Autor: @abiszet

Das zwayte Tor fällt doch noch

Das Spitzenspiel Leverkusen gegen den VfB hat alle Erwartungen erfüllt: Der VfB bringt den Meister erneut an den Rand der ersten Niederlage, Leverkusen schießt in der Nachnachnachspielzeit den Ausgleich und Schiedsrichter Felix Zwayer greift entscheidend in das Spiel ein. Ich hätte auch Jude Bellingham fragen können: “Man gibt einem Schiedsrichter, der schon mal Spiele verschoben hat, das größte Spiel in Deutschland. Was erwartest du?“ Damit nimmt Zwayer innerhalb von einer Woche zum zwayten Mal spielentscheidenden Einfluss auf ein VfB-Spiel. Es könnten drei Punkte mehr sein aus den Spielen gegen Bremen und Leverkusen. Dabei geht es nicht darum, dass Zwayer eine Mannschaft bevorteilen wollte, er kann es einfach nicht besser. Sein Drang, stets selbst im Mittelpunkt des Spiels zu stehen, ist zudem kaum zu ertragen. Es beklagt sich immer die Mannschaft bzw. der Club, der gerne mehr Punkte hätte und sie durch vermeintliche Fehlentscheidungen des Schiris verpasst. Dem entgegnen viele, dass sie doch das Spiel selbst hätten entscheiden können. Im Spitzenspiel am Samstag Abend verweisen sie auf vier Riesenchancen von Serhou Guirassy, von denen er normalerweise …

Wir sind nicht die Geilsten

Ich hatte mir immer eine gewisse Skepsis gegenüber der Wahnsinnsaison des VfB erhalten. Spätestens nach dem Hoffenheim-Spiel warf ich sie über Bord. Jetzt ist der VfB so aufgetreten gegen Werder Bremen, wie ich es mir in meiner skeptischen Phase immer vorgestellt hatte: Meist ordentlich, aber oft auch schlampig. Nicht schlecht, aber nicht wirklich gut. Mit jeder Menge Pech, aber auch mit viel Unvermögen. Typisch VfB eben, so wie ich ihn in den letzten Jahren erlebte. Typisch auch das Ergebnis: nichts Zählbares und ein ambivalentes Gefühl, woran es liegt. Scheinbar ist die Mannschaft in Bremen mal wieder an dem Punkt angekommen, an dem sie dachte: „Wir sind die Geilsten“. Gut zu sehen an Enzo Millot, der sich darin gefiel, den Ball sauber am Fuß zu führen, tendenziell zu lang, mit zu vielen Kontakten und der es offensichtlich als unwürdig empfang, auf Widerstand zu treffen und der es für eine Unverschämtheit hielt, dass ihm der Hinterkopf getätschelt wurde. Obwohl, wenn das Leo Bittoncourt bei mir gemacht hätte, wäre ich auch sauer gewesen. Insgesamt der VfB in der …

Der VfB voll im Tunnel

Lange Zeit verfuhr der VfB nach dem Motto “Schlechte Zeiten sind wie ein Tunnel. Ganz gleich, wie lang und dunkel dieser Tunnel ist, am Ende ist immer das Licht.“ Jetzt, wo es sportlich so gut läuft wie seit über zehn Jahren nicht mehr, hat der VfB seinen Tunnelclub beim ungefährdeten 3:0 im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt eröffnet. Es soll Menschen geben, denen wird es in Tunneln mulmig, einige quält sogar eine Angststörung. Das wird ihnen im Tunnelclub nur passieren, wenn sie an die Vereinspolitik denken. Denn der neue VIP-Bereich ist das Prestigeobjekt des für rund 150 Millionen Euro umgebauten Neckarstadions. Die Käufer der über 1.000 Euro teuren Tickets haben nämlich alles im Blick: die Ankunft der Mannschaften, deren Gang aufs und vom Spielfeld, die Interviews nach Spielende, Diskussionen mit dem Schiedsrichter, Späße und Streits untereinander, das Ganze hinter einer riesigen Glaswand. Die VIPs selbst bleiben anonym, denn die Spieler haben durch eine einseitige Verglasung keinen Einblick in den exklusiven Bereich. Der erste Tunnelclub in Deutschland musste natürlich in Stuttgart entstehen. Schließlich gibt es in Baden-Württemberg …

