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WM-Lieblingsspieler, Folge 9: Robert Huuuuth (2006)

WM Pokal

Ballack, Klose, Pirlo, Zidane, Cannavaro, alle nominiert fürs All-Star-Team der WM 2006. Aber meine Stimme haben sie nicht bekommen. Robert Huth, ein Kerl, so groß und beweglich wie ein Wiesenbaum, er hat es mir angetan, er war für mich das Symbol der WM 2006. Seine Rolle war sportlich überschaubar, aber ich habe ihn schon beim Confed-Cup ins Herz geschlossen.

In der Länderspielwoche möchte ich mit einem neuen Spieler unsere Serie der WM-Helden wiederbeleben. Das ist vielleicht ein bisschen untergegangen: Während der Weltmeisterschaft in Brasilien wurden in loser Folge Lieblingsspieler gekürt, die Gründe sind ausschließlich persönlicher und weniger sportlicher Natur. Hier eine kleine Auswahl aus unseren bisherigen acht Folgen:

1974 Johnny Rep >>
Nach einem Besuch im Mannschaftshotel der Argentinier war ich Fan der langhaarigen Südamerikaner, entdeckte aber den holländischen Stürmer in einer Pizzeria in Jesolo für mich.

1986 Jose Burruchaga >>
Im Finale machte der Argentinier mächtig Eindruck bei mir und hinterließ Spuren in Delmenhorst.

1990 Tony Cascarino >>
Ja, die Iren, die liebe ich wegen der Liebe.

1994 Alexis Lalas >>
Mein erster Job und die WM passten nicht zusammen. Anderes war wichtiger, wie zum Beispiel neue Kolleginnen.

Jetzt also zu Robert Huth:
Er hat wie Thomas Hitzlsperger und Shkodran Mustafi kein einziges Bundesligaspiel bestritten, als er Nationalspieler wurde. Das war 2004 etwas Sensationelles. „Der Klinsmann, der hat doch nen Vogel, sitzt in Kalifornien rum, schraubt Powerpoint-Präsentationen zusammen und nominiert Unbekannte“, so ähnlich schrieb es die BILD und so ähnlich dachte ich auch. In die Zeit des Rumpelfussball schien Huth perfekt zu passen mit seinen roboterhaften Bewegungen und seiner rudimentären Technik. Wollte Projektleiter Klinsmann nicht ganz genau das hinter sich lassen? Klinsmanns Plan, Huth ins Team zu nehmen, wirkte anfangs ähnlich absurd wie die unlängst vorgebrachte Idee, in Stuttgart Nilpferde am Neckar anzusiedeln.

(Robert Huth beim 3:0 gegen Ekuador in der Vorrunde der WM 2006)

Wie ein Kind, das zu schnell gewachsen ist, konnte Huth seine Kräfte nicht richtig einschätzen, er ging ungestüm in Zweikämpfe, furchtlos in Kopfball-Duelle und drosch den Ball vor lauter Übermut beinahe aus dem Stadion. Während ich das jetzt so schreibe, fällt mir der junge, unbeholfene Jerome Boateng ein und der noch fehlerhafte Antonio Rüdiger.

Huths Kumpel Sebastian Kneißl, mit dem er als Jugendlicher bei Chelsea spielte und in einer WG wohnte, sagt über ihn: „Spiel‘ ihn niemals auf dem linken Fuß an, dann fällt er um. Seine Stärke war es, den Ball zu gewinnen und dann jemandem zu geben, der etwas damit anfangen kann.“ In England hat Huth gelernt, seinen mächtigen Körper einzusetzen, ihn zwischen Ball und Gegner zu schieben oder einen Angreifer einfach mal an sich abprallen zu lassen. Nicht umsonst nennt man ihn auf der Insel „The German Wall“. Eine altmodische Spielweise, Huth ist ein bulliger Thomas Linke, ein defensiver Carsten Jancker. Spieler, bei denen man sich einst freute, dass sie ihre (Nationalmannschafts-)Karriere beendeten.

Meine Skepsis schlug schnell um in Sympathie. Die Wende war nach dem wilden 4:3-Auftakt im Confed-Cup gegen Australien das 2:0 gegen Tunesien. Ab da schallte es „Huuuuuuth“ durchs Stadion, Huth rieß das Publikum und mich mit – seine positive Ausstrahlung, seine Körpersprache und seine Ernsthaftigkeit, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, ließen Kirmesstimmung aufkommen. Wenn es jemand wie Huth in die Nationalmannschaft schafft und auch noch gut zuverlässig spielt, dann ist alles möglich.

Der Sommer 2006, das ist natürlich das Tor von Philipp Lahm gegen Costa Rica, die Flanke von David Odonkor, das unglaublich mediterrane Wetter und die weltumarmende Stimmung. Aber das ist auch der Moment, in dem der Ball von Fabio Grosso ins lange Ecke geht und wir ebenso wie Jens Lehmann den Ball neben das Tor gucken wollen. Der Sommer 2006 war für mich aber auch Wände raus, Parkett raus in der neuen Wohnung. Meine Arbeitskluft war unter anderem ein T-Shirt mit der Aufschrift „Huuuuuth“. Aber besser wäre gewesen, Robert Huth wäre live und in Farbe da gewesen. Mit seiner Kraft wäre alles schneller gegangen. Oder besser noch, Huth wäre mit einem Nilpferd durch die Wohnung gelaufen.

Aber was mir am besten an Huth gefällt, dass er ein Philosoph ist. Auf die Frage nach dem wahren Glück gab er die einzig treffende Antwort: „Einfach das Leben.“

(„The German Wall“ im Trikot von Stoke City gegen ManCitys Kun Agüero)

Zusammenfassung des Spiels um Platz 3 des Confederations Cups, u.a. mit den jungen Podolski, Schweinsteiger und einem gewissen Pavel Pardo. Robert Huths Tor nach ca. 4:08 Minuten:

Zehn Jahre her, eine andere Welt:
Robert Huth mit Andreas Hinkel und … Frank Fahrenhorst.

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