Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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Die Chancen-Sünder von der Alm

„Die SpVgg Greuther Fürth hat ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt und den VfB Stuttgart vor heimischem Publikum verdient mit 2:0 besiegt. Während die Gäste aus dem Schwabenland optisch tonangebend waren, aber aus ihrem Ballbesitz viel zu wenig machten, arbeitete sich das Kleeblatt in die Partie hinein und zwang den VfB schlussendlich mit der clevereren Spielanlage in die Knie.“

Das schrieb der kicker zur Niederlage am 25. Spieltag in der letzten Saison und könnte so etwas ähnliches auch nach dem 17. Spieltag der Bundesligasaison 2020/2021 schreiben. Zweite Liga, das liegt dem VfB einfach nicht. Der Gegner überlässt den Stuttgartern den Ball, ständig wird mit langen Bällen die eigene Pressinglinie überspielt, in der Offensive gibt es keine Räume. Man muss es so klar sagen: Auch in der zweiten Liga wird mangelnde Spannung bestraft, wie gegen Bielefeld die Weigerung zu verteidigen von Borna Sosa beim 2:0 und Philipp Klement beim 3:0. Das war lediglich Begleitservice der beiden, es hätte nur noch gefehlt, dass sie Ritsu Doan ein Getränk angeboten hätten („Kaffee oder Tee?“).

Die Niederlage gegen Arminia Bielefeld fühlte sich genau wie ein Zweitligaspiel an. Die Ostwestfalen standen tief und ihre Spielidee bestand daraus, den Ball vom hervorragenden Keeper Stefan Ortega lang in die Stuttgarter Hälfte zu schlagen auf Fabian Klos oder Reinhold Yabo, den abgelegten Ball schnappte sich dann meist der umtriebige Japaner Doan und das reichte, um den VfB in „die Knie zu zwingen“, wie der kicker schreiben würde. Die Arminia damit zum dritten Mal in Folge ohne Gegentor, etwas, wovon man beim VfB nur träumt. Dazu zum ersten Mal in dieser Saison mit drei Toren (zuletzt 2007 gelungen), ausgerechnet gegen den VfB.

Die Ausfälle der gesperrten Silas und Nicolas Gonzalez und der freiwillige Verzicht auf Gonzalo Castro konnten nicht kompensiert werden: Darko Churlinov, Philipp Förster und Roberto Massimo sind (noch) nicht erstligagreif, die talentierten Tanguy Coulibaly und Matteo Klimowicz brauchen noch Zeit. Das Spiel zeigte, die Kadertiefe ist nicht ganz so gut wie gedacht. Zudem hatten Borna Sosa, Orel Mangala und Waldemar Anton nicht ihren besten Tag erwischt.

Der VfB zeigte durchaus selbstbewusstes Kombinationsspiel, es fehlte aber bei aller spielerischen Überlegenheit die Präzision und die Durchsetzungsfähigkeit. Coulibaly verlor praktisch jeden Ball, Klimowicz rieb sich in Zweikämpfen auf, Förster verlangsamte jeden Spielzug – hat aber dann doch ein Gespür für Räume: stand er doch bei zwei großen Torchancen genau richtig, ihm fehlte zum Tor jedoch die totale Überzeugung. Kapitän Castro hätte mit seiner Passsicherheit durchaus Struktur und ein bisschen Ruhe ins Spiel bringen können. Warum ließ Pellegrino Matarazzo ihn 90 Minuten auf der Bank? Belastungssteuerung? Altersteilzeit?

Auch nach dem unglücklichen 2:0 versuchte der VfB alles, aber dieses Mal hatte man nicht den Eindruck, dass es mit der Aufholjagd klappt. Das wirkte doch meist hektisch, fahrig, hyperaktiv und ungenau. Die wenigen Chancen vereitelte entweder Ortega (Monsterparade gegen Sasa Kalajdzic) oder die Schusschancen wurden atemlos vergeben (Coulibaly, Massimo). Der VfB hat nach der Hinrunde nun 22 Punkte, zeigte teilweise begeisternden Fußball und überzeugte mit seiner Mentalität. Die Niederlage gegen Bielefeld ist ein kleiner Rückschlag, denn die Arminia war keinesfalls besser, sondern reifer und abgezockter. Während der letztjährige Zweitligameister seine Torchancen konsequent nutzte, ließ sie der VfB liegen. Aber insgesamt übertraf der VfB in der Hinrunde alle Erwartungen. Kann gerne so weiter gehen.

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(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

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6 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Ja, wie immer sehr gute Zusammenfassung der aktuellen Situation und des gestrigen Spiels – no panic! Aber vielleicht kann mir jemand erklären, weshalb der VfB vor allem gegen die letzten Vier in der Tabelle (Schalke, Mainz, Köln und Bielefeld) mit fünf von zwölf möglichen Punkten im Verhältnis zu den restlichen Spielen so mäßig performt? Im Grunde waren vor Saisonbeginn diese tabellarische Regionen unser Fokus, hier wollte man punkten, damit es mit dem Klassenerhalt klappt.

    Im bisherigen Saisonverlauf wurde indes eher gegen Mannschaften souverän gepunktet, die uns an Erfahrung und Kaderqualität eigentlich überlegen waren. Und in den Spielen, wo man tabellarisch Favorit war, standen am Ende eher enttäuschende Ergebnisse wie beispielsweise gestern. Eine Frage der Einstellung („berauscht von der eigenen Leistung“)? Klar ist, das einige Spieler einfach nicht die Klasse für die Bundesliga besitzen (Stenzel, Förster, Klement, Massimo, Churlinov), andere noch Konstanz in ihren Leistungen entwickeln müssen (Coulibaly, Sosa, Klimowicz).