Hoeneß wie einst Guardiola

Zehn Spiele ungeschlagen, fünf Auswärtssiege in Serie, der dritte Sieg gegen Borussia Dortmund in dieser Saison – und das in dem Stadion, das seinen 50. Geburtstag feierte mit einer durchaus beeindruckenden Choreo. Beeindruckend war Auftritt des VfB im Westfalenstadion. Im Vorfeld wurde viel darüber nachgedacht und spekuliert, wie Trainer Sebastian Hoeneß den Ausfall von Kapitän Waldemar Anton auffangen würde. Ata Karazor in die Innenverteidigung ziehen? Leonidas Stergiou reinwerfen? Gar mit Nachwuchsmann Enrie Chase überraschen? Es war dann ein Move wie einst von Pep Guardiola, der in einer angespannten Personalsituation bei Bayern München plötzlich Joshua Kimmich in die Innenverteidigung stellte: Beim VfB lief Angelo Stiller als Innenverteidiger auf, und das in einer anspruchsvolleren Situation als damals Kimmich. Stiller machte es wie er in dieser Saison alles macht: überragend. Körperliche Nachteile fing er mit Stellungsspiel auf, er war erster Initiator von VfB-Angriffen, er strahlte eine unglaubliche Ruhe und Klarheit aus. Sein Auftritt in Dortmund wasserfest wie ein Tattoo und das trotz einer frühen gelben Karte. Für Sebastian Hoeneß nichts Unerwartetes, er hatte Stiller diese Position bereits einmal …

From zero to hero

Alles angefangen hat es mit dem Viertelfinale beim 1. FC Nürnberg. Obwohl: Eigentlich mit dem 0:3 bei Union, in dessen Folge Bruno Labbadia gehen musste. Beim 1:0-Sieg beim Club stand Sebastian Hoeneß beim VfB Stuttgart zum ersten Mal an der Seitenlinie, es folgten bis heute 42 Pflichtspiele – 2,05 Punkte erzielte er bis heute pro Partie. Übernommen hatte Hoeneß das Team auf dem letzten Tabellenplatz. Von Labbadia zwar fit gemacht, aber emotional ausgelaugt, taktisch herunter gewirtschaftet, spielerisch zugrunde gerichtet. Hoeneß begann bei Null: ohne wirkliche Hierarchie, ohne feste Spielabläufe, die Mannschaft hatte keinen Mut und verzweifelte an sich selbst. Nach einem Jahr Hoeneß steht der VfB in der sogenannten Hoeneß-Tabelle auf Platz 5 und begeistert weit über Stuttgart hinaus mit seinem schönen und erfolgreichen Spiel. Dabei war Hoeneß bei seinem Amtsantritt nicht nur Begeisterung entgegen geschlagen. Kann er wirklich VfB? Nach zwei nicht immer erfolgreichen Jahren in Hoffenheim, mit farblosen Auftritten auf und neben dem Platz? Nach dem Pokal-Viertelfinale, einem 3:2-Sieg in Bochum und dem emotionalen 3:3 gegen Dortmund stieg die Zuversicht. Vor allem hatte …

Undurchschaubar

Ich blick’s net: Der VfB hatte das Spiel im Griff, nach den Treffern von Serhou Guirassy und Angelo Stiller ging es eigentlich nur noch um die Höhe des Heimsiegs – und doch musste Deniz Undav in der 90. + 8. Minute den 3:3-Ausgleich erzielen. Der VfB zeigte wieder sein Spiel, der Ball lief flüssig und die Tore von Guirassy und Stiller wurden sehr sehenswert herauskombiniert. Dazu Chancen ohne Ende, bei den expected goals standen 3,09 zu 1,63 auf dem Zettel. Alle im Stadion dachten, dass die Partie gelaufen sei, inklusive der elf Spieler mit dem roten Brustring, die sich schon sehr gut darin gefielen, wie sie sich das Bällchen zuschoben. Nur die Heidenheimer, die lauerten. Sie wussten: Gibt man ihnen eine kleine Chance, sind sie wieder zurück. Aber wie konnte das passieren, dass der Aufsteiger, dessen Comeback-Qualitäten nicht unbekannt sein sollten, beinahe drei Punkte im 1.000 Bundesliga-Spiel im Neckarstadion mitnahm? Klare Sache. Das geschenkte Tor von Alex Nübel brachte die Heidenheimer zurück ins Spiel. Der VfB-Keeper war schon in Gedanken beim Spielbau, als ihm der …

Hier sind die Vier wieder!

“Wir saßen vor vier Monaten in Wien und waren schockiert. Was hat sich in der Zeit bis zum 2:0 Sieg gegen Frankreich geändert?”, fragte Moderator Jochen Breier im ZDF den Experten Per Mertesacker. Als der Weltmeister von 2014 noch Luft holte, rief ich Breier zu: „Vier VfB-Spieler sind dabei!“ Ich habe mich dazu entschieden, nicht mehr länger über die deutsche Nationalmannschaft zu bruddeln. Auch wenn mich der naseweise Bundestrainer Julian Nagelsmann nervt: Wer vier VfB-Spieler nominiert, kann kein schlechter Kerl sein. Was ich sehe: Drei Debütanten mit Maximilian Mittelstädt, Deniz Undav und Waldemar Anton sowie 20 Minuten Chris Führich. Was mich besonders freut: Die strahlenden Gesichter nach dem Spiel. Alle vier lachen, fühlen sich fantastisch. Sie hingen zusammen, klopften sich auf die Schulter und ich hatte den Eindruck, sie konnten es selbst nicht glauben, dass sie das Dress des DFB trugen und gerade mitgeholfen hatten, den Weltmeister von 2018 in beeindruckender Art und Weise zu schlagen. Mittelstädt wird sogar vom großen Toni Kroos geadelt: „Wenn ich sehe, wie abgeklärt Maximilian Mittelstädt das gemacht hat in …

