Mini-Feature, VfB
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The Fight Club

„Ein Saison-Finale, das wo man schwer beschreiben kann“, so oder so ähnlich hätte es Jürgen Klinsmann gesagt. Nach 2:2 und 2:3 gegen Freiburg und Schalke war die Sache eigentlich g’schwätzt: Dr’ Lampen steigt ab. Aber dann kam Dutt, ohne Helm und ohne Gurt, einfach Dutt, der nicht quengelt und nicht murrt. Es war Dutt der Coole, das Generve macht ihn krank, während andre unten wurschteln, geht er locker oben lang. „Ich weiss gar nicht, wo das Problem ist: Es ist doch nicht zu viel verlangt, erst einen Sieg gegen Mainz, dann gegen den HSV und dann gegen Paderborn zu fordern. Wir sprechen hier bei allem Respekt nicht von Chelsea oder Barcelona“. Dutt hat diese Vorgaben intern noch mit Argumenten unterfüttert, er muss es in Abstimmung mit Huub Stevens so gut gemacht haben, dass die Spieler daran glauben. Dass im letzten Spiel der Klassenerhalt aus eigener Kraft noch möglich war, verdankt der VfB Dutts Mischung aus Kampflust, Selbstbewusstsein und Strategie, nur von Spiel zu Spiel zu schauen. Das hat schon 2007 funktioniert, als Armin Veh immer nur den Fokus auf die nächsten 90 Minuten legte. Dutt führte den Spielern nicht täglich die Konsequenzen eines Abstiegs vor Augen, ohne den Ernst der Lage zu beschönigen, er lenkte die Konzentration immer auf den nächsten Gegner. Die Spieler gingen entschlossen ins Spiel, ließen sich von Rückschlägen nicht aus dem Konzept bringen und glaubten an sich. Die Pokal-Strategie mit den k.o.-Spielen löste Bilder im Kopf der Mannschaft aus, Bilder, die auch die Fans angenommen haben. Die Unterstützung war gewaltig, ganz so, als ob es um den Gewinn eines Finales ginge. Die Macht der zielgerichteten Kommunikation, hier konnte man sie sehen.

Das Positive zu sehen, das hörte sich lange nach Phrasen trashen an (Beispiele hier), aber Robin Dutt ging seinen Weg unbeirrt, Negatives ignoriert er nicht einmal. Sein Vorbild scheint Richard Ashcroft zu sein, ähnlich konsequent wie der The Verve-Leadsänger verfolgt der Sport-Vorstand rücksichtslos seine Linie und kommunizierte diese intern wie extern unmissverständlich (siehe anschaulich hier).

Robin Dutt hat mit einer eigenen Narration des Abstiegskampfs den VfB gerettet. Das wirklich Überraschende ist, dass das Kämpferische plötzlich das Spielerische in der Mannschaft geweckt hat. Aus Filip Kostic wurde ein Wow-Spieler, aus Daniel Ginczek ein zuverlässiger Goalgetter, aus Christian Gentner ein Kapitän mit Vorbildfunktion, aus Martin Harnik ein Torschütze, der Ernsthaftigkeit mit Schabernack kombiniert und aus Huub Stevens ein Trainer, der mit einem Schlag die Offensive nicht mehr verbot, sondern förderte. Das kann auch eines der Erfolgsgeheimnisse sein: Stevens ist unberechenbar, keiner weiss, wie er agiert und reagiert. Ganz so wie in einer Partnerschaft bringt er Spannung in die Beziehung. Klar, bringt er mal Blumen mit und lobt die Spieler. Dann aber bleibt er nachts länger weg und geht auf Distanz zu seiner Mannschaft.

Die Spieler merkten, Dutt macht sich nicht wichtig wie zum Beispiel sein Vorgänger oder Mitglieder im Aufsichtsrat, er schwätzte nicht ein bisschen rum, er hat es vielmehr geschafft, dass ein einheitliches Bild vom VfB in der Öffentlichkeit entstand. Plötzlich gab es das, was man beim VfB lange vermisste: eine klare Linie. Präsident Bernd Wahler ging in die zweite Reihe, kümmerte sich um Charity-Projekte, generierte positive Schlagzeilen, Hashtags und Spieltags-Kampagnen mit emotionalen Filmchen, das fürs Sportliche verantwortliche Duo Dutt & Stevens teilte sich die Arbeit wie Aronal & Elmex: der eine hat (morgens) einen Plan, der andere hat völlig freie Hand, diesen umzusetzen. Auch mal (abends) mit altmodischen Maßnahmen wie Motivation durch Provokation. Der eine fürs Feine, der andere fürs Grobe. Die beiden haben ihre Rollen gefunden. Fast schon schade, dass die Zusammenarbeit mit dem Klassenerhalt endete. Aber womöglich ist diese Aufgabenteilung auch nur etwas für den Abstiegskampf. Mit Betonung auf Kampf. Der ganze Verein kämpfte, mit allem, was er hat. Es entstand innen und außen ein Zusammenhalt, wie es ihn wohl zuletzt 2007 gegeben hat. Der Fight Club, in dem alle zusammen stehen.

Huub machte dabei den Wolf of Mercedes Street, biß jeden weg, der dem Klassenerhalt im Wege stand. Das konnten Journalisten sein, aber auch Spieler, die nicht richtig bei der Sache sind oder gar nicht funktionieren wie Hlousek, Niedermeier, Ibisevic, Leitner oder Sakai. Als Huub Stevens sein Team nach dem 2:1 gegen den HSV direkt im Mittelkreis versammelte, schwor er seine Spieler noch einmal ein. Kämpferisch schwang er seine Faust. „Nur noch ein Spiel! Ein Spiel noch“ rief er in die Runde und das erinnert an Ludovic Magnin. Während alle Timo Hildebrand feierten, lief er 2007 nach dem epochalen 2:3-Sieg in Bochum übers Feld, ging von Spieler zu Spieler und sagte wie ein Mantra immer wieder „Nur noch ein Sieg. Ein Sieg nur noch!“ Das Ende kennen wir. Im Abstiegskampf 2014/2015 sorgen Daniel Didavi und Daniel Ginczek für ein Happy-End und sichern sich selbst einen Platz in den Geschichtsbüchern des VfB.

Es ist zu hoffen, dass es nicht nur sportlich, sondern auch strukturell zu einem Happy-End im Fight Club kommt. Die letzte Saison groß angekündigte schonungslose Aufarbeitung muss dieses Mal her. Die Baustellen im Verein müssen konsequent angegangen werden. Denn ein solcher Kraftakt läßt sich nicht jedes Jahr wiederholen.

Und gut, dass wir dieses Bild nicht einsetzen müssen. Es soll aber daran erinneren, wie knapp es in der Saison 2014/2015 war.

Grabstein_VfB

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2 Kommentare

  1. Schöne Aufarbeitung der Rolle Dutts. Im Doppelpass heute morgen ebenfalls sehr symphatisch. In diesem Sinne: Danke Huub, danke Dutt!

  2. Pingback: #Link11: Oh Lilien! Oh Lienen! Oh Lilien! | Fokus Fussball

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