Beliebt, Spielbericht, VfB
Kommentare 8

Sie geben einfach nicht auf

Wie gegen Hoffenheim und Union Berlin schafft der VfB in der Nachspielzeit noch den Ausgleich. Interessant: Immer waren der Kopf oder die Füße von Sasa Kalajdzic beteiligt. Er ist der Mann für die Crunchtime, so etwas wie die laufende Zweimeter-Brechstange, wenn Spiele noch einmal gedreht werden sollen.

Der VfB ist wie Borna Sosa: Es gelingt nicht alles, es passieren Fehler, aber von Rückschlägen lässt sich der Kroate nicht entmutigen. In der 34. Minute begeht Sosa ein selten dämliches Foul an Stefan Lainer, das zu einem Strafstoß und zum 0:1-Rückstand führt. Aber Sosa lässt den Kopf nicht hängen, ist vor allem in der zweiten Halbzeit auf seiner linken Seite offensiv deutlich aktiver und gefährlicher als Kollege Silas auf rechts. Sosa geht weiter mutig ins Dribbling, schlägt viele Flanken in den Strafraum und ist defensiv nicht etwa zaghaft und unsicher, sondern solide und ernsthaft. Dass man das einmal über den 22-jährigen sagen würde, war vor einem halben Jahr wirklich nicht abzusehen. Borna und ernsthaft? Das schien sich bis vor kurzem noch auszuschließen.

Für das 3.000 Bundesligator des VfB hat er sich dann zusammen mit Nicolas Gonzalez ein Kunstwerk ausgedacht, schließlich wird dieses Tor auf ewig in der VfB-Geschichte ausgestellt. Nach einer Balleroberung landet der Ball über Wataru Endo und Kalajdzic bei Gonzalez, der den Ball links raus spielt. Während sich dort Sosa den Ball zurecht legt, sprintet der Argentinier in den Strafraum, um sich dann in die wunderschön gezirkelte Flanke von Sosa zu katapultieren. Ein Tor für den Saisonrückblick, wie schon letzte Woche das Tor von Silas nach Highspeed-Kombination über Marc-Oliver Kempf und … ja, Sosa.

Auch gegen Gladbach befindet sich der VfB auf Augenhöhe – mit dem aktuellen Achtelfinalisten der Champions League. Der VfB ist nicht chancenlos, wenngleich die „Fohlen“ einen zielgerichteteren Eindruck machen, ihnen im Kombinationsspiel weniger Fehler unterlaufen und sie die besseren Torchancen haben. Vor allem in der ersten Halbzeit. Gladbach ist dagegen im zweiten Abschnitt deutlich passiver, geht aber drei Minuten nach dem Ausgleich ganz abgezockt wieder in Führung: Lars Stindl schickt Denis Zakaria mit einem Schnittstellenpass auf der rechten VfB-Seite steil – und der Gladbacher ist deutlich schneller als Pascal Stenzel, der allerdings auch erst noch Tempo aufnehmen muss. Dennoch sieht es aus, als ob der VfB-Verteidiger schon einen Marathon in den Beinen hätte und mit zusätzlichen Gewichten in den Sprint gegangen wäre. Der Ball schlägt rechts unten ein – 1:2. Nach der Euphorie des Ausgleichs folgte sofort der Rückschlag. Den Umgang damit hat die Elf von Pellegrino Matarazzo gelernt und perfektioniert: Die Köpfe gehen nicht runter. Der VfB wirft nicht kopflos und ungestüm alles nach vorne, sondern holt sich die Spielkontrolle, schnürt Gladbach ein und bleibt immer weiter dran. Das aber nicht mit Alibi-Fußball wie in den letzten Jahren zu oft gesehen, sondern mit Leidenschaft und Nachdruck. Und vor allem mit Überzeugung und dem Wissen: Wir haben die Stärke und das Können, auch gegen die Spitzenmannschaft Gladbach noch den Ausgleich zu erzielen.

Die Belohnung ist der Elfmeter in der Nachspielzeit. Wären wir Gladbach-Fans, würden wir uns auch ärgern. Hätte sich Ramy Bensabaini allerdings die Umarmung gespart, wäre nichts passiert. Und natürlich wird so ein Foul auch im Mittelfeld gepfiffen. Und die Umarmung Bensabainis ist völlig unabhängig vom Kontakt von Mitspieler Waldemar Anton. Ein Foul beziehungsweise eine Behinderung wird nicht neutralisiert, weil ein Mitspieler im Anschluss dem Gefoulten auf den Fuß tritt.

Der späte Ausgleich fühlt sich so ein bisschen an wie der erste Heimsieg in dieser Bundesligasaison und auch wenn es die Gladbacher anders sehen werden: Die Punkteteilung hat sich der VfB verdient. Trotzdem geht der VfB aus der Hinserie hinaus, ohne zu Hause drei Punkte eingefahren zu haben.

Ärgerlich: Gonzalez und Silas haben sich beide die fünfte gelbe Karte geholt und sind für das Spiel in Bielefeld am Mittwoch gesperrt. Sicher eine Schwächung, aber zumindest ohne Gonzalez (verletzt gewesen) hat der VfB die ersten Saisonspiele ganz ordentlich bestritten. Tanguy Coulibaly könnte einspringen, Kaljdzic sowieso und womöglich überrascht uns Matarazzo sogar: mit Momo Cissé oder Mo Sankoh. Wie auch immer: Der VfB wird eine Mannschaft auf die Bielefelder Alm bringen, die sich nie aufgibt. Eine Qualität, die die Saison für uns ganz besonders macht.