    Ich bin weit davon entfernt zu mosern und zu bruddeln, möchte aber zumindest mal darauf hinweisen, dass der VfB aus den zurückliegenden fünf Bundesliga Spielen nur einen Sieg, ein Unentschieden, aber drei Niederlagen verbuchen konnte. Der Trend ist also eher negativ.

    • Bernd sagt

      Naja, 5 Punkte aus 4 Spielen, sind 1,25 Punkte pro Spiel, 22 Punkte aus 17 Spielen sind 1,29. Sehe jetzt da nicht den großen Unterschied, vor allem wenn man bedenkt, dass zwei der vier Spiele gegen die da unten ohne zwei unserer stärksten Offensivspieler bestritten werden mussten. Das ist alles noch im Rahmen, bei denen letzten Gegnern waren mit Leipzig, Gladbach und Wolfsburg auch nicht gerade Laufkundschaft dabei.

  2. drhuey sagt

    Ihr habt recht: das Spiel lässt einen wirklich mit diesem schalen Zweitliga-Geschmack im Mund zurück. Und ich dachte diese Zeiten hätten wir hinter uns. Generell ist man ja auf Kurs und einem jungen Coulibaly muss man mal ein solches Spiel einräumen. Aber gestern hatten im Zentrum zuviele einen durchschnittlichen Tag erwischt und insgesamt einfach zuviele Schwachstellen in der Mannschaft. Ich gehe vollkommen einig mit Clemens‘ Aufzählung in Bezug auf Bundesligatauglichkeit. Stenzel würde ich allerdings ausnehmen. Er ist bei einem Bundesligaaufsteiger in der ersten Saison noch passend, aber weiter nach oben geht es wohl nicht mehr und schon nächste Saison könnte er nur noch Backup sein. Gute Aktionen eines Förster haben immer etwas von Zufall. Als dann Endo umgestellt wurde hatten wir aber das Mittelfeld schon so weit geschwächt, dass es dort löchriger wurde. Insofern habe ich die Idee verstanden, aber nicht in Kombination mit den Einwechslungen. Wenn mal eine Situation am Flügel schnell aufgelöst wurde, waren die Flanke oder die Laufwege schlecht. Viel zu tun für Matarazzo bis zum Freiburg-Spiel … und dann bitte wieder mit Castro auch Passgenauigkeit und -geschwindigkeit aufstellen.

  3. Clemens sagt

    Ok, rechnerisch teilst du in einer Restbetrachtung sinnvoller Weise 17 Punkte durch 13 Spiele und kommst somit auf einen Schnitt von 1,31 Punkte gegen die Nicht-Kellerkinder. Und korrekt, der Unterschied ist rechnerisch nicht die Welt, beinhaltet aber auch Spiele gegen die TOP-4 (Bayern, Leipzig, Dortmund und Leverkusen) gegen die wir immerhin 1 Punkt je Spiel gemacht haben, die aber im Grunde keinen Vergleich mit uns zulassen. Daraus abgeleitet punktet man gegen das restliche Mittelfeld der Liga immerhin mit 1,44 Punkten je Partie. Klingt sehr kleinteilig, soll aber Folgendes zum Ausdruck bringen: Gegen Mannschaften auf Augenhöhe punktet man deutlich besser, als gegen vermeintlich schwächere Mannschaften aus dem Tabellenkeller. Und da kommt man dann zwangsläufig auf das Thema Einstellung und Spielanlage. Wenn ich sehe, wie Coulibaly fast jeden Zweikampf verliert und Sosa und Klement praktisch das Zweikampfverhalten vor den letzten beiden Gegentoren einstellen, dann liegt der Verdacht nahe, dass gestern womöglich der letzte Punch gefehlt haben könnte. Und beim Thema Spielanlage habe vermutlich nicht nur ich mich an die zurückliegende Zweitliga Saison erinnert gefühlt. Tief stehende Gegner, die nur auf Zerstören und Kontern ausgerichtet waren. Und uns fiel überwiegend wenig ein, diese Defensiven zu knacken oder wir sind an unserer mangelhaften Chancenverwertung gescheitert. Das war also gestern wie eine Blaupause der Vergangenheit.

    Bis Ende Februar spielt man übrigens noch gegen die Kellerkinder S04, Köln, Mainz und Hertha. Danach wissen wir vermutlich, wohin die Reise geht.

    • Bernd sagt

      Man kann bei einer Gesamtheit von vier Spielen nicht sinnvoll Statistik auf dem Level von Zehntelpunkten machen, dafür ist das Shot-Noise viel zu groß. Ich habe das Spiel gestern nicht gesehen, aber was ich interessant fand, war die Betrachtung dass Bielefeld das Zentrum zugestellt hat (Anti-Walterball lässt grüßen), und mit Coulibaly bei uns rechts ein Spieler gespielt hat, der selbst gerne von Außen in die Mitte zieht (wie z.B. im Pokal gegen Freiburg). Dann wird’s halt schwierig.

  4. Bruy Oliver sagt

    Vielleicht doch ein wenig Panik oder anders gesagt: Demut. Auf der Habenseite stehen 22 Punkte; fehlen also noch 18 Punkte zum sicheren Klassenerhalt.
    Es gab in der Hinrunde Bonuspunkte. Ich glaube nicht, dass zum Beispiel Dortmund sich nochmals eine solche Blöße zulässt.
    Die Querelen im Vorstand werden nicht spurlos an der Mannschaft vorübergehen. Der Kader ist nicht breit genug aufgestellt.
    Mit Platz 15 wäre ich restlos glücklich.
    Nichtsdestotrotz: der VfB macht wieder so richtig Spaß!

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