Hergespielt und aus dem Stadion geschossen

Vor dem Spiel hatte ich befürchtet, dass der TSG Hoffenheim eine Überraschung gegen den VfB gelingen könnte: Schließlich ist der Club aus dem Kraichgau in dieser Saison auswärts stärker als zu Hause. Letztlich war meine Sorge unbegründet: So wie die Fans das Stadion dominiert haben, beherrschte das Team das Spielfeld. Das 3:0 spiegelt die Machtverhältnisse nicht wirklich wider, ein 5:0 oder 6:0 wäre angemessener gewesen. Es war ein Klassenunterschied zu sehen gegen überforderte Hoffenheimer, die vor allem in der Abwehr dem VfB nie gewachsen waren. Der VfB kontrollierte das Spiel nach Belieben, der Gegner wurde regelrecht auseinander gespielt, wenn es nicht die Hoffenheimer gewesen wären, sie hätten einem leid tun können. Führich, Millot, Guirassy, Undav, Millot: Die Passfolge zum 1:0 war mindestens großes Kino, eher poetisch wie ein Gedicht, komponiert wie eine Sinfonie, ein Kunstwerk, gemacht dafür, international ausgestellt zu werden. Auf alle Fälle war es die pure Spielfreude, eine aufsehenerregende Kombination. Auch die Torvorlage von Deniz Undav auf Serhou Guirassy vor dem 2:0, mit durchgedrücktem Kreuz locker aus dem Fußgelenk gespielt, sah so leicht …

Die Fantastischen Vier

Jetzt also VfB Deutschland. Es war klar nach dem bisherigen Saisonverlauf, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann an Deniz Undav, Waldemar Anton, Maximilian Mittelstädt und Chris Führich nicht vorbei kommt. Denn die Welt liegt ihnen zu Füßen, sie stehen drauf. Erstmals wurden damit seit 14  Jahren wieder vier VfB-Spieler nominiert (2010: Cacau, Serdar Tasci, Christian Träsch und Sami Khedira). Und wo eigentlich Josh Vagnoman, Angelo Stiller und Alexander Nübel? Ok, die werden dann eben in den EM-Kader berufen. VfB Deutschland eben. Drei von vier Nominierten haben es über den zweiten oder gar dritten (Aus)Bildungsweg in die Nationalmannschaft geschafft. Undav, Mittelstädt und Führich wurden lange für zu leicht (bei Undav wars anders rum) befunden und nicht für höhere Aufgaben befähigt. Das Trio musste immer Widerstände überwinden und ist deshalb vielleicht so bissig und ehrgeizig, es allen denen zu zeigen, die nicht an sie geglaubt haben. Sie ernten endlich, was sie säen. Anton dagegen wurde (ohne Einsatz) U21-Europameister, stieg früh bei Hannover zum Führungsspieler und Kapitän auf. Im nachhinein muss man sagen: zu früh. Heute ist er beim VfB …

Mitglieder-Mitsprache für 40 Millionen verkauft

Anlässlich der Fan-Proteste in den Stadien rund um den sich anbahnenden DFL-Deal wurde nicht selten gefragt: Müssten die Fans nicht eigentlich  jedes Wochenende gegen ihren eigenen Verein protestieren? In den meisten Clubs hat doch schließlich ein Investor das Sagen. Und überhaupt: Haben die echt nicht mitbekommen, dass Geld und Sport zusammengehören? Natürlich. Die Kurven und Geraden sind nicht blöd. Sie schauen auch bei den eigenen Clubs genau hin, gerade wenn sich Investoren über Umwege Einfluss sichern wollen. Damit sind wir beim VfB. Denn beim VfB kommt zu es einer “schwäbischen Version jener Debatte, die zuletzt bundesweit mit beträchtlicher Schärfe geführt wurde.“ Alle haben das Weltmarkenbündis bejubelt. Auch wir. Porsche bzw. MHP steigen beim VfB ein, coole Marken, coole Macher auch in den Führungspositionen, die bei der Bekanntgabe des Deals sehr deutlich machten, dass sie etwas beim VfB bewegen wollen. Das war inspirierend. Dieser Willen war auch erkennbar an den Statements von Porsche-Vize Lutz Meschke als der VfB den Wettanbieter Winamax auf die Brust nahm: Das wäre mit ihm nicht möglich gewesen, so der Tenor. Er …