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Wer übernimmt das Kommando?

Vor der Saison war der Kurs klar gesetzt: Aufstieg. Doch es wäre einfach nicht unser VfB, wenn man alle Klippen lässig umschiffen würde. Und während Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat spätestens mit der überraschenden Vertragsverlängerung von Pellegrino Matarazzo gezeigt haben – oder vielleicht auch nur zeigen wollen, dass sie abseits des Platzes das Ruder fest in der Hand haben, so fragt man sich doch, wer eigentlich auf dem Platz das Kommando übernehmen soll. Denn die Schräglage im Mannschaftsgefüge zeigt sich exemplarisch an der Kapitänsfrage.

Captain Kirk, Captain Iglo, Captain Jack, Captain Sharky, Captain Planet, Captain Hook: Ein Kapitän geht immer als letzter von Bord. VfB-Captain a.D. Marc-Oliver Kempf hingegen wurde zwar nicht kielgeholt, fand sich aber gegen Kiel nur auf der Bank wieder, nachdem der Trainer in der Vorwoche die Mentalitätsfrage gestellt hatte. Ein klarer Fingerzeig von Matarazzo, dass er mehr in Sachen Einstellung erwartet. Und vielleicht auch ein Signal, dass er die Spielführerbinde anders vergeben hätte als sein Vorgänger Tim Walter. Die Amtszeit von Kempf als Brustring-Kapitän hat jeweils eine ordentliche Delle abbekommen. Ist er in der Lage, den VfB sicher ans gewünschte Ziel zu bringen – falls er überhaupt gegen den HSV spielt?

Kempfs Vertretung in Kiel war Daniel Didavi. Auch dies noch eine Walter-Entscheidung. Und warum auch nicht: Als gestandener Bundesligaspieler ist Didavi mit seinen 30 Jahren schließlich prädestiniert, um den VfB aufs Feld und bestenfalls in die erste Liga zu führen. Allerdings sollte er ersteres nicht bereits nach 44 Minuten schon wieder verlassen, weil er sich in Rekordzeit zwei dämliche gelbe Karten abgeholt hat. Und ganz ehrlich: Nach dieser Instagram-Schwurbel-Nummer bin ich ohnehin der Meinung, Daniel Didavi sollte lieber Neckar-Kapitän werden als der vom VfB. Meine Meinung. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Nach Didavis Platzverweis wurde – nachdem Nicolas Gonzalez die Binde kurz spazieren führte – Pascal Stenzel der Stellvertreter vom Stellvertreter. Kein Wunder, schließlich stand Stenzel im Laufe der Saison bei jedem Spiel auf dem Platz – und das auf so ziemlich jeder Position. Vielleicht bin ich da auch einfach ein unverbesserlicher Fußballromatiker, aber fühlt es sich nicht einfach falsch an, wenn ein ausgeliehener Spieler die Kapitänsbinde trägt? Ein Spieler, von dem man nicht weißt, ob er nach der Saison nicht wieder zu seinem „richtigen“ Verein zurückgeht? Für mich schon.

Deswegen habe ich mich gefragt, wen ich eigentlich gerne im wichtigen Spiel gegen den HSV als Kapitän sehen würde. Und das ist gar nicht so einfach. Na klar, Mario Gomez! Aber wird er überhaupt in der Startelf stehen? Und hat er nicht schon genug damit zu tun, das Tor zu treffen? Wie soll er dann noch eine Mannschaft in dieser schwierigen Situation führen? Also vielleicht Gonzalo Castro, immerhin fünffacher Nationalspieler? Aber leider auch ohne Stammplatz in Matarazzos Team und nur ganz selten in der Lage, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Nein, die beiden Routiniers sind für mich keine Option.

Für mich blieben am Ende nur zwei Kandidaten: Die eine ist der genesene Marcin Kaminski, der als einziger weiß, wie sich ein Aufstieg mit dem VfB anfühlt (unvergessen sein Last Minute Tor gegen 1860 München!), und somit als einer der wenigen ein wenig Identifikation stiftet. Andererseits hat er nach seinem Comeback aber auch noch genug mit sich selbst zu tun, wie seine Fehler in den letzten beiden Spielen zeigten.

Bleibt also nur Grumpy Holger Badstuber. Der Spieler, der am aktuell längsten ohne Unterbrechung den Brustring trägt, und einer der besten Akteure in der Hinrunde. Er bringt eigentlich alles mit, was es für das Kapitänsamt braucht: Erfahrung, die nötige Leistung, um das Amt zu rechtfertigen, und vor allem einen gesunden Hass auf sportlichen Misserfolg. Dummerweise scheint sich dieser aber hin und wieder auch etwas unkoordiniert Bahn zu brechen. Nach dem „Muschigate“ im Hinspiel, war es diesmal die Einwechslung von Roberto Massimo, mit der Badstuber wohl nicht ganz einverstanden war. Blöd nur, dass es wieder alle mitbekommen haben. Holger ain’t nuthing ta fuck wit. Irgendwie würde es einen auch nicht wundern, wenn er nach dem Abpfiff seine Vorgesetzten rund laufen lassen würde. Okay, für das Kapitänsamt fehlt ihm einfach etwas diplomatisches Gespür und eventuell auch die nötige Demut.

Zurück zum Anfang: In der Crew gibt ein klares Führungsvakuum. Es fehlen einfachSpieler, die die Mannschaft in dieser entscheidenden Phase der Saison führen. Spieler, die dafür sorgen, dass ein Rückstand nicht gleich eine Niederlage bedeutet. Spieler, an denen sich andere aufrichten können. Auch nach 27 Spieltagen scheinen keine natürlichen Hierarchien entstanden zu sein. Das ist bedenklich. Aber wer ist eigentlich dafür verantwortlich? Der Sportdirektor, der einen Kader ohne klare Hierarchie zusammengestellt hat? Oder ist es der Trainer (oder beim VfB: die Trainer), die neben Taktik und Laktatwerten auch ein Auge auf die soziale Dynamik haben müssen. Oder ist es ganz einfach und ein Team sollte das aus sich selbst heraus leisten können?

Vielleicht spielen wir die Saison auch einfach ohne Kapitän zu Ende. Spötter behaupten, es wäre beim VfB nicht das erste Mal.

Bild: shutterstock/O.C Ritz

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3 Kommentare

  1. drhuey sagt

    Sehr guter Punkt, den ihr wieder aufbringt. Köstlich Eure Beschreibung von Holgi, der es in diesem Leben wohl nicht mehr zu einem UN-Mandatsträger schaffen dürfte. Musikalisch würde ich ihn eher bei Helene Fischer verorten, aber das ist eine andere Geschichte. Generell glaube ich an Meritokratie und Leadership und erfolgreiche Mannschaften haben Leader auf jeder Position. Ich glaube, dass die Zeiten eines Kapitäns, an dem sich alle aufrichten, vorbei sind und als Trainer würde ich von jedem auf dem Platz Leadership einfordern. No excuses! Ändert an dem Missstand, den ihr beschreibt nichts; hier besteht ein großes Vakuum, auch zu sehen an der mangelnden Kommunikation. Da eine Mannachaft traditionell eben einen Kapitän hat braucht es einen, der als Rollenmodell taugt. Daher fiele meine Wahl auf Kaminski. Er ist ein sehr guter Fussballer und darüber hinaus sind Leadership und Präsenz vorhanden.

    • @abiszet sagt

      Die Süddeutsche schrieb heute unter der Überschrift „Joshua Kimmich ist Sternzeichen Führungsspieler, Aszendent Blitzmerker“ eine nicht uninteressanten Text zum Thema Führung.

      https://www.sueddeutsche.de/sport/fc-bayern-kimmich-fuehrungsspieler-1.4919825

      „In jedem Mannschaftsteil, in jeder Linie sollte es einen Anführer geben. Torwart, Abwehrspieler, einer aus dem Mittelfeld, einer aus der Offensive, das wäre perfekt. Es kann nicht ein Spieler alle führen, das ist zu viel, das ist unmöglich.“

      Das verbindet sich ganz gut mit Deinem Kommentar. Einer alleine kann es nicht machen.

  2. Bacardihardy sagt

    Wer übernimmt das Kommando?
    Gute Frage
    Kommando Cannstatt
    Kommando Bimberle

    Im Moment der HSV
    0:2 zur Halbzeit

    Ich träume nur noch
    Alle hören sofort auf mein Kommando.
    Ab sofort knallhartes Training bis zum Ende der Saison
    Ab sofort junge Spieler einsetzen
    Coulibaly, Egloff, Mack, Klimowicz, Churlinov

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