedeutet und den Spieler dadurch sehr attraktiv am Transfermarkt machen würde.

      Und nein, ich bin nicht traurig, dass er nicht mehr da ist.

  2. Bernd sagt

    Was mir an der Geschichte etwas sauer aufstößt, ist dass Hitzlintat sich im Zusammenhang mit dem Kabak-Transfer noch darüber echauffiert hatten, dass man für die Zukunft keine Klauseln bei Abstieg mehr einbauen würde. Wenn ein Spieler aber für eine per Gentlemen’s Agreement vereinbarte Summe wechseln darf, wo ist dann der Unterschied (außer das man beim Holen der Spieler eine schlechtere Verhandlungsposition hat)?

    Es mag ja sein, dass man lieber auf Spieler setzt, die sich zu 100% mit dem Weg beim VfB identifizieren und deswegen ein unmotivierter Santi auch nix gebracht hätte. Wenn dann aber demnächst ein Churlinov aus Köln hier aufschlagen soll (der in Köln eine ähnliche Nummer abgezogen hat wie Santi bei uns im Sommer), dann klingt das schon ein wenig paradox.

  3. Siggi sagt

    Adios Amigo,
    die argentinische Nähmaschine mir den großen Fußballherz wird mir auch sehr fehlen.

  4. Fahne sagt

    Lieber @buzze,

    du sprichst bzw. schreibst mir aus dem Herzen. Es gibt kaum einen Spieler, dessen Abgang mich noch mehr schmerzen würde. Gerne hätte ich noch gesehen, wie er unter dem neuen Trainer funktioniert hätte. Was soll ich sagen, ein guter Start ins neue Fussball-Jahr ist das für mich nicht. Ich werde Santi, seine Grätschen und Mentalität, sehr vermissen.

    Grüße Fahne

  5. Clemens Stork sagt

    Man kann durchaus wie Christian der Meinung sein, dass Ascacibar womöglich doch nicht der große Team-Player war, als der er von einigen verherrlicht wird. Und seine Spuck-Attacke war sicherlich unsympathisch, aber vermutlich auch eine menschliche Reaktion auf die Stress-Situation Abstiegskampf. Und keiner weiß zudem, wie Havertz ihn zuvor vielleicht auch körperlich oder verbal provoziert hat. Und für alle Gutmenschen: Das soll keine Entschuldigung sein, sondern lediglich eine Erklärung.

    Aber eines war Santi Ascacibar ganz sicher auch: Ein Spieler, der weder sich noch den Gegner geschont hat. In Erinnerung bleiben mir seine Grätschen bis an den Rand des Erlaubten, seine Aggressivität, die unserem Kader häufig genug gefehlt hat und sein am Ende sympathisch bescheidendes Auftreten. Es wird auch für mich ein komisches Gefühl sein, ihn zukünftig im Hertha-Trikot zu sehen – die verspätete Rache des Jürgen K. für dessen Ausbootung beim VfB.

    • Bernd sagt

      Wenn ich sehe, welche Namen bei der Hertha aktuell so im Raum stehen, dann bin ich ehrlich gesagt heilfroh, dass Herr K. nicht bei uns aufgeschlagen ist. Dagegen war Wolle D. ja ein Nachhaltigkeitsfanatiker.

  6. Bacardihardy sagt

    Ascasibar ist völlig überbewertet. Ein Verkauf zu Hertha für 10 Mio ist doch wie ein 6er im Lotto. Dafür hat er einfach zu wenig dauerhaft gut gespielt. Ich finde der Vfb hat ein Riesengeschäft gemacht. Sein bestes Spiel war das Relegationsspiel bei Eisern Union. Damals dachte ich er ist unersetzlich. In welchem 2.Ligaspiel war er herausragend ? Denke wir werden ihn nicht vermissen.

  7. drhuey sagt

    Ich habe auf der Position noch niemanden im VfB-Trikot gesehen, der so gewitzt oder, wenn es sein musste mit einer meist gut getimten Grätsche, an den Ball kommt. International ist die Benchmark wohl Kante, der dann aber auch noch ein nahezu unfassbares Repertoire hat. Auch ich mag Spieler, die jede Minute durch bedingungslosen Einsatz glänzen, sehe den Verlust aber doch als überschaubar an. Wir wissen, dass Walter kein Fussball-Intellektueller ist, aber immerhin ist er mit einem Selbstverständnis ausgestattet, dass er Spieler besser machen kann. Und Santi war einer derjenigen, denen die zweifelhafte Ehre zukam, von dem bis dato vor allem im Jugendbereich tätigen, unbeschriebenen Blatt Walter, weiterentwickelt zu werden. Das Ergebnis war eine fehlende Absicherung nach hinten und ein Spieler, der diese Entwicklung nicht wollte. Ihm geht die Eleganz und die moderne Auslegung der Rolle eines Khedira ab, weshalb man ihm auch kein VfB-Kränzchen binden muss. Es war gut, dass er da war und nun ist er weg.

  8. Mozy sagt

    Mochte den Kerl – hatte Eier und Havertz ins Gesicht zu spucken war sicherlich notwendig, hält er sich doch für den besten Fussballer aller Zeiten.

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