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„Das wird schon, meen Jong’!“

Nach vier Minuten, das erste Bier war eigentlich erst halb getrunken, schien alles vorbei. Paderborn trifft mit dem ersten Torschuss, der VfB ist abgestiegen. Wie es wohl meinem Vater geht, der mit meiner Mutter und meinem Freund Thomas in einer Kneipe das Spiel verfolgt? Mein Vater hat schon alles gesehen, er hat Robert Schlienz erlebt, er war 1976 mit anderen 1.999 Zuschauern beim 2:3 gegen Reutlingen im Neckarstadion dabei, er saß neben mir beim 2:1 gegen Manchester United. Ich sehe ihn jetzt vor mir, wie er im Ski-Club von Bad Cannstatt kopfschüttelnd in sein Glas Trollinger schaut.

Ich bin äußerlich so ruhig wie der Neckar, der ahnungslos hinter der Kneipe vor sich hinschwappt. Ich würde gerne am Ufer sitzen, ein Bier in der Hand und nur auf das sanfte Hin und Her starren. Gluck-Gluck und dazwischen ein bisschen Vögelgezwitscher und die schweren Schritte eines Joggers. Mein Puls geht im Sitzen genau so hoch wie beim Joggen. Da hilft auch das 1:1 nicht. Die Aufregung ist nicht nur für meinen Vater nix.

So richtig lachen konnte ich nach 2:1 und dem Abpfiff erstmal nicht, hatte immer noch den Puls eines Joggers und auch seine schweren Beine. Dabei hätte ich nur an meinen Opa Adi denken müssen. Er heisst eigentlich Adolf, was unbedenklich ist, schliesslich ist er 1913 geboren. Mein Opa sagte immer zu mir „Wird schon, meen Jong’!“. Und er lächelte dabei. Er war der Optimismus in Person, glaubte immer an das Gute, Happy-Ends waren für ihn normal. Als Delmenhorster war er Werder-Fan, nicht dass er ins Stadion ging, eher so der Sportschau-Gucker. Ich erinnere mich zwar, mit ihm die WM-Finals von 1978 bis 1986 in Delmenhorst zusammen gesehen zu haben (ausführlich siehe hier), aber von Werder war selten die Rede. Wahrscheinlich, weil sie sowieso immer oben mitspielten. Als Kutzop den berühmten Elfer verschoss und Bremen eine Woche später die Meisterschaft gegen den VfB verlor, da sagte er: „Da wird schon, meen Jong’! Dann eben nächstes Jahr“ und trank ein Haake-Beck und einen Lütten. Ok, es wurden dann zwei Jahre, aber souverän war es. Ich erinnere mich noch grob an Johnny Otten, wegen seines Namens. Ich dachte mir, wie kann man sein Kind nur „Johnny“ nennen. Na ja, heute werden die Kinder nach Apfelsorten genannt.

Es ging ja nochmal gut beim VfB. Man muss nur meinem Opa glauben, dann wird das schon. Er war hart im Nehmen. Er brach sich mit 100 den Oberschenkel und stand auf. Mit 101 brach er sich die Schulter und stand auf. Vorgestern ist er wieder hingefallen und leider nicht mehr aufgestanden. 102 Jahre alt wurde er. Mit seinen freundlichen Augen und seinem unbeirrbaren Glauben an das Gute wird er mir immer ein Vorbild sein. Und dass er recht behalten hat mit seinem „Wird schon, meen Jong’!“, dafür möchte ich mich im Namen meines Opas beim VfB bedanken!

Danke, Huub!
Wer gesehen hat, wie Serey Dié, Daniel Ginczek und Antonio Rüdiger Sie gefeiert haben, weiss, welchen riesigen Anteil Sie hatten. Da ist zum einen Ihre ganz eigene Art, eine Mannschaft zu führen und zu motivieren und zu provozieren. Aber auch Ihre Bereitschaft, Ihre Meinung zu ändern, Ihre innere Überzeugung über den Haufen zu werfen (auf Druck von innen?). Zunächst glaubten Sie, Sie müssten die Defensive stabilisieren. Um dann feststellen zu müssen, dass sich die vielen Fehler gar nicht eliminieren ließen und voll auf Kostic, Harnik, Maxim/Didavi und Ginczek zu setzen. Dabei schnarrten Sie oft wie ein Mops, und passten perfekt in meine Stadt (siehe hier http://kessel.tv/flashmops/)

Danke, Ulle!
Nach einem typischen Schwaab-Moment, in dem der Namensgeber eine Flanke falsch eingeschätzte, unbeholfen hochgesprungen war und mit dem Hintern verteidigen wollte, sind Sie zusammen mit Timo Baumgartl da und lassen sich anschießen. Das wärs gewesen, zwei Minuten vor dem Ende.

Danke, Ginni!
Gibt es noch einen deutschen Stürmer wie Sie? Ein Zielspieler, einer, der die Bälle festhalten kann, der aber auch halb Ostwestfalen umkurven kann? Das konnte selbst Mario Gomez in seinen besten Zeiten nicht. Groteske Fehlschüsse, ja, die haben Sie noch im Repertoire. Aber wenn Sie Ihre Form halten und gesund bleiben, ach, … ich will gar nicht dran denken. Dann kommt Bayern München.

Danke, Dida!
Wie wärs, wenn Sie immer nur in den letzten, sagen wir, zehn Spielen spielen? Von Null auf Hundert, das können Sie. Und bei weniger Spielen sinkt auch die Verletzungsgefahr.

Danke, Filip Kostic!
Mit rund fünf erfolgreichen Dribblings pro Spiel liegen Sie hinter Ribery, Robben, Traore und Bellarabi auf Platz 5. Aber die Statistik kann nicht stimmen, in den letzten drei Spielen müssen es 15 Dribblings pro Spiel gewesen sein. Mindestens. Sie sind ein Ereignis. Der Hintern ist der USP von Kim Kardashian, bei Ihnen ist es Ihre Schnelligkeit. Und Ihre Beine. Und Ihre Leidenschaft. Wir brauchen dringend einen Spitznamen für Sie. Wie halten Sie von Fast & Furious Filip?

Danke, Serey Dié!
„God is strong“, sagten Sie mir, als ich Sie nach dem Hoffenheim-Spiel traf. Wirklich strong waren Sie! Opa Adi kannte Sie nicht, aber Ihr Irokese hätte ihm gefallen. Obwohl er mich immer rügte, wenn ich ihn in Jeans und nicht in Stoffhose besuchte.

Danke, Bernd Wahler!
Sie haben sich auf Ihre Stärken besonnen: Zu sportlichen Dingen haben Sie keine Stellung mehr bezogen, sondern sich auf Hashtags, Charity-Projekte und Spieltags-Filmchen konzentriert. Bravo! Und nebenher Umstrukturierungen abgenickt. Jetzt kanns losgehen, oder? Damit Ihnen nicht nochmal der Verein so entgleitet wie die letzten zwei Jahre.

Danke, Robin Dutt!
Mit dem Pokal-Modus haben Sie es zusammen mit der Mannschaft geschafft, aus meiner beginnenden Entfremdung zum Club wieder eine Herzensangelegenheit zu machen. Auch ein herzliches Cheers für die schonungslose Aufarbeitung der zurückliegenden Saison. Sie kommt ein Jahr zu spät, aber hoffentlich immer noch rechtzeitig, um uns eine nervenaufreibende Saison zu ersparen. Da wäre sparen wirklich mal was Produktives.

Meine Hoffnung ist, dass der Zusammenhalt im Abstiegskampf die anstehende Sommerpause überdauert. Aber wenn etwas VfB-Fans nicht können, Herr Dutt, dann ist es vergessen. Der Saison-Endspurt entschädigt für vieles, aber die bleierne Zeit am Anfang von Hin- und Rückrunde ist noch in den Köpfen. Jetzt müssen Ihren Worten auch Taten folgen. Kaderplanung is the key to success: Sie haben sich weit aus dem Fenster gelehnt und hohe Erwartungen geweckt. Die Kehrwoche ist gemacht, aber jetzt muss es richtig deep werden.

Einige interessante Fragen wirft Chris Prechtl auf (siehe hier), da kommt die Verschwörungstheorie rund um Thomas Tuchel wieder hoch, es wäre wirklich gut, wenn das ein für alle Mal geklärt wäre. Aber vielleicht kommen wir damit auch über die Sommerpause. Is‘ ja sonst nix. Ach doch, halt: Frauenfussball WM. Wer guckt mit? Mein Opa hielt übrigens von Frauenfussball nichts. Darf man ihm aber nicht übel nehmen.

Herzlichen Dank an Ute Lochner von vfbegeisterung.de, dass wir eines ihrer Bilder benutzen dürfen.

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