Zum Weiterlesen:
Unser VertifkalGIF findet Ihr hier
Eine ausführlicher Analyse des VfB-Spielsystems könnt Ihr hier lesen
Auch in der Süddeutschen Zeitung war der Elfer das Hautthema, siehe hier

Foto:
Kai Pfaffenbach (POOL/AFP via Getty Images)

Darf gerne geteilt werden:

8 Kommentare

  1. drhuey sagt

    Das ist ein Elfmeter, basta! Seinen Gegenspieler im Strafraum derart einzuschränken geht nicht.
    Ich kann es kaum glauben (jede Woche aufs Neue), dass wir solchen Mannschaften Paroli bieten können. Silas hatte gestern mal wieder einen „immer-ein-Haken-mehr-als-Du“-Tag und es hat im letzten Drittel die Passgenauigkeit etwas gefehlt. Aber Borna: der spielt sich in die Einkaufslisten der Topclubs mittlerweile. Und dann Mangala: Was ist das für ein Genuss zu sehen, wie er mit einer kleinen Körperbewegung auf dem Bierdeckel den Ball für den Gegner zu einem unerreichbaren Objekt der Begierde macht. Dann kam diese Woche noch eine Meldung, dass sich Clinton Mola noch etwas gedulden muss mit seinem Comeback. Ich dachte: Stimmt, den haben wir auch noch. Er war mir bei seinen ersten Auftritten etwas zu bieder, aber ein anderer würde es als solide bezeichnen. Jedenfalls sah man, dass der Junge richtig Qualität hat. Das Bielefeld-Spiel ist wie gemacht für das schnelle Umschaltspiel. Ball überlassen und dann blitzschnell zuschlagen.

  2. Clemens sagt

    Es sind dieser Tage schöne Zeiten für einen VfB Anhänger, wenn man die internen Querelen in der Mercedesstraße ausblenden kann. Was für ein Gefühl, wenn die eigene Mannschaft 15 Minuten vor Abpfiff zurück liegt und man dennoch voller Zuversicht auf ein glückliches Ende hoffen darf, weil die Cannstatter Comebacker nicht nur gelegentlich, sondern in schöner Regelmäßigkeit zurückkommen und sich mit jedem gedrehten Rückstand das Selbstvertrauen für weitere Wiederauferstehungen holen.

    Mit ein wenig Sorge muss man natürlich das Interesse der Konkurrenz zur Kenntnis nehmen, die nicht nur einen Gonzalez, sondern auch einen Mangala, Sosa und Silas auf dem Zettel haben wird. Selbst Coulibaly wurde bereits mit dem BVB in Verbindung gebracht. Aber auch diese Dinge sind Bestätigung für die sportlich erfolgreiche Arbeit in Stuttgart und je nachdem, wie sehr die Finanzen Corona-bedingt in Schieflage sind, können Mislintat und Hitzlsperger den aktuellen Kader vielleicht auch noch ein weiteres Jahr zusammenhalten und mit feiner Nase weitere Talente (neben denen, die bereits in den Startlöchern mit den Stollen scharren) in die Schwabenmetropole locken.

    Zum gestrigen Elfmeter gegen Gladbach fällt mir lediglich dazu ein , dass sich jedes Unrecht im Saisonverlauf scheinbar doch irgendwann ausgleicht. Hat Bibiana Steinhaus uns gegen Freiburg zum Saisonstart mindestens einen glasklaren Elfmeter als VAR durch ihr fehlendes Eingreifen verweigert, wurde uns dieser gestern durch ihr Eingreifen auf dem Silbertablett serviert. Nehm ich gerne an.

    Und dass mit Gonzalez und Silas gleich zwei Offensivspieler gegen Arminia fehlen, kann man vielleicht gegen diesen Gegner noch am ehesten verschmerzen. Was man aber auch feststellen darf, dass fünf gelbe Karten für zwei Offensivspieler vor Ende der Hinrunde ganz schön happig sind. Einige davon resultierten bei Gonzales aus unnötigen Gemecker, bei Silas sind es einfach Übereifrigkeit und fehlendes Timing im Zweikampf. Alles Dinge, an denen die beiden arbeiten können und sollten.

  3. Bernd sagt

    Und wieder ein Gegentor über die rechte Seite (jetzt 7 der letzten 12 Tore), und wieder ein echter Stenzel. Bei Eurer Heavy-Metal-Dreierkette ist er wohl der Bassist, oder?

    • @abiszet sagt

      Ja, rechts hinten ist ein Problem. Zu Mavropanos hatten wir geschrieben:
      „Er hat das Zeug zum Dirty Harry in der VfB-Abwehr.“
      https://vertikalpass.de/eine-mannschaft-zum-verlieben/

      Geschwindigkeit und Zweikampfhärte hat er, aber spielerisch ist er Stenzel doch unterlegen. Aber ich kann mir vorstellen, gegen Bielefeld steht Mavropanos wieder auf dem Platz.

      • Bernd sagt

        Ohne jetzt irgendwelche Statistiken gewälzt zu haben, würde ich sagen dass Stenzel auch im Zweikampf am Boden stärker als Mavropanos ist. Das Problem bei Stenzel ist, dass er aufgrund von schlechtem Stellungsspiel immer wieder mal in solche Zweikämpfe gar nicht erst kommt, und dann wird’s richtig gefährlich.

        Ich denke, Matarazzo und Co. werden wissen was sie tun, ihnen wird diese Schwachstelle ja auch nicht verborgen geblieben sein. Erschwerend kommt halt hinzu, dass der rechte Innenverteidiger aufgrund der asymmetrischen Positionierung von Silas davor mit die anspruchsvollste Position im ganzen System ist. Denke auch da wird sich trotz Silas‘ Sperre gegen Bielefeld nix ändern, weil er wahrscheinlich 1:1 durch Coulibaly ersetzt wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.