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Momentum mal!

Dass dieser Text zur Partie des 1. FC Köln gegen den VfB Stuttgart mit etwas Verspätung erscheint, ist unter anderem der frisch entfachten Liebe des Autors zum American Football geschuldet. Neben unzähligen sportartspezifischen Begriffen begegnet man bei der NFL-Berichterstattung immer wieder einem Wort, das für die Amerikaner auch bei anderen Sportarten eine große Rolle spielt: Das Momentum. Die deutsche Übersetzung „Impuls“ gibt leider nur unzureichend wieder, was das Momentum ist. Um es zu beschreiben, muss man eher zur schönen Formulierung „am Drücker sein“ greifen.

Was das mit dem VfB zu tun hat? Alles! Denn die Stuttgarter sind traditionell ein Team, das vom Momentum lebt. Schwimmen sie einmal auf der Welle des Erfolgs, sind sie nur schwer zu stoppen. Aber haben sie Scheiße am Fuß, dann haben sie aber eben auch richtig Scheiße am Fuß, wie man zu Beginn dieser Saison eindrucksvoll erleben durfte.

Dabei hat das Phänomen Tradition. Man muss sich nur ein paar Jahre zurück erinnern, als man in Cannstatt regelmäßig nach einer verkorksten Hinrunde im Herbst den Trainer entließ, um dann in der Rückrunde alles in Grund und Boden zu spielen, und man das Gefühl hatte, auch der Busfahrer hätte auf der Bank sitzen können.

Zurück zum Momentum: Das lag ganz klar nicht bei den Stuttgartern, nachdem Köln bereits nach 19 Minuten durch einen von Niedermeier verschuldeten Elfmeter in Führung ging. Same old story wie in der Hinrunde? Da hatte es immerhin bis zur 75. Minute gedauert, bis Modeste zum 0:1 traf – per Foulelfmeter. Berechtigt oder nicht: Alle Zweifler der Innenverteidigung Schwaab/Niedermeier sahen sich bestätigt. Und das Momentum, das man aus der Rückrunde und einem guten Trainingslager mitgenommen hatte, war weg. Köln hatte in der Hinrunde ganze sechs Gegentreffer im eigenen Stadion kassiert. Und ausgerechnet der VfB sollte am besten gleich zwei erzielen?

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Unsere facebook-Fans kennen sich aus. Eine Prognose vom 18.01.

Dass sich das Team trotzdem nicht hängen ließ und keine 20 Minuten benötigte, um den Ausgleich zu erzielen, darf man ebenso dem Wirken Jürgen Kramnys gutschreiben wie das kompakte Auftreten der Mannschaft und die ungewohnt gute Chancenverwertung. Der Rest ist dem Momentum geschuldet. Denn wie sonst kann es passieren, dass die Bälle nach Stuttgarter Ecken auf einmal im gegnerischen Tor und nicht im eigenen einschlagen? Oder dass Timo Werner nach einem Standard per Kopf trifft? Oder dass ein Treffer so euphorisch gefeiert wird, dass sich ein Spieler dabei verletzt?

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Perfekte Vorbereitung, selbstzerstörerischer Jubel: Lukas Rupp(inho) Bild: Ute Lochner/vfbegeisterung.de

Dass der VfB „ein paar Probleme mit dem Ball“ hatte und vor allem mit Kontern erfolgreich war? Geschenkt. Denn wie schon gegen Wolfsburg brachten zehn von elf Spielern ihre Leistung und das reicht eben gegen schwache Wolfsburger und nicht überragende Kölner, wenn der Rest des Teams einen individuellen Fehler kompensieren kann. Die Rolle von Toni Sunjic übernahm diesmal leider Serey Dié mit seinem unnötigen Ballverlust, der zum Elfmeter führte. Die Defensive stand ansonsten stabil und hatte bei einigen suboptimalen Tacklings von Großkreutz und Schwaab auch das nötige Glück. Und ganz hinten drin stand ein extrem sicherer Pommes Tyton, dem der Sieg im Duell gegen Langerak nochmal Auftrieb verliehen hat. Die offensive Viererkette vor Dié konnte restlos überzeugen: Was Kostic, Didavi, Rupp und auch Gentner veranstalteten, hatte stets Hand und Fuß und sah bisweilen sogar richtig gut aus.

 


Unterm Strich bleibt ein Sieg, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Mit dem Spiel gegen Köln hat es der VfB geschafft, das Momentum der Hinrunde zu erhalten und sogar noch zu verstärken und kann jetzt mit breiter Brust den HSV zum „Topspiel“ empfangen. Und wer mit Momenti und anderem psychologischen Geschwätz nichts anfangen kann, wirft einen Blick auf die Tabelle. Hoffenheim und Augsburg punkteten ein-, Bremen und Frankfurt gleich dreifach. Der VfB benötigte diese drei Punkte auch aus rational-mathematischer Sicht dringend.

Ob man aus dem geglückten Rückrundenstart ableiten kann, dass der VfB keinen neuen Innenverteidiger mehr benötigt, ist fraglich. Das Problem: Erst die nächsten Spiele werden zeigen, ob dem so ist. Wenn man Gewissheit hat, ist die Transferperiode längst vorbei. Auch verfrühte Euphorie ist fehl am Platz. Aber alleine die Tatsache, dass man in Stuttgart mal wieder davor warnen muss, ist einfach schön.

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5 Kommentare

  1. Thorsten sagt

    Momentum? Nehmt doch einfach „Schwung“ als Übersetzung. Das trifft es doch in diesem Fall am Besten.

  2. Pingback: #Link11: Hosenzwang | Fokus Fussball

  3. Na, na! 4 von 11 Bundesligatoren hat Kopfballungeheuer Werner mit eben jenem erzielt, und nun schon zwei davon nach Standards! ;)

    Zugegeben: Ich würde das meiste unterschreiben. Auch die Kopfballstandardüberraschung.

    • @buzze sagt

      4 von 11? Das ist in der Tat erstaunlich! Ich erinnerte mich beim Schreiben auch an das Tor gegen Hoffenheim und ergänzte deshalb die Einschränkung „nach Standards“. :-)

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