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Sie wollen einfach nur spielen

Angstgegner? Trainerkiller? In dieser Saison ist so vieles anders beim VfB. Eine Mischung aus Widerstandsfähigkeit und Spielfreude bringt dem in grün spielenden VfB nach dem Sieg beim FC Augsburg Platz 1 in der Auswärtstabelle.

Auf den Spielzug in der 29. Minute ist sogar Usain Bolt neidisch: Einem Traumpass von Marc-Oliver Kempf folgt ein unwiderstehlicher Sturmlauf von Borna Sosa und ein wunderbares Zuspiel des Kroaten auf Silas, der cool zum 0:2 einschiebt. 11 Sekunden dauerte das, schneller ist nur der jamaikanische Olympiasieger – ohne Ball wohlgemerkt. Eine schnörkellose Kombination, die symbolisch für den VfB in der Saison 2020/2021 steht. Schnell, direkt, selbstbewusst.

Bis auf ein paar Situationen seriös in der Abwehr mit einem einmal mehr überzeugenden Waldemar Anton und offensiv heißt das Motto beim VfB „Ich geb’ Gas, ich will Spaß!“. Es ist die reine Spielfreude, die dann letztlich auch weitere Tore verhindert. Manchmal hat man den Eindruck, der VfB spiele extra-schön für die Fans, die nicht im Stadion sind, um ihnen vor dem Fernseher die Freude zu bereiten, die es außerhalb des Platzes aufgrund der Auseinandersetzung zwischen Thomas Hitzlsperger und Claus Vogt aktuell nicht gibt.

Nicht selten wirkt es so, als ob die VfB-Spieler um jeden Spielzug ein Schleifchen machen wollen: Hier mal den Pass durchlassen für den vermeintlich besser postierten Mitspieler, dort mal den schweren statt den leichten Ball zu spielen, alles für die reine Freude am Spiel und dem Rausch an der eigenen Stärke. Das sieht dann gar nicht so sehr nach Profi-Fußball aus, sondern nach Bolzplatz: Spaß, lachen, schnicksen, passen, tricksen und wenn’s drauf ankommt, konsequent sein. Schließlich muss der Verlierer das Bier zahlen.

Nach Halbzeitführungen stellten Frankfurt und Hoffenheim ihr System um und drehten damit das Spiel. An diesen Beispielen orientierte sich FCA-Trainer Heiko Herrlich: Aus einer 3er- wurde eine 4er-Kette und 32 Sekunden nach Wiederanpfiff lag der Ball im VfB-Tor.

Kein Grund zur Sorge (mehr). Hatte der VfB in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit Widerständen, gab es gegen Augsburg nur eine kurze Phase der Orientierung, bis die alten Säcke den Sack zumachten. Eine mehr als brillante Flanke von Nicolas Gonzalez vollendete Gonzalo Castro mit der Lässigkeit und Erfahrung aus fast 400 Bundesligaspielen. Kurz vor Schluss löffelte Anton eine Flanke auf den einfliegenden Daniel Didavi, der aus kurzer Distanz einnetzte. Dazwischen hätte der eingewechselte Philipp Förster treffen müssen. Aber er vergab. Es war eine Mischung aus einem suboptimalen Pass von Silas und Philipp Förster.

Ach ja, es gab einen Elfmeter, den Augsburg zweifelhaft fand und eine gelb-rote Karte gegen Marco Richter: So what? Der VfB Stuttgart war die bessere Mannschaft und der Sieg verdient. Punkt.

Der VertikalGIF zum Spiel findet ihr hier.

Foto: Imago (Poolfoto Pressefoto Bauman, Alexander Kepp)

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8 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Super geschrieben, weil es exakt das beschreibt, was wir heute gesehen haben. Mehr Spielfreude als Abarbeiten. Mut anstelle von Zaudern. Und wenn es das Ziel des Ganzen ist, tatsächlich in diesen traurigen Zeiten für ein wenig Zerstreuung und lichte Momente zu sorgen, dann hat es zumindest bei mir funktioniert.

  2. Elmar sagt

    Seh ich auch so. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr beim VfB.
    Und ich bin schon seit Ende der 70er dabei.

  3. Jörn sagt

    Ich hatte schon ein gutes Gefühl, als ein Tag vor dem Spiel in meinem Briefkasten eine Karte von Vogt und Hitzlsperger lag, in dem mir ein 5:0 versprochen wurde. Fünf Tore stimmen immerhin.

  4. drhuey sagt

    Grundsätzlich wiedersprechen sich Begriffe wie Genugtuung und Fairness oder Sportsgeist etwas, aber als Fan ist man halt auch nur Mensch. Es muss wohl im 2014 gewesen sein als mir von Berufes wegen ein Papier, sagen wir einmal zur Kenntnis gelangte, auf dem ein Investment Case in dürren Worten beschrieben war. Man konnte schnell herausfinden, dass es sich um den FC Augsburg handeln muss. Die Situation war also die, dass der VfB sich seit gefühlt einer Ewigkeit auf sportlicher Talfahrt befand und zudem regelmässig gegen Augsburg eine auf die Nuss bekam. Und dieser FC Augsburg machte sich nun also auf die Suche nach dem grossen Geld. Ein Klub, der in meiner Wahrnehmung im Grunde genommen eher hinter dem VfB einzuordnen war, dennoch möglicherweise mit neuen Kapital bald am VfB vorbeiziehen könnte? Um es abzukürzen: Der Schmerz war gross, genauso gross wie die Genugtuung gestern einen ohnmächtigen Herrlich an der Seitenlinie zu sehen, der sich anschauen musste wie seine Jungs von einem spielfreudigen VfB überrollt wurden. Beide sind im Tabellen-Mittelfeld, wobei der VfB Aufsteiger ist und beide mit ähnlichen Kaderwerten, wobei ich fest überzeugt bin, dass die höheren stillen Reserven in der VfB-Bilanz liegen. Good job! Nächstes Wochenende sind die Räume weg, aber mein Grinsen werde ich behalten.

  5. Bernd sagt

    Geiler Sieg, keine Frage, aber eine Sache ist mir doch aufgefallen. Ich habe mir jetzt die letzten 10 Gegentore angeschaut (also seit dem Bayernspiel), und da sind sage und schreibe 6 Gegentore über unsere rechte Abwehrseite dabei. 4x war der RIV Stenzel, 2x Mavropanos, wobei Stenzel während des Zeitraums 24% mehr Spielzeit hatte als Mavropanos. Das ist schon eine ziemlich dringende Baustelle, zumal Mavropanos nur bis Saisonende geliehen ist. Perspektivisch könnte da vielleicht Suver einspringen, aber als Stammkraft kann man den natürlich noch nicht einplanen.

    Aber egal, jetzt geht es erstmal gegen einen unserer traditionellen Lieblingsgegner. Hoffentlich bleibt das so.

  6. Motzbackenbruddler sagt

    Verspielt ja, schön anzuschauen z.T. auch, aber das sind meine Ex-Freundinnen auch. Aber für die Zukunft war das alles nix. Ich sehe immer noch zu viele Fehlpässe, schlampige Flanken, leichtsinnig vergebene Chancen. Augsburg war einfach schlecht; so schlecht, dass Richter sich hat freiwillig vorm Spielende zum Duschen schicken lassen. Sorry, aber ich kann die Euphorie hier nicht teilen. Ein 4:1 ist immer schön, aber man sollte sich hier nicht von Einlullen lassen. Bin gespannt auf das Spiel gegen Gladbach. Das ist ein Gradmesser, da Gladbach viel mehr Bundesliga-Niveau auf dem Tablet hat, als aktuell Augsburg.

    • @abiszet sagt

      Euphorie würde ich es nicht nennen, sondern Freude am Auftreten und spielerischen Vermögen der Mannschaft. Die letzten Jahre war das doch immer sehr schaurig, was wir da zu sehen bekamen, weitgehend erfolglos noch dazu. Gladbach ist für mich kein Gradmesser, das ist ein CL Achtelfinalist. Hier können wir schauen, ob der VfB mit einer Spitzenmannschaft mithalten kann, wobei dies zum derzeitigen Zeitpunkt interessant ist, aber für uns im Moment kein Maßstab ist.

    • drhuey sagt

      Relativ gesehen, vor allem zu Mannschaften der vorderen Tabellenhälfte bleiben schon noch Wünsche offen, aber absolut macht mir der VfB 2021 schon sehr viel Spass. Das ist vielleicht wie mit Deinen Ex-Freundinnen: die eine konnte dies besser, die andere das, aber absolut gesehen hat jede für sich Spass gemacht. Was wurde schon alles als Aufbruch verkauft und war letzten Endes doch wieder quälender Rumpelfussball. Soviel Talent gab es schon lange nicht mehr in einer VfB-Mannschaft. Vorbei sind die Zeiten eines Tim Walter, der dachte er hätte den Fussball neu erfunden und hat sein „System“ selbst nicht begriffen. Ich freue mich was ich sehe, wohlwissend, dass Gladbach ganz anders in der Lage ist, die Fehler und Schlampigkeiten zu bestrafen.